Das Werk Educazione siberiana von Nicolai Lilin ist ein autofiktionaler Roman1, der 2009 von dem in Transnistrien aufgewachsenen und 2003 nach Italien eingewanderten Nicolai Lilin
auf Italienisch geschrieben wurde. Vor allem in den ersten zwei Kapiteln – diese werden in dieser Arbeit exemplarisch berücksichtigt –, die der einführenden Rahmenhandlung folgen, sind wichtige Momente enthalten, die eine auf Mündlichkeit basierende Erziehung Lilins nebenbei aufzeigen. In einer Buchvorstellung2 erklärt er immerhin, dass er sich beim Schreiben des Werkes eine Person vorgestellt habe, der er seine Lebensgeschichte erzählen würde. Inwiefern die Mündlichkeit für das Werk von Bedeutung ist, das zeigt schließlich die zentrale darauf aufbauende Mis-en-abyme-Struktur des Romans, die es hier zu untersuchen gilt.
Bei der Untersuchung des Romans soll nicht die histoire, also die Geschichte, die Handlung, im Vordergrund stehen, das Augenmerk soll vielmehr auf den discours gerichtet sein. Zudem wird in dieser Arbeit den Strukturen der Anordnung Beachtung geschenkt, weiter sollen diesbezüglich mögliche Parallelen zur Tätowier-Kunst untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Mis-en-abyme und Oralität
2.1. Folklore und mündliche Überlieferung in Educazione siberiana
2.2. Gesprochene Sprache in Educazione siberiana
3. Mis-en-abyme in der Kunst des Tätowierens
3.1. Anordnungsmuster in Educazione Siberiana
4. Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit analysiert die spezifische Mis-en-abyme-Struktur in Nicolai Lilins autofiktionalem Roman "Educazione siberiana". Ziel der Untersuchung ist es, aufzuzeigen, wie Mündlichkeit und die Kunst des Tätowierens als autoreferentielle Spiegelungsmechanismen innerhalb der Erzählstruktur fungieren und wie sich der Text sprachlich sowie strukturell an Formen des gesprochenen Italienisch annähert.
- Untersuchung der Mis-en-abyme-Struktur durch intradiegetische Oralität.
- Analyse der Rolle von Folklore, Mythen und Volksliedern in der Erziehung des Protagonisten.
- Untersuchung sprachlicher Merkmale des gesprochenen Italienisch im narrativen Kontext.
- Vergleich der Kompositionsstrukturen des Schreibens mit der Kunst des sibirischen Tätowierens.
- Erörterung der Funktion von deskriptiven Einschüben und auktorialen Anmerkungen.
Auszug aus dem Buch
Mis-en-abyme und Oralität
Im Folgenden soll aufgezeigt werden, inwiefern eine Mis-en-abyme-Struktur durch die Oralität intradiegetisch und in der Sprache des Erzählers zum Ausdruck kommt. Zunächst einmal ist zu sagen, dass innerhalb des Diskurs II bleibend, der Erzähler ein autodiegetischer Erzähler ist. D.h. der Erzähler ist als Hauptfigur in der Handlung, bzw. in der in dieser dargestellten Erörterung vertreten und nimmt daran selber teil.
Das zentrale Moment in ES (=Educazione siberiana), das ziemlich offenkundig eine Mis-en-abyme-Struktur zu erkennen gibt, ist die Stelle in der Nicolai Puškins Ballade vom Ertrunkenen singt (vgl. S. 27-28). Der selbstreferentielle Charakter, drückt sich hierbei – obgleich die Ballade Puškins literarischer Natur ist – nicht durch Intertextualität im üblichen Sinne oder durch Bezugnahme auf Schriftlichkeit aus, sondern durch die Einbindung von Mündlichkeit. Die in diesem Falle eine Mis-en-abyme hervorrufende Autoreferentialität (=Selbstreferentialität) wird zudem durch die Aussage des Erzählers bekräftigt, er habe sich dabei wie ein Protagonist gefühlt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des autofiktionalen Romans sowie Einführung in die zentrale Fragestellung der Mis-en-abyme-Struktur und deren Verbindung zur Mündlichkeit.
2. Mis-en-abyme und Oralität: Untersuchung der autoreferentiellen Spiegelung durch mündliche Überlieferung und sprachliche Merkmale des gesprochenen Italienisch.
2.1. Folklore und mündliche Überlieferung in Educazione siberiana: Analyse der Bedeutung von Volksliedern, Märchen und Sagen für die Erziehung des Protagonisten sowie deren Funktion als narrative Elemente.
2.2. Gesprochene Sprache in Educazione siberiana: Erläuterung der Annäherung des Erzählstils an das gesprochene Italienisch unter Verwendung spezifischer linguistischer Marker.
3. Mis-en-abyme in der Kunst des Tätowierens: Darstellung der Parallelen zwischen den Kompositionsweisen des Schreibens und der sibirischen Tätowierkunst als Form der Selbstreferentialität.
3.1. Anordnungsmuster in Educazione Siberiana: Detaillierte Untersuchung des Wechsels zwischen szenischem Erzählen und Bericht sowie der Rolle deskriptiver Einschübe.
4. Schluss: Zusammenfassung der Ergebnisse hinsichtlich der Spiegelungsstrukturen zwischen Literatur und Tätowierkunst sowie der Bedeutung der Mündlichkeit.
Schlüsselwörter
Mis-en-abyme, Educazione siberiana, Nicolai Lilin, Autofiktion, Oralität, Mündlichkeit, Tätowierkunst, Autoreferentialität, Sibirische Erziehung, Erzählstruktur, Italienisch, Folklore, Narratologie, Diskurs, Transnistrien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert die literarische Struktur des Romans "Educazione siberiana" von Nicolai Lilin und fokussiert dabei insbesondere auf das Konzept der Mis-en-abyme.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Schnittstellen von Mündlichkeit (Oralität), der Kunst des sibirischen Tätowierens und der autofiktionalen Erzählweise des Autors.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll nachgewiesen werden, wie Lilin durch Spiegelungsstrukturen und eine Nähe zur gesprochenen Sprache eine komplexe, autoreferentielle Erzählform erschafft.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit bedient sich narratologischer Analysetools, insbesondere basierend auf den Theorien von Gérard Genette, um die "histoire" vom "discours" zu unterscheiden und Spiegelungseffekte zu identifizieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der mündlichen Überlieferung und Folklore, die sprachliche Untersuchung des imitierten gesprochenen Italienisch sowie den Strukturvergleich mit der Tattoo-Kunst.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Mis-en-abyme, Autofiktion, Oralität, Autoreferentialität und die spezifischen Anordnungsmuster, die Literatur und Tätowierung verbinden.
Inwiefern spielt die Tattoo-Kunst eine Rolle für die Struktur des Romans?
Der Autor nutzt die Kompositionstechniken der sibirischen Tätowierungen, wie etwa Querverweise und deskriptive Einschübe ("Farben" und "Flügel"), als Analogie für den Aufbau seiner Erzählsegmente.
Warum ist das Lied über den "cappello a otto triangoli" so wichtig?
Dieses Lied dient als Beispiel für die Einbindung von Mündlichkeit und stellt gleichzeitig eine Mis-en-abyme dar, da es die Thematik des Todes aufgreift, die sich auch in realen Erlebnissen des Protagonisten spiegelt.
- Arbeit zitieren
- Paolo Parisi (Autor:in), 2013, Mis en Abyme in "Educazione Siberiana" von Lilin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231985