Business Coaching bei Menschen mit psychischer und/oder geistiger Behinderung

Unmöglich oder mögliche Alternative?


Projektarbeit, 2012
27 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Thema: Umsetzung der Business-Coaching-Ausbildung im Beruf des Job Coaches im Integrationsmanagement der Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung (BWB)

Einleitung

Konflikte unserer Mitarbeiter

Beweggründe zur Coaching-Ausbildung

Praktische Beispiele :
Fall 1:
Kurzbeschreibung Frau T.
Situationsbeschreibung Frau T.
Coaching Setting Frau T.
Tool: Wege zum Ziel Frau T.
Tool Installation einer Vision Frau T.
Resümee Frau T.
Fall 2:
Kurzbeschreibung Frau Ü.
Situationsbeschreibung Frau Ü.
Coaching Setting Frau Ü.
Tool Skalierung
Tool Tetra Lemma Frau Ü.
Fall 3:
Kurzbeschreibung Herr M.
Situationsbeschreibung Herr M.
Coaching Setting Herr M.
Tool Skalierung Herr M.
Tool Inneres Team Herr M.
Tool Tetra Lemma Herr M.
Tool Perspektivenrad Herr M.
Tool Zielematrix Hr. M.

Resümee

Einleitung

Zunächst muss beschrieben werden, was mein Beruf ist und welches meine Zielgruppe. In der Ausbildung gab es generell nur Beispiele für Business-Coaching auf der Leitungsebene und mit Führungskräften. Ich habe die Ausbildung absolviert, um mein Profil als Job Coach in den Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung (BWB) zu professionalisieren.

In der BWB sind z. Zt. 1540 Menschen mit Behinderung (im Folgenden Mitarbeiter genannt) an 13 Standorten berlinweit beschäftigt. Es sind hauptsächlich Menschen mit geistigen- und Mehrfachbehinderungen tätig. Eine Zweigstelle ist ausschließlich für Menschen mit psychischen Einschränkungen eröffnet worden.

Ich bin seit neun Jahren in der BWB tätig. Anfangs als Gruppenleiter in der Kunststoffspitzerei mit dem Betreuungsschlüssel 1:12[1] Berufsbegleitend absolvierte ich eine Sonderpädagogische Ausbildung[2]. Seit 2008 arbeite ich als Jobcoach im Integrationsmanagement der BWB. Wir sind für alle Mitarbeiter Ansprechpartner, die sich in der BWB bzw. einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) fehl am Platz fühlen oder die „mehr erreichen wollen“. Es werden auch Mitarbeiter von Gruppenleitern und Sozialarbeitern vorgeschlagen, die durchaus die Fähigkeiten hätten, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu arbeiten. Wichtigste Voraussetzung: Sie müssen es von sich aus wollen.

Weitere Details hierzu findet man unter http://www.bwb-gmbh.de/bildung/bwb-integrations-management/

Im Erstgespräch erstellen wir Kompetenzprofile der Mitarbeiter unter Berücksichtigung des Berufstätigkeitswunsches. Findet sich eine passende Stelle in unserem Bestand, so beginnen wir mit einem Praktikum. Wenn nicht, gehen wir für den Mitarbeiter auf Akquise.

Unser Konzept ist „Coaching on the Job". Das heißt, der Mitarbeiter bringt seine Kernkompetenzen (Pünktlichkeit, Motivation, evtl. minimale Grundkenntnisse) mit, der Rest wird bedarfsorientiert vor Ort geschult. Es wird der individuelle Bildungsbedarf ermittelt, die Schulungen und Kurse werden auch an anderen Standorten/Lernorten sowie bei externen Anbietern durchgeführt.

Die Bestimmung des Berufswunsches bereitet einigen Mitarbeitern Probleme. Sie kennen meist nur die Tätigkeiten aus den Werkstätten oder richten sich nach Berufen von Freunden, Bekannten oder Verwandten, ohne genau zu wissen, was sich dahinter verbirgt.

Andere wiederum haben bereits Erfahrungen in der freien Wirtschaft auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt gesammelt, die häufig mit Misserfolgserlebnissen einhergingen. Sie wurden auf Grund ihrer Lerneinschränkung oder Behinderung diskriminiert, überfordert oder gemobbt. Damals gescheitert, haben die Mitarbeiter häufig Angst davor, nochmals zu versagen oder ähnliches noch einmal erleben zu müssen.

Eine Besonderheit stellen unsere Klienten mit psychischen Einschränkungen dar. Sie haben teilweise mehrere Universitätsabschlüsse oder waren Führungskräfte in Top-Unternehmen der Wirtschaft. Durch Burn-out, Mobbing, Suchtverhalten oder andere negative Umwelteinflüsse haben sie dem Druck nicht mehr Stand gehalten und sind nach längerer psychiatrischer Behandlung in einer WfbM eingegliedert worden. Einige von ihnen wünschen sich wieder den Sprung in die „Normalität“, das heißt zurück auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu schaffen. Auch sie erfahren die Unterstützung des Integrationsmanagements. Nach einer intensiven Vorbereitungsphase, bei der wir die Wünsche des Mitarbeiters mit den Anforderungen der künftigen Arbeitsstelle abgleichen, die Kollegen in der Firma vorbereiten und beraten und unter Umständen schulen, beginnt der Mitarbeiter seine Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Während der ganzen Zeit stehen ihm die Jobcoaches mit Rat und Tat zur Seite (in der Regel mindestens 1x/Woche, im Bedarfsfall auch häufiger).

