Die Arbeit untersucht die außenpolitischen Beziehungen und die Entwicklung territorialer Konflikte am Beispiel der Kaukasusrepublik Georgien. Als neuer unabhängiger Staat stand die ehemalige Sowjetrepublik im Jahr 1991 vor der Aufgabe, die staatliche Integrität des Landes zu erlangen und diese sowohl in Bezug auf innergeorgische Widerstände als auch im Verhältnis zum dominierenden Nachbarn, der Russischen Föderation, neu zu regeln und zu behaupten. Neben diesen innerstaatlichen und regionalpolitischen Fragen fand sich das Land schon bald im Blickfeld internationaler Interessen und geostrategischer Ziele der USA und Russlands wieder, die als ein neues „Great Game“ um die Ressourcen Zentralasiens bezeichnet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Der Neorealismus – ein politikwissenschaftlicher Ansatz zur Erklärung internationaler Beziehungen
1.1 Der klassische Realismus
1.2 Der Neorealismus
1.3 Die Struktur des internationalen Systems
1.4 Balance of Power und Bandwagoning
2. Geschichte Georgiens
2.1 Vor der Annexion durch Russland
2.2 Georgien als Teil des Russischen Zarenreichs und der Sowjetunion
2.3 Ethnische und soziale Struktur Georgiens - Ausgangspunkt für politische Konflikte
2.4 Radikalisierung der Gesellschaft - das Trauma des 9. April 1989
3. Der Transformationsprozess in Georgien nach dem Zerfall der Sowjetunion
3.1 Die Ära Gamsachurdia - Bürgerkrieg und Zerfall der territorialen Integrität
3.2 Die Ära Schewardnadse
3.3 Georgien unter Präsident Saakaschwili
4. Die georgische Außenpolitik seit 1990
4.1 Die Beziehungen zu Russland nach der Unabhängigkeit
4.2 Georgien und die USA
4.3 Die außenpolitischen Beziehungen zu den Nachfolgestaaten der Sowjetunion (GUS / Armenien, Aserbaidschan)
4.4 Türkei
5. Verlust der territorialen Integrität: Südossetiens / Abchasiens / Krise im Pankisi-Tal
5.1 Südossetien (1991/92)
5.2 Abchasien (1992/94)
5.3 Georgisch-russische Auseinandersetzungen um das Pankisi-Tal
5.4 Der russisch-georgische Krieg um Südossetien 2008
5.4.1 Die Kriegsfehler und die Menschenrechtsverletzungen
5.5 Vergebliche Versuche: Die Lösung der territorialen Konflikte auf internationaler Ebene
6. Georgien im Spiel der Mächte. Das neue Great Game um die Rohrstoffe Zentralasiens
6.1 Der ferne Verbündete - die strategische Bedeutung Georgiens für die USA
6.2 Einflussfaktoren amerikanischen Außenpolitik in Georgien
7. Eine besondere Beziehung: Die russische Politik gegenüber Georgien
7.1 Die Russische Geopolitik im Kaukasus
7.2 Die russischen Macht- und Einflussmittel gegenüber Georgien
7.3 Schutzmacht bedrohter Minderheiten? Russlands Rolle in den ethnisch-territorialen Konflikten in Georgien
7.4 Präsidiale Rivalitäten: Putin – Saakaschwili
8. Grenzen und Visionen - die georgische Außenpolitik zwischen Geographie und politischen Zukunftsperspektiven
8.1 Klärung der territorialen Konflikte - nationale Lösung oder internationale Option möglich?
8.2 Verhältnis zu Russland: Ist ein Interessenausgleich mit Russland?
8.3 Beziehungen zu USA und EU: ist ein NATO-Beitritt Georgiens eine reale Option?
8.3.1 Beziehungen zu EU
8.3.2 Georgien und ein potentieller NATO-Beitritt
8.3.3 Die Beziehungen zur USA
9. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die außenpolitische Entwicklung Georgiens seit der Unabhängigkeit 1990 unter Anwendung der neorealistischen Theorie. Dabei steht im Zentrum, wie Georgien versucht, seine staatliche Integrität und nationale Sicherheit im Spannungsfeld zwischen den Interessen Russlands und der USA zu behaupten und warum bisherige Bemühungen zur Lösung territorialer Konflikte scheiterten.
- Analyse der georgischen Außenpolitik unter Anwendung neorealistischer Konzepte (Balance of Power, Bandwagoning).
- Untersuchung der historischen Wurzeln und der Eskalation ethno-territorialer Konflikte (Abchasien, Südossetien, Pankisi-Tal).
- Evaluierung der politischen Transformationsprozesse in Georgien unter den Präsidenten Gamsachurdia, Schewardnadse und Saakaschwili.
- Betrachtung der geostrategischen Bedeutung Georgiens im Kontext des "Great Game" um Ressourcen in Zentralasien.
- Diskussion der Perspektiven einer möglichen NATO-Integration und des Interessenausgleichs mit Russland.
Auszug aus dem Buch
2.4 Radikalisierung der Gesellschaft - das Trauma des 9. April 1989
Als die Sowjetische Regierung im Frühjahr 1989 den Austritt Abchasiens aus der Georgischen SSR beriet, begannen in Georgien Demonstrationen der georgischen Bevölkerung gegen einen Austritt Abchasiens. Gleichzeitig wurden von den Demonstranten weitere Forderungen erhoben: Der Austritt Georgiens aus der UdSSR, die Beibehaltung der territorialen Einheit Georgiens, die Bildung einer nationalen georgischen Armee und die Abschaffung der Autonomen Republiken innerhalb des Landes.
