Emotionale Grenzgänger. Zur Diagnose und Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung BPS


Fachbuch, 2013
100 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Das Borderline-Syndrom – eine psychoanalytische Betrachtung von Daniel Josef Holbe 2007
Einleitung
Definition und Hintergrund
Symptomatik gemäß ICD-10
Phänomenologie und Struktur des Borderline-Syndroms
Abwehrstrategie und Spaltung
Genese einer Borderline-Störung
Therapeutische Arbeit mit Borderline-Patienten
Literaturverzeichnis

Borderline – Grenzgänger aus psychoanalytischer und anthroposophischer Sicht von Katharina Kurzmann 2007
Einleitung
Begriffsdefinition
Ein psychoanalytische Ansatz
Ein anthroposophischer Ansatz
Therapieansätze
Resümee
Anhang
Literaturnachweis

Borderline-Persönlichkeitsstörung - historischer Überblick, Diagnostik, Therapieformen von Friedel Buergel-Goodwin 2002
Einleitung
Diagnostik
Ätiologie (Ursachengeschichte)
Therapie
Kommunikation mit dem Borderline Patienten (vgl. „Ich hasse dich – Verlaß´ mich nicht“, S.148-150)
Schlusswort
Quellennachweis

Das Borderline-Syndrom – eine psychoanalytische Betrachtung von Daniel Josef Holbe 2007

Einleitung

Der Begriff des Borderline-Syndroms wird unter angehenden Fachleuten im sozialen Bereich, aber auch zunehmend von Laien und so genannten Internet-Experten ähnlich einer Schublade aufgetan. Hinein legt man alle Personen mit zugesprochenen Bindungsdefiziten und hinaus zaubert man ein düsteres, selbstkonstruiertes Gesamtbild geprägt vom Hintergrund des sexuellen Missbrauchs und Suizidgedanken.

Tiefergehende Erklärungsansätze und differenziertere Zusammenhänge jedoch bleiben außen vor – gerade sie sind es aber, die ein echtes Verständnis der Ursachen und der Möglichkeiten eines reflektierten Umganges mit den betroffenen Menschen erst ermöglichen.

„Suizidalität und Selbstverletzung, starkes Agieren und Behandlungsabbrüche, schwer zu kontrollierende Regression und heftige Gefühle in der Gegenüberstellung stellen Komplikationen dar, die genaue Überlegungen zur Psychodynamik der Störung [...] fordern. Andererseits sind Borderline-Patienten oft besonders kreative und ausdrucksstarke Menschen, die nicht nur eine intensive therapeutische Beziehung fordern, sondern auch ermöglichen.“[1]

Ich werde nach der Benennung medizinisch-diagnostischer Standards zunächst gezielt ohne geschlechterdifferenzierenden Schwerpunkt auf verschiedene Theorien frühkindlicher Störungen und Auslöser der Borderline-Persönlichkeitsstörung eingehen und abschließend einen kurzen Blick auf therapeutische Settings richten.

Definition und Hintergrund

Der Begriff Borderline stammt aus dem Englischen und bedeutet übersetzt Grenzlinie.

Auch wenn der Begriff bereits in den 1930er Jahren bezeichnend für die entsprechende Symptomatik verwendet wurde, hat er seinen Weg in die öffentliche Verbreitung und offizielle Diagnostik maßgeblich erst durch Otto F. Kernbergs Arbeiten in den 1970er Jahren gefunden. Man versucht mit dieser Metapher der Grenzfallstörung eine Persönlichkeitsstörung zu beschreiben, bei der Symptome einer Neurose und einer Psychose wechselseitig auftreten bzw. sich überschneiden.

„Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (abgekürzt BPS), auch emotional instabile Persönlichkeitsstörung genannt, ist die im psychologischen und psychiatrischen Umfeld am häufigsten diagnostizierte Persönlichkeitsstörung.“[2]

Im entsprechenden Abschnitt Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen der „Internationalen Klassifikation der Krankheiten“ (ICD-10) sind Störungen dieser Art unter dem Punkt F60.3- (Emotional instabile Persönlichkeitsstörung) zusammengefasst und im Unterpunkt 60.31 (Borderline-Typ) explizit benannt.[3] Als grundlegende Symptomatik dieser Art einer Persönlichkeitsstörung wird das impulsive Agieren ohne Berücksichtigung von Konsequenzen verbunden mit unvorhersehbarer und launenhafter Stimmung beschrieben. Während der impulsive Typus primär durch emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle gekennzeichnet ist, kommen beim Borderline-Typus noch unter anderem die Störung des Selbstbildes, ein intensives, jedoch unbeständiges Beziehungsverhalten sowie Tendenzen zu suizidalem und autoaggressivem Verhalten hinzu.

Eine eindeutige Diagnose der Borderline-Störung ist aufgrund ihres üblichen Zusammenspiels mit anderen Symptomatiken wie etwa Depressionen, Essstörungen, Zwangsverhalten oder auch Suchterkrankungen schwierig zu stellen. Weiterhin sind bestimmte Auffälligkeiten bei weiblichen und männlichen Patienten unterschiedlich stark ausgeprägt – bei Männern etwa wird aufgrund ihrer Verhaltensauffälligkeiten oft eine dissoziale Persönlichkeitsstörung anstelle der meist treffenderen Klassifikation einer Borderline-Störung diagnostiziert. Möglicherweise sind die statistischen Angaben, welche von einer Verteilung der Diagnose auf 75% weibliche und nur 25% männliche Patienten ausgehen, unter Betrachtung zuvor genannter Aspekte neu zu bewerten.

Insgesamt geht man von einer Gesamtquote von 2 bis 3% aller deutschen Erwachsenen aus, welche an der Borderline-Störung erkrankt sind. Für Kinder und Jugendliche gibt es keine expliziten Angaben.[4]

Symptomatik gemäß ICD-10

Eine spezifische Persönlichkeitsstörung beschreibt der entsprechende Abschnitt des ICD-10 als schwere Störung der Persönlichkeit und des Verhaltens, die nicht direkt auf eine Hirnschädigung oder -erkrankung oder eine andere psychiatrische Störung zurückzuführen ist. Die Störung erfasst verschiedene Persönlichkeitsbereiche und führt in der Regel zu persönlichen sowie sozialen Beeinträchtigungen. Ihren Anfang nehmen diese Störungen vorwiegend in Kindheit oder Adoleszenz und bestehen im Erwachsenenalter weiter.[5]

Wie bereits eingangs erwähnt hat die Borderline-Störung im Besonderen die Tendenz, Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen auszuagieren, einhergehend mit einer sprunghaft wechselnden Stimmungslage. Bezeichnend sind außerdem emotionale Ausbrüche und fehlende Impulskontrolle sowie streitsüchtiges Verhalten, besonders wenn impulsive Handlungen behindert werden.

Für eine Persönlichkeitsstörung impulsiven Typs sind folgende Handlungsmuster kennzeichnend:

1. deutliche Tendenz, unerwartet und ohne Berücksichtigung der Konsequenzen zu handeln
2. deutliche Tendenz zu Streitereien und Konflikten mit anderen, vor allem dann, wenn impulsive Handlungen unterbunden oder getadelt werden
3. Neigung zu Ausbrüchen von Wut oder Gewalt mit Unfähigkeit zur Kontrolle explosiven Verhaltens
4. Schwierigkeiten in der Beibehaltung von Handlungen, die nicht unmittelbar belohnt werden
5. unbeständige und unberechenbare Stimmung

Für die Diagnose des Borderline Typus wiederum müssen weitere Eigenschaften erfüllt sein:

- Störungen und Unsicherheit bezüglich Selbstbild, Zielen und „inneren Präferenzen“ (einschließlich sexueller)
- Neigung, sich auf intensive, aber instabile Beziehungen einzulassen, oft mit der Folge von emotionalen Krisen
- übertriebene Bemühungen, das Verlassenwerden zu vermeiden
- wiederholt Drohungen oder Handlungen mit Selbstbeschädigung
- anhaltende Gefühle von Leere

Beim Borderline Typus also ist zusätzlich zur emotionalen Instabilität und Impulsivität das eigene Selbstbild unklar oder gestört. Meist besteht ein chronisches Gefühl innerer Leere mit Neigungen zu intensiven, aber unbeständigen Anstrengungen, nicht verlassen zu werden, sowie autoaggressiven (bis hin zu suizidalen) Handlungen.

