Emotionale Grenzgänger. Zur Diagnose und Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung BPS


Fachbuch, 2013

96 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Borderline und die Folgen für Betroffene von Daniela Rasch 2019 ... 7
1 Einleitung in das Thema Borderline ... 8
2 Diagnose und Therapieverfahren ... 9
3 Die Folgen für den Borderliner ... 17
4 Fazit ... 20
Literaturverzeichnis ... 21

Borderline – Grenzgänger aus psychoanalytischer und anthroposophischer Sicht von Katharina Kurzmann 2007 ... 23
Einleitung ... 24
Begriffsdefinition ... 26
Ein psychoanalytische Ansatz ... 36
Ein anthroposophischer Ansatz ... 47
Therapieansätze ... 55
Resümee ... 64
Anhang ... 67
Literaturnachweis ... 70

Borderline-Persönlichkeitsstörung - historischer Überblick, Diagnostik, Therapieformen von Friedel Buergel-Goodwin 2002 ... 75
Einleitung ... 77
Diagnostik ... 82
Ätiologie (Ursachengeschichte) ... 87
Therapie ... 89
Kommunikation mit dem Borderline Patienten (vgl. „Ich hasse dich – Verlaß´ mich nicht“, S.148-150) ... 90
Schlusswort ... 94
Quellennachweis ... 95

Borderline und die Folgen für Betroffene von Daniela Rasch 2019

1 Einleitung in das Thema Borderline

In dieser Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum verwendet. Weibliche und anderweitige Geschlechteridentitäten werden dabei ausdrücklich mitgemeint, soweit es für die Aussage erforderlich ist.

Der Begriff Borderline kommt aus dem Englischen und bedeutet Grenze, aber auch Abgrenzung oder Grenzbereich. Diese Erkrankung fällt in das Gebiet der Psychologie/Psychiatrie und ist als Persönlichkeitsstörung im ICD-10 klassifiziert (F60.31 Emotional instabile Persönlichkeitsstörung: Borderline-Typ).

Da keine direkte Hirnschädigung oder andere neurologisch messbaren Ursachen vorliegen, ist davon auszugehen, dass dieses Krankheitsbild in den meisten Fällen aufgrund von einem Trauma ausgelöst wird. Erkrankte können ihre eigenen Gefühle nicht verarbeiten bzw. mit diesen umgehen. Traumatische Erfahrungen, meist im Kindesalter, erhöhen deutlich das Risiko, an einer Borderlinepersönlichkeitsstörung zu erkranken. Viele Betroffene berichten von Erlebnissen wie Vergewaltigung, Gewalt durch Eltern, oder auch seelischen Misshandlungen. Zudem werden frühe Trennungserfahrung, durch Scheidung der Eltern, oder Tod eines Elternteils beschrieben und können sich negativ auf die Entwicklung eines Kindes auswirken und eine Persönlichkeitsstörung begünstigen.

„Mit 2,7 % Prävalenz in der erwachsenen Gesamtbevölkerung ist die Anzahl der Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen (BPS) hoch. Etwa 78 % dieser Gruppe entwickeln während ihres Lebens zusätzlich eine substanzbezogene Störung bis hin zu einer Abhängigkeitserkrankung. Klinisch sind diese Patienten instabiler und impulsiver als Borderline-Patienten ohne Abhängigkeitserkrankung, suizidales Verhalten ist verstärkt, Therapieabbrüche sind häufiger und Abstinenzphasen verkürzt. Die Kombination aus Borderline-Persönlich­keitsstörung und Sucht erfordert daher eine besondere therapeutische Herangehensweise“. (Kienast, Stoffers, Brempohl, Lieb, 14)

Die Erkrankung ist meist durch selbstverletzendes Verhalten, z. Bsp. schneiden („ritzen“) der Haut mit Messer, Scheren etc., impulsiven Emotionen und Unfähigkeit Gefühle zu verarbeiten gekennzeichnet. Selbstschädigens Verhalten durch Substanzmissbrauch ist allgegenwärtig. Selten ist es den Patienten möglich, länger Paarbeziehungen aufrecht zu halten, da Gefühle oft intensiver erlebet werden und ein Streit das wenig vorhandene Selbstwertgefühl ganz zerstört.

