Die Macht der Diskursanalyse

Zum Einfluss des Foucaultschen Denkens auf moderne kritische Theorie


Bachelorarbeit, 2011
40 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Bedeutung der Diskursanalyse

3 Machtzugang in der Diskursanalyse bei Foucault
3.1 Die Macht im Untersuchungsfeld der foucaultschen Diskursanalyse
3.2 Strategischer Zugang zur Macht

4 Machteffekte der produktiven Macht
4.1 produktive Macht statt subjektivistische Theorien
4.2 Episteme statt Erkenntnisfähigkeit
4.3 Dispositiv statt Handlungsfähigkeit
4.4 Selbsttechniken statt Identität

5 Fazit

Literatur

1 Einleitung

Die Diskursanalyse foucaultscher Prägung ist angetreten mit einer Kritik eines fina- listischen Wissensbegriffs. Das Machtstreben der Wissenschaft sei maßgeblich für die Disqualifizierung nicht wissenschaftlichen Wissens als Wissen verantwortlich (Foucault 1999: 18f). Es müsse daher darum gehen: „ lokale, unzusammenhängende, disqualifi- zierte, nicht legitimierte Wissen gegen die theoretische Einheitsinstanz ins Spiel zu bringen “ (Foucault 1999: 19) und „ ausgehend von solchermaßen beschriebenen lokalen Diskursivitäten, die sich auftuenden und aus der Unterwerfung befreiten Wissen spielen zu lassen “ (Foucault 1999: 20). Doch längst hat die Diskursanalyse den Status einer „Anti-Wissenschaft“ verloren, hat sich nicht nur in verschiedensten Disziplinen etabliert, sondern hat sogar einen gewissen Rang unter den Untersuchungsmethoden erhalten. Es sollte daher in foucaultscher Manier darum gehen, zu untersuchen, welche Machttechniken im Theorieansatz dies möglich machten. Eine solche Fragestellung ist insbesondere deshalb relevant, da sie die Verbindung von Macht-Wissen in der eigenen von Foucault ausgehenden Theorietradition zum Gegenstand macht. Die Methode Diskursanalyse soll daher so befragt werden, wie Foucault in Bezug auf die Machtten- denzen des Marxismus, fragt: „ Welche Arten von Wissen wollt ihr mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit disqualifizieren? [ … ] welches Subjekt der Erfahrung und des Wissens wollt ihr minorisieren, wenn ihr sagt: › ich, der ich diesen Diskurs halte, halte einen wissenschaftlichen Diskurs und bin ein Wissenschaftler ‹ ? “ (Foucault 1999: 18f). Kurz gesagt: Was ermöglicht es der Diskursanalyse, mit anderen Wissenschaften zu konkurrieren? Foucault liefert bereits Gründe, warum eine solche Problematisierung immer wieder aus dem Blick gerät. Dazu gehört, dass es einen hohen Einsatz gibt, der „ bei diesem Aufstand der Wissen gegen die Institutionen und die Wissens- und Machteffekte des wissenschaftlichen Diskurses auf dem Spiel steht “ (Foucault 1999: 22). Die Diskursanalyse war gerade durch ihren Anspruch als Gegenwissenschaft in der Lage, durch Angriffe und Minorisierungen anderer Fragestellungen, einen Platz im etablierten wissenschaftlichen Feld einzunehmen.

Es soll nun gezeigt werden, dass sich die Machteffekte der Diskursanalyse nicht mit ihrer Etablierung erledigt haben, sondern sich durch den Weg ihrer Etablierung in die methodische Fundierung der Diskursanalyse eingeschrieben haben. Es gilt also, eine methodologische Rekonstruktion der Diskursanalyse vorzunehmen, die den Ursprung dieser Machteffekte in den Blick nimmt und anhand von Kompatibilitätsproblemen mit verschiedenen anderen Theorien darstellt. Es steht außer Frage, dass es auch zahlreiche Anknüpfungspunkte und Kontinuitäten gibt. Diese erklären jedoch nicht, den Eigenwert einer Theorie im wissenschaftlichen Feld. Die Prüfung auf Machteffekte ist daher nicht als Konsistenzprüfung gedacht, sondern versucht umgekehrt die Methode auf dem Weg immanenter Kritik nachzuverfolgen, um deren Eigenwert in Abgrenzung zur überkommenen Theorietradition in den Blick zu bekommen. Die Kürze dieser Untersuchung erzwingt dabei eine weitgehende Beschränkung auf das Werk von Foucault, soll aber als Vorarbeit für eine Untersuchung gegenwärtiger diskursanalytischer Ansätze und deren Machteffekte im wissenschaftlichen Feld gesehen werden.