Wichtig bei der Betrachtung dieser Symptome ist die Erkenntnis, dass es sich beim Borderline-Patienten nicht um tatsächliche schizophrene, halluzinierende oder psychotische Störungen handelt, sondern um zeitlich begrenzte Erscheinungen, die diesen ähnlich sind.

Phänomenologie und Struktur des Borderline-Syndroms

Christa Rohde-Dachser fasste 1979 in Übereinstimmung mit Kernberg und anderen Fachleuten dieser Zeit die als gesichert anzunehmenden Merkmale des Borderline-Syndroms zusammen.

Hiervon seien folgende Punkte kompakt dargestellt:

- Das Borderline-Syndrom manifestiert sich in unterschiedlicher Weise je nach Charakterstruktur, in welche es eingebettet ist.
- Es gibt „borderline-verdächtige“ Symptome, deren gehäuftes Auftreten eine entsprechende Diagnose nahelegt [...] {und} die einzelnen Krankheitsmanifestationen können einer beständigen Fluktuation unterliegen.
- Borderline-Patienten können insbesondere auch vorübergehend die charakteristischen Symptome einer psychotischen Episode aufweisen (sogenannte „Mini-Psychose“)
- Intensive Affekte vorwiegend in Form von Feindseligkeit oder Depression bestimmen in Kombination mit Depersonalisation und völliger Genussunfähigkeit („Anhedonie“) das Erleben des Patienten.
- Die zwischenmenschlichen Beziehungen des Patienten schwanken zwischen oberflächlichen, punktuellen Kontakten und klammernd-abhängigen Beziehungen {und} Borderline-Patienten zeigen ein charakteristisches Verhalten in der Arzt-Patient-Beziehung.[6]

Rohde-Dachser geht auf Kernbergs weitgehend akzeptierte Auffassung ein, dass das Borderline-Syndrom sich auf eine spezifische Ich-Störung zurückführen lasse, welche „wegen der Interdependenz der verschiedenen psychischen Strukturen den gesamten psychischen Apparat in pathogener Weise beeinflusst“.[7]

Anstelle von reifen Abwehrmechanismen entwickeln sich Spaltungsmechanismen im Sinne der Verdrängung. Es werden gute und böse Selbst- und Objektrepräsentanzen getrennt und letztendlich alle nicht-integrierbaren Ich-Zustände separiert. Die verinnerlichte Aufspaltung realer Objekte führt analog zur Spaltung der Selbstrepräsentanz. Aus dem Verlust der Trennung von Selbst- und Objektrepräsentanzen sowie der Verteidigung gegen die negativ behaftete Außenwelt entwickelt das Ich zum Schutz seiner idealisierten Objekte so genannte magische Kontrollmechanismen.

Außerdem wird die phasenadäquate Entwicklung libidinöser und aggressiver Triebkomponenten durch den inneren Konflikt behindert. Es kann sich keine ausgewogene neutralisierte Triebenergie bilden und das Ausleben beider Komponenten wirkt bestimmend auf das geschwächte Ich ein. Letztendlich bleibt die Entwicklung einer dauerhaften und stabilen Ich-Identität unerreicht und sowohl das Ich-Ideal als auch das Über-Ich bleiben objektgebunden.

