"Die Sünderin": Größter Skandalfilm in Deutschland & Spiegel der Gesellschaft

Eine kritische Auseinandersetzung


Hausarbeit, 2012

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Spiegel der Gesellschaft
i. im visuellen Zeitalter der Reizüberflutung & Sensationslust
ii. im Zeitgeist der Unbestimmtheit
iii. in der Flucht zur Konsum- & Freizeitgesellschaft

Clash mit der Kirche & Skandal
i. über den Trümmerhaufen durch Schmutz & Unrat
ii. Gotteslästerung & die Unabwendbarkeit des Schicksals

Die Rettung durch Liebe

Schlussfolgerung

Bibliographie

Einleitung

Willi Forsts Spielfilm "Die Sünderin" ist der größte Skandal der Filmgeschichte Deutschlands in der Nachkriegszeit (vgl. Burghardt 1996:11). Ein "bis heute ohne Beispiel gebliebener Proteststurm" (13) von Kirche und Öffentlichkeit gegen ihn manifestierte sich nicht nur in Flugblättern und Mahnworten (vgl. 351-357), sondern auch in "Boykottmaßnahmen" (23), "Zwischenrufen, Pfeifkonzerten, Sprechchören, Knallkorken, weißen Mäusen, Stinkbomben und Tränengas" (26), Demonstrationen (vgl. 27-28) und schließlich in politischen Debatten (vgl. 26), Absetzungen (vgl. 29-31) und Aufführungsverboten (vgl. 31-37). Grund für diesen Protest wurde gesehen im Durchbrechen von Tabus des Films (vgl. 239), in der Verherrlichung & Bejahung von "Prostitution, >wilder Ehe<, Sterbehilfe und Selbstmord" (239), beispielsweise in Marinas Kommentar zu ihrer eigenen Prostitution: "Was war es denn? Ein Schritt durch Dreck, nichts weiter." ("Die Sünderin" 0:09:55), und der damit einhergehenden "entsittlichenden Wirkung" (Burghardt 1996:248) auf seine Zuschauer. Er verstieß "eklatant gegen die Werte und Normen der Gesellschaft der 50er Jahre" (14) und wurde verurteilt als "eine >Sumpfblüte<, die in der >Kloake der Zeit< gedeiht".

Von einem anderen Blickwinkel betrachtet ist es genau diese ">Kloake der Zeit<", die der Film widerspiegelt. Er weist viele Parallelen auf zu einem Zeitalter der "Unbestimmtheit des sozialen Status [...] [,] ökonomische^] Unterversorgung, [...] Instabilität und [...] extreme[r] Diffusität gesellschaftlicher Leitbilder" (Schildt 1995:306), zu einem "Zeitalter des Konsums" (353) und der "Freizeitgesellschaft" (363) sowie zum "Visuelle[n] Zeitalter" (385) der "Reizüberflutung" und des "Sensationalismus" (386) - und scheint als Spiegel dieser "grundverdorbene[n] Gesellschaft, in die ich [(Marina)] da geraten war" ("Die Sünderin" 0:34:52) einen kritischen Blick auf sie zu werfen. Im Sinne der Erklärung Willi Forsts, sein Ziel mit "Die Sünderin" sei es, "«sich nun an brennende Zeitprobleme [zu] wagen» [...] in der Darstellung einer lebensnahen Wirklichkeit" (Burghardt 1996:15) , da das "Publikum [...] nach Problemen der Wirklichkeit [verlange]" (16), wird sich diese Arbeit mit beiden Gesichtspunkten kritisch auseinandersetzen und die Frage zu beantworten versuchen, ob "Die Sünderin" mehr ein zu Recht verrufener, demoralisierender Skandal ist oder doch als Spiegel der Gesellschaft der 50er Jahre und als künstlerisches Meisterwerk (vgl. 14) zu den bedeutendsten Filmen seiner Zeit gehört, der schließlich dank seines Skandals zum "kommerziell erfolgreichsten Film [...] im Bundesgebiet nach 1945" (51) wurde.

Spiegel der Gesellscha ft

i. im -visuellen Zeitalter der Reizüberflutung & Sensationslust

„Der modeme Mensch ist ein Augenmensch. (...) Wir werden optisch überwältigt“ (Schildt 1995:389)

Alexander, Marinas Liebe und krebskranker Maler, ist mit seiner Erblindung durch den Tumor und seinem späten Erfolg mit reproduzierter Kunst eine Verkörperung des Phänomens der „Reizüberflutung [...] [im] Visuelle[n] Zeitalter“ (385) und des „Triumph[s] des »Sensationalismus«“ (386) der 50er Jahre.