Für Betroffene selbst, ist nur eine individuelle Therapie gewinnbringend. Eine „Heilung“ ist ausgeschlossen, aber ein strukturierter Umgang mit sich selbst, erworben durch Verhaltenstherapie ist die erste Wahl bei einer Borderlinepersönlichkeitsstörung.

Suizidale Gedanken und Handlung sind in der gängigen Literatur als Standard beschrieben, ebenso wie eine Suizidrate von etwa 7 %. Eine empirische Studie bzw. Untersuchung ist in diesem Krankheitsspektrum sehr schwer durchzuführen, da die Patienten emotional sehr instabil sind und die Antworten oft die tagesaktuelle Verfassung wiederspiegeln und nicht das wirkliche Ausmaß. Deshalb wird sich hier auf die bereits vorhandene Literatur bezogen.

2 Diagnose und Therapieverfahren

Diagnostik und Therapie sind in diesem Bereich sehr eng miteinander verbunden. Während der Diagnosestellung, lernt der Psychologe oder Therapeut, den Menschen kennen. Gewisse Charaktereigenschaften die der Patient mitbringt können analysiert werden und dadurch kann eine optionale Therapiemöglichkeit im Vorfeld besser fokussiert werden. Eine Abbruchquote von durchschnittlich 60% in den ersten drei Monaten wird in der gängigen Literatur, aber auch in Informationsbroschüren bzw. Webseiten von Kliniken beschrieben. Deshalb ist während der Diagnosestellung stets darauf zu achten, dass sich der Patient nicht bedrängt fühlt, da dies zu einem sofortigen Abbruch führen kann.

Negative Aussagen, unabhängig davon wer diese ausspricht, führen bei beginnender Therapie meist zu erneuten Konflikten oder Selbstverletzung.

Das geringe Selbstwertgefühl muss ganz vorsichtig aufgebaut werden um das Vertrauen des Patienten Stück für Stück zu erlangen. Jeglicher Druck oder Zwang ist hier unangebracht.

Um die Borderlinepersönlichkeitsstörung diagnostizieren zu können, müssen im DSM-V (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders DSM; übersetzt: „diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen“ 5. Auflage) fünf, der folgenden Kriterien, aus dem Kriterienkatalog erfüllt werden.

Affektivität

- unangemessene starke Wut oder Schwierigkeiten, Wut oder Ärger zu kontrollieren (z. B. häufige Wutausbrüche, andauernder Ärger, wiederholte Prügeleien)

- affektive Instabilität, die durch eine ausgeprägte Orientierung an der aktuellen Stimmung gekennzeichnet ist

- chronisches Gefühl der Leere

Impulsivität

- Impulsivität in mindestens 2 potenziell selbstschädigenden Bereichen(z. B. Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, Fressanfälle)

- wiederkehrende Suiziddrohungen, -andeutungen oder -versuche oder selbstschädigendes Verhalten

Kognition

- vorübergehende stressabhängige paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome

-Identitätsstörungen: eine ausgeprägte Instabilität des Selbstbildes oder des Gefühls für sich selbst

Interpersoneller Bereich

- verzweifeltes Bemühen, reales oder imaginäres Alleinsein zu verhindern

- ein Muster von instabilen und intensiven zwischenmenschlichen Beziehungen

(Auszug aus DSM-V)

Durch Gespräche, Interviews und Selbstbeurteilungsbogen erhält der Therapeut ein Gesamtbild des Patienten.

Unter Berücksichtigung weiterer psychischer Erkrankungen wie etwa Angststörung, Zwangsstörungen, Essstörungen, Schizophrenie, Depression, Substanzmissbrauch, etc., wird eine geeignete Therapie ausgewählt. Primär können jedoch die weiteren psychischen Erkrankungen behandelt werden, bevor es an die BPS-Therapie geht. Diese Entscheidung sollte individuell gefällt werden, je nach Situation des Patienten.

