Überlegungen zur Schule als gesellschaftliche Institution im Kontext Berger/Luckmanns und Meads


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Symbolischer Interaktionismus

3. Identitätsbildung und Primäre Sozialisation

4. Die gesellschaftliche Rolle der Institution Schule

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

Innerhalb des Prozesses der modernen Industriegesellschaft entstanden verschiedene Institutionen, die mit unterschiedlichen Aufgaben versehen sind. So existieren u.a. Ämter und Behörden, die bürokratische Aufgaben erfüllen oder Krankenhäuser, die für die Gesundheit und Pflege zuständig sind. In den unterschiedlichen Institutionen wird auf verschiedene Weise kommuniziert und sie sind von bestimmten Rollenerwartungen geprägt. Somit sind alle Institutionen auch Orte für Sozialisationsprozesse im Allgemeinen. Die Schule als Institution besitzt einen pädagogischen Auftrag, der geplant und organisiert Sozialisation im Bildungs- und Erziehungssystem betreibt.

In der folgenden Arbeit wird der Frage nachgegangen, inwiefern die Institution Schule auf die Gesellschaft und insbesondere auf die Kinder und Jugendlichen, die die Institution besuchen, bei der Herausbildung von Identität Einfluss nimmt.

Im Kontext der Arbeit werden die Autoren Mead und Berger/Luckmann herangezogen, um der im Vorfeld gestellten Frage nachzugehen. Hierzu wird im ersten Teil auf den Symbolischen Interaktionismus und die Primäre Sozialisation eingegangen, um im Nachfolgenden die Entwicklung von Identität näher zu erläutern. Im weiteren Verlauf der Arbeit findet der Begriff der Institution generell und in Hinblick auf die Schule im Besonderen eine nähere Betrachtung. Abschließend wird auf der Grundlage der thematisch behandelten Aspekte die Rolle der Schule bei der Herausbildung der Identität gesellschaftsfähiger junger Menschen diskutiert. Ein Fazit rundet die Arbeit ab.

2. Symbolischer Interaktionismus

Der symbolische Interaktionismus stützt sich in seinem Ursprung auf die von Charles Sanders Pierce semiotische und von George Herbert Mead anthropologische Handlungs- und Kommunikationstheorie des Pragmatismus. So unterscheidet Pierce in seiner Theorie drei verschiedenen Kategorien von Zeichen (Index, Ikon, Symbol). Es existiert eine Beziehung zwischen dem Zeichen und dem Bezeichneten, das von einem selbst durch sein bestimmtes Welt- und Vorwissen erschlossen und angewandt wird. Ein Zeichen nimmt eine sogenannte Stellvertreter-Funktion ein, wie beispielsweise ein Verkehrsschild (Ikon), das durch ein Ähnlichkeitsverhältnis eine Spielstraße kennzeichnet, in der man sich bestimmten Verkehrsordnungen anzupassen hat. Oder wie bei dem Index, der eine Folge-Verhältnis repräsentiert: Vor dem ins Bett gehen ist die Straße trocken. Wenn man morgens aufwacht und aus dem Fenster schaut und die Straße nass ist, wird automatisch erschlossen, dass es nachts geregnet haben muss.[1]

Ähnlich verhält es sich nach Mead im anthropologischen Sinne. Der Mensch reagiert auf seine Umwelt wie sie ihm symbolisch vermittelt wird und vermittelt diese dementsprechend. In der Handlungstheorie Meads ist demzufolge die Interaktion von Personen untereinander zentral, in der sie versuchen den jeweils anderen zu verstehen und auf diesen zu reagieren. Der Begriff der Geste nimmt hierzu eine wesentliche Rolle ein. Meads veranschaulicht dies anhand seines bekannten Beispiels der kämpfenden Hunde: Die Beziehung zwischen den zwei Hunden gestaltet sich durch eine Reiz-Reaktions-Beziehung. Ein bestimmtes Verhalten des einen Tieres führt zu einer Reaktion des anderen Tieres. Fletscht Tier A seine Zähne so vermittelt es Tier B, dass es aggressiv ist. Tier B muss auf den Reiz von Tier A reagieren, was in diesem Fall einerseits eine Entscheidung für eine Verteidigungsbereitschaft oder andererseits die Flucht sein könnte. Die Geste des einen Hundes löst somit die Reaktion des anderen Hundes aus, die wiederum zu einem Anschlussverhalten führt (soziale Gesamthandlung). Es liegt dementsprechend eine Interpretation des zukünftig zu erwartenden Verhalten des anderen vor, so dass Gesten als Verhaltensweisen einmal als Anzeichen für eine bestimmte Reaktion und ferner als Reaktionsauslöser gelten.[2]

