Von einer hoheitlich ausgerichteten Stadtentwicklung, die 1971 durch das Städtebauförderungsgesetz (StBauFG) und später durch das Baugesetzbuch (BauGB) geregelt worden ist, kam es durch eine Zunahme von Privatisierungen zu einer Umstrukturierung der Stadtentwicklung hinsichtlich der Steuerungsfähigkeit der öffentlichen Hand. Noch vor ein paar Jahren ist auf einheitliche Regelungen und Entscheidungen von Seiten der Stadt bzw. der Gemeinde zurückgegriffen und den Immobilieneigentümern eine eher untergeordnete Rolle zugeteilt worden. Die Rolle der Immobilieneigentümer wird „in diesem Prozess als individuelle Fördermittelempfänger definiert“ (Wiezorek 2010a: 7). In diesem Bereich lässt sich bis heute eine grundlegende Veränderung erkennen: Die Einbindung privater Akteure in die Stadtentwicklung gilt mittlerweile als unumgänglich. Ein Beispiel für eine solche Einbindung sind so genannte Business Improvement Districts (im Folgenden: BID).
Innerhalb eines BIDs schließen sich die Eigentümer in einem zentrumsnah gelegenen Gebiet zusammen und initiieren gemeinsame Maßnahmen, um eine Steigerung der Immobilienwerte zu erreichen sowie die Qualität des öffentlichen Raums, in dem sie leben, zu steigern (vgl. Vollmer 2008: 41 f.).
Neben der öffentlichen Hand, also der Stadt oder den Gemeinden, wird demzufolge auch den privaten Akteuren eine zentrale Rolle zugeschrieben. Sie definieren die genauen Probleme und erfassen die Aufgaben, die sie im betroffenen Gebiet für nötig halten. Sowohl ein Maßnahmen- als auch ein Finanzierungskonzept wird von den privat Beteiligten bereitgestellt und verwaltet. Dennoch ist über diese bedeutsame Gruppe bisher relativ wenig bekannt. In der Literatur wird die Aufwertung der innerstädtischen Standorte als ein wichtiges Ziel der privaten Akteure angegeben. Es geht darum, die Attraktivität zu steigern und negativen Tendenzen, wie Leerstand und Verfall von Grundstückswerten, entgegenzuwirken, um den Wert der Immobilie zu sichern (vgl. Reichhardt et al. 2004: 15).
Ein solcher Zusammenschluss von Eigentümern erfolgte 2009 auch im Bremer „Viertel“. Das sogenannte „Viertel“ befindet sich in der Nähe des Zentrums und kennzeichnet sich durch eine Mischung aus individuellen Läden, originellen Gastronomien und Wohnraum für verschiedene Bewohnergruppen aus. Die Eigentümer der Straßen „Ostertorsteinweg“ und „Vor dem Steintor“ schlossen sich zusammen und verständigten sich als zentrale Pflicht darauf, regelmäßig finanzielle Abgaben zu zahlen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Ziele der Arbeit
1.2. Aufbau der Arbeit
2. Stand der BID-Forschung
2.1. Internationaler Forschungsstand
2.2. Nationaler Forschungsstand
3. Das BID-Modell in Deutschland
3.1. Der Ursprung des Modells
3.2. Der Aufbau des Modells
3.2.1. Initialphase
3.2.2. Konkretisierungsphase
3.2.3. Entscheidungsphase
3.2.4. Umsetzungsphase
4. BIDs in Bremen
4.1. Das Gebiet: „Viertel“
4.2. Das BID im „Viertel“
5. Die Akteure
5.1. Die Rolle der Eigentümer
5.2. Die Eigentümer im „Viertel“
5.3. Die öffentliche Hand
6. Hypothesen
7. Eigentümerbefragung
7.1. Methodisches Vorgehen – erster Teil
7.1.1. Explorative Interviews
7.1.2. Ergebnisse der explorativen Interviews
7.2. Methodisches Vorgehen – zweiter Teil
7.2.1. Schriftliche Befragung
7.2.2. Ergebnisse der schriftlichen Befragung
7.2.2.1. Zusammenfassung der zentralen Erkenntnisse
7.2.2.2. Hypothesen- Überprüfung
8. Fazit
9. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Masterarbeit analysiert die Rolle der Immobilieneigentümer im Business Improvement District (BID) im Bremer „Viertel“. Ziel ist es, die spezifischen Faktoren zu identifizieren, die Eigentümer zur Teilnahme an einem solchen zwangsgebundenen Zusammenschluss bewegen, und dabei die Wirksamkeit sowie Akzeptanz dieses Modells aus Sicht der Beteiligten kritisch zu beleuchten.