Die mentalen und körperlichen Probleme des Erkrankten werden während der Diagnosestellung genau analysiert. Ängste, Hoffnungen und auch die gewünschten Ziele, werden schriftlich festgehalten. Eines der Hauptziele ist, Zukunft positiv zu gestalten und eine Verhaltensänderung eintritt, ein Leben nach bzw. ohne Borderline. Grundvoraussetzung für eine Therapie ist, dass der Wille nach Veränderung durch den Patienten vorhanden ist und nicht durch Dritte.

2.1 Dialektisch behaviorale Therapie (DBT)

Eine DBT-Therapie wird im Regelfall als Einzeltherapie angeboten. Durch Verhaltensänderung mit Gestalt- und Hypnotherapie, wird versucht die kognitive Wahrnehmung gegenüber sich selbst zu verbessen. Für den Patienten wird diese Therapie nochmals in drei Teile aufgesplittert. Im ersten Teil wird das Verhalten analysiert (z. B. Selbstverletzung), was zu starken innerlichen Konflikten und Beschämung des Erkrankten führen kann. Hier gilt es langsam, und mit kleinen Schritten voran zu gehen. Stets sollte signalisiert werden, dass die Bereitschaft zur Mitarbeit und auch das Öffnen, sich der Vergangenheit und dem Erlebten zu stellen, etwas Positives ist.

Es wird versucht, die Probleme zu verbalisieren und geeignete Verhaltensstrategien zu entwickeln. Ebenso wird die Verhaltenskontrolle erworben, um kein selbstverletzendes Verhalten erneut an den Tag zu legen.

Dieser Teil ist der komplexeste der DBT, da zuerst das Vertrauen aufgebaut werden muss und es regelmäßig zu Rückfällen kommt. Der Umgang mit den Gefühlen muss erlernt werden, ohne weitere Impulsivität. Dies stellte eine große Herausforderung an Therapeut und Patient.

Im zweiten Abschnitt dieser Therapie werden emotionale Störungen behandelt und das Erlebte aufgearbeitet. Der Borderliner ist in dieser Phase geerdet und kann ohne größere Gefühlsausbrüche positiv zu seiner Genesung beitragen, sofern die Therapeuten-Patienten-Bindung gefestigt ist. Trotz aller Euphorie über den bisherigen Erfolg, muss jederzeit mit Rückschritten gerechnet werden. Geringste negative Veränderungen können die Behandlungserfolge zu Nichte machen.

In dritten und letzten Abschnitt wird die Lebensführung behandelt. Ein „Notfallkoffer“ wird eingerichtet, speziell auf die Bedürfnisse des Borderliners abgestimmt, um Wut, Aggression oder andere starke Gefühle gut verarbeiten zu können. Beispielsweise ist dieser mit einem Igel Ball zum Abreagieren, oder ähnlichem ausgestattet. Dieser Koffer sollte immer griffbereit sein, bis die Gefühle auch ohne „sich spüren zu wollen“ kompensiert werden können.

Wenn es dem Therapeuten möglich ist, kann er seine Telefonnummer an den Patienten weiter geben. Nach Absprache besteht die Option, Kontakt in Krisensituation aufzunehmen, auch außerhalb der Praxisöffnungszeiten. Dies kann eine zusätzliche Sicherheit geben und das Vertrauen zum Psychotherapeut positiv bestärken.

2.2 Schematherapie / schemafokussierte Therapie (SFT)

Bei der SFT geht die Annahme voraus, dass eine ungünstige Kindheit vorliegt, bzw. ein Trauma in Kindertagen tief verankert ist. Behandlungsgrundlage werden hier intensive Gespräche sein, aber auch Fragebögen. Die Betroffenen sind meist in sich gekehrt, schüchtern und unterwürfig. Geringes Selbstwertgefühl und wenig Eigeninitiative wird dieser BPS-Gruppe nachgesagt, dadurch erscheinen sie häufig träge und etwas behäbig.

