„Der Sprachtheoretiker gebraucht ständig und liest allenthalben
das Fachvokabel 'produktiv', das wegen seiner differenzierten Bedeutung und zahlreicher Implikationen nur mit äußerster Vorsicht zu verwenden ist und in jedem Einzelfall nach der terminologischen Goldwaage verlangt.“ (Oswald Panagl 1982: 225)
Das obige Zitat Panagls macht sehr deutlich, wie schwierig es ist, den Begriff 'Produktivität' richtig zu definieren und zu verwenden. Diese Arbeit, die sich der Produktivität des Kompositionstyps V+N widmet, untersucht zunächst einige deren Definitionen und weitere Aspekte wie Verfügbarkeit und Ergiebigkeit. Im Folgenden wird der Frage nachgegangen, ob und wie Produktivität messbar ist, wonach auch die Unterscheidung synchron / diachron eine Rolle spielen wird. Nachdem die Produktivität selbst Thema war, soll diese nun speziell auf die Komposition bezogen werden; dazu beschäftigt sich diese Arbeit im zweiten Kapitel mit Eugenio Coserius Artikel über den Typ coupe-papier. Abschließend wird das Verfahren der Komposition selbst anhand wichtiger Aspekte wie deren Definition oder der Einteilung in Exo- und Endozentrika untersucht sowie auf die beiden beteiligten Elemente in diesem Typ im Detail eingegangen. Nun soll es aber erst einmal um die Produktivität gehen:
Für Martin Haspelmath (2002) ist ein Prozess dann produktiv, wenn man ihn auch auf neue Fälle anwenden kann, was bedeutet, dass es möglich ist, ihn zur Bildung neuer Wörter zu verwenden. Analog dazu geht er auch auf den gegenteiligen Fall ein: Unproduktiv ist ein Prozess dann, wenn er nicht dazu verwendet wird oder nicht imstande ist, neue Wörter zu bilden. Zudem bringt Haspelmath den Sprecher einer Sprache mit ins Spiel, denn nicht nur ist jeder in der Lage, intuitiv die Wahrscheinlichkeit einer Neubildung vorherzusagen, sondern jeder besitzt Wissen über die Produktivität von Wortbildungsprozessen. Ist eine Regel sehr produktiv, dann werden Neologismen vom Sprecher kaum als solche wahrgenommen, weil jene sich perfekt z.B. in die Restriktionen der Bildungsbeschränkungen einer Sprache anpassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Produktivität
1.1 Definition(sversuche) und Schwierigkeiten
1.2 Haspelmath: Kreativität und Analogie
1.2.1 Mögliche, tatsächliche und okkasionelle Wörter
1.2.2 Beschränkungen
1.3 Thornton: Verfügbarkeit und Ergiebigkeit
1.4 Messung der Produktivität und Schwierigkeiten
1.4.1 Synchronie und Diachronie
2. Coserius Artikel über Wortbildungslehre
3. Der Typ coupe-papier
3.1 Art des Verfahrens und Definition
3.1.1 Abgrenzung zur syntaktischen Fügung
3.2 Transparenz und Vielseitigkeit
3.3 Exozentrisch / Endozentrisch
3.4 Das Verb in diesem Kompositionstyp
3.5 Das Nomen in diesem Kompositionstyp
4. Fazit
5. Quellenangabe
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit widmet sich der Produktivität des Kompositionstyps V+N im Französischen und Italienischen. Das zentrale Ziel ist es, Definitionen von Produktivität kritisch zu hinterfragen, Messmethoden zu untersuchen und die strukturellen Merkmale dieses speziellen Kompositionstyps unter Einbeziehung linguistischer Theorien zu analysieren.
- Grundlagen und Definition der morphologischen Produktivität
- Methoden der Produktivitätsmessung (Typen- vs. Tokenfrequenz)
- Analyse des Kompositionstyps V+N (coupe-papier) nach Eugenio Coseriu
- Unterscheidung von endozentrischen und exozentrischen Konstruktionen
- Rolle des Verbs und Nomens innerhalb des Kompositionstyps
Auszug aus dem Buch
1.2.1 Mögliche, tatsächliche und okkasionelle Wörter
Zunächst, so Haspelmath (2002), ist es für Morphologen wichtig, mögliche Wörter unabhängig davon zu untersuchen, ob diese jemals wirklich von vielen Sprechern einer Sprache benutzt werden oder nicht. Das Entscheidende ist daher nicht die Performanz (was tatsächlich realisiert wird), sondern die Kompetenz (Sprachfähigkeit; was man alles systemgemäß kreieren könnte; laut Chomsky das unbewusste Wissen eines jeden Sprechers über seine Sprache). Ein Wort ist möglich, wenn es nach den Wortbildungsregeln einer Sprache gebildet werden könnte; es also keine Restriktionen verletzt, worauf später ausführlicher eingegangen wird. Obwohl es bei möglichen Wörtern also keine Regel gibt, die eine solche Bildung verbietet, würde sich ein Sprecher nicht für diesen Neologismus entscheiden, weil es für ihn seltsam klingt. Der unregelmäßige Plural im Englischen kann dies am Beispiel des Wortes ox zeigen, dessen Plural oxen ist. Analog zu fox – foxes wäre auch oxes ein mögliches Wort. Die Klassifikation eines Wortes zur Gruppe der Möglichen ist aber keine endgültige. Durch Sprachwandel können sie zu tatsächlichen Wörtern werden, müssen dies jedoch nicht.