Von Diskursanalyse im Allgemeinen zu sprechen, ist natürlich sehr schwierig. Die Diskursanalyse ist derzeit weit verbreitet und existiert in verschiedenen Strömungen. Es wird daher mit einer kurzen Verortung der Foucaultschen Diskursanalyse begonnen, die aber auch dessen zentrale Stellung für den Einfluss der Diskursanalyse als ganzes hervorheben soll (Kapitel 2). Es ist nicht Ziel der Untersuchung, die Plausibilität oder Konsistenz von Foucault zu evaluieren, dennoch ist dazu eine gewisse hermeneutische Betrachtung des Foucaultschen Werkes notwendig. Um Unterstellung einer externen Perspektive zu vermeiden, wird versucht eine methodische Nachverfolgung der Theo- riekonstruktion abzubilden. Dabei steht die Entwicklung eines produktiven Machtbegriffes im Zentrum, dessen Funktion zentral für die foucaultsche Diskursana- lyse und dessen Kompatibilitätsprobleme ist (Kapitel 3). Die Implikationen dieser theoretischen Konstruktion zeigen sich in den Inkompatibilitäten mit anderen Ansätzen oder Fragestellungen. Vor allem die Konzeption subjektivistischer Theorien steht im Gegensatz zur Diskursanalyse. Daher liegt der Schwerpunkt in der Darstellung der Ausschlussmechanismen im Zuge der Problematisierung des Subjekts einerseits (Kapitel 4.1) und dessen Eigenschaften andererseits (Kapitel 4.2-4.4).

2 Bedeutung der Diskursanalyse

Die zunehmende gesellschaftliche Bedeutung von Kommunikationsprozessen, hat diese auch in den Fokus des gesellschaftlichen Interesses gehoben. Dieser Prozess hat neue soziale Phänomene erzeugt oder zumindest sichtbar gemacht. Es gibt nunmehr einen (normativen) Anspruch an reflexives Handlungswissen, diskursive soziale Kontrolle oder auch ein Verständnis von einem Kampf um Deutungsmacht. Die gestei- gerte gesellschaftliche Relevanz führte daher zur Versuchung der bewussten Reflexion und Gestaltung dieser Prozesse, als auch zu Theorien über deren Eigengesetzlichkeit. Diese Relevanzverschiebung hatte einen „cultural turn“ zur Folge (Keller et al. 2001: 7f). Die Diskursanalyse ist daher nicht nur ein theoretisches Konzept, sondern Ausdruck der modernen Wissensgesellschaft. Entsprechend umfassend und vieldeutig ist der Begriff der Diskursanalyse. Es lassen sich grob vier Hauptlinien unterscheiden: ‚discourse analysis‘, ‚Diskursethik‘, ‚Diskurstheorie‘ und ‚kulturalistische Diskursana- lyse‘ (Keller et al. 2001: 10). Unter der ‚discourse analysis‘ wird im angelsächsischen Raum vor allem eine Gesprächs- und Kommunikationsanalyse verstanden. In der deut- schen Sozialphilosophie um Jürgen Habermas wird von einer Diskursethik gesprochen. Dabei sind Diskurse kommunikative Werkzeuge einer Verfahrensgerechtigkeit im Rahmen eines idealtypischen herrschaftsfreien Diskurses. Die ‚kulturalistische Diskurs- analyse‘ untersucht hingegen kulturelle Eigenarten von Diskursen, betont dabei aber ebenfalls eine handlungstheoretische und hermeneutische Perspektive. Ganz anders als in den bisher erwähnten Begriffsweisen, wird der Diskurs in der Tradition von Saussure, Derrida und Lacan begriffen. Der Diskurs wird hier in der konkreten Sprechpraxis, in Hinblick auf deren Funktionsweise von Ideologie und Wissen, analysiert. In diese Linie fällt auch das Diskursverständnis von Foucault, dessen Konzeption und umfassender Analyseanspruch die Diskursanalyse erst zu einer prominenten sozialwissenschaftlichen Theorie gemacht hat. Der Diskursbegriff wird dabei in einer allgemeineren Diskurs- theorie verortet und damit zu einem eigenen Gegenstand (Keller et al. 2001: 11ff). Kommunikationsbeziehungen setzen bereits zweckrationales Handeln voraus und erzeugen Machteffekte durch die Berufung auf Rationalität (Foucault 2005a: 283, 290f). Rationales Wissen wird dabei nicht mehr als Abbild der gesellschaftlichen Wirklichkeit verstanden, sondern als Produkt einer ständig umkämpften diskursiven Praktik, die die Wirklichkeit selbst hervorbringt (Keller et al. 2001: 10ff). Rationalität und rationales Wissen können daher nicht einfach vorausgesetzt werden, sondern werden in spezifi- schen Feldern als je spezifische Rationalitäten hergestellt und verteidigt (Foucault 2005a: 272). Diese umkämpften Felder umschließen und konstituieren dabei das, was als Wissen und Macht bekannt ist. Die Bezeichnung ‚gesellschaftlich relevantes Wissen’ oder der Anspruch ‚wahr‘ zu sein, ist in dieser diskursiven Sichtweise nur innerhalb eines Diskurses sinnvoll1.