Auch wenn Kernberg in seinen Ausführungen nicht direkt der Fragestellung nachging, ob es sich bei der Bordlerline-Struktur nun primär um eine aktive Abwehrleistung eines (nicht zwingend geschwächten) Ichs oder hingegen schlicht ein schwaches oder defektes Ich handelt, so verweist Rohde-Dachser auf seine Formulierung einer „unspezifischen Manifestation von Ich-Schwäche“.[8]

Hierüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Sicherlich haben die Patienten keine vollendete Ich-Integration erfahren, doch die hochdifferenzierten Mechanismen der Abwehr, also eine direkte Leistung des Ichs, setzen wiederum eine gewisse Leistungsstärke voraus. Rohde-Dachser empfiehlt daher, Borderline-Patienten nicht mit dem Etikett eines Ich-Defektes zu deklassieren, sondern bei ihnen ein Ich mit Schwächen in bestimmten Bereichen zu sehen.

Abwehrstrategie und Spaltung

Bereits Sigmund Freud ordnete die Verdrängung als nicht ursprünglich vorhandenen Abwehrmechanismus ein. Sie stelle „ein Mittelding zwischen Flucht und Verurteilung“ in den Abwehrmöglichkeiten des Ichs dar.[9]

Borderline-Strukturen bilden sich also in einer Entwicklungsphase, in welcher der psychische Innen- und Außenraum noch keine deutliche Trennung erfahren hat. Das Ich kann aufgrund dieser schwachen strukturellen Differenzierung die Verdrängung noch nicht erfolgreich zur Abwehr von Triebgefahren darstellen, während sich bei einer ungestört verlaufenen Ich-Reifung die einfachen Abwehrmechanismen zu höheren Ich-Leistungen weiterentwickeln können.

Sowohl Freud in den 1930er Jahren als auch Melanie Klein in den 1940er Jahren begründeten den Begriff der Spaltung, welchen Kernberg schließlich in den 1970er Jahren spezifisch aufgriff. Während Freud am Beispiel von Jungen im Alter von drei bis vier Jahren von einer andauernden Ich-Spaltung als Ergebnis der entgegengesetzten Reaktionen auf den Konflikt der Kastrationsangst (Verleugnung und Masturbation, Anerkennung der Gefahr) spricht, greift Klein etwas allgemeiner auf Neugeborene und deren Spaltung des mütterlichen (Teil-) Objektes, der Mutterbrust, zurück.

Die Spaltung in eine „gute“ und „böse“ Objektrepräsentanz gehöre als natürlicher Abwehrmechanismus in diese Entwicklungsphase. Diese Spaltung löst sich schließlich in einem ambivalenten Gesamtbild der guten Mutter, welche auch frustrierende Eigenschaften haben kann. Verläuft jedoch diese so genannte „depressive Phase“ zu schmerzlich oder bedrohlich, wird das Kind die Spaltung häufiger und dauerhafter als Vermeidung von Ambivalenzen einsetzen.

Diese „aktive Spaltung“ sieht Kernberg schließlich als den zentralen Abwehrmechanismus, dessen Konsequenz die Borderline-Struktur ist. Gewöhnlich erscheinen Spaltungsvorgänge kombiniert mit Abwehrmechanismen wie der Projektion oder der Verleugnung.

„Zeitweise dominiert eine ansprüchliche, anklammernde Haltung zu einem magisch überhöhten Objekt, zu anderen Zeiten sind es Fantasien eigener Omnipotenz.“[10]

Schaubild der Selbst- und Objektrepräsentanzen bei Borderline-Störung (Heinemann/Hopf, 2001, Abb. 6)

Ursache der Spaltung in gegensätzliche Ich-Zustände ist eine mangelhafte Integration von Objektbeziehungen. Dieser Mangel wiederum kann durch übermäßige Aggression oder auch durch eine mangelhafte (oder nicht vorhandene) Angsttoleranz entstanden sein.

Auch das Über-Ich wird hier in Mitleidenschaft gezogen – es entwickelt sich mit sadistischer Tendenz und bildet ein unerreichbares Ich-Ideal heraus.[11]

Genese einer Borderline-Störung

Störung der Mutter-Kind-Beziehung als verursachender Prozess der BPS

Auch wenn der eindeutige Auslöser einer Borderline-Störung bislang nicht gefunden wurde, so wird eine frühe, tiefgreifende Störung der Mutter-Kind-Beziehung weitestgehend als eine Art klassische Ursache anerkannt. Damit ist inhaltlich die mangelnde Ausbildung von Selbst- und Objektstrukturen gemeint, welche durch ein nicht ausgewogenes Verhältnis zwischen den Pflegeleistungen der Mutter und den Bedürfnissen des Kindes (so etwa aufgrund mangelnder Empathie der Mutter) blockiert wurde.

