Zur Möglichkeit "Existenz" in einem prädikativen Gebrauch zu verwenden


Hausarbeit, 2012

15 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wie verwendet man ein Prädikat?

3. Was existiert und was gibt es?

4. Wann existiert etwas?

5. Was existiert nicht?

6. Gibt es unendlich viele Gegenstände?

7. Wie interagieren Dinge, Gegenstände und Wesenheiten untereinander?

8 Gibt es alles?

9. Es gibt Existenz

10. Quellen und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„To be or not to be; that is the question.”[1] – “Sein oder Nichtsein; dass ist hier die Frage.”[2] Diesen Satz kennt wohl, ab einem gewissen Alter, in der westlichen Welt zumindest, nahezu jeder. Er stammt aus William Shakespeares Stück über den Prinz von Dänemark, Hamlet, der damit einen der bekanntesten, wenn nicht gar den bekanntesten Monolog der Theatergeschichte einleitet. Mittlerweile ist der Ausspruch, in der einen oder anderen Form, ein oft benutzter Einschub in Überlegungen, die für den Überlegenden essentiell und existentiell sind.

So, oder so ähnlich könnte man allerdings auch eine immer noch in der Philosophie stattfindende Diskussion wohl recht gut beschreiben. Näher erläutert geht es um den Konflikt, ob es möglich ist, „Existenz“ in einem prädikativen Gebrauch zu verwenden, also das Wort „existieren“ zu einem Prädikat zu machen. In dieser Arbeit soll es nun genau darum gehen. Ebenfalls soll beleuchtet werden, ob und zu welchen Problemen es führen kann, wenn man, wie vorher beschrieben „existieren“ und somit auch dessen Negation, „nicht-existieren“ im prädikativen Sinn verwendet.

Zuerst wird verdeutlich, was es überhaupt genau heißt, etwas als Prädikat zu verwenden.

Danach wird eine sprachliche Differenz zwischen „etwas existiert“ und „es gibt etwas“ erarbeitet. Darauf aufbauend soll gezeigt werden in welchen Zeitebenen und unter welchen Bedingungen Dinge existieren und wann sie dies nicht tun. Am Ende soll festgestellt werden, was es alles gibt und ob man von Dingen reden kann, die nicht darunter fallen. Als Textgrundlagen wird Quines Text „On What There Is“ sowie Richard Routleys Antwort darauf “On What There Is Not” verwendet. Ziel der Arbeit ist herauszuarbeiten, ob es ein Problem ist „existieren“ als Prädikat zu verwenden und wenn nicht, wie es mit seiner Negation „nicht-existieren“ verhält. In dieser Arbeit wird die Herangehensweise rein Sprachphilosophisch sein und daher auf die formallogische Schreibweise verzichten. Es soll ebenso auf den Bereich der Zahlen verzichtet werden, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

2. Wie verwendet man ein Prädikat?

Das Wort „Prädikat“ geht auf das lateinische Verb „praedicare“ zurück, welches unter anderen „preisen“, „rühmen“, „ausrufen“ oder „predigen“ bedeutet. Das Wort „praedicatum“, eine substantivierte Form des zuvor genannten Verbs, bedeutete im Deutschen zunächst „Rangbezeichnung“. Später erst kam die heute verwendete Bedeutung hinzu. Der Duden schreibt dazu, dass das Prädikat ein „die Struktur des Satzes bestimmender Satzteil, der eine Aussage über das Subjekt macht“[3] ist. Ebenso wird die zweite, für die Zwecke dieser Arbeit wichtigere, weil es die Form ist, in der es in der Logik und Philosophie allgemein verwendet wird, Rolle dieses Begriffs mit den Worten, dass es ein „der Bestimmung von Gegenständen dienender sprachlicher Ausdruck oder der zugrunde liegende Begriff“[4] ist, beschrieben.