Damit das unerwünschte Verhalten nicht automatisch weiter geführt wird bzw. der Patient aus dieser Spirale nicht allein heraus kommt, beginnt die Schematherapie mit erlebnisnaher Klärungsarbeit in Verbindung mit strukturierter Diagnostik und dem Einsatz handlungsbezogener Techniken.

Das Aufwühlen des Traumas, das Durchbrechen dieser inneren Distanz ist für den Patienten oftmals das Schwierigste. Wenn dies offenen gelegt wurde, die Erlebnisse verbalisiert wurden und der Erkrankte bereit ist für die Veränderung der Schemata, wird der Therapeut in eine erwachsene Rolle aus der Kindheit des Patienten (meist eine negativ behaftete Peron) schlüpfen. Hierbei wird versucht, das negative Erlebte mittels Imaginationen anzuleiten.

Durch das Trauma sind viele Borderliner sehr gebrochene Menschen. Sie lassen kaum Jemanden an ihr Inneres, da die Angst, erneut verletzt zu werden, oder das Trauma, das tief verschüttet ist, aufzuwühlen, tendenziell sehr hoch liegt. Das Bewusstsein dafür, das Schamgefühl für die ungünstigen Umstände in der Kindheit zu suchen, erschweren die Zusammenarbeit zwischen Therapeut und Patient. Wenn eine gute Beziehung aufgebaut wurde, das Vertrauen stabil ist, kann der Therapeut versuchen die Schemata im Inneren des Patienten zu verändern, damit dieser ein positives Gefühl erhält.

Durch das Reparenting (Behandlungsansatz der Psychotherapie, bei dem der Therapeut ein Beziehungsangebot im Sinne einer elterlichen Fürsorge macht) bietet die Therapie elterliche Qualitäten/Situationen an, die fehlten. Durch den Schemamodus, und positives Feedback, erkennt der Borderliner positive und gesunde Verhaltensweisen und erlernt ein positives Selbstwertgefühl.

2.3 Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT)

Bei der MBT Therapie ist man der Annahme, dass eine mangelhafte Ausprägung der Subjekt-Objekt-Differenzierung vorliegt. Dem Patienten fällt es schwer, eigenes Erlebtes in Zusammenhang zu bringen und dies zu definieren bzw. akzeptieren. Zudem ist die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen gestört, bzw. deren innere Vorgänge oder Gedankengänge nachzuvollziehen zu können.

Hier entstehen regelmäßig Konflikte, da sich eine zwischenmenschliche Beziehung nur schwer aufbauen lässt. Ob im privaten oder auch im beruflichen Umfeld, wird es zu Problemen kommen, da ein gewisses Maß an Empathie in der Gesellschaft vorausgesetzt wird.

Daher ist das Ziel der MBT eine Verbesserung dieser zwischenmenschlichen Fähigkeiten. Eine Steigerung der Affekt- und Impulskontrolle ist durch Mentalisierung, auch Verbalisierung zu Erreichen. Emotionen, die unmittelbar auftauchen, werden von Beginn ihrer Entstehung hin analysiert. Somit wird versucht, dem Borderliner den Zusammenhang mit dem Erlebten zu erklären und ein Verständnis bzw. ein Aufzeigen der Folgen zu verdeutlichen.

Diese Therapieform wird als Gruppentherapie ambulant wie auch stationär angeboten. Die Patienten werden hierfür in Rollenspielen erlernen, wie man seine eigene Impulsivität besser regulieren kann und auch seine Gefühle besser verbalisiert. Zu Beginn werden die Aufgaben mit Hilfe des Psychotherapeuten Teams gemeistert, um Auseinandersetzungen oder gar Aggressionen unter den Erkrankten zu vermeiden. Nach und nach, ziehen sich die Betreuer zurück. Die Gruppe bewältigt die Situation stets besser und kann das Erlernte auch im Alltag umsetzen. Die Analyse nach diesen Rollenspielen und das damit verbundene Feedback, können den Patienten noch zusätzlich bestärken.