Tatsächliche Wörter werden nach den Wortbildungsregeln einer Sprache gebildet. Jeder Sprecher kennt sie gut und benutzt sie, denn sie sind zu einem festen Bestandteil dieser Sprache geworden. Die meisten Morphologen beschränken sich laut Haspelmath darauf, nur diese Wörter zu untersuchen. Ein Wort als ein tatsächliches zu bestimmen kann auch Schwierigkeiten bereiten, wenn etwa ein Wort nur ein einziges Mal benutzt wurde, denn hier ist es kaum plausibel zu sagen, es sei ein Teil der Sprache geworden. Aus diesem Grund unterscheidet man noch die okkasionellen Wörter, welche zumindest einmal in einer Sprache benutzt wurden, es aber nicht geschafft haben, sich durchzusetzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Produktivität: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der Produktivität, beleuchtet Konzepte wie Kreativität, Analogie und die Unterscheidung zwischen möglichen, tatsächlichen und okkasionellen Wörtern sowie deren Beschränkungen.
2. Coserius Artikel über Wortbildungslehre: Hier wird der Beitrag von Eugenio Coseriu zum Wortbildungstyp coupe-papier vorgestellt, wobei insbesondere die inhaltliche Wortbildungslehre und die Trennung von Bedeutung und Bezeichnung hervorgehoben werden.
3. Der Typ coupe-papier: Das Kapitel bietet eine detaillierte Analyse des V+N-Kompositionstyps, untersucht Kriterien wie Transparenz, Exozentrizität sowie die morphologischen und syntaktischen Eigenschaften der beteiligten Verben und Nomen.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und bestätigt die hohe Produktivität des V+N-Typs, betont jedoch die Schwierigkeiten bei der präzisen Messung und Definition.
5. Quellenangabe: Auflistung der im Text verwendeten Literatur.
Schlüsselwörter
Produktivität, Wortbildung, Komposition, V+N, coupe-papier, Morphologie, Sprachwissenschaft, Neologismen, Verfügbarkeit, Ergiebigkeit, Typenfrequenz, Tokenfrequenz, Synchrone Sprachbetrachtung, Diachronie, Exozentrizität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der morphologischen Produktivität, insbesondere im Kontext des Kompositionstyps V+N (Verb+Nomen) in romanischen Sprachen wie Französisch und Italienisch.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die theoretische Definition von Produktivität, Methoden zur Messung sprachlicher Produktivität und die linguistische Analyse des Kompositionstyps coupe-papier.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die kritische Auseinandersetzung mit Produktivitätsdefinitionen und die differenzierte Untersuchung der strukturellen Merkmale und Verwendungsweisen des Kompositionstyps V+N.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine literaturgestützte, theoretische Untersuchung, die morphologische Theorien (u.a. Haspelmath, Coseriu, Booij, Thornton) vergleicht und auf konkrete Sprachbeispiele anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine allgemeine theoretische Diskussion zur Produktivität (Kapitel 1), eine Auseinandersetzung mit Coserius Ansatz (Kapitel 2) sowie eine detaillierte strukturelle Analyse des V+N-Typs (Kapitel 3).
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Produktivität, Komposition, Morphologie, V+N, Exozentrizität und Sprachwandel charakterisiert.
Wie unterscheidet Haspelmath zwischen kreativen und analogen Wortbildungen?
Haspelmath unterscheidet, dass kreative Neologismen auf einem unproduktiveren Muster basieren und bewusst gebildet werden, während Wortbildungen durch Analogie auf dem Modell eines einzelnen bestehenden Wortes beruhen.
Warum stellt die diachrone Betrachtung der Produktivität eine Herausforderung dar?
Eine rein diachrone Messung ist schwierig, da sie faktisch eine Sukzession von synchronen Schnitten darstellt und es komplex ist, einen tatsächlichen Zeitverlauf der Produktivitätsveränderung präzise zu isolieren.
Welches Problem besteht bei der Identifizierung des verbalen Elements im Typ coupe-papier?
Es ist linguistisch umstritten, ob das Verb als Imperativ, als dritte Person Singular Indikativ Präsens oder als reiner Verbstamm zu analysieren ist, da alle drei Ansätze sowohl Argumente als auch Gegenbeispiele aufweisen.
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- Manü Mohr (Author), 2012, Die Produktivität am Beispiel des Kompositionstyps coupe-papier, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231875