Unter welchen Bedingungen werden bestehende morphologische Formen konserviert – welche Faktoren begünstigen die Entstehung von Irregularität und Differenzierung? Sprachwissenschaftler wie MAYERTHALER (1981) oder WURZEL (1994) sind der Auffassung, dass die Prinzipien der Einfachheit und des Ikonismus das oberste Ziel von Sprachwandel sind und irreguläre Entwicklungen unnatürlich und wenn überhaupt, nur von temporärer Dauer sein können.
Neben der Natürlichkeitstheorie existiert die Ökonomietheorie, die über erstere Theorie in dem Punkt hinausgeht, dass zusätzlich die essentielle Rolle von sprachexternen Faktoren wie die Bedeutung von Gebrauchsfrequenzen berücksichtigt wird. Hierbei steht im Fokus der Betrachtung, dass reguläre Formen zwar oftmals produktiv sind, aber Einheitlichkeit dennoch nicht als primäres und übergeordnetes Ziel einer Sprache und auch nicht von Sprachwandel betrachtet werden kann.
Um dies zu verdeutlichen, wird in Kapitel 2 zunächst das Konzept der morphologischen Natürlichkeit erläutert. Im Anschluss werden dann ausgewählte Schwachpunkte der Natürlichkeitstheorie skizziert. In Kapitel 3 soll im Rahmen der Ökonomietheorie untersucht werden, welche Rolle Gebrauchs- und kategorielle Frequenzen bei der Entstehung von unregelmäßigen morphologischen Strukturen spielen. In Kapitel 3.4 werden Irregularisierungen hinsichtlich der Relevanz verschiedener Verbalkategorien erklärt, die Irregularisierung eher fördern beziehungsweise hemmen. An ausgewählten Beispielen wie dem nhd. Verb haben sollen Nutzen und Effektivität von differenzierten Formen verdeutlicht werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Natürlichkeitstheorie
2.1 Definition von morphologischer Natürlichkeit
2.2 Schwachpunkte der Natürlichkeitstheorie
3 Irregularisierungen im Kontext der Ökonomietheorie
3.1 Konflikt zwischen Natürlichkeits- und Ökonomietheorie
3.2 Gebrauchsfrequenzen als Determinator von Irregularität
3.3 Verbalkategorielle Frequenzen
3.4 Relevanzbedingte Irregularisierungen
3.5 Nutzen von Irregularisierungen
3.6 Ökonomietheorie am Bsp. des nhd. Verbs haben
3.7 Regularisierungen bei abnehmender Gebrauchsfrequenz
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Faktoren, die zur Entstehung und Konservierung von morphologischer Irregularität in der deutschen Sprache führen. Ziel ist es, den Konflikt zwischen den Prinzipien der Natürlichkeitstheorie, die Regularität und Einfachheit fordern, und der Ökonomietheorie, welche die Rolle von Gebrauchsfrequenz und Relevanz betont, aufzuzeigen und zu analysieren.
- Prinzipien der morphologischen Natürlichkeit (Konstruktioneller Ikonismus, Transparenz, Uniformität)
- Die Rolle der Gebrauchsfrequenz für die Entstehung von Irregularität
- Verbalkategorielle Frequenzen und ihre Bedeutung für morphologische Strukturen
- Relevanzbedingte Irregularisierungen in Abhängigkeit von Kategorien
- Der Nutzen von Irregularität im Sinne der Ausspracheökonomie und Differenzierung
Auszug aus dem Buch
3.5 Nutzen von Irregularisierungen
Wie in den vorherigen Kapiteln dargestellt, erfolgen Irregularisierungen nicht zufällig, sondern nach bestimmten Mechanismen und sind – entgegen der Sicht von MAYERTHALER oder WURZEL – keinesfalls nur Nebenprodukt phonologischer Natürlichkeitsbestrebungen, sondern bieten durch die häufige Korrelation von Irregularität und Kürze, performanzbezogene Vorteile (vgl. NÜBLING 2004:175). Da gleichzeitig zum Frequenzzuwachs auch das Bedürfnis nach Kürze und Differenzierung steigt, bilden sich kurze, nicht durch Regeln ableitbare Formen, die im mentalen Lexikon des Sprechers abgespeichert werden müssen, heraus. Aufgrund des häufigen Gebrauchs stellt der Abruf dieser Formen in der Regel keine kognitive Belastung dar. Es manifestieren sich ausgeprägte Vorteile bezüglich der Performanz:
1) Durch die Kürze der irregulären Formen ergibt sich eine Erleichterung in der Ausspracheökonomie und eine Zeitersparnis beim Sprechen Bsp.: sein – war.