Wolfgang Carl beschreibt das Prädikat in seinem Werk „Existenz und Prädikation – Sprachanalytische Untersuchungen zu Existenz-Aussagen“ so, dass wenn ein bestimmtes Ding, oder besser Subjekt, unter die bestimmten Bedingungen eines Prädikats fällt, es damit automatisch ausgeschlossen wird, dass ihm ebenfalls bestimmte andere Prädikate zukommen. Er nimmt als Beispiel, folgenden Satz: „Sage ich etwa, dass der Tisch weiß ist, so schließt das aus, daß er grau, grün oder schwarz ist;…“[5] Hier kann man jedoch Kritik anbringen. Ich sitze zum Beispiel gerade an einem Tisch der weiß ist. Laut seiner Formulierung ist damit ausgeschlossen, dass er grau ist. Mein Tisch ist allerdings an einigen Stellen weiß, an anderen wiederum grau. Ich möchte Carl nicht wiedersprechen, dass der Tisch weiß ist, jedoch aber, dass dieses Prädikat schon notwendigerweise andere ausschließt. Dafür hätte er den Satz genauer formulieren müssen, in etwa mit den Worten: „Der Tisch ist nur/ausschließlich weiß.“ Es ist offensichtlich, dass es ein Prädikat sofort ausschließt, nämlich die Negierung des zuvor zugeordneten. In diesem Fall also „nicht-weiß“. Wenn ich sage: „Der Tisch ist weiß.“ Schließe ich damit aus, dass ihm das Prädikat des „nicht-weiß“-sein zukommt und andersrum. Auf jene Schlussfolgerung kommt er zwar auch[6], jedoch ohne diesen einen Zwischenschritt zu beachten. Was man mit Prädikaten dann jedoch macht, erklärt er, ähnlich wie der Duden, allerdings noch mit einem Zusatz, der beinhaltet, dass sie als Abgrenzung dienen: „Durch den Gebrauch von Prädikaten treffen wir Unterscheidungen, indem wir die Dinge in Beispiel und Gegenbeispiel für die Anwendung von Prädikaten einteilen.“[7] Das Prädikate essentiell sind, um Subjekte voneinander abzugrenzen ist bekannt und wird von Heinrich Rickert in seiner Schrift „Die Logik des Prädikats und das Problem der Ontologie“ bewusst gemacht indem er sagt: „Zum ‚anschaulichen‘ Subjekt muß, damit Wahrheit entsteht, ein Prädikat als ‚Begriff‘ hinzutreten.“[8] Das Prädikat bezeichnet also einen Gegenstand genauer und grenzt ihn darüber hinaus auch gegen andere Gegenstände, denen dieses Prädikat nicht zukommt, ab. Diese Erläuterung ist bei einfachen Prädikaten nicht sonderlich schwer zu verstehen, allerdings gestaltet es sich bei anderen ganz anders.

