Indien, insbesondere die religiöse Kultur des Subkontinents, gilt im Westen als eine tolerante, multikulturelle und friedliche Gesellschaft. Der Erfolg der straff organisierten hindunationalistischen Partei BJP wurde Ende der achtziger und neunziger Jahre von der ganzen Welt umso mehr mit Besorgnis aufgenommen. Sie propagierten, geprägt von der Hindutva-Ideologie, die Hindu Rashta, eine durch Hindus kulturell dominierte Gesellschaft. Befürchtungen vor Destabilisierung, theokratischer Diktatur und einem nuklearen Krieg mit Pakistan wurden laut. Durch die Zerstörung der Babri-Moschee, die zahlreiche Menschenleben forderte, und die Ermordung Mahatma Gandhis durch einen Hindunationalisten hatte die internationale Gemeinschaft schon mehrmals ein sehr gewalttätiges Bild auf die politisch extremen Hindus bekommen. Es wurden eine weitere Eskalation und Intensivierung des Konflikts vermutet. Die indische Demokratie war augenscheinlich ins Wanken geraten.
Zwei Jahrzehnte später befindet sich die Bewegung in der Opposition und darüber hinaus in einer Sinnkrise. Die hindunationalistische Vielparteienkoalition der National Democratic Alliance hat sich in den Wahlen 2004 nicht mehr durchsetzen können. Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Erfolg der Nationalisten und den Hintergründen des baldigen Abstiegs der zuvor aufstrebenden Bewegung, nach nur einer Legislaturperiode. Indien als Land, welches von kulturellen und ethnischen Konflikten durchzogen ist und in dem breite Bevölkerungsschichten in Armut leben, bietet eigentlich einen idealen Nährboden für radikales Gedankengut. Im Zuge der Modernisierung und Globalisierung tun sich immer größere Spalten auf und die Gesellschaft ist einem radikalen Wandel unterworfen. Hindus und Muslime konkurrieren um neue Möglichkeiten, um in verhältnismäßigem Wohlstand zu leben. Dies heizt den Jahrhunderte schwelenden kommunalistischen Konflikt weiter an. Ist die Schwäche der BJP deshalb nur temporär oder sticht Indien aus der Masse der multikulturellen Entwicklungsländer heraus, die politisch extreme Bedrohungen nicht abwenden konnten? Konnte sich die Demokratie gegen Unterdrückung und Diskriminierung durchsetzen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entstehung und Ideologie des Hindunationalismus
2.1 Nationalismus oder Kommunalismus
2.2 Beginn des indischen Nationalismus
2.3 Hindutva-Ideologie
3. Die Familie der Sangh Parivar
3.1 Die Rashtriya Swayamsevka Sangh
3.2 Der Vishwa Hindu Parishad
3.3 Die Bharatiya Janata Party
4. Politischer Erfolg und Niedergang der Hindunationalisten
4.1 Herausforderungen der Indischen Demokratie
4.2 Der Aufstieg der BJP
4.3 Die Rückkehr zu Dynastie
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Aufstieg sowie den anschließenden Niedergang der hindunationalistischen Bewegung in Indien. Dabei wird analysiert, inwieweit politische Strategien der Polarisierung zum Erfolg beigetragen haben und welche strukturellen sowie gesellschaftlichen Faktoren letztlich zum Machtverlust der Bharatiya Janata Party (BJP) führten.