2) Aufgrund der hohen Differenziertheit der Wortformen besteht eine sehr geringe Verwechslungsgefahr. Dies kommt insbesondere dem Rezipienten zugute, der Numerus, Modus oder Tempus oftmals eindeutiger und schneller erfassen kann (vgl. WERNER 1989).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, wie morphologische Irregularität entsteht und warum sie trotz der Prinzipien der Natürlichkeitstheorie fortbesteht, wobei die Ökonomietheorie als ergänzende Erklärung angeführt wird.
2 Natürlichkeitstheorie: Dieses Kapitel definiert morphologische Natürlichkeit durch Konstruktionellen Ikonismus, Uniformität und Transparenz und benennt Schwachpunkte, insbesondere im Hinblick auf den Spracherwerb von starken Verben.
3 Irregularisierungen im Kontext der Ökonomietheorie: Dieser Hauptteil analysiert, wie Gebrauchsfrequenz, kategorielle Relevanz und Performanzvorteile zur Bildung und Erhaltung irregulärer morphologischer Strukturen führen, illustriert am Beispiel des Verbs haben.
4 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Irregularisierungen im Kontext von Frequenz und Relevanz sinnvolle, effiziente Sprachstrukturen darstellen, die sowohl für Sprecher als auch Rezipienten Vorteile bieten.
Schlüsselwörter
Historische Verbalmorphologie, Irregularisierung, Natürlichkeitstheorie, Ökonomietheorie, Gebrauchsfrequenz, Spracherwerb, Morphologie, Sprachwandel, Suppletion, Konstruktioneller Ikonismus, Performanzvorteile, Verbalkategorien, Typenfrequenz, Tokenfrequenz, Transparenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die Ursachen für die Entstehung und den Erhalt von unregelmäßigen morphologischen Formen bei Verben im Deutschen.
Welche zwei linguistischen Theorien stehen im Zentrum der Untersuchung?
Es wird der theoretische Konflikt zwischen der Natürlichkeitstheorie, die Regularität anstrebt, und der Ökonomietheorie, die Frequenzfaktoren berücksichtigt, untersucht.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu erklären, warum trotz theoretischer Forderungen nach Einfachheit und Regularität im Sprachwandel irreguläre Formen existieren und sogar gezielt entstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoretische Analyse auf Basis bestehender Sprachwissenschaftlicher Literatur sowie empirische Korrelationen (z.B. Gebrauchsfrequenzen und Typenfrequenzen) und sprachhistorische Beispiele.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den Determinanten der Irregularität, insbesondere Gebrauchsfrequenzen, der Relevanz verschiedener Verbalkategorien sowie dem Nutzen von Irregularisierungen für Performanz und Rezeption.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Irregularisierung, Natürlichkeitstheorie, Ökonomietheorie, Gebrauchsfrequenz und morphologische Differenzierung.
Wie erklärt die Autorin den Spracherwerb von starken Verben durch Kinder?
Da starke Verben trotz ihrer als unnatürlich geltenden irregulären Struktur von Kindern erlernt werden, weist dies auf eine Schwachstelle der Natürlichkeitstheorie hin, die erst im Rahmen der Ökonomietheorie erklärt werden kann.
Warum ist die hohe Gebrauchsfrequenz eines Verbs für die Irregularität entscheidend?
Hohe Frequenz begünstigt die Speicherung irregulärer Formen im mentalen Lexikon, was die kognitive Belastung minimiert und Performanzvorteile durch Kürze und Differenzierung ermöglicht.
Welche Funktion hat die Wechselflexion beim Verb „haben“?
Die Wechselflexion führt zu einer höheren Differenzierung des Flexionsparadigmas, wodurch der Rezipient Kategorien wie Person und Modus schneller und eindeutiger identifizieren kann.
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- Katharina Unkelbach (Author), 2013, Historische Verbalmorphologie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231519