3. Was existiert und was gibt es?

„What is there?“[9], mit dieser simpel anmutenden Frage beginnt Willard van Orman Quine seine Schrift „On What There Is“, er beantwortet sie auch bereits eine Zeile später mit “Everything”[10]. Wenn nun aber Person A meint, dass es Dinge gibt, von denen Person B meint, dass es sie nicht gebe, kann Person B der ersten laut Quine nicht widersprechen, da er, wenn er sagt, dass es Dinge gibt denen A eine Existenz zugesteht und er eben nicht, damit schon sagt das es sie gibt. Er bezeichnet dieses Phänomen mit dem Name Plato’s beard also Platons Bart, näher erläutert durch das Rätsel: „Non-being must in some sense be, otherwise what is it that there is not?“[11] Quines imaginärer, hier angeführter Philosoph McX, den er als Beispiel verwendet um die Gegenseite darzustellen meint, dass es sinnlos sei überhaupt zu sagen, dass etwas, in diesem Fall das mystische geflügelte Pferd Pegasus, nicht ist. Gemäß dem Fall, dass es nicht wäre, dann würden nicht über irgendetwas reden, wenn wir das Wort „Pegasus“ benutzen.[12] Hier sollte man zwischen „ist“ und „ist“ unterscheiden. Diese wichtige Unterscheidung, die in vielen Diskussionen um das Wort „ist“, oftmals übersehen wird, obgleich man doch meinen mag, dass sie äußerst offensichtlich ist, stellt Rickert dar: „Daß etwas in der Weise der Copula ‚ist‘, sagt gewiß noch nichts darüber, daß es auch in der Weise in der Welt ist, die es zu einem als seiend erkannten Gegenstand in der Welt macht.“[13] Der Unterschied lässt sich an folgendem Satz eventuell leichter erklären: „Das Haus ist rot.“ Hier ist „rot“ das Prädikat und in diesem Fall nur „rot“! Das Wort „ist“ gibt keine Aussage über das Sein oder Nichtsein des Hauses wieder, sondern dient nur als Verbindung zwischen dem Subjekt „Haus“ und dem Prädikat „rot“, also als Kopula.

Quine lässt dies außen vor und beschreibt seinen „Gegner“ so, dass er meint, dass Pegasus eine Idee im menschlichen Geiste sei, diese laut Quine wiederrum aber nicht das ist was abgestritten wird, wenn man sagt, dass es Pegasus nicht gibt.[14] Hier kann man dies auch wieder durch die oben angeführte Lösung auflösen. „Pegasus ist ein geflügeltes Pferd.“ Was sagt dieser Satz nun genau aus? Offenkundig etwas über einen Gegenstand, der hier mit dem Wort „Pegasus“ bezeichnet wird. Was wird aber darüber gesagt? Dass etwas, dass damit bezeichnet ist, mindestens in den Bereich der Pferde und in den Bereich der geflügelten Wesen fallen muss. Was sagt dieser Satz nicht aus? Dass Pegasus (in der Wirklichkeit) ist oder existiert. Durch das Wort „ist“ wird dem Gegenstand in dieser Formulierung keinerlei Existenz zugesprochen. Diese Unterscheidung traf zum Beispiel Alexius Meinong. Genausten formuliert hat sie Tobias Rosefeldt in seiner Habilitationsschrift „Was es nicht gibt – Eine Untersuchung des Begriffs der Existenz“ wie folgt: „Es ist durch mindestens eine Bedeutung des Ausdrucks ‚es gibt‘ nicht ausgeschlossen, daß es Satzpaare der Form ‚Es gibt Fs‘/‘Fs existieren‘ gibt, deren erster Satz wahr, deren zweiter aber falsch ist.“[15] Darauf aufbauend könnte man also sagen, „Es gibt Pegasus, aber Pegasus existiert nicht“ Hier erscheint ebenso ein anderes Beispiel warum es so wichtig ist die sprachlichen Instrumente mit denen wir hantieren in der richtigen Weise zu benutzen. In dem zitierten Satz ist die Rede davon „dass es Satzpaare gibt“. Wenn man davon ausgeht, dass es nur Gegenstände, Dinge oder Sachen gibt, die zeitlich und räumlich fassbar sind gibt, wie zum Beispiel der Tisch an dem dieser Text hier gerade geschrieben wird, dann müsste man hier wiedersprechen und sagen, dass dies falsch sei, dass es keine Satzpaare, seien sie so beschaffen wie sie wollen, gibt. Es gibt also einen Unterscheid zwischen „ist“ und „ist“, daher sollte um der Verwirrung vorzubeugen, eines der beiden durch das Wort „existiert“ und seine verschiedenen Konjugationen ersetzt werden. Das andere „ist“ wird meist gleich verwendet wie „es gibt“. Halten wir also fest: Es gibt meinen Tisch und mein Tisch existiert. Pegasus existiert nicht, aber es gibt Pegasus. Routley deutet ebenfalls auf etwas ähnliches hin, indem er sagt: „There is no contradiction however in saying that what is a thing or object, […], may have no being in any sense […]”[16] Ich werde für die Wörter “thing” und “object” die deutschen Begriffe „Ding“ und „Gegenstand“, wobei Zweiter nicht als materiell fassbarer Gegenstand definiert ist, verwenden und werde „being“ mit „Wesenheit“ gleichstellen. Ich kann also bestimmten Dingen Attribute zuordnen und ihnen Prädikate, wie „geflügelt“ oder „rot“ geben, obwohl ich ihnen nicht das „Sein“ in Form von „x existiert“ zugestehe. Wenn ich ein Ding nehme und ihm das Prädikat der Existenz hinzufüge, dann muss es zwingend ein in Raum und Zeit existierendes Seiendes sein. Ich kann also dem Ding „Pegasus“ in keinem Fall das Existenz-Prädikat zuordnen, würd ich doch damit aussagen, dass es irgendwo und irgendwann eine Wesenheit, nicht nur ein Ding oder einen Gegenstand, gibt, die all das und nur das in sich vereint was ich als Pegasus bezeichne und darüber hinaus auch noch die Existenz in sich aufgenommen hat. Hier kommen wir allerdings vor eine weitere Hürde. Wie kann ich mir erlauben, zu sagen, dass es so eine Wesenheit nie gab und vor allem nie geben wird? Wie geht man mit der zeitlichen Konstante des Existenz-Prädikats um?