Konflikte unserer Mitarbeiter

Nun geschieht es häufig, dass Mitarbeiter, welche bereits durch uns in Firmen des allgemeinen Arbeitsmarktes betreut werden, in Gewissenskonflikte geraten. Ist das der richtige Job für mich? Möchte ich hier bleiben? Was ist mit meinem sozialen Netzwerk in der WfbM? Traue ich mir zu einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsvertrag zu unterzeichnen?

Auch kommt es vor, dass Mitarbeiter einen Arbeitsvertrag angeboten bekommen, kurz vorher aber „plötzlich" in einen gänzlich anderen Beruf gehen wollen und alles abbrechen.

Ein Großteil unserer Mitarbeiter hat von Kindheit an den „Stempel auf der Stirn", dass sie eine Behinderung haben und nichts alleine schaffen können. Sie durchlaufen Sonderschulen, kommen dann in die WfbM. Ihre Entwicklung wurde also u.U. mehr behindert, als sie selbst es tatsächlich sind. Lange Zeit war die WfbM dann Endstation. Wurde man erst einmal in einer Werkstatt eingegliedert, war es fast unmöglich, wieder herauszukommen. Dank der UN-Konventionen[3] und der neuen Vorgaben der Agentur für Arbeit[4] öffnen sich die Werkstätten und werden durchlässig. Menschen, die nie eine Chance bekommen haben oder denen man dies nie zugetraut hat (! ), bekommen nun die Chance, ihrem Traum nachzugehen, auf eigenen Beinen zu stehen, teilzuhaben und einer „ganz normalen“ Tätigkeit nachzugehen, eigenes Geld zu verdienen und von den Ämtern unabhängig zu sein. Dies kann für einige Mitarbeiter allerdings auch eine Überforderung darstellen, die Konflikte und Entscheidungsschwierigkeiten mit sich bringt.

Beweggründe zur Coaching-Ausbildung

Ein großer Teil meiner Tätigkeit als Job Coach besteht aus Beratungen: Beratung der Firmen des allgemeinen Arbeitsmarktes, Beratung der Mitarbeiter, ihrer Betreuer und der Kostenträger. Vor allem in Gesprächen mit den Mitarbeitern ist es von Bedeutung, sich klarzumachen, dass diese Menschen aufgrund ihrer Behinderung häufig bevormundet und nur selten tatsächlich als eigenständige, erwachsene Menschen behandelt wurden.

Einige unserer Mitarbeiter haben jahrelange Therapieerfahrungen. Teilweise wurden - und werden - sie jahrzehntelang therapeutisch begleitet. Bei einigen von ihnen sagen selbst unsere Psychologen, dass sie „austherapiert“ seien. Sie wissen genau, was der Therapeut hören möchte. Manch einer hat auf Grund seiner Therapieerfahrung fast annähernd so viel therapeutisches Wissen wie ein Profi. Sie wissen genau, was sie antworten müssen, um „in Ruhe gelassen zu werden“, welche Antworten man wie gibt, um selbstsicher zu wirken. Sie sind wahre Talente darin geworden, ihre eigenen inneren Interessen, Wünsche und Bedürfnisse auszublenden, wenn sie einen Schritt machen, bei dem sie glauben, dass das Umfeld diesen erwartet. So sagen sie bei Arbeitsangeboten zu, welche sie überhaupt nicht interessieren. Dies merkt man aber oftmals erst nach gescheitertem Praktikum und Auswertungsgesprächen.

Aber wie bekommt man Menschen dazu, sich ihre eigenen Fragen selbst zu beantworten? Wie erkennen sie selbst, was für sie am besten ist - welche Entscheidung sie treffen wollen? Wie bringt man einen Menschen mit den genannten Therapieerfahrungen dazu, seine eigenen Wünsche zu äußern und seine eigenen Wege zu gehen?

Diese Fragen beschäftigten mich und führten schließlich dazu, meine Ausbildung zum systemischen Business Coach zu absolvieren.

Durch die in der Ausbildung erworbenen Fähigkeiten möchte ich unseren Mitarbeitern dabei helfen, mit meiner Unterstützung den eigenen Berufswunsch festzustellen und zu formulieren, bei schwierigen Entscheidungen (wie etwa vor der Unterschrift unter einen Arbeitsvertrag) die Mitarbeiter durch Coaching unterstützen, evtl. auch herausarbeiten, dass sie noch nicht so weit sind und dies sich auch selbst einzugestehen.

Für die oben genannten Mitarbeiter möchte ich Tools anbieten, durch welche sie lernen ihre eigenen Wünsche zu äußern und diesen - im Rahmen ihrer Fähigkeiten und des Realitätsbezuges - nachzugehen.