Entsprechend zentral ist die Verbindung von Wissen und Macht bei Foucault. Dieser spezifische Anspruch an den Machtbegriff in der foucaultschen Diskursanalyse soll im folgenden Abschnitt behandelt werden.

3 Machtzugang in der Diskursanalyse bei Foucault

In diesem Abschnitt soll die spezifische Perspektive der Fragestellung der Diskurs- analyse bei Foucault dargestellt und dabei die Bedeutung eines besonderen Machtbegriffes aufgezeigt werden. Dabei ist der Machtbegriff wesentlicher Teil des Analysegegenstandes und kann daher nicht in einer Definition vorweggenommen werden (Foucault 1999: 23; Ruoff 2007: 152). Allerdings versucht Foucault den Analy- segegenstand auf eine bestimmte ‚produktive‘ Weise zu fassen, sodass eine methodische Engführung erfolgt und bestimmte Bedeutungsmuster ausgeschlossen werden. Das bedeutet aber nichts anderes, als dass die Diskursanalyse selbst bestimmte Machteffekte erzeugt, indem sie bestimmte Zugänge zur Macht zurückweist und dadurch Fragestel- lungen ausschließt. Die Kompatibilitätsprobleme der Diskursanalyse werden daher vor allem durch die methodische Umsetzung der Erkenntnisabsicht eines produktiven Machtbegriffes hervorgerufen. Im Zuge dieser methodischen Entwicklung werden bedeutende Vorannahmen für die gesellschaftliche Wissens- und Gesellschaftskonstitu- tion getroffen, die die Macht zu einer unhintergehbaren Berufungsinstanz werden lässt, die zwischen den Menschen angesiedelt wird und so der Betrachtung sozialer Phänome im Wege steht.

Um diese These zu belegen soll gezeigt werden, dass die Diskursanalyse ein Instru- mentarium zur Analyse der Macht ist (Kapitel 3.1), das durch eine bestimmte

3 Machtzugang in der Diskursanalyse bei Foucault

Erkenntnisabsicht, ihre produktiv-schöpferische Seite herauszuarbeiten sucht (Kapitel 3.2). Diese methodische Konstruktion der Diskursanalyse ist dabei Ursache für die gezeitigten Machteffekte beim Versuch der Anwendung in den Einzeldisziplinen und daher Vorarbeit für die Darstellung in Kapitel 4.