Im Gegensatz zu den Tieren verfügt der Mensch über die Möglichkeit der Kommunikation und somit bezieht sich die Theorie des symbolischen Interaktionismus nicht ausschließlich auf Gesten, sondern auch auf die Sprache, die als ein System von Symbolen zu verstehen ist. An dieser Stelle ist festzuhalten, dass Hebert Blumer, ein Schüler Meads, den Begriff des Symbolischen Interaktionismus 1937[3] schuf. Eine Interaktion zweier oder mehrerer menschlicher Individuen muss sinnbildend sein, indem sie Symbolgehalte transportiert. Dies erfolgt über die Sprache, Gesten und/oder Gebärden. Wesentlich für eine soziologische Betrachtung des Indiviuums ist nach Mead das Zusammenwirken mit anderen Beteiligten im Gegensatz zu einer isolierten Betrachtung des Einzelnen.[4] Im Mittelpunkt der Interaktion steht nach Mead die Aktion und Reaktion, indem er wie folgt festhält, dass „ die logische Struktur des Sinnes in der dreiseitigen Beziehung der Geste zur anpassenden Reaktion und zur Resultante der jeweiligen gesellschaftlichen Handlung zu finden ist. Reaktion seitens des zweiten Organismus auf die Geste des ersten ist Interpretation dieser Geste - sie arbeitet den Sinn heraus – als Hinweis auf de Resultante der gesellschaftlichen Handlung, die sie auslöst und in die somit beide Organismen eingeschaltet sind. Diese Dreiecksbeziehung zwischen Geste, anpassender Reaktion und Resultante dieser durch die Geste ausgelösten gesellschaftlichen Handlung ist die Grundlage des Sinnes; denn Sinn hängt von der Tatsache ab, daß die anpassende Reaktion des zweiten Organismus die Resultante der jeweiligen gesellschaftlichen Handlung gerichtet ist, wie sie durch die Geste des ersten Organismus ausgelöst und aufgezeigt wurde. (…) Der Sinn einer Geste seitens des Organismus ist die anpassende Reaktion eines anderen Organismus auf sie (…) Die anpassende Reaktion des anderen Organismus macht den Sinn der Geste aus“. [5]

Zusammenfassend ist der Kern des symbolischen Interaktionismus somit die Wechselbeziehung mit anderen Individuen. Im Folgenden wird der Prozess der primären Sozialisation näher betrachtet, in der die Interaktion miteinander von wesentlicher Bedeutung ist.