Die Massenproteste in Tiflis fielen in eine Phase des Umbruchs innerhalb der Sowjetunion. Nachdem Michael Gorbatschew im Jahr 1985 das Amt des Generalsekretärs des ZK der KPdSU übernommen hatte, waren die Mängel innerhalb des sowjetischen Systems und insbesondere der Wirtschaft immer deutlicher geworden. Die Kombination aus einer wirtschaftlichen Strukturkrise, zentralisierter Machtunterdrückung und einen Mangel an Presse- und persönlicher Freiheit hatte an verschiedenen Orten der Sowjetunion zu Aufständen und zu einer latenten Unzufriedenheit unter der Bevölkerung geführt. Mit seiner Politik von Glasnost und Perestroika versuchte Gorbatschew die Wirtschaft zu modernisieren und gleichzeitig durch die Förderung von Transparenz und persönlicher Freiheit die Legitimität des kommunistischen Systems zu erhöhen. Auf der anderen Seite war es aber diese neue Offenheit und Freiheit, die vor allem die Menschen in den nichtrussischen Sowjetrepubliken ermutigte, für mehr Freiheit und Unabhängigkeit von Moskau auf die Straße zu gehen. So verkehrte sich die als systemstärkende Maßnahme gedachte Politik in ihr Gegenteil.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Neorealismus – ein politikwissenschaftlicher Ansatz zur Erklärung internationaler Beziehungen: Einführung in die theoretischen Grundlagen, insbesondere der Fokus auf Machtstreben und Bündnisbildung in anarchischen Systemen.
2. Geschichte Georgiens: Historischer Rückblick auf die georgische Identität, die sowjetische Zeit und die Entstehung ethnischer Spannungsfelder.
3. Der Transformationsprozess in Georgien nach dem Zerfall der Sowjetunion: Analyse der politischen Phasen unter den verschiedenen Präsidenten und des Scheiterns der nationalen Konsolidierung.
4. Die georgische Außenpolitik seit 1990: Darstellung der außenpolitischen Neuorientierung Georgiens, insbesondere das Verhältnis zu Russland und der USA.
5. Verlust der territorialen Integrität: Südossetiens / Abchasiens / Krise im Pankisi-Tal: Untersuchung der kriegerischen Konflikte und des Scheiterns internationaler Schlichtungsversuche.
6. Georgien im Spiel der Mächte. Das neue Great Game um die Rohrstoffe Zentralasiens: Analyse der geostrategischen Relevanz Georgiens als Transitland für Energieressourcen.
7. Eine besondere Beziehung: Die russische Politik gegenüber Georgien: Untersuchung der russischen Geopolitik, Einflussmittel und der Schutzmachtrolle.
8. Grenzen und Visionen - die georgische Außenpolitik zwischen Geographie und politischen Zukunftsperspektiven: Reflexion über NATO-Beitrittsoptionen, EU-Integration und die zukünftige Gestaltung des Verhältnisses zu Russland.
9. Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse zur außenpolitischen und territorialen Lage Georgiens.
Schlüsselwörter
Georgien, Außenpolitik, Neorealismus, Russland, USA, NATO, Südossetien, Abchasien, territoriale Integrität, Transformationsprozess, Great Game, Energiepolitik, Sicherheitskonzept, Konfliktlösung, postsowjetischer Raum
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die georgische Außenpolitik seit der Unabhängigkeit 1990 und beleuchtet, wie das Land versucht, seine Sicherheit und staatliche Integrität zwischen den rivalisierenden Interessen von Russland und den USA zu wahren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die theoretische Einordnung durch den Neorealismus, die Analyse der Konflikte in Abchasien und Südossetien, die strategische Rolle Georgiens als Transitland für Energieressourcen sowie das komplexe Dreiecksverhältnis zwischen Georgien, Russland und den USA.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, warum eine nationale oder internationale Klärung der territorialen Konflikte bisher scheiterte und ob eine Mitgliedschaft in der NATO für Georgien vor dem Hintergrund dieser Konflikte eine realistische Option darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt den politikwissenschaftlichen Ansatz des strukturellen Neorealismus nach Kenneth Waltz, um die Handlungsmuster von Staaten und die Bündnisbildung im anarchischen internationalen System zu erklären.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse der georgischen Geschichte, die politische Transformation nach 1991, die außenpolitische Ausrichtung, die spezifischen Verluste der territorialen Integrität sowie die Analyse der russisch-georgischen Beziehungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Georgien, Neorealismus, Balance of Power, NATO, Russland, USA, territoriale Integrität, "Frozen Conflicts" und Energiepolitik.
Welche Rolle spielt der Roki-Tunnel im Kontext der georgisch-russischen Auseinandersetzungen?
Der Roki-Tunnel dient als entscheidende logistische Verbindung zwischen Russland und Südossetien und ermöglichte es Russland, Truppen schnell in das Konfliktgebiet zu verlegen, was die georgische Position militärisch schwächte.
Wie wird das "Zypernmodell" in der Arbeit bewertet?
Das Zypernmodell wird als eine der möglichen, wenn auch für Georgien schwierigen, Zukunftsperspektiven für die separatistischen Republiken diskutiert, bei der eine dauerhafte De-facto-Abspaltung unter russischer Protektion ähnlich wie bei Nordzypern droht.
- Arbeit zitieren
- Aleksi Pavleshvili (Autor:in), 2013, Georgien auf der Suche nach Sicherheit und nationaler Integrität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232163