Volksetymologie als Ursache semantischen Wandels


Hausarbeit, 2011

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Was ist „Volksetymologie“?

2. Zutaten für eine gelungene Volksetymologie
2.1. Isolation
2.2. Verwendungshäufigkeit
2.3. lautliche Ähnlichkeit
2.4. semantische Ähnlichkeit

3. Arten der semantischen Volksetymologie
3.1. Keine semantische Änderung trotz lautlicher Angleichung
3.2. Geringe semantische Änderung: Wandel des Konnotats
3.3. Starke semantische Änderung: Wandel des Denotats

4. Die Bedeutung des Sprechers: Motivationsbedürfnis und
Sprachstrukturen

5. Ist das Deutsche prädestiniert für die Volksetymologie?

6. Zusammenfassung

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit widmet sich der „Volksetymologie“, einer relativ wenig beachteten Erscheinung, die sich doch immer wieder in der Lexik der deutschen Sprache bemerkbar macht. Im Vordergrund der Untersuchung steht hierbei die Wortsemantik sowie die erstaunliche Tatsache, dass rein innersprach­liche Prozesse die Be­deutung eines Wortes ändern können, ohne dass hierfür „reale“, außersprachliche Gründe vorliegen.

Beginnen werde ich mit einer Begriffserläuterung: Woher kommt die Bezeichnung „Volksetymologie“ und was versteht die heutige Sprachwissenschaft da­runter? Das zweite Kapitel beschreibt die Bedingungen, die ein Wort erfüllen muss, um volksetymologisch angepasst zu werden. Diese Vorüberlegungen leiten dann auf das dritte, zentrale Kapitel: die Arten der Volksetymologie, unterteilt nach dem Grad der semantischen Änderung. Hieran schließen sich noch zwei allgemeine Überlegungen an: Das vierte Kapitel wechselt die Perspektive vom Wort auf den Sprecher und fragt, welche Rolle dieser bei volksetymolo­gisch­en Angleichungen einnimmt. Das fünfte Kapitel blickt hingegen auf die Rolle der Sprache, speziell: auf die Rolle des Deutschen, das mit seiner eigenwilligen Wortbildung vielleicht durchaus eine Oase für die Volksetymologie darstellt.

Der Leitgedanke dieser Arbeit besteht in der Annahme, dass die Volksetymologie ein ebenso interessantes, forschungsrelevantes Gebiet ist, wie z. B. die Lautgesetze oder die Theorien über das sprachliche Zeichen. In diesem Sinne folge ich gerne Jost Trier, der über die Volksetymologie äußerte:

Das sind die falschen Etymologien innerhalb der lebendigen Sprache. Sie sind für den Sprachgenossen meist wichtiger als die richtigen. Und sie sind auch ebenso folgenreich für den Sprachgebrauch und die Sprachgeschichte wie die richtigen Anschlüsse beim Sprechen und Verstehn. Daher darf der Sprachforscher keineswegs hochmütig über sie hinwegsehen. Sie sind eine Wirklichkeit, die er anerkennen und beschreiben muß, wie jedes andere sprachliche Ereignis auch, […].[1]

Mit diesem Motto im Rücken möchte ich nun meine Arbeit beginnen und mich der Untersuchung der Volksetymologie als Ursache semantischen Wandels widmen.

2. Was ist „Volksetymologie“?

Der Begriff „Volksetymologie“ wurde von Ernst Förstemann geprägt, der ihn erstmals 1852 in einem Aufsatz verwendete.[2] Er wählte diese Bezeichnung als Gegenpol zur „wissenschaftlichen Etymologie“, die sich seinerzeit gerade herauszubilden begann:

Zuerst nämlich waren es nicht die sprachforscher, sondern das volk selbst, welches etymologisierte, d.h. sich den grund der entstehung seiner wörter klar zu machen suchte; […] Es liegt nämlich im wesen auch des ungebildeten volksgeistes, wenn auch dunkel und unbewuʃst, das streben, sich den ursprung der wörter und den zusammenhang derselben unter sich klar zu machen.[3]