Bezugnehmend auf Giovacchini und Masterson fasst Rohde-Dachser (S. 141) die Mutter-Kind-Beziehung weiterhin damit zusammen, dass die Mutter das Kind nicht befriedigen kann, da sie sich in dieser Aufgabe und Rolle überfordert sieht. Dies wiederum ruft Minderwertigkeitsgefühle hervor. Dem Empfinden des Kindes kommen frühe Trennungserfahrungen einer Todesgefahr gleich, was ein Klammern an die Mutter zur Folge hat, um diese Gefahr zu minimieren.

Dieses Verhalten blockiert jedoch wichtige Prozesse der Verselbständigung, welche außerdem auch von Seiten der Mutter gefährdet sind: die Mutter nämlich wehrt Loslösungsversuche des Kindes ab, da sie eine libidinöse Bedrohung für sie selbst darstellen.

Aus diesem Wechselspiel der Beziehung lässt sich die Borderline-Störung nicht verursacht durch ein spezifisches traumatisches Ereignis, sondern als das Ergebnis eines andauernden schädigenden Beziehungs-Prozesses während des zweiten und dritten Lebensjahres des Kindes erklären.

Die BPS als Ergebnis einer spezifischen Entwicklungsstörung

Von verschiedenen Theorien, welche das Borderline-Syndrom nun anstatt eines Entwicklungsprozesses vielmehr als das Ergebnis einer pathologischen Erlebnisverarbeitung betrachten, sollen an dieser Stelle einige kurz dargestellt werden.[12]

- Otto Kernberg verwendete den Begriff der frühen oralen Traumata, welche beim Kind so genannte exzessive Enttäuschungsaggressionen auslösen. Dieser Druck führe zu einem vorschnellen Durchlaufen der prägenitalen Entwicklungsphase und einem deutlich verfrühten und aggressiv beladenem Eintritt in den ödipalen Konflikt. Die für die BPS typische genitale Aggression wird auf den ödipalen Rivalen projiziert und verursacht im Wechselspiel eine Aufblähung der Kastrationsangst. Eine adäquate Lösung des ödipalen Konfliktes bleibt aus.

Ergebnis sei nach Kernberg ein negativer Ödipus-Komplex, also etwa eine feminine Position des Knaben in sexueller Unterwerfung gegenüber dem Vater. Mädchen wiederum lenken ebenfalls die oralen Wünsche von der enttäuschenden Mutter auf den Vater, was jedoch durch deren Unerfülltheit in die so genannte „Rache“ der Hysterika – zunächst am Vater, später durchaus auch am Partner – umschlagen kann.

Während Rohde-Dachser bei weiblichen Patientinnen meist feststellte, dass das subjektive Erleben sexualisiert wahrgenommener oraler Bedürftigkeit im Vordergrund steht, wehren männliche Patienten vergleichbare Wünsche nach außen hin ab. Dies spiegelt sich daher in aggressiv getönten Triebkonflikten wider.

- Margaret S. Mahler sieht in der Störung im Prozess der Loslösung und Individuation die Ursache einer BPS. Die so genannte Phase der Wiederannäherung zwischen dem 18. und 36. Lebensmonat ist für das Kind zunächst durch narzisstisches Entzücken („Selbstverliebtheit“) und Objektliebe geprägt. Dies entwickelte sich in der vorausgegangenen Übungsphase durch das motorische Begreifen der Umwelt sowie der Nähe zur Mutter und der Bestätigung/Bewunderung der Erwachsenenwelt.