- Analyse der Beteiligungsmotive und der Rolle von Immobilieneigentümern in BIDs.
- Untersuchung der Struktur und Akteure des BIDs im Bremer „Viertel“.
- Kritische Evaluation der BID-Umsetzung und der durchgeführten Maßnahmen durch die Eigentümer.
- Empirische Analyse mittels explorativer Interviews und einer quantitativen Befragung.
Auszug aus dem Buch
3.1. Der Ursprung des Modells
Das BID-Modell hat seinen Ursprung, wie bereits erwähnt, nicht in Deutschland. Der folgende Unterpunkt widmet sich daher dem Weg der Implementierung nach Deutschland, dem Ursprung des Konzepts und dem Verlauf bis heute.
Das Konzept Business Improvement District kommt ursprünglich aus Kanada. Schon in den 1960er Jahren ist das Konzept in einem unter Attraktivitätsverlust stehenden Stadtteil von Toronto gegründet worden. Dort ansässige Geschäftsleute verfassten einen Antrag an die Stadt, der die Forderung nach einem Gesetz beinhaltetet, welches die „Möglichkeit der Erhebung einer Abgabe für Immobilienbesitzer vorsah“ (Pütz 2008: 9). So ist 1971 das erste BID „Bloor West Village Business Improvement Area“ geschaffen worden. Diese innerstädtische Einkaufstraße umfasste etwa einen Kilometer. Durch die Eröffnung einer U-Bahnlinie im Zentrum, verringerte sich die Anzahl der Kunden, was zur Folge hatte, dass der Ladenleerstand zunahm und in Folge dessen die Mieteinnahmen und Umsätze zurückgingen. Schließlich prägten Verwahrlosung und Geschäftsleerstände das „Bloor West Village. Durch die Errichtung zusätzlicher Einkaufszentren entstand für die noch übrig gebliebenen Geschäfte eine weitere Bedrohung. Vor diesem Hintergrund schloss sich eine Gruppe von Geschäftsleuten zusammen, um die für sie bedrohliche Entwicklung zu stoppen. So ist das Gesetz „über Erhebung einer kommunalen Abgabe“ erlassen worden, in der alle ansässigen Eigentümer verpflichtet worden sind diese zu zahlen, sofern „sich eine Mehrheit für eine solche Zahlung aussprechen würde“ (Rettig 2008: 6f.). Eine Mehrheit ließ sich schnell finden und ein gewählter Vorstand des Gebiets verwaltete die Abgaben für die geplanten Maßnahmen. Das Geld ist daraufhin für gemeinsam beschlossene Maßnahmen, die die Attraktivität des Stadtteils erhöhen, eingesetzt worden.
Wenige Jahre später fand das Konzept in den Vereinigten Staaten in einem sehr schnellen Tempo viele Nachahmer.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der privatisierten Stadtentwicklung und der Einführung von Business Improvement Districts (BID) in Deutschland sowie im Bremer „Viertel“ ein.
2. Stand der BID-Forschung: Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über den internationalen und nationalen Forschungsstand zur BID-Thematik und stellt wichtige Autoren und Erkenntnisse vor.