Diese Benennung wurde seitdem immer wieder kritisiert, wohl vor allem wegen des „Volksgeistes“, der in Förstemanns „Volkseytmologie“ implizit mitschwingt und der seit 1945 ja stark „aus der Mode“ gekommen ist. Aber auch der zweite Teil, die „-etymologie“ fand immer wieder Kritik. So schreibt z. B. Jost Trier über die „Volksetymologie“:

Diese Benennung ist nicht sehr glücklich. Denn gemeint ist nicht das Etymologisieren als solches, sondern seine Auswirkung auf die von ihm betroffenen Wörter. Besser spräche man darum von Eindeutung. Aber auch das ist nicht immer ganz zutreffend, denn die Ein­deutung bleibt manchmal auf halbem Wege stehn, und das Ergebnis ist dann ebenso unver­ständlich und nichtssagend wie die Ausgangsstelle.[4]

Daraus, dass Trier seine selbst ausgedachte Alternative, die „Eindeutung“, sogleich wieder verwirft, kann man ersehen, dass der Begriff „Volksetymologie“ durchaus seine Berechtigung hat: Er ist eingängig und hat sich – aller Kritik zum Trotz – als sprachwissenschaftlicher Fachterminus durchgesetzt. So findet sich beispielsweise im Lexikon der Sprachwissenschaft von Hadumod Bußmann folgender Eintrag unter „Volksetymologie“:

Wortbildungsprozess, der auf einer inhaltlichen Umdeutung und formalen Umformung eines archaischen, fremdsprachlichen Wortes nach dem Vorbild eines ähnlich klingenden vertrauten Wortes mit ähnlicher Bedeutung beruht. Durch diesen sprachhistorischen Prozess werden unverständliche Wörter (sekundär) motiviert, d.h. durch eine scheinbar plausible Deutung durchsichtig gemacht.[5]

Ich werde in der vorliegenden Arbeit den Terminus „Volkseytmologie“ entsprechend dieser Definition verwenden und dabei die ideologischen Implikationen, die bei Förstemann noch so zahlreich waren, völlig bei Seite lassen. Beginnen möchte ich nun mit den Bedingungen, die zur Volksetymologie führen.

3. Zutaten für eine gelungene Volksetymologie

Dieses Kapitel stellt die vier Grundbedingungen vor, die ein Wort erfüllen muss, um ein Kandidat für die Volksetymologie zu werden.

3.1. Isolation

Die wichtigste Voraussetzung der Volksetymologie ist die Isolation eines Wortes. Ein isoliertes Wort besitzt keine Wortfamilie oder seine Familie ist nur schwer erkennbar. Eine Wortfamilie wäre z. B. fahren, Fahrt, Fuhre, Gefährt – vier Wörter, die alle auf dieselbe Wurzel zurückgehen.[6][7] Ein isoliertes Wort hingegen steht auffällig allein im System der Sprache. Es gibt hierbei drei Möglichkeiten, wie das Wort zu dieser Alleinstellung kommen konnte:

1. Fremdwörter stehen fast immer isoliert, da sie aus ihrer gewohnten Einbettung „herausgerissen“ und in ein anderes Sprachsystem importiert wurden
2. Lautwandel verschleiert innerhalb des Deutschen oft die Herkunft eines Wortes, so dass z. B. nicht mehr die Abstammung des Substantivs Vernunft vom Verb vernehmen erkannt wird
3. Wortsterben bedingt, dass vereinzelte „überlebende“ Wörter nicht mehr verstanden werden, da ihre restliche Familie unbekannt geworden ist,[8] so z. B. die Bestandteile der Hage-butte und des Hage-stolz

Ist ein Wort durch einen dieser drei Prozesse isoliert worden, kann es prinzipiell ein „Opfer“ der volksetymologischen Umformung werden: Einen Schutz hiervor bietet jedoch eine große „Verwendungshäufigkeit“, wie der nächste Abschnitt zeigen wird.