Die zunehmende kognitive Entwicklung und die damit einhergehende Realitätsprüfung jedoch verletzen diesen Narzissmus stets aufs Neue und zerstören letzten Endes die kindlichen Allmachtsphantasien. Nun muss es parallel zur Ablösung in die Außenwelt aktiv um die Nähe der Mutter werben. Trennungsangst, Sicherheitsbestreben und gleichermaßen die Angst des Wiederverschlungenwerdens fordern dem Kind ein kontinuierliches Austarieren der optimalen Mutternähe ab. An dieser Stelle liegt es nun bei der Mutter, dieses ambivalente Verhalten zu verstehen und dem Kind unverändert emotionalen Halt zu geben. Geschieht dies nicht, entwickeln sich schlimmstenfalls aus einem „Fallengelassenwerden“ heraus Enttäuschung und Aggression. Diese Gefühle gipfeln in einem Hass auf die reale Mutter, während sich gleichermaßen die Sehnsucht nach einer guten, symbiotischen Mutter ausprägt.

Genau in dieser Spaltung des Mutterbildes erkennt Mahler die grundlegenden Züge und damit die Wurzel der BPS. Als bemerkenswert hierbei erwähnt Rohde-Dachser die ursächliche Einordnung der bei den Patienten so häufig diagnostizierten „Liebesunfähigkeit“ als Erfahrungswert: äußerst starke kindliche Liebesgefühle finden keine „Adresse“, d.h. kein Objekt, an dem sie sich weiterentwickeln konnten.

„Das Kind und später der erwachsene Patient bleiben zur Sehnsucht verurteilt.“[13]

- Arlene Wolberg sieht die Genese der Borderline-Erkrankung in einer stellvertretenden Übernahme pathologischer Persönlichkeitsanteile der Eltern.

Auch wenn unbewusst, greift ein Elternteil aktiv in die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes ein, indem er das Kind als Übertragungsobjekt für eigene abgewehrte neurotische Strebungen missbraucht. Dem Kind bleibt nichts anderes übrig, als sich mit seiner zugeschriebenen Rolle zu identifizieren (erzwungene Introjektion). Dieser Prozess verursacht Enttäuschung und Aggression, da es sich nicht mehr als eigenständiges Wesen akzeptiert fühlt und als Teil der pathologischen Abwehr dieses Schmerzes übernimmt das Kind letzten Endes die am tiefsten verdrängte elterliche Neurose.

In dem gezielten Fernhalten bewusster Wahrnehmung liegt die Erklärung für das bei Borderline-Patienten typische Einbeziehen der Wahrnehmungsfunktion in das eigene Abwehrverhalten: „Sie durften nicht registrieren, was augenfällig war, um das psychische Gleichgewicht eines Elternteils nicht zu gefährden.“[14]

Zusammenfassend ist zu erkennen, dass sich der pathologische Fixierungspunkt für eine spätere Borderline-Entwicklung im zweiten bzw. dritten Lebensjahr zu befinden scheint. In dieser Phase nimmt das Kind, dessen Autonomiebestrebungen sich auf dem Höhepunkt befinden, die Mutter als deutlich von ihm getrenntes Objekt wahr. Die Kränkungen und Enttäuschungen, welche sich durch das Beschneiden dieser eigenen Autonomie durch einen Elternteil entwickeln, hinterlassen tiefe narzisstische Wunden und letztlich einen Bruch in der Selbstachtung.

Spaltungen, Idealisierungen, Abwertungen und projektive Identifizierungen führen also letztlich zu einem Verschwimmen der Realitätswahrnehmung[15] und genau dessen muss sich ein Therapeut stets bewusst sein und seine eigene Rolle und die vom Patienten ihm (temporär) zugeschriebene Rolle reflektieren können.