2.4 Transference Focussed Therapy (TFP; übertragungsfokussierte Psychotherapie)

Bei der TFP-Therapie wird der Verlauf der Krankheit bzw. die Entstehung/Ursache nochmals intensiv analysiert und auch mittels Interviews diagnostiziert. Eine ablehnende Haltung des Patienten gegenüber erneuter Gespräche, ist ihm nicht zu verdenken. Es erfordert viel Feingefühl und Geduld, damit es nicht zu einer sofortigen Ablehnung der Therapie kommt. Auch eine Kontaktaufnahme zu Bezugspersonen wird in Betracht gezogen und ggf. mit Rücksprache angewandt. Dies sollte nur bei gesicherter Zustimmung geschehen, da dies für den Patienten sehr belastend sein kann.

Um Sicherheit und Struktur für den Patienten herzustellen, wird nach der erneuten Diagnostik ein Therapievertrag erstellt. Eine klare Verteilung der Rollen, Aufgaben und den Verantwortungsbereich von Patient und Therapeut werden vereinbart. Auch Zielvereinbarungen, Wünsche für die Zukunft des BPS Erkrankten können hier festgehalten werden. Die Art der Psychotherapie und Rahmenbedingungen zum Schutz der Behandlung und dessen Erfolg werden festgehalten. Ebenso werden Regeln vereinbart, und mögliche Konsequenzen im Vertrag verankert. Dieser Therapievertrag bietet für den Erkrankten einen Schutz und zugleich sicheren Ort, da alles klar strukturiert ist.

Während den Sitzungen wird meist gesprochen, andere Mittel stehen nicht zur Verfügung. Eine Art Frage- Antwortspiel entsteht in dieser Therapie, wobei es wichtig ist für den Therapeut, stets die Oberhand zu behalten und auch zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden zu können. Durch die verzehrte Wahrnehmung der meisten Patienten, kann es zur Dramatisierung oder auch zur Verharmlosung der Situationen kommen. Hierbei muss genau fokussiert werden, welche Situationen genauer analysiert werden müssen, und welche kurz abgehandelt werden können, ohne den Eindruck von Desinteresse entstehen zu lassen.

2.5 Medikamente

Manche Patienten erhalten zusätzlich eine medikamentöse Therapie. Spezielle Psychopharmaka um den Borderline zu behandeln, sind bisher noch nicht auf dem Markt. Eine Verordnung wird meist für die zusätzlichen psychischen Erkrankungen ausgestellt. Gängig ist es, bei Stimmungsschwankungen Lithium zu geben, bei Angstzuständen Benzodiazepine (Angst- und Krampflösende Medikamente). Eine alleinige Therapie mit Medikamenten ist nicht möglich, da die bisherigen Arzneimittel nur die Depressionen, Stimmungsschwankungen und Angststörungen, meist bedingt durch Traumata, unterstützen können.

Zudem sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass BPS-Erkrankte zu Substanzmissbrauch neigen. Eine zusätzliche Medikamentenabhängigkeit erschwert jede Therapie und ist deshalb unbedingt zu vermieden. Psychopharmaka greifen in den ganzen neurologischen Prozess ein, deshalb ist das Präparat sorgfältig auszuwählen und der Einnahmezeitraum so kurz wie möglich zu halten.

3 Die Folgen für den Borderliner

Die aus der Erkrankung resultierenden Folgen und Spätfolgen sind meist von der Ausprägung der BPS und der Komorbidität mit anderen psychischen Erkrankungen abhängig. Nach einer ausführlichen diagnostischen Untersuchung durch einen Psychologen, kann eine gesicherte Diagnose gestellt werden. Durch die Bereitschaft zur Therapie und einem gutem sozialen Umfeld, lassen sich die Auswirkungen und Probleme für die Zukunft minimieren. Der zwischenmenschliche Umgang mit einem Patienten sollte wohlwollend und positiv sein, da dieser bereits genug Negatives und Abwertendes erlebt hat.