3.2. Verwendungshäufigkeit

Ein Wort, das besonders häufig verwendet wird, kann sich oft als „Einzelkämpfer“ behaupten: Es wird nicht an andere Worte angeglichen und benötigt keine zusätzliche Motivation, denn seine äußere Form und inhaltliche Bedeutung sind allgemein bekannt und „akzeptiert“. Trier schreibt hierzu:[9]

Je fester und gebräuchlicher der Begriff, je mächtiger die Feldbindung eines Wortes, desto entbehrlicher die Motivation durch den Aufschlußwert. […] An Ausnahmestellen, beim sogenannten Suppletivwesen, duldet die Sprache den Mangel an Motivation sogar innerhalb des Paradigmas eines Wortes: bin, ist, war oder gut, besser. Auch das Gegenüber von Bruder und Schwester (im Gegensatz zu griech. adelphós und adelphḗ) oder das von Junge und Mädchen (im Gegensatz zu lat. puer und puella) oder das von Rüde und Zaupe (im Gegensatz zu Hund und Hündin) gehören in diesen Zusammenhang. Sie zeigen, dass die Motivation bei gut eingebürgerten Wörtern überflüssig ist.[10]

Die Volksetymologie findet also nur dann einen Angriffspunkt, wenn das betreffende Wort nicht sehr stark etabliert ist. Andererseits darf das Wort aber auch nicht allzu selten sein, da es dann nicht oft genug verwendet wird, um nachhaltig geändert zu werden: Fachwörter, die nur von einem kleinen Expertenkreis genutzt werden, sind deswegen kaum von der Volksetymologie betroffen. Ein gutes „Mittelmaß“ der Verwendungshäufigkeit ist also nötig, doch reicht dies allein noch nicht aus: Für die Entstehung der Volksetymologie bedarf es zudem noch der Möglichkeit lautlicher Anpassung.

3.3. lautliche Ähnlichkeit

Die Isolation und Verwendungshäufigkeit sind bereits zwei wichtige Komponenten, doch benötigt die Volksetymologie auch stets ein „Ziel“, eine Ähnlichkeit, auf die hin das isolierte Wort geformt werden kann. Ist eine solche lautliche Ähnlichkeit vorhanden, kann die Volksetymologie oft erstaunliches leisten und sowohl Wortform als auch Semantik zugunsten der Phonetik völlig „über Bord werfen“. Hierfür wird das große Kapitel „Arten der semantischen Volksetymologie“ zahlreiche Beispiele liefern.[11]

[...]


[1] Trier (1981), Wege der Etymologie, S. 27.

[2] Förstemann (1852), „Ueber deutsche volksetymologie.“, S. 1-25.

[3] Förstemann (1852), S. 2f. Eigenheiten des Originals (wie die Kleinschreibung der Substanti­ve) wurden im Zitat beibehalten.

[4] Trier (1981), S. 21. Weitere Alternativen, die als Ersatz für das Wort „Volksetymologie“ vorgeschlagen wurden: Resemantisierung, lautlich-begriffliche Wortassimilation, synchronische Etymologie, Pseudoetymologie, etc. Eine Sammlung dieser Vorschläge findet sich bei Baldinger (1973), Zum Einfluß der Sprache auf die Vorstellungen des Menschen, S.7 sowie bei Olschansky (1996), Volksetymologie, S.108ff.

[5] Bußmann (2008), Lexikon der Sprachwissenschaft, S. 785.

[6] Die Grundideen zu diesem Kapitel stammen aus Olschansky (1996), S. 114ff.

[7] Vgl. bei Bußmann (2008) den Eintrag „Wortfamilie“ auf S. 797.

[8] Der Romanist Baldinger (1973) beschreibt das Wortsterben folgendermaßen: „Wörter, die durch den Untergang ihrer Familie sozusagen Waisenkinder werden, suchen gerne den Anschluß an weiterlebende vitale Familien. Da­mit werden sie volksetymologisch neu eingebettet.“ – S. 32.

[9] Vgl. Olschansky (1996), S. 140ff.

[10] Trier (1981), S. 35.

[11] Vgl. Olschansky (1996), S. 130ff.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Volksetymologie als Ursache semantischen Wandels
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Semantik
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V231483
ISBN (eBook)
9783656478577
ISBN (Buch)
9783656478942
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
volksetymologie, ursache, wandels
Arbeit zitieren
Linda Kahn (Autor), 2011, Volksetymologie als Ursache semantischen Wandels, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231483

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