Historische Verbalmorphologie

Irregularisierungen im Spannungsfeld von Natürlichkeits- und Ökonomietheorie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
14 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Natürlichkeitstheorie
2.1 Definition von morphologischer Natürlichkeit
2.2 Schwachpunkte der Natürlichkeitstheorie

3 Irregularisierungen im Kontext der Ökonomietheorie
3.1 Konflikt zwischen Natürlichkeits- und Ökonomietheorie
3.2 Gebrauchsfrequenzen als Determinator von Irregularität
3.3 Verbalkategorielle Frequenzen
3.4 Relevanzbedingte Irregularisierungen
3.5 Nutzen von Irregularisierungen
3.6 Ökonomietheorie am Bsp. des nhd. Verbs haben
3.7 Regularisierungen bei abnehmender Gebrauchsfrequenz

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Tab.1: Korrelation von Gebrauchsfrequenz und Irregularität bei den nhd. Verben (nach Augst 1975: 258)

Tab.2: Verbalkategorielle Frequenzen in gesprochener Sprache (Nübling 2004: 178)

Abb.3: Relevanzgesteuerte Irregularisierungen (Nübling 2004: 183)

Tab.4: Wechselflexion am Beispiel des nhd. Verbs haben

1 Einleitung

Unter welchen Bedingungen werden bestehende morphologische Formen konserviert – welche Faktoren begünstigen die Entstehung von Irregularität und Differenzierung? Sprachwissenschaftler wie Mayerthaler (1981) oder Wurzel (1994) sind der Auffassung, dass die Prinzipien der Einfachheit und des Ikonismus das oberste Ziel von Sprachwandel sind und irreguläre Entwicklungen unnatürlich und wenn überhaupt, nur von temporärer Dauer sein können. Neben der Natürlichkeitstheorie existiert die Ökonomietheorie, die über erstere Theorie in dem Punkt hinausgeht, dass zusätzlich die essentielle Rolle von sprachexternen Faktoren wie die Bedeutung von Gebrauchsfrequenzen berücksichtigt wird. Hierbei steht im Fokus der Betrachtung, dass reguläre Formen zwar oftmals produktiv sind, aber Einheitlichkeit dennoch nicht als primäres und übergeordnetes Ziel einer Sprache und auch nicht von Sprachwandel betrachtet werden kann.

Um dies zu verdeutlichen, wird in Kapitel 2 zunächst das Konzept der morphologischen Natürlichkeit erläutert. Im Anschluss werden dann ausgewählte Schwachpunkte der Natürlichkeitstheorie skizziert. In Kapitel 3 soll im Rahmen der Ökonomietheorie untersucht werden, welche Rolle Gebrauchs- und kategorielle Frequenzen bei der Entstehung von unregelmäßigen morphologischen Strukturen spielen. In Kapitel 3.4 werden Irregularisierungen hinsichtlich der Relevanz verschiedener Verbalkategorien erklärt, die Irregularisierung eher fördern beziehungsweise hemmen. An ausgewählten Beispielen wie dem nhd. Verb haben sollen Nutzen und Effektivität von differenzierten Formen verdeutlicht werden.

2 Natürlichkeitstheorie

2.1 Definition von morphologischer Natürlichkeit

Vertreter der natürlichen Morphologie gehen davon aus, dass bestimmte Struktureigenschaften präferiert in natürlichen Sprachen auftreten, andere wiederum eher vermieden werden. Diese angeblich bevorzugten Strukturen werden als „natürlich“ und „einfach“ deklariert, während seltenere, irreguläre Gegebenheiten als „unnatürlich“ gelten (vgl. Wurzel 1994).

Nach Mayerthaler (1981: 2) sind jene morphologischen Prozesse natürlich, die „a) weit verbreitet (…) und/oder b) relativ früh erworben (...) und/oder c) gegenüber Sprachwandel relativ resistent“ sind.

Ein Ausdruck gilt als maximal natürlich, wenn er „konstruktionell ikonisch, uniform und transparent ist“ (Wurzel 1994:31). Konstruktioneller Ikonismus liegt vor, wenn semantisch stärker markierte Kategorien auch auf der Ausdrucksseite merkmalhafter symbolisiert werden, sprich: mehr Inhalt erfordert einen längeren Ausdruck. Hierbei kann in semantische und formale Markiertheit unterschieden werden. Erstere bezieht sich auf die Inhaltsseite eines Ausdrucks. So ist beispielsweise der Ausdruck Affen semantisch markierter als Affe, da Affen ein inhaltliches „Mehr“, in diesem Fall das Vorkommen von mindestens zwei Affen ausdrückt. Die formale Markiertheit bezieht sich auf die Symbolisierung, also die Ausdrucksseite eines Begriffs. So ist die Pluralform Affe n durch das Suffix - n stärker markiert als die Singularform Affe. Folglich ist das Verhältnis von Affe-Affen maximal ikonisch, da sich die semantische Markiertheit auch auf der Ausdrucksseite äußert. Gegensätzlich hierzu zeigen sich kontraikonische Ausdrü>Wurzel 1994:31).