Mit seiner Verehrung und Feier der „Majestät des Lichts“ („Die Sünderin“ 0:48:41, vgl. 0:47:50­0:49:10), dem „Wunder des kommenden Tages“ (0:48:20) voller Leben, Form, Farbe und Konturen (vgl. 0:48:33), und mit seinem darauffolgenden Verlust des Augenlichts, scheint die Figur Alexanders ein kritisches Statement zum Zeitalter des Fernsehens zu geben, zur „bildüberfluteten Zeit, die mit ihrem Trommelfeuer, ihrem Farbengeknatter uns pausenlos beschießt“ (Schildt 1995:389). „Lesen und Denken werden durch den Fernsehapparat überflüssig“ (391), und so verliert auch Alexander während seiner Erblindung und den einhergehenden Schmerzen die Fähigkeit zur Konzentration, die „»Inflation der Reize«“ (389) überwältigt selbst ihn - „Dir war die Sonne zu grell? Dir, dem sie nicht grell genug sein konnte?“ („Die Sünderin“ 0:53:44). Auch noch als Sehender kommt er „voller Demut vor den Wundern der Schöpfung“ (0:47:00), real verkörpert im technologischen Fortschritt durch den Fernseher, „»kaum mehr zur Ruhe und Sammlung gegenüber dem Viel-zu-viel«“ (Schildt 1995:386). Er repräsentiert in seiner Zerstreuung (vgl. „Die Sünderin“, das Vermalen seines Bildes in 0:52:46) den Zeitgeist der bebilderten Welt (vgl. Schildt 1995:386) in ihrer „Zeitverlorenheit“ (386) und wirft ein skeptisches Licht auf die Film- & Bildindustrie, die für ihn in der Rolle des Lichts sowohl Leben & Schönheit, als auch Verderben, Überforderung & Tod verkörpert. Selbst bei seinem von Marina unterstützten Selbstmord scheint er im Verlust auch des Hörens die vom Fernseher ausgelöste Entfernung der Gesellschaft voneinander und von sich selbst zu kritisieren - „das Ich-Bewusstsein wird schwächer, und so wird der lebende Roboter gezüchtet, der keine Stimme des Himmels mehr hört“ (391).

Als Alexander später in der Geschichte anfängt, Marina zu malen (vgl. „Die Sünderin“ 1:10:50) und wie besessen schließlich nur noch sie malt (vgl. 1:11:14), hat er Erfolg. Indem er über diesen Ruhm spottet (vgl. 1:11:49) und sich über seine Verehrer lustig macht (vgl. 1:12:20 & das mit dem Hintern malen in 1:12:40), die nichts von Malerei verstünden (vgl. 1:11:51), scheint er auch über den Kulturverlust im „»Erfahrungsverlust«“ (Schildt 1995:385) zu spotten, als lebendige Parallele zur „Gegenüberstellung von Kunst und »Kulturindustrie«“, die sich in den 50er Jahren entwickelt, und er mokiert sich über die neue Rolle seiner Werke als „»Populärkultur«“ in ihrer „Reproduzierbarkeit“ (er malt schließlich nur noch Marina). In einer Zeit, in der „die »Aura« des Kunstwerks [so] verkümmere“, freut er sich nicht über seinen lang ersehnten Erfolg, stattdessen lächelt er nur auf die Sensationslust, die seine Massen an Bildern von Marina auslösen und dabei die Kunst & ihre Wahrnehmung in den 50er Jahren repräsentieren.

Letztendlich geht dieser „Mensch des Augenblicks [...] geschichtslos, ohne Vergangenheit, [als] »Mann ohne Gepäck«“ (386) aus der Welt (vgl. „Die Sünderin“ 1:21:45), die er als martyrvoll empfunden hat (vgl. 1:18:20) und dessen visuelle Reizüberflutung ihn zunächst beglückt, dann zerstört hat, und so fungiert die Figur Alexanders als Kritik am visuellen Zeitalter, aus dem der Film „Die Sünderin“ stammt.

ii. im Zeitgeist der Unbestimmtheit

„Langsam wurde mir klar, was das für Dich bedeutete: Wieder zurück ins Nichts. Du gingst, nicht wissend wohin.“ („Die Sünderin“ 0:29:00)

Der Film weist des weiteren viele Parallelen zur sozialen Struktur & allgemeinen Gesellschaftsstimmung auf, deren guter Zustand er damit in Frage zu stellen scheint. Diese Parallelen zeigen sich in sehr konkreten Situationen bzw. Figuren und tragen einen sehr persönlichen, empathischen Faktor in sich.