3.1 Die Folgen für den Betroffenen selbst

Eine Persönlichkeitsstörung stellt eine lebenslange Beeinträchtigung für den Betroffenen dar. Es wird als ewiger Kampf mit sich selbst beschrieben. Die Wahrnehmung der eigenen Persönlichkeit ist gestört und in „Stresssituationen“ muss an die Verhaltensregeln gedacht werden, die in der Therapie erlernt wurden. Die Gefühle sind nicht berechenbar und werden stets intensiver erlebt, als bei nicht erkrankten Menschen. Die Impulskontrolle, oftmals auch ein Maß an Aggression bzw. Autoaggression und das damit verbundene Selbstverletzen ist ein ständiger Begleiter. Viele Patienten haben zudem weitere psychische Erkrankungen wie etwa Angst- und Zwangsstörungen, Schizophrenie, Depressionen, Substanzmissbrauch und Essstörungen in den verschiedensten Ausprägungen. Das Risiko für Suizidversuche wird mit ca. 60% in vielen klinischen Studien beschrieben, die Suizidrate selbst liegt bei 7% der Erkrankten.

Es wird nach Bestätigung gesucht, nach positivem Selbstwertgefühl. Der Patient möchte geachtet werden, angenommen werden, er steckt unaufhaltsam in der Spirale des Perfektionismus um einen Platz in der Gesellschaft zu erhalten. Kämpfe, die innerlich nur schwer zu kompensieren sind. Das schwache, geringe Selbstbild und der Selbsthass, zwingen die Erkrankten oft dazu, sich an einzelne Personen zu klammern, Gefühle und Emotionen erleben sie hierbei bedeutend intensiver, als gesunde Menschen. Die Stimmungsschwankungen, sowie impulsive, selten aggressive Verhaltensweisen sind oft schwer zu kompensieren. Selbst nach einer Therapie, da die Anwendung in der Praxis zwar eingeübt werden, jedoch dauert, bis sich eine Routine gebildet hat und auch das selbstverletzende oder selbstschädigende Verhalten nicht mehr von statten geht, mittels Selbstverletzung, Alkohol, Drogen etc.

Je nach Erfolg der Behandlung kann der Erkrankte besser oder schlechter mit Kritik, Problemen oder auch Gefühlen umgehen. Es ist ein langer Prozess, der sehr viel Arbeit, Zeit und Energie kostet.

3.2 Die Folgen einer Borderlineerkankung für nahe Angehörige/Partner

Für Familie, Partner und Freunde ist diese Erkrankung, vor allem wenn selbstschädigendes Verhalten auftritt eine Belastung, mit der die Wenigsten umgehen können. Ein Verständnis, oder zumindest Offenheit für dieses Thema besitzen kaum nahe Angehörige, oft endet es in Vorwürfen, oder gar Ablehnung, da vielen bewusst ist, dass dies ein anormales Verhalten darstellt und meist tiefe seelische Verletzungen diesem vorrausgehen müssen. Vielen wird auch durch den Ausbruch der Persönlichkeitsstörung erst bewusst, was sie einem Familienmitglied angetan haben, bzw. dass sie nur zugesehen haben und nichts dagegen unternommen haben.

Einen Menschen leiden zu sehen, dem man sehr nahe steht oder liebt, ist schwer auszuhalten. Auch die suizidalen Absichten, die verbalisiert werden oder durch selbstverletzendes Verhalten betont werden, machen das Zusammenleben nicht einfacher. Diese stellen eine sehr große Herausforderung an alle Beteiligten da. Die Familie oder der Partner stehen oft hilflos daneben und können nicht mehr, als zusehen bzw. wegsehen. Ein Drängen zur Therapie wird meist als Bevormundung angesehen und dadurch abgelehnt. Das Abwenden von den Eltern bzw. der Familie durch den Borderliner, oftmals wenn das Trauma in der Kindheit entstanden ist, durch Vernachlässigung, Gewalt, Missbrauch etc. ist keine Seltenheit.