Uniformität liegt vor, wenn ein Inhalt immer durch eine Form dargestellt wird, sprich: eine Funktion – eine Form. Dies ist zum Beispiel bei der Präteritalform von schwachen Verben der Fall, da immer das Dentalsuffix - t- als Präteritalmarker fungiert (z.B. sag t e, dach t e, schlachte t e). Transparent ist ein Ausdruck, wenn einem Paradigma monofunktionale Flexive und Derivative zugeordnet werden können (vgl. Wurzel 1994:32), das heißt eine Form hat nur eine Funktion. So ist im Deutschen die Dativendung transparent, da jene durch die Endung -em realisiert wird (z.B. grob em, dreist em, hell em ).

Die Tatsache, dass Irregularitäten existieren, wird auch von Mayerthaler (1981) und Wurzel (1994) nicht negiert. Jedoch wird die Entstehung von irregulären Formen nicht als mögliches Ziel von Sprachwandel angesehen. Die Entstehung unnatürlicher Formen wird von ihnen darauf zurückgeführt, dass phonologische und morphologische Prozesse in direkter Konkurrenz stehen, wobei in diesem Fall das Wirken bzw. die Entstehung von phonologischer Natürlichkeit dahingehend wirken kann, dass morphologisch natürliche Formen, die transparent und uniform sind, aufgelöst werden (vgl. Nübling 2004:174). Das bedeutet, dass zum Beispiel aus ausspracheökonomischen Gründen, Irregularisierungen auftreten können.

Darüber hinaus räumt Wurzel (1994) zwar ein, dass Suppletion, also die Bildung unterschiedlicher Wortformen innerhalb eines Flexionsparadigmas durch verschiedene Wortstämme, wie sie beispielsweise beim nhd. Verb sein auftritt (bin - war - gewesen), bei hoher Gebrauchsfrequenz auch im diachronen Sprachgebrauch konserviert werden kann – eine explizite Funktion spricht er Irregularisierungen jedoch nicht zu.

2.2 Schwachpunkte der Natürlichkeitstheorie

Nach Mayerthaler (1981) und Wurzel (1994) sind schwache Verben natürlicher, da sie „a) weit verbreitet (…) und/oder b) relativ früh erworben (...) und/oder c) gegenüber Sprachwandel relativ resistent“ sind (Mayerthaler 1981:2). Jedoch berücksichtigen die sie nicht, dass im Spracherwerb von Kindern zunächst starke Verben erlernt werden. Anstatt starke Verben als „natürlich“ zu betrachten, gelten diese als „unnatürlich“, da sie den Prinzipien des konstruktionellen Ikonismus, der Transparenz und der Uniformität widersprechen. Dies zeigt sich zum Beispiel, wenn man bei starken Verben die Präteritalbildung betrachtet: Eine Funktion wird nicht eindeutig durch nur eine Form ausgedrückt, sondern durch Ablaut (s i ngen-s a ng-ges u ngen oder g e hen-g i ng-geg a ngen), der nicht regelmäßig oder vorhersehbar ist, sondern aktiv gelernt werden muss. Natürlichkeitstheoretiker liefern keine Erklärung, weshalb Kinder zunächst starke Verben, die als „unnatürlich“ gelten, lernen. Nach den Natürlichkeitsprinzipien müsste es aufgrund der höheren Transparenz im Flexionsparadigma der schwachen Verben (z.B. Bildung der Präteritalform immer durch das Dentalsuffix) für Kinder einfacher sein schwache Verben zu erlernen. Weshalb Kinder zunächst starke Verben lernen, kann erst im Rahmen der Ökonomietheorie, die in Kapitel 3 Irregularisierungen im Rahmen der Ökonomietheorie erläutert wird, erklärt werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Historische Verbalmorphologie
Untertitel
Irregularisierungen im Spannungsfeld von Natürlichkeits- und Ökonomietheorie
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V231519
ISBN (eBook)
9783656472803
ISBN (Buch)
9783656472919
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Natürlichkeitstheorie, Ökonomietheorie, Irregularisierung, Gebrauchsfrequenz, Verbalmorphologie, Historische Sprachwissenschaft, Typen-und Tokenfrequenz
Arbeit zitieren
Katharina Unkelbach (Autor), 2013, Historische Verbalmorphologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231519

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