- Ideologische Grundlagen des Hindunationalismus und der Hindutva-Ideologie
- Struktur und Rolle der Organisationen innerhalb des Sangh Parivar
- Analyse der politischen Wahlerfolge und der Strategien der BJP
- Herausforderungen der indischen Demokratie im Kontext religiöser und ethnischer Konflikte
- Bewertung der Ursachen für den politischen Wandel nach den Wahlen 2004 und 2009
Auszug aus dem Buch
2.2 Beginn des indischen Nationalismus
Im Zuge der „bengalischen Renaissance“, dem Übergang zu einer modernen Gesellschaft, entstand die „intellektuelle Vorhut einer nationalen Bewegung“.11 In diesem Vorläufer des Hindunationalismus lässt sich bereits die starke Tendenz zur Schaffung eines muslimischen Feindbildes erkennen. Einer der wichtigsten bengalischen Autoren dieser Zeit schrieb folgende Novelle (Auszug):
„Everywhere else there’s a pact with the king for protection, but does our Muslim king protect us? We’ve lost our religious way of life, our caste status, our self-respect, our family connections – and now were about to lose our lives! If we don’t get rid of these bearded degenerates will anything be left of our Hindu identity?” 12
Vor dem Hintergrund, des von den Kolonialherren eingesetzen, muslimischen Gouverneurs13, hat sich hier offensichtlich eine „Hindu identity“ gebildet, die sich gegen das Feindbild der „bearded degenerates“ (Muslime) abzugrenzen versucht. Noch heute wird der Text von Hindunationalisten zur Propaganda genutzt, um ein Patriotismusgefühl zu schaffen.14
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema des Hindunationalismus in Indien ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach den Hintergründen des Aufstiegs und des späteren Abstiegs der hindunationalistischen Bewegung.
2. Entstehung und Ideologie des Hindunationalismus: Das Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen des Nationalismus und Kommunalismus in Indien sowie die zentralen Aspekte der Hindutva-Ideologie.
3. Die Familie der Sangh Parivar: Hier werden die wichtigsten Organisationen des Sangh Parivar-Verbunds, insbesondere die RSS, der VHP und die BJP, detailliert vorgestellt.
4. Politischer Erfolg und Niedergang der Hindunationalisten: Dieses Kapitel analysiert die komplexen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Indiens und untersucht, welche Faktoren zum Aufstieg der BJP und zu ihrer späteren Abwahl führten.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Zukunftsaussichten des Hindunationalismus im Kontext der indischen Demokratie.
Schlüsselwörter
Indien, Hindunationalismus, Hindutva, BJP, RSS, VHP, Kommunalismus, Nationalismus, Demokratie, Wahlkampf, Parteienlandschaft, Religionskonflikt, Identität, Politik, Transformation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entstehung, der ideologischen Basis und dem politischen Verlauf des Hindunationalismus in Indien, mit besonderem Fokus auf die Bharatiya Janata Party (BJP).
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Untersuchung beleuchtet das Spannungsfeld zwischen religiöser Identität, Modernisierung, dem Erbe der Kolonialzeit und der Stabilität der indischen Demokratie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Hauptziel besteht darin, die Hintergründe des Aufstiegs der Hindunationalisten zu identifizieren und zu erklären, warum diese Bewegung nach nur einer Regierungsperiode in eine Sinnkrise geriet.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin oder der Autor greift auf eine Literaturanalyse zurück, die politikwissenschaftliche und historische Quellen kombiniert, um die ideologischen und gesellschaftlichen Prozesse in Indien nachzuvollziehen.
Was wird primär im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die ideologische Fundierung (Hindutva), die organisatorische Struktur (Sangh Parivar) und die empirische Analyse der Wahlerfolge und -niederlagen der BJP.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Kernbegriffe sind Hindunationalismus, BJP, Hindutva, Kommunalismus sowie die Analyse der indischen Parteienlandschaft.
Welche Rolle spielt die Organisation Sangh Parivar für die politische Agenda der BJP?
Die Sangh Parivar-Familie fungiert als Trägergruppe der Bewegung; die RSS bildet dabei das ideologische Zentrum, aus dem die BJP als politischer Arm hervorging, um Interessen in das staatliche System einzubringen.
Wie beeinflussen die Unruhen von 2002 in Gujarat das Bild der BJP?
Die Unruhen werden als einer der wesentlichen Gründe für die Niederlage der NDA im Jahr 2004 identifiziert, da sie das Bild der Regierung von Narendra Modi nachhaltig diskreditierten.
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- Stefan Raß (Autor), 2013, Hindunationalismus: (K)ein Ende in Sicht?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232248