Beispielsweise werden die „Unbestimmtheit des sozialen Status vieler Menschen [...] [und] ihre ökonomische Unterversorgung“ (Schildt 1995:306) von Alexander wie auch von Marina in ihren sozialen Positionen, bevor sie ein Paar werden, verleiblicht. Alexander als „heruntergekommener Maler“ („Die Sünderin“ 0:12:17) ist ein Säufer, der nicht nur von allen in der Bar verspottet wird und dort nicht willkommen ist (vgl. Kapitel 2 „Erste Begegnung“, insbesondere die Szene von 0:11:18-0:14:26), in derselben Art und Weise begegnet ihm auch seine Frau. Nachdem er durch sie erst eine „aufgehende Berühmtheit“ (0:12:26) war, verlässt sie ihn und schmeißt ihn raus (vgl. 0:14:00), und als Mann ohne Heim (vgl. 0:13:56) wird er schon gleich zu Beginn des Films als sehr konkrete Personifizierung der sozialen Unbestimmtheit charakterisiert.

Marina erlebt Ähnliches in ihrer Rolle als Prostituierte und insbesondere in ihrem jugendlichen Werdegang. Allein dieser Beruf ist im abstrakten, symbolischen Sinne ein Pendant zur Verzweiflungstat aus Unsicherheit und Verlorenheit, doch Marinas erzählte Jugend weist erneut sehr konkrete, direkte & persönliche Verknüpfungen zum genannten sozialen Phänomen auf. Zunächst ist ihre Kindheit geprägt von Unsicherheit im erneuten Heiraten ihrer Mutter (vgl. 0:20:15), in der unerklärlichen Verhaftung ihres Stiefvaters (vgl. 0:23:42) und, wie bei Alexander, in ihrem Rausschmiss (0:33:54). Ihr anschließendes wildes Wohnverhältnis bei Irmgard, dessen Vater eingezogen und Mutter verstorben ist (vgl. die Szene ab 0:34:22), ist allerdings das offensichtlichste und direkteste Pendant zur Gesellschaft der 50er Jahre, das sogar narrativ direkt angesprochen wird - „verlottert, verkommen“ (0:20:05) in der ,,grundverdorbene[n] Gesellschaft, in die ich da geraten war“ (0:34:42), „[a]ber hinter allem Frivolen steckte nichts weiter als die Todesangst, der Heißhunger, noch möglichst viel an sogenanntem Erleben zusammenzuraffen.“ (0:34:49).

Damit spricht Marina als Erzählerin sowie als Figur auch das Thema des zweifelbelasteten „Vertrauensgrades in die Zukunft“ (Schildt 1995:308) an, das die Gesellschaft der Nachkriegszeit prägt. Die Menschen, mit denen Marina in dieser Wohngemeinschaft verkehrt, sind getrieben von den „[v]ielfältige[n] »Unsicherheitspotenziale[n]« [...] [, die] als ein »zentraler Bestandteil des Lebensgefühls der 50er Jahre« veranschlagt werden [können]“.

„[D]ie Angst, es könne auch wieder einmal anders - d.h. schlechter kommen“ wird in dieser Szene genauso bildlich dargestellt wie auch im unsicheren Verkauf Alexanders Bilder, dessen Strapazen Marina schließlich zum Verzweiflungsakt, zur Verprostituierung für den Verkauf eines Bildes, treiben (vgl. „Die Sünderin“, Kapitel 1 „Verkaufserlös“, insbesondere von 0:05:15-0:07:43).

Der politische Aspekt der Unsicherheit in „politische[r] Instabilität und [...] extreme[r] Diffusität gesellschaftlicher Leitbilder“ (Schildt 1995:306) wird kurz, dennoch auch konkret angesprochen im Wechsel der Soldaten, denen Marina als Prostituierte begegnet, den sie als kaum bemerkbar und beinahe unwichtig kommentiert - „Der Krieg ging vorbei, ich bemerkte kaum den Übergang vom einen zum anderen Zustand, nur andere Uniformen und eine andere Sprache, aber dieselbe Öde, die gleiche Leere.“ („Die Sünderin“ 0:37:18). Diese Öde & Leere mag sie auf ihre eigene Stellung zur Liebe, bis Alexander in ihr Leben tritt, beziehen (vgl. 0:37:33), doch auch hier lässt sich eine Parallele ziehen, im kritisierenden Kommentar zur gesellschaftlichen Lebensauffassung in den 50er Jahren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
"Die Sünderin": Größter Skandalfilm in Deutschland & Spiegel der Gesellschaft
Untertitel
Eine kritische Auseinandersetzung
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
SE Medien, Politik und Religion in der deutsch-deutschen Nachkriegszeit
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V232335
ISBN (eBook)
9783656488712
ISBN (Buch)
9783656492313
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Die Sünderin, Skandal, Kirche, Willi Forst, Hildegard Knef, Kirsten Burghardt, Axel Schildt
Arbeit zitieren
Marc Backhaus (Autor), 2012, "Die Sünderin": Größter Skandalfilm in Deutschland & Spiegel der Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232335

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