Die Fragen, die diese Arbeit zu beantworten versucht, sind die Folgenden: Handelt es sich
bei den Stimmverlusten der beiden Großparteien um ein kurzfristiges Phänomen oder um
eine klar erkennbare und fortlaufende Tendenz auf Kosten der Großparteien und zu
Gunsten der etablierten kleinen Parteien? Sollte sich in dieser Frage ein klar erkennbarer
Trend zu Lasten der Großparteien bestätigen, stellt sich eine wesentlich bedeutendere
Frage: Wie ist dieser Wandel zu erklären und worin liegen die Ursachen für eine derartige
Entwicklung und den fortlaufenden Erosionsprozess der beiden Volksparteien?
Das folgende Kapitel dieser Arbeit dient zunächst der Begriffsklärung von Volksparteien,
Großparteien, kleinen Parteien, Kleinparteien bzw. etablierten kleinen Parteien. Hierbei
wird kurz die darin bestehende wissenschaftliche Diskussion aufgegriffen, um im
Anschluss klare Termini für den weiteren Verlauf der Arbeit festzulegen. Der darauf
folgende Abschnitt wird sowohl die Entwicklung der Stimmenkonzentration von
CDU/CSU und SPD als auch die der etablierten kleinen Parteien anhand vergangener
Bundes- und Landtagswahlen darlegen. Da der Untersuchungszeitraum hierbei relativ
großzügig angelegt ist, wird sich klar herauskristallisieren, inwiefern hinsichtlich der
Stimmenverluste von CDU/CSU und SPD von einer kurzfristigen Phase oder von einem
Trend gesprochen werden kann. Im vierten Abschnitt wird dann möglichen Gründen des
Erosionsprozesses unter den Volksparteien nachgegangen. In diesem Zusammenhang wird näher auf die Entwicklung der Parteienmitgliedschaften; traditionelle „cleavages“ und
deren veränderte Wirkung durch den sozialstrukturellen Wandel sowie auf den
Wertewandel und die Etablierung der GRÜNEN und LINKEN im Parlament eingegangen.
Diesem Abschnitt vier folgen eine abschließende Betrachtung der Thematik sowie ein
kurzer Ausblick auf die zukünftige Entwicklung und die Bundestagswahl 2009.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Strukturelle Differenzierung von „großen“ und „kleinen“ Parteien
3. Die veränderten Parteienkräfteverhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland
3.1. Die Entwicklung des Stimmenanteils der Großparteien
3.2. Der Entwicklung des Stimmenanteils der etablierten kleinen Parteien
4. Ursachen des fortlaufenden Erosionsprozesses der Volksparteien
4.1. Die Entwicklung von Parteimitgliedschaften
4.2. Der sozialstrukturelle Wandel und dessen Auswirkungen auf die traditionellen cleavages
4.3. Wertewandel und die Etablierung neuer Parteien
5. Abschließende Betrachtung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den anhaltenden Erosionsprozess der beiden großen Volksparteien in Deutschland, CDU/CSU und SPD. Ziel der Analyse ist es zu klären, ob es sich dabei um ein kurzfristiges Phänomen oder eine fortlaufende, strukturelle Tendenz zu Gunsten etablierter kleiner Parteien handelt und welche sozioökonomischen sowie wertewandelbezogenen Ursachen diesem Wandel zugrunde liegen.
- Analyse der Stimmenentwicklung von Großparteien im Vergleich zu etablierten kleinen Parteien.
- Untersuchung des Mitgliederschwunds und der Überalterung der Volksparteien.
- Einfluss des sozialstrukturellen Wandels auf traditionelle politische Konfliktlinien (Cleavages).
- Auswirkungen des Wertewandels vom Materialismus zum Postmaterialismus auf die Parteienlandschaft.
- Ausblick auf die zukünftige Entwicklung des deutschen Parteiensystems.
Auszug aus dem Buch
4.2. Der sozialstrukturelle Wandel und dessen Auswirkungen auf die traditionellen cleavages
Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern die zwei traditionellen cleavages in der BRD nach tief greifenden sozialstrukturellen Veränderungen weiter bestehen bzw. wirken. Unter dem Begriff cleavage ist ein durch Interessengegenstände entstandener Konflikt zu verstehen, welcher „in der Sozialstruktur verankert ist und im Parteiensystem seinen Ausdruck gefunden hat“ (Pappi 1977: 195). Diese Interessengegensätze haben nach dem cleavage Modell von Lipset/Rokkan (1967) dazu geführt, dass sich vom Konflikt betroffene Bevölkerungsgruppen organisierten und zur Durchsetzung ihrer Interessen ein Bündnis mit einer Partei eingingen.