3.1 Die Macht im Untersuchungsfeld der foucaultschen Diskursanalyse

Foucault verfolgt nach eigener Aussage mit der Diskursanalyse den Anspruch, die Machteffekte elementarer gesellschaftlicher Beziehungen aufzudecken, um damit eine ‚Mikrophysik der Macht‘2 freizulegen und zu einem feldartigen Ganzen der Geschichte zusammenzufügen (Ruoff 2007: 157). Die Diskursanalyse ist also ein Instrumentarium für die Analyse der Macht, sodass keine eindeutige Definition vorweggenommen werden könne (Foucault 1999: 23; Ruoff 2007: 152). Dennoch wird ein bestimmter produktiver Zugang zur Macht vorausgesetzt, der die Diskursanalyse in einer methodi- schen Entwicklung hervorgebracht hat.

Foucault geht davon aus, dass es in jedem gesellschaftlichen Zusammenleben Macht- beziehungen gibt, die maßgeblich für die gesamte Gesellschaft und ihre Entwicklung sind:

„ In Gesellschaft leben bedeutet: Es ist stets m ö glich, dass die einen auf das Handeln anderer einwirken. Eine Gesellschaft ohne Machtbeziehungen wäre nur eine Abstraktion “ (Foucault 2005a: 289).

Jede Form von Interaktion beeinflusst andere und ist entsprechend machtvoll. Inter- aktion beginnt bereits mit einem Kommunikationsakt. Kommunikation wird daher mehr Bedeutung beigemessen, als bloßes Instrument oder Ausdrucksform zu sein. Foucault geht dabei so weit, die Vorstellung von Kommunikation als intentionalem Akt abzu- lehnen und ihr umgekehrt eine Eigengesetzlichkeit zu konstatieren. Die Menschen sind in ihren Aussagen davon abhängig was normativ ‚sagbar‘ ist und sind dabei genötigt, eine lexikalisch und grammatikalische Form zu wahren. Daher strukturieren sich elementare Beziehungsformen entlang der Möglichkeit ihrer Kommunikation. Ausdrucksformen und als gültig anerkannte Wahrheiten sind Gegenstand eines umkämpften Feldes. Die Möglichkeit zur Kommunikation ist dabei historisch kontin-

3.1 Die Macht im Untersuchungsfeld der foucaultschen Diskursanalyse

gent und hängt von ihrer Aktualisierung, von bestimmten Praktiken und Technologien ab, die die ‚Sagbarkeit‘ historisch herstellen, reproduzieren und Unsagbares ausschließen (Jäger 2010: 386f). Diese Prinzipien werden zusammengefasst als diskursive Praktiken definiert. Der Diskurs ist dann lediglich das gesamte Phänomen, das durch die verschiedenen diskursiven Praktiken erzeugt wird. Der Diskurs besteht aber immer in den konkreten Praktiken und ist nicht durch die Sagbarkeit allein determiniert, stattdessen bezeichnet Foucault den Diskurs als Differenz zwischen dem Sagbaren und dem, was tatsächlich gesagt wird (Foucault 1970: 116). Damit sind Diskurse einer ständigen Veränderung unterworfen, sie lassen sich vergleichen mit „ einem Fluss von ‚ Wissen ‘ bzw. sozialen Wissensvorräten durch die Zeit “ 3.

Foucault betrachtet also nicht universale Prinzipien, sondern versucht die Diskurs- analyse in der Untersuchung konkreter Praktiken zu entwickeln, die den Möglichkeitsrahmen für gesellschaftliche Interaktion darstellen. Die Hervorbringung dieser Möglichkeit ist zugleich Ausdruck der Macht, denn „ die Rationalität der Macht ist die Rationalität von Taktiken “ (Foucault 1998: 116). Foucault geht davon aus, dass diese diskursiven Praktiken von elementaren Machtbeziehungen geprägt sind, die er daher auch als Technologien der Macht bezeichnet. Es wird hierbei deutlich, dass Macht bei Foucault bereits Bedingung für Kommunikation und somit auch Vergesellschaftung im Allgemeinen ist. Dem Diskurs wird dadurch ein Eigenleben zugesprochen, in dem die Macht prozessiert, statt eine Ressource von Personen zu sein:

„ Diese Macht ist nicht so sehr etwas, was jemand besitzt, sondern vielmehr etwas, was sich entfaltet; nicht so sehr das erworbene oder bewahrte » Privileg « der herrschenden Klasse, sondern vielmehr die Gesamtwirkung ihrer strategischen Positionen “ (Foucault 1976: 38).