Der Inzest-Faktor

Im „Handbuch der Borderline-Störungen“ (2000) findet der Begriff des Inzestfaktors einleitend seine Erwähnung. Ergänzend zum im letzten Abschnitt erläuterten Zusammenhang zwischen frühkindlichen Traumata und einer Borderline-Entwicklung wird hier nun der Bogen zu transgenerationalen Inzesterfahrungen geschlagen, welche aufgrund ihres hohen traumatischen Potenzials nahezu zwangsläufig zur Bildung von Persönlichkeitsstörungen führen.[16]

Sowohl bei Patienten mit Posttraumatischen Belastungsstörungen, multiplen Persönlichkeitsstörungen oder Borderline-Persönlichkeitsstörungen liegt eine im Vergleich zu anderen Persönlichkeitsstörungen deutlich höhere Quote einer inzestuösen Vorgeschichte vor. Bei einer Erhebung in den späten 1980er Jahren lag der Prozentsatz von BPS-Patientinnen mit entsprechendem Hintergrund in Europa, den USA und Australien bei nahezu 75%. Es gibt keine Hinweise auf eine deutliche Veränderung dieser Quote.

Die Auswirkungen transgenerationalen Inzestes können als umso schwerwiegender eingeschätzt werden, je früher er stattfindet. Bei präpubertären Kindern besonders im Alter unter zehn Jahren sind die Auswirkungen in der Regel deutlich intensiver als bei einem Jugendlichen, der das fünfzehnte Lebensjahr bereits überschritten hat. Als potentielle Folgen können etwa eine Hypererotisierung oder Überstimulierung aufgrund des unnatürlich frühen sexuellen Kontaktes ebenso auftreten wie die emotionale Aufspaltung in Liebe und Misstrauen oder Hass gegenüber dem sexuell übergriffigen älteren Verwandten.

„Es kann zu inadäquater Wut oder Impulsivität kommen, begleitet von schweren Störungen in den Objektbeziehungen vor allem auf dem Gebiet der Intimität. [...] (Bezogen auf Mädchen:) Sie erleben sich dann selbst gleichzeitig als Märtyrerin und als Hure.“

[...]


[1] [1] Mathias Lohmer, „Borderline-Therapie“, 2. Auflage, 2005, Schattauer Verlag, Stuttgart, S. 1

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Borderline-Persönlichkeitsstörung, zuletzt eingesehen am 16. Juli 2007

[3] Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) (Hrsg.)

„ICD-10-GM, Version 2005“, Druck: Oktober 2004, Videel Verlag, Niebüll, S. 268

[4] Evelyn Heinemann u. Hans Hopf, „Psychische Störungen in Kindheit und Jugend“, 1. Auflage 2001,

Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, S. 221

[5] ICD-10, S. 266, 268

[6] Christa Rohde-Dachser, „Das Borderline-Syndrom“, 1979 Verlag Hans Huber, Bern, S. 27 f.

[7] Rohde-Dachser, 1979, S. 70

[8] Rohde-Dachser, 1979, S. 70

[9] Rohde-Dachser, 1979, S. 75 bezogen auf Sigmund Freud, „Die Verdrängung“ (Gesammelte Werke X)

[10] Heinemann/Hopf, 2001, S. 223 (ebenso wie obiges Schaubild)

[11] Heinemann/Hopf, 2001, S. 226

[12] (für den gesamten Abschnitt) Rohde-Dachser, 1979, S. 142-155

[13] Rohde-Dachser, 1979, S. 149

[14] Rohde-Dachser, 1979, S. 153

[15] Heinemann/Hopf, 2001, S. 232

[16] (für den gesamten Abschnitt) Otto F. Kernberg, Birger Dulz u. Ulrich Sachsse, „Handbuch der Borderline-Störungen“, 1. Auflage 2000, Schattauer Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart, S. 7 ff.

Ende der Leseprobe aus 100 Seiten

Details

Titel
Emotionale Grenzgänger. Zur Diagnose und Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung BPS
Autoren
Jahr
2013
Seiten
100
Katalognummer
V231571
ISBN (eBook)
9783656472476
ISBN (Buch)
9783956870538
Dateigröße
1465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
emotionale, grenzgänger, diagnose, therapie, borderline-persönlichkeitsstörung
Arbeit zitieren
Daniel Josef Holbe (Autor)Katharina Kurzmann (Autor)Friedel Buergel-Goodwin (Autor), 2013, Emotionale Grenzgänger. Zur Diagnose und Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung BPS, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231571

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