In der Forschungsliteratur herrscht weitgehend Uneinigkeit bezüglich der Frage, in welchem kausalen Zusammenhang „Sprache" und „Nationalismus" zueinander stehen. Dieser Essay verfolgt das Ziel, mit der Vorstellung der historischen Voraussetzungen und Entwicklungen zweier auf linguistischen Ideologien beruhenden Bewegungen im Indien des Zwanzigsten Jahrhunderts aufzuzeigen, dass tatsächlich beide Theorien zutreffen: Nationalismus basierend auf der Verherrlichung einer gemeinsamen Sprache, und die Konstruktion derselben aufgrund eines bereits vorhandenen nationalistischen Zusammengehörigkeitsgefühls. Zur Beantwortung der in der Problemstellung inhärenten zweiten Frage nach der Ursache des linguistischen Nationalismus in Indien ist die Erläuterung des britischen Einflusses von Bedeutung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Linguistische Ideologien und der Einfluss der Kolonialmacht
3. Die Hindi-Urdu Debatte
4. Die Anti-Hindi Proteste in Tamil Nadu
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den kausalen Zusammenhang zwischen Sprache und Nationalismus in Indien unter Berücksichtigung kolonialer Einflüsse. Dabei wird analysiert, inwieweit linguistische Ideologien als Ursache oder Ausdruck nationalistischer Bewegungen fungieren, indem historische Entwicklungen des 20. Jahrhunderts herangezogen werden.
- Die Rolle der britischen Kolonialmacht bei der Konstruktion sprachlicher Identitäten.
- Die Entstehung von Hindi und Urdu als religiös konnotierte Varietäten.
- Der Einfluss von Tamilttay als identitätsstiftendes Kulturgut und Symbol tamilischer Autonomie.
- Die Dynamik zwischen staatlichen Sprachpolitiken und regionalen Widerstandsbewegungen.
- Die historische Konstruktion von Nation und Sprache als Reaktion auf externe Interventionen.
Auszug aus dem Buch
Die Konstruktion des Tamil-Nationalismus
Verehrung der „Mutter Tamil", Tamilttay, etabliert. Er gründet sich auf der bereits im 17. Jahrhundert nachweisbaren Tradition der Darstellung der Sprache Tamil als Gottheit, die anderen Göttern wie Shiva durchaus gleichgestellt ist. Die „Hommage an die Göttin Tamil" P. Sundaram Pillais von 1891 nennt Tamil erstmals explizit als weibliche Person, als göttliche Mutter und Jungfrau. Auf das Loblied sollen viele weitere folgen. Tamilttay fungiert bis heute als Projektionsfigur der unterschiedlichsten Wünsche, Hoffnungen und Gefühle ebenso wie als Instrument politischer Ambitionen. Mit ihrer Hilfe gelingt die Mobilisierung der tamilischen Massen zu Verteidigern ihrer „Mutter Sprache" oder Muttersprache gegen fremde, zersetzende Einflüsse, namentlich aus dem sanskritisch-brahmanischen Norden.
Diese Hingabe äußerte sich in der Vergangenheit nicht nur in Protestmärschen und Demonstrationen, sondern vereinzelt, jedoch deswegen nicht weniger medienwirksam in öffentlichem Suizid, gewissermaßen als Selbstopferung für die tamilische Sache und klares Signal der Unerschütterlichkeit und Entschlossenheit ihrer Anhänger (Ramaswamy, 1997). Diese Märtyrertode sorgten ebenso wie das blutige Einschreiten durch die Polizei für die Verfestigung der gegen die Ausbreitung des Hindi ankämpfenden Bewegung in Tamil Nadu (Aneesh, 2010, S. 20). Durch derlei Aktionen zeigt sich eine Wertschätzung der Muttersprache, die in einer ideologisch überhöhten Form sogar Menschenleben zu kosten vermag.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage zum kausalen Verhältnis von Sprache und Nationalismus im Indien des 20. Jahrhunderts ein und benennt den britischen Kolonialismus als zentralen Einflussfaktor.
2. Linguistische Ideologien und der Einfluss der Kolonialmacht: Dieses Kapitel erläutert, wie britische koloniale Eingriffe und Kategorisierungen die indische Mentalität veränderten und den Grundstein für sprachbasierte Nationalismen legten.
3. Die Hindi-Urdu Debatte: Der Abschnitt analysiert die ideologische Trennung des Khari Boli in Hindi und Urdu sowie deren Verknüpfung mit religiösen Identitäten von Hindus und Muslimen.
4. Die Anti-Hindi Proteste in Tamil Nadu: Hier wird untersucht, wie die Konstruktion des Tamil als überlegene dravidische Sprache zur Abgrenzung vom Hindi führte und in nationalistischen Bewegungen kulminierte.
5. Fazit: Die Schlussbetrachtung bestätigt, dass Sprache und Nationalismus in Indien eng verwoben sind und die Nation eher als Resultat historischer Prozesse denn als natürlicher Trieb zu verstehen ist.
Schlüsselwörter
Indien, Nationalismus, Linguistische Ideologien, Kolonialismus, Hindi, Urdu, Tamil, Tamilttay, Sprachpolitik, Identität, Hindustani, Dravidisch, Sprachwissenschaft, Religion, Regionalismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das komplexe Verhältnis zwischen sprachlicher Identität und der Entstehung von Nationalismus in Indien während des 20. Jahrhunderts.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind der Einfluss der britischen Kolonialmacht auf die indische Sprachlandschaft, die Konstruktion von Hindi und Urdu sowie der tamilische Sprachnationalismus.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu belegen, dass linguistische Ideologien sowohl als Ursache für nationalistische Bewegungen dienen als auch Ausdruck eines bereits vorhandenen nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls sind.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für die Arbeit angewandt?
Die Autorin nutzt eine historische und ethnologische Analyse, basierend auf existierender Forschungsliteratur, um die Genese sprachlich begründeter nationaler Identitäten aufzuzeigen.
Welche Inhalte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die Hindi-Urdu-Debatte, die Rolle kolonialer Sprachforschung sowie die Protestbewegungen in Tamil Nadu gegen die Verbreitung der Hindi-Sprache.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie "Linguistischer Nationalismus", "Koloniale Intervention", "Religiöse Identitätsbildung" und "Tamilttay" beschreiben.
Warum spielt der "Khari Boli" eine so zentrale Rolle in der Argumentation?
Der Dialekt Khari Boli dient als Fallbeispiel dafür, wie eine einheitliche Sprache durch politisch-religiöse Interventionen in zwei gegensätzliche Amtssprachen aufgespalten wurde.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der Religion im Kontext des Nationalismus?
Religion fungiert laut der Arbeit als massiver Verstärker, der sprachliche Differenzen ideologisch überhöht und so zur Abgrenzung und Mobilisierung von Bevölkerungsgruppen beiträgt.
- Citation du texte
- Nejla Demirkaya (Auteur), 2013, Linguistische Ideologien als Ursache oder als Ausdruck nationalistischer Bewegungen in Indien?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232167