Auf Grund der unterschiedlichsten Behinderungen, geistigen Einschränkungen oder psychischen Erkrankungen ist es sehr spannend, die erlernten Tools für die Mitarbeiter so umzuformulieren, dass wir mit diesen angepassten Werkzeugen arbeiten können.

In dieser Arbeit beschreibe ich einige bereits praktizierte Coaching Settings mit Menschen mit einer psychischen Einschränkung und/oder geistiger Behinderung. Alle Namen wurden aus Datenschutzgründen verfremdet und abgekürzt. Während und nach der Coachings erhielt ich Unterstützung von unseren hausinternen Psychologen. Mit ihnen wurden keine Details abgesprochen, sondern nur die Rahmenbedingungen. Mir war und ist es wichtig, eine klare Grenze zwischen Coaching und Therapie zu ziehen. Diese ist jedoch auf Grund der Krankheitsbilder teilweise schwer zu erkennen und benötigt professionelle Unterstützung und Begleitung.

Da diese Arbeit für Leser aus der Coaching-Praxis verfasst ist, beschreibe ich nicht detailliert die angewendeten Tools, sondern nur deren Ablauf im Setting und ihre Wirkung. Die genauen Toolbeschreibungen finden sich in der Fachliteratur.[5]

Praktische Beispiele :

Fall 1:

Frau T., 43 Jahre, seit 13 Jahren in einer WfbM, psychische Erkrankung u.a. durch Alkoholabhängigkeit und Drogenkonsum. Das Krankheitsbild äußert sich durch Ängste, Sozialphobie, kein Selbstwertgefühl, kein Selbstbewusstsein, Unsicherheit in allen Lebenslagen. Seit zweieinhalb Jahren bin ich ihr Job Coach.

Kurzbeschreibung Frau T.

Frau T. arbeitet seit zweieinhalb Jahren auf einem ausgelagerten Werkstattarbeitsplatz in einer Bibliothek. Hier entwickelte sie sich sehr schnell und integrierte sich gut in das Team. Sie übernahm Aufgaben mit hoher Verantwortung. Auf Grund ihrer Einschränkung war dies bis vor ca. zwei Jahren ein undenkbarer Prozess.

Situationsbeschreibung Frau T.

Frau T. vertritt zunehmend ihre Wünsche und Bedürfnisse. Dies gelingt ihr jedoch nur im beruflichen Umfeld. Im privaten Bereich lebte sie seit mehr als 6 Jahren mit einem Schwerstalkoholiker mit zunehmender Aussetzung der Organfunktionen zusammen in einer kleinen 1- Zimmer Wohnung. Sie geriet immer wieder in eine Co- Abhängigkeit.

Generell ist es in meinem Job wichtig, Berufliches und Privates zu trennen. Da es auf Grund der häuslichen Situation jedoch auch im beruflichen Umfeld zu Spannungen und Konzentrationsschwierigkeiten kam, beschloss ich in Absprache mit ihr sie zu coachen und herauszufinden, was für sie wichtig ist.

[...]


[1] Es gibt unterschiedliche Betreuungsschlüssel. Diese sagen etwas über den Grad der Behinderung des Mitarbeiters aus. 1 Gruppenleiter für 12 Mitarbeiter = 1:12. Es gibt z.Zt. die Betreuungsschlüssel 1:12, 1:9; 1:6 und 1:3 in der BWB

[2] Auch SPZ (Sonderpädagogische Zusatzausbildeng) bzw. FAB (Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung)

[3] Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung, Artikel 26, Habilitation und Rehabilitation, Absatz 2, Uno- Generalversammlung, New York 2006

[4] http://www.arbeitsagentur.de/nn_165870/zentraler-Content/HEGA-Internet/A03-Berufsberatung/Dokument/HEGA-06-2010-Fachkonzept-WfbM.html, 26.09.2012, 9:53

[5] Z.B. „Coaching Tools Band I“, Christopher Rauen (Hrsg.), managerSeminare Verlags GmbH, 7.Aul.2011 oder “Coaching Tools Band II”, Christopher Rauen (Hrsg.), managerSeminare Verlags GmbH,2. Überarbeitete Auflage 2011 oder “Beratung ohne Ratschlag”, Sonja Radatz, Verlag systemisches Management, 2008

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Business Coaching bei Menschen mit psychischer und/oder geistiger Behinderung
Untertitel
Unmöglich oder mögliche Alternative?
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Innovative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie)
Veranstaltung
Business Coaching
Autor
Jahr
2012
Seiten
27
Katalognummer
V231836
ISBN (eBook)
9783656502739
ISBN (Buch)
9783656504801
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Business Coaching, Personal Coaching, psychise, Behinderung, geistige Behinderung, psychische Erkrankung, WfbM, Wersktatt für Menschen mit Behinderung, Jannasch Coaching, systemisches Coaching, Freie Universität Berlin
Arbeit zitieren
Jens Jannasch (Autor), 2012, Business Coaching bei Menschen mit psychischer und/oder geistiger Behinderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231836

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