Die Macht existiert und vollzieht sich bei Foucault also in Diskursen. Dadurch wird es jedoch schwierig, die Wirkungen der Macht auf den oder die Menschen zu bestimmen. Es ist aber auch nicht der Untersuchungsanspruch. Stattdessen will er ausschließlich die produktive Seite der Macht konzeptionell fassen. Die Untersuchungs- perspektive konzentriert sich daher gerade nicht auf die Macht auf die einzelnen

3.1 Die Macht im Untersuchungsfeld der foucaultschen Diskursanalyse

Menschen, obwohl dies durch den Begriff der Mikromacht eventuell suggeriert wird4. Es geht vielmehr darum, wie die Gesamtheit der Mikromächte Wirkungen auf einer größeren Untersuchungsebene entfalten. Dabei wird also eine Art ‚spieltheoretische‘ Perspektive eingenommen, die die strategischen Positionen der verschiedenen Mikro- mächte zueinander untersucht. Die umfassende strategische Macht ergibt sich dabei aus den Relationen der Mikromächte zueinander. Umgekehrt erzeugt die strategische Macht das Feld von Handlungsalternativen (Kajetzke 2008: 35, 37). Die Diskursanalyse unter- sucht dabei den strategischen Rahmen, in dem sich diese Mikromacht positioniert. Das diskursanalytische Untersuchungsschema ist daher darauf angelegt, Macht als strate- gisch zu fassen. Die Verbindung von Diskursanalyse und Macht geht daher grundlegend von diesem speziellen Machtverständnis aus. Eine Darstellung dieses Machtbegriffes und dessen für die Fragestellung relevanten Implikationen soll daher im folgenden Abschnitt dargestellt werden.

3.2 Strategischer Zugang zur Macht

Wie im vorhergehenden Abschnitt gezeigt wurde, liegt die Verbindung von Macht und Diskursanalyse in einem spezifischen Verständnis von Macht als strategische Gesamtwirkung. In diesem Abschnitt soll nun gezeigt werden, dass dieses Verhältnis die konzeptionelle Kristallisation einer bestimmten Erkenntnisabsicht ist: Es soll ein produktiver Machtbegriff herausgearbeitet werden, der also nicht auf Repression beruht. Dieses spezifische Erkenntnisinteresse an der strategischen Seite der Macht ist dabei maßgeblich verantwortlich für den Analyserahmen in dem sich die Machteffekte der Diskursanalyse entfalten.

Der Anspruch nach einem strategischem Zugang zur Macht führte Foucault dazu, eine antagonistische Machtkonzeption abzulehnen5. Zwar hält er auch repressive Formen der Macht, wie die Disziplinarmacht oder die Körpertechnologien6, für produktiv (Ruoff 2007: 147). Die Vorstellung einer Macht als ausschließlich juridisch-diskursive Macht und deren Wirkungsweise als Grenzziehung, Verneinung und ‚AntiEnergie‘ verstelle jedoch den Blick auf den strategischen Charakter der Macht (Ruoff 2007: 150f). Dementsprechend entwickelt Foucault eine Sichtweise von Macht, die in der Lage ist, deren ‚strategisches Potential‘7 begreifbar zu machen:

3.2 Strategischer Zugang zur Macht

„ ... da die Frage: » Was ist die Macht? « eben eine theoretische Frage wäre, die das Ganze kr ö nen w ü rde, was ich nicht m ö chte - geht es darum zu bestimmen, wie die verschiedenen Machtdispositive in ihren Mechanismen, Wirkungen und Beziehungen auf so unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen und in Bereichen mit so unterschiedlichem Umfang aussehen “ (Foucault 1999: 23).