3. Das BID-Modell in Deutschland: Es wird der Ursprung des BID-Konzepts sowie dessen Aufbau und die verschiedenen Phasen der Entwicklung erläutert.
4. BIDs in Bremen: Hier werden die spezifischen Rahmenbedingungen und die Anwendung des BID-Modells in Bremen beleuchtet, mit Fokus auf das „Ansgari-Quartier“ und das „Viertel“.
5. Die Akteure: Dieser Teil befasst sich mit der zentralen Rolle der Eigentümer im Kontext von Public Private Partnerships sowie der spezifischen Situation im Bremer „Viertel“.
6. Hypothesen: Die Arbeit stellt hier verschiedene Arbeitshypothesen auf, die als theoretische Basis für die empirische Analyse dienen.
7. Eigentümerbefragung: Dieses Kapitel widmet sich der methodischen Erhebung, unterteilt in qualitative explorative Interviews und eine quantitative schriftliche Befragung der Eigentümer.
8. Fazit: Die Ergebnisse der gesamten Untersuchung werden hier zusammengefasst, wobei die Kritikpunkte der Eigentümer sowie die Grenzen des BID-Modells im „Viertel“ abschließend bewertet werden.
9. Literaturverzeichnis: Hier sind sämtliche im Text verwendeten Quellen und Internetquellen aufgeführt.
Schlüsselwörter
Business Improvement District, BID, Stadtentwicklung, Eigentümer, Bremen, Viertel, Public Private Partnership, Immobilieneigentümer, Standortaufwertung, Gentrifizierung, Immobilienwerte, Beteiligung, Umgehung von Trittbrettfahrern, Interessenheterogenität, empirische Untersuchung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle der Immobilieneigentümer im Business Improvement District (BID) im Bremer „Viertel“. Sie analysiert, welche Motive Eigentümer zur Beteiligung an diesem Konzept bewegen und wie diese das BID im „Viertel“ bewerten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den zentralen Themen gehören die Stadtentwicklung durch private Akteure, die Funktionsweise von BIDs als Public Private Partnership, die Rolle von Immobilieneigentümern und die spezifische Situation im Bremer „Viertel“.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist die Beantwortung der Frage, welche Faktoren die Eigentümer im Bremer „Viertel“ veranlassen, sich am BID zu beteiligen, und inwieweit das Modell die Erwartungen der Eigentümer hinsichtlich der Sicherung ihrer Immobilienwerte erfüllt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine empirische Analyse, die zweistufig angelegt ist: Zunächst wurden qualitative, explorative Interviews mit Eigentümern geführt, gefolgt von einer standardisierten, quantitativen schriftlichen Befragung aller erreichbaren Eigentümer.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen des BID-Modells, die Historie und den Status quo des BIDs im Bremer „Viertel“ sowie die detaillierte Auswertung der empirischen Daten zu Eigentümereinstellungen, Kenntnisstand und Maßnahmenbewertung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Business Improvement District (BID), Stadtentwicklung, Immobilienwerte, Interessenheterogenität, Eigentümer, Bremer „Viertel“ und empirische Sozialforschung beschreiben.
Welchen Einfluss hat die Interessenheterogenität auf das BID im „Viertel“?
Die unterschiedlichen Interessen von Wohnungsnutzern, Geschäftsinhabern, Gastronomen und Immobilienverwaltungen erschweren die Konsensfindung erheblich, was das BID im „Viertel“ vor große organisatorische Herausforderungen stellt.
Warum wird das BID im „Viertel“ von vielen Eigentümern kritisch gesehen?
Kritikpunkte sind insbesondere der als undemokratisch wahrgenommene Abstimmungsmodus, der zu große Zuschnitt des Gebiets, die mangelnde professionelle Kommunikation und das Empfinden, dass das BID-Konzept auf den bereits florierenden Standort nicht sinnvoll anwendbar ist.
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- Angela Bartelt (Author), 2011, Business Improvement District (BID) im Bremer "Viertel"-Die Rolle der Eigentümer, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232140