Die betroffenen Konfliktgruppen erhofften sich, vereinfacht gesagt, eine Vertretung ihrer Interessen auf höchster politischer Ebene durch die Partei und schenkten ihr im Gegenzug Wählerstimmen. Lipset/Rokkan nennen vier zentrale Konfliktlinien (Lipset/Rokkan 1967: 47). Den „Zentrum – Peripherie Konflikt“ zwischen Eliten und Minderheiten; den Konflikt zwischen „Staat und Kirche“, beruhend auf den Machtansprüchen beider; den „Stadt - Land Konflikt“ mit den unterschiedlichen Interessen von Stadt- bzw. Landbevölkerung und den „Kapital – Arbeit Konflikt“ zwischen Kapitalgesellschaft und Arbeitergesellschaft.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt den anhaltenden Erosionsprozess der Volksparteien und definiert die zentrale Forschungsfrage nach der Ursache und Nachhaltigkeit dieses Trends.
2. Strukturelle Differenzierung von „großen“ und „kleinen“ Parteien: Dieses Kapitel erarbeitet eine klare Terminologie zur Abgrenzung von Volksparteien, etablierten kleinen Parteien und Kleinparteien zur methodischen Fundierung der weiteren Arbeit.
3. Die veränderten Parteienkräfteverhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland: Es wird die historische Stimmenentwicklung der Großparteien sowie der etablierten kleinen Parteien anhand von Wahlstatistiken detailliert nachgezeichnet.
4. Ursachen des fortlaufenden Erosionsprozesses der Volksparteien: Dieses Hauptkapitel analysiert kritisch den Mitgliederschwund, den sozialstrukturellen Wandel und den Wertewandel als wesentliche Triebfedern für den Bedeutungsverlust der Volksparteien.
5. Abschließende Betrachtung und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die zukünftige Rolle der Volksparteien in einem fluiden Parteiensystem.
Schlüsselwörter
Volksparteien, Erosionsprozess, Parteiensystem, CDU/CSU, SPD, etablierte kleine Parteien, Parteimitgliedschaften, Cleavages, sozialstruktureller Wandel, Wertewandel, Postmaterialismus, Wahlverhalten, Stimmenkonzentration, Bundestagswahl, Politische Parteien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den anhaltenden Rückgang der Wählerstimmen und Mitgliederzahlen der deutschen Volksparteien CDU/CSU und SPD im Zeitverlauf.
Welche Parteien werden als „etablierte kleine Parteien“ definiert?
Dazu werden in der Arbeit die FDP, Bündnis 90/Die Grünen und die LINKE gezählt, da diese regelmäßig in das Bundesparlament einziehen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu bestimmen, ob der Stimmverlust der Großparteien ein kurzfristiges Phänomen oder eine dauerhafte, strukturelle Tendenz im deutschen Parteiensystem darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin bzw. der Autor nutzt eine empirische Analyse von Wahlstatistiken, Mitgliederzahlen und sozialwissenschaftlichen Modellen (wie dem Cleavage-Modell), um Trends und Ursachen zu identifizieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Entwicklungen der Wählerstimmen und Mitgliederzahlen, der sozialstrukturelle Wandel sowie die Auswirkungen des Wertewandels auf das Wahlverhalten untersucht.
Welche Rolle spielt der „Wertewandel“ für die Parteien?
Der Wertewandel vom Materialismus zum Postmaterialismus erklärt die Entstehung neuer politischer Themen und Milieus, welche von den traditionellen Volksparteien anfangs nicht ausreichend bedient wurden.
Warum verlieren Volksparteien laut Arbeit an Bindekraft?
Dies wird auf eine Kombination aus schwindender sozialer Verwurzelung der traditionellen Milieus (Arbeiter, Konfessionelle), demographischem Wandel und einem Erfolg der kleinen Parteien bei neuen Themen zurückgeführt.
Können Koalitionen ohne Volksparteien in Zukunft wahrscheinlich sein?
Obwohl es für Regierungsbildungen auch in naher Zukunft schwer ist, an den Großparteien vorbeizukommen, wird aufgrund der Verschiebungen die Möglichkeit für komplexere Koalitionsmodelle wie "Ampel" oder "Jamaika" diskutiert.
- Citation du texte
- Sebastian Richter (Auteur), 2009, Volksparteien in der Krise?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232275