Das Erkenntnisinteresse richtet sich also nicht auf eine umfassende Analyse der Macht, sondern auf eine Analyse des produktiven Charakters der Macht8. Die ersten von Foucault selbst vorgenommenen Diskursanalysen haben also den Zweck, den produk- tiven Charakter der Macht gezielt hervorzuheben. Dabei entstehen bestimmte Methoden, die die Diskursanalyse letztendlich hervorbringen (Keller 2008: 123). Durch die Ausarbeitung des Prinzips der gesamtgesellschaftlichen Dispositive, kann Foucault die Brücke von den elementaren Machtbeziehungen zu den gesellschaftlichen Zusam- menhängen schlagen. So stellen die Arbeiten über die Sexualität ein Anwendungsfeld des diskursiven Untersuchungsschemas dar, zugleich zeigen sie, wie die Verbindung von Körper und Bevölkerung durch eine Technologie der Macht hergestellt wird (Keller 2008: 123). Die strategische Macht ist dabei niemals einheitlich oder von einer einzigen Macht abgeleitet, sondern existiert nur in verschiedenen Formen. Diese stehen aber nicht nur nebeneinander, sondern bringen einander hervor. Die Macht entwickelt sich gewissermaßen, durchläuft dabei verschiedene Phasen und existiert schließlich auf verschiedenen Ebenen:

„Es geht also darum, sich einer Machtkonzeption zuzuwenden, die das Privileg des Gesetzes durch den Gesichtspunkt der Zielsetzung abl ö st, das Privileg des Verbotes durch den Gesichts punkt der taktischen Effizienz “ (Foucault 1998: 124).

Ein derartig strategisches Verständnis der Macht dürfe daher nicht mit einer fertigen

3.2 Strategischer Zugang zur Macht

Machttheorie beginnen, sondern muss die verschiedenen Strategien in den Blick nehmen (Ruoff 2007: 152). Dieses Schema der Entwicklung der Macht unterstellt jedoch deren immanente Produktivität, neue, subtilere und somit immer entwickeltere Formen der Macht und des gesellschaftlichen Zusammenlebens hervorzubringen. Daher definiert Foucault produktive Macht als strategische Macht, die nicht einfach besteht, sondern sich erst durch die Auswahl von Handlung in gegebenen Strukturen bildet (Ruoff 2007: 151). Die Macht fungiert also als Rahmenbedingung für jedes menschliche Handeln. Sie steht den Menschen nicht gegenüber, sondern ist Ausdruck der jeweiligen gesellschaftlichen Beziehungen (Ruoff 2007: 150). Das produktive Potential, das der strategischen Macht zugesprochen wird, liegt in den relationalen Positionen der Menschen zueinander, die sie zu verschiedenen Strategien veranlassen: „ Macht ist der Name, den man einer komplexen strategischen Situation in einer Gesellschaft gibt “ (Foucault 1998: 114).

Die Herausarbeitung eines produktiven Machtbegriffes ist also der klar geäußerte Analyseanspruch von Foucault, der die Untersuchungsperspektive und die Wahl der Untersuchungsgegenstände bestimmt. Diesen Anspruch ernst zu nehmen, ist wichtig für das Verständnis der Anwendbarkeit der Diskursanalyse und deren Machteffekten gegen- über anders gearteten Erkenntnisinteressen9. Denn die Engführung auf eine Analyse, die gesellschaftliche Repression und somit Ungleichheit zu umgehen versucht, lässt den Begriff der Macht einen umfassenden Stellenwert einnehmen. Es entsteht der Eindruck, es würde von den handelnden Menschen als Subjekt der Geschichte abstrahiert und stattdessen die Macht als dessen Platzhalter benutzt werden. Damit stellt sich die Frage, welche Bedeutung dem für die Humanwissenschaften sonst so zentralen Subjektbegriff noch übrig bleibt und ob diese Zurückdrängung des Subjektbegriffes gar zu den notwen- digen Machteffekten eines strategischen Machtbegriffes gehört.

[...]


1 Foucault zeigt die Relativität von Wahrheit am Beispiel von Gregor Mendel, der von einer neuen Sache sprach und daher „ nicht » im Wahren « des biologischen Diskurses seiner Epoche “ (Foucault 1991: 24f) war.