Eine Partnerschaft aufrecht zu halten ist für einen Borderliner schier unmöglich. Das Impulsive Verhalten, oftmals auch krankhafte Eifersucht und das Klammern machen es für den Lebenspartner unmöglich, eine dauerhafte Beziehung einzugehen. Trennungen enden meist mit einem Suizidversuch, da die Gefühle nicht kompensiert werden können und für den Patienten eine Welt zusammenbricht, in der er nicht mehr existieren will. Nach gescheiterten Partnerschaften, folgt oft ein stationärer Aufenthalt, um dies zu bewältigen.

3.3 Die Folgen für den Betroffenen in der Gesellschaft

Viele Borderliner schämen sich für ihre Erkrankung, die selbst zugefügten Narben durch ritzen, schneiden oder verbrennen und meiden daher soziale Kontakte. Ebenso ist im Berufsleben jeder Tag, aufgrund der Stimmungsschwankungen und der Impulsivität, eine neue Herausforderung. Vielen Patienten ist es nicht möglich, längerfristig in einer festen Anstellung zu verbleiben. Häufige Fehltage, unangebrachtes Verhalten oder auch Impulsivität führen häufig zur Kündigung. Einige Patienten gehen in die Offensive und gehen frei mit ihrer Erkrankung um, andere verstecken es und versuchen, durch die Verhaltensänderung in der Therapie, Gefühlsausbrüche zu vermeiden und somit kein Aufsehen zu erregen.

Die Scharm für die Krankheit, dieses sich beobachtet fühlen, macht es für Borderliner fast unmöglich, am normalen Gesellschaftsleben teil zu nehmen, ohne dass sie auffallen. Auch sind Freundschaften auf Grund der starken Gefühlsschwankungen und Gefühlsausbrüchen schwierig und meist nicht von langer Beständigkeit. Nur wenige können sich jemanden anvertrauen, ohne falscher Scham.

Wenn die Impulskontrolle nach der Therapie noch nicht stabil ist, es noch nicht Standardisiert ist, ergeben sich regelmäßig neue Probleme und Reibungspunkte. Eine zusätzliche Möglichkeit wäre eine Selbsthilfegruppe. Austausch mit anderen Betroffenen kann den Blickwinkel verändern und positive Impulse setzen.

4 Fazit

Ein Leben mit Borderline ist möglich, wenn eine geeignete Therapie ausgewählt wurde und diese auch erfolgreich abgeschlossen wurde. Der Behandelnde muss alle Aspekte und Details erfassen um ein gutes Ergebnis für seinen Patienten erzielen zu können. Diese Aufgabe erfordert ein hohes Maß an Geduld und Ausdauer, von beiden Parteien. Rückschläge sollten stets mit einkalkuliert werden. Austausch mit anderen Therapeuten und Erfahrung bzw. Spezialisierung auf diesem Gebiet verhelfen oft zu besseren Ergebnissen und Erfolgen für den Erkrankten.

Wenn ein Weg gefunden wurde, die Emotionen zu regulieren, nicht auf jede kleinste Veränderung impulsiv zu reagieren und das Selbstwertgefühl zu stabilisieren, ist ein großer Schritt getan. Unterstützung aus dem Freundeskreis und der Familie tragen positiv bei und ermöglichen ein „normales“ Leben, ohne dass die Persönlichkeitsstörung dominiert.

Ende der Leseprobe aus 96 Seiten

Details

Titel
Emotionale Grenzgänger. Zur Diagnose und Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung BPS
Autoren
Jahr
2013
Seiten
96
Katalognummer
V231571
ISBN (eBook)
9783656472476
ISBN (Buch)
9783956870538
Dateigröße
1465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
emotionale, grenzgänger, diagnose, therapie, borderline-persönlichkeitsstörung
Arbeit zitieren
Katharina Kurzmann (Autor:in)Friedel Buergel-Goodwin (Autor:in)Daniela Rasch (Autor:in), 2013, Emotionale Grenzgänger. Zur Diagnose und Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung BPS, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231571

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