3. Identitätsbildung und Primäre Sozialisation

George Herbert Meads verfolgt einen identitätstheoretischen Ansatz, in dem das individuelle Verhalten sowie das menschliche Bewusstsein eine enge Wechselbeziehung mit sozialen Prozessen pflegt. Kommunikation spielt in dieser Interaktion eine zentrale Funktion. Eine besondere Rolle nimmt wie bereits erläutert die Sprache (signifikantes Symbol) ein, die im Gegensatz zu den Gesten (Auslöser für instinktive Reaktionen beim Gegenüber) die Möglichkeit des „sich in den anderen Hineinversetzen“ schafft. Das Individuum nimmt seine eigenen Handlungen ebenso wahr wie die des Gegenübers. Im Mittelpunkt der Bildung einer eigenen Identität steht dementsprechend die Identifikation über Andere: „wir (…) uns mehr oder weniger unbewußt so (sehen), wie andere uns sehen“[6]. Die von Mead entwickelte Kommunikationstheorie bildet die Basis menschlicher Sozialität. Soziale Erfahrungen in der Interaktionen mit anderen schafft die Identität eines Einzelnen, die somit nicht von Geburt an besteht, sondern sich erst innerhalb der gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesse entwickelt.[7] Neben der Sprache ist für die Bildung der Ich- Identität (self) ferner das Spiel (play) und der Wettkampf (game) von wesentlicher Bedeutung. Kennzeichnend für das Spiel ist, dass das Kind in der Lage ist, nur seine eigene Rolle oder die einer anderen nahestehenden Person zu übernehmen. So versetzt es sich beispielsweise in die Rolle des Arztes (signifikante Andere) und pflegt ihre Puppen wieder gesund. Im Wettkampf tritt die signifikante Rolle einer bestimmten Person in den Hintergrund und das Kind besitzt nun die Fähigkeiten sich zur gleichen Zeit in andere hineinzuversetzen (generalisierte Andere), wie es u.a. in Mannschaftssportarten von Belangen ist. Die Ausbildung der Identität entsteht so durch die Übernahme der Rollen konkreter sowie objektivierter anderer Personen.[8] Dies sind die verschiedenen Entwicklungsstufen des Kindes, die ferner durch zwei weitere Faktoren hinsichtlich der Identität ergänzt werden müssen. Mead unterteilt die individuelle Identität in das „ I (Ich)“ und das „Me (ICH) “, die er wie folgt erläutert: „Das „Ich“ ist die Reaktion des Organismus auf die Haltung anderer; das „ICH“ ist die organisierte Gruppe von Haltungen anderer, die man selbst einnimmt. Die Haltungen der anderen bilden das organisierte „ICH“, und man reagiert darauf als ein „Ich“.“ [9] Die Reaktion des „I“ ist „mehr oder weniger unbestimmt“ [10] und zeichnet sich ferner dadurch aus, dass „ (…) dessen Natur wir im vorhinein nicht bestimmen können“ [11]. Das „I“ ist somit das spontane und unkontrollierbare Element der eigenen Identität. Gegenüber gestellt wird ihm das „Me“, das durch die von der Gesellschaft gestellten Erwartungen an das Individuum geprägt ist: „Das Me tritt auf, um (seine) Pflicht zu erfüllen“ [12]. Beide zusammen ergeben das „Self“ (reflexive Selbst), das Selbstbild von sich als Person, seine Identität.

[...]


[1] Vgl. Busch, Albert; Stenschke, Oliver: Germanistische Linguistik. Eine Einführung. Tübingen 2008. S. 18f.

[2] Vgl. Schneider, Wolfgang Ludwig: Grundlagen der soziologischen Theorie. Wiesbaden 2002. 181.

[3] Vgl. Abels, Heinz: Interaktion, Identität, Präsentation: Kleine Einführung in interpretative Theorien der Soziologie. Opladen/Wiesbaden 1998. S. 43.

[4] Vgl. Mead, George Herbert: Geist, Identität und Gesellschaft. Frankfurt am Main 1968. S. 118ff.

[5] Mead, George Herbert: Geist, Identität und Gesellschaft. Frankfurt am Main 1968. S. 120.

[6] Mead, George Herbert: Geist, Identität und Gesellschaft. Frankfurt am Main 1968. S. 108.

[7] Derselbe S. 177.

[8] Vgl. Abels, Heinz: Interaktion, Identität, Präsentation. Opladen/Wiesbaden 1998. S. 27ff.

[9] Mead, George Herbert: Geist, Identität und Gesellschaft. Frankfurt am Main 1968. S. 218.

[10] Derselbe S. 219.

[11] Mead, George Herbert: Geist, Identität und Gesellschaft. Frankfurt am Main 1968. S. 220

[12] Derselbe S. 219.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Überlegungen zur Schule als gesellschaftliche Institution im Kontext Berger/Luckmanns und Meads
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Erziehungswissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V232291
ISBN (eBook)
9783656488576
ISBN (Buch)
9783656490616
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
überlegungen, schule, institution, kontext, berger/luckmanns, meads
Arbeit zitieren
Julia Zeihe (Autor), 2013, Überlegungen zur Schule als gesellschaftliche Institution im Kontext Berger/Luckmanns und Meads, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232291

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