2 Welche Bedeutung für die Gesamtkonzeption sich durch die Annahme einer Mikrophysik der Macht ergibt, kann hier nicht abschließend geklärt werden. Es gibt dazu jedoch sehr weitreichende Interpretationen. Honneth (1989: 170) sieht die Mikromacht als Ausdruck eines theoretischen Systems, das einen Kampf um Anerkennung in eine „ monistische Konzeption der Macht “ einbaut.

3 Jäger 2001: 132; Das Zitat bezieht sich zwar auf die Rezeptionslinie der so genannten „kritischen Diskursanalyse“, ist jedoch in der Literatur weit verbreitet und stützt sich auf eine ähnliche Aussage von Foucault (Foucault 1995: 33f). Diese genealogische Beweglichkeit des Diskurses wird zwar oft betont, ist aber nicht so recht operationalisierbar und gehört damit zu den oft wiederholten Selbstverständlichkeiten, die eher Probleme erzeugen als lösen, meint Haslinger (2006: 36).

4 Ruoff (2007: 157) betont, dass eine Sichtweise der Macht als feldartige Zusammenfügung von Mikrobest and teilen eine personal gebundene Machtauffassung ausschließt.

5 Foucault hält eine antagonistische Auffassung von Macht für falsch und bezieht klar Stellung dagegen: „ Es stimmt nicht, dass es in einer Gesellschaft Leute gibt, die die Macht haben, und unterhalb davon Leute, die ü berhaupt keine Macht haben. Die Macht ist in der Form von komplexen und beweglichen strategischen Relationen zu analysieren, in denen niemand dieselbe Position einnimmt und nicht immer dieselbe behält" (Foucault 2005f: 805f).

6 Zu den Körpertechnologien zählt Foucault die verschiedenen sozialen Systeme der Einsperrungsmilieus, wie Schule, Gefängnis oder Militär (Ruoff 2007: 149).

7 Foucault führt die Logik der Strategie in Abgrenzung zur Logik der Dialektik ein: "Die Logik der Strategie hat als Aufgabe, festzustellen, welches die möglichen Verknüpfungen zwischen disparaten Begriffen sind, die disparat bleiben. Die Logik der Strategie ist die Logik der Verknüpfung des Heterogenen und nicht die Logik der Homogenisierung des Widersprüchlichen. Weisen wir also die Logik der Dialektik zurück" (Foucault 2004: 70).

8 Foucault (1999: 36ff) nennt daher fünf „ methodische Vorkehrungen “ , um „ die Macht nicht als massives Herrschaftsphänomen begreifen “ zu müssen. Die letzte dieser Vorkehrungen lautet: „ eine aufsteigende Machtanalyse vornehmen “ .

9 Rehmann (2004: 61) sieht beispielsweise das Prinzip der produktiven Macht oder des „produktives Begehren“ (respektive „Wunsch-Produktion“) bei Deleuze, als Versuch die marxistische Basiskategorie der Produktivkraft durch eine symbolische Ordnung der Sprache zu ersetzten. Dieser Versuch stehe im Zusammenhang mit einer an Nietzsche anschließenden Anti-Dialektischen Bemühung einer Dezentrierung des Subjekts (Rehmann 2004: 34ff, 87f). 9

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Die Macht der Diskursanalyse
Untertitel
Zum Einfluss des Foucaultschen Denkens auf moderne kritische Theorie
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Sozialwissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
40
Katalognummer
V232093
ISBN (eBook)
9783656506430
ISBN (Buch)
9783656507956
Dateigröße
755 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Methode Diskursanalyse soll befragt werden, wie Foucault in Bezug auf die Machttendenzen des Marxismus, fragt: „Welche Arten von Wissen wollt ihr mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit disqualifizieren? [...] welches Subjekt der Erfahrung und des Wissens wollt ihr minorisieren, wenn ihr sagt: ›ich, der ich diesen Diskurs halte, halte einen wissenschaftlichen Diskurs und bin ein Wissenschaftler‹?“ (Foucault 1999: 18f).
Schlagworte
Foucault, Diskursanalyse, Machteffekte, Wissenschaftstheorie, Mikrophysik, Kritische Diskursanalyse, Critical Discourse Analysis, Gegenwissenschaft
Arbeit zitieren
Mathias Wittchen (Autor), 2011, Die Macht der Diskursanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232093

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