[...]


[1] Shakespeare, William. (1603). The Tragedy of Hamlet, Prince of Denmark . http://www.shakespeare-literature.com/Hamlet/index.html. Letzter Zugriff: 28.10.2012. 21.09 Uhr

[2] Shakespeare, William. (1603). Die Tragödie von Hamlet, Prinz von Dänemark. http://gutenberg.spiegel.de/buch/5600/1. Letzter Zugriff: 28.10.2012. 21:08 Uhr

[3] http://www.duden.de/rechtschreibung/Praedikat. Letzter Zugriff: 28.10.2012. 15:05 Uhr

[4] Ebenda

[5] Carl, Wolfgang. (1974). Existenz und Prädikation – Sprachanalytische Untersuchungen zur Existenz-Aussage. S. 93

[6] Ebenda. S. 94

[7] Carl, Wolfgang. (1974). Existenz und Prädikation – Sprachanalytische Untersuchungen zur Existenz-Aussage. S. 95

[8] Rickert, Heinrich. (1930). Die Logik des Prädikats und das Problem der Ontologie. In: Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften – Philosophisch-historische Klasse. S.123

[9] Quine, Willard van Orman. (1948). On What There Is. In: Metaphysics: An Anthology. S. 7

[10] Ebenda.

[11] Ebenda. S. 8

[12] Ebenda.

[13] Rickert, Heinrich. (1930). Die Logik des Prädikats und das Problem der Ontologie. In: Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften – Philosophisch-historische Klasse. S.131

[14] Quine, Willard van Orman. (1948). On What There Is. In: Metaphysics: An Anthology. S. 8

[15] Rosefeldt, Tobias. (2006). Was es nicht gibt – Eine Untersuchung des Begriffs der Existenz. S. 14

[16] Routley, Richard. (1982). On What There Is Not. In: Philosophy and Phenomenological Research Vol. XLIII, No. 2, December 1982. S. 152

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Zur Möglichkeit "Existenz" in einem prädikativen Gebrauch zu verwenden
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
3,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V231643
ISBN (eBook)
9783656478102
ISBN (Buch)
9783656479321
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sein, Prädikat, Existenz, Logik, Quine, Sprachphilosophie, Routley, Priest, Graham, Pegasus
Arbeit zitieren
Robin Materne (Autor), 2012, Zur Möglichkeit "Existenz" in einem prädikativen Gebrauch zu verwenden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231643

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