Die Betrachtung der wirtschafts- u. sozialpolitischen Entwicklung in der DDR der 60er Jahre bis zum Wechsel an der Staatsspitze und die sich aus der verfehlten Wirtschaftspolitik von Günter Mittag entwickelnde Neuorientierung bis hin zur Formulierung der Idee der "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" auf dem IX. Parteitag der SED im Mai 1976 stehen im Mittelpunkt der Arbeit.
Hätte die DDR bei einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik und einem Westdeutschland entsprechenden Lebensstandard heute noch existent sein können?
Wie konnte sich Anfang der 1970er Jahre die bemerkenswert marktwirtschaftliche Erkenntnis der "Einheit der Wirtschafts- und Sozialpolitik" in der politischen Führung der DDR durchsetzen und warum konnte die danach einsetzende erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung im "zweiten deutschen Staat" nicht fortgeführt werden?
Eine eindeutige Beantwortung dieser Fragen ist aufgrund des z. T. hypothetischen Charakters natürlich nicht möglich, jedoch erscheint eine intensive Auseinandersetzung mit der sozial- und wirtschaftspolitischen Vergangenheit der DDR lohnende Rückschlüsse auf die Gründe für den späteren Zusammenbruch des Staates zu ermöglichen.
Ausgehend von unterschiedlichen Definitionen der Aufgabe einer staatlichen Sozialpolitik vom deutschen Kaiserreich über die frühe Bundesrepublik bis in die DDR der Honecker-Ära befasst sich die Arbeit mit der theoretischen und praktischen Rolle der Sozialpolitik in der DDR und mit der wirtschaftlichen Entwicklung der 50er und 60er Jahre. Dabei stellt der Verfasser die theoretische Bedeutung und die Problematik einer "Sozialpolitik im Sozialismus" heraus und geht ausführlich auf die von Wolf-Rainer Leenen in einer Arbeit von 1977 geäußerten These ein, es habe in der DDR der 50er und 60er Jahre praktisch keine Sozialpolitik gegeben, welche diese Bezeichnung verdient gehabt hätte.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
1. Zum methodischen Vorgehen und zur Terminologie
2. Die Sozialpolitik im Kapitalismus
3. Sozialpolitik im Sozialismus - Theorie und Praxis in der DDR
II. Hauptteil
1. Die Sozialpolitik während der "antifaschistisch-demokratischen Umwälzung" (1945-1949) und der "Phase der Schaffung der Grundlagen des Sozialismus" (1949-1960)
2. Die Sozialpolitik in der Phase des "umfassenden Aufbau des Sozialismus" (1961-1970) und die ideologische Wende ab Mitte der sechziger Jahre
3. Ökonomische Probleme gegen Ende der sechziger Jahre
4. Die 14. Tagung des ZK und der VIII. Parteitag der SED
5. Die Entwicklung der Wirtschafts- und Sozialpolitik in der DDR nach dem VIII. Parteitag
III. Schluß
Zusammenfassende und ergänzende Betrachtungen
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht historisch den Zusammenhang zwischen Wirtschafts- und Sozialpolitik in der DDR während der Ära Honecker, mit einem besonderen Fokus auf die Entstehung und ideologische Instrumentalisierung des Leitbegriffs der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ zur Sicherung der staatlichen Existenz.
- Historische Analyse des Sozialpolitikbegriffs in der DDR
- Wechselwirkungen zwischen ökonomischen Krisen und sozialpolitischen Maßnahmen
- Die ideologische Funktion der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“
- Vergleich der DDR-Wirtschaftspolitik zwischen der Ära Ulbricht und der Ära Honecker
Auszug aus dem Buch
I.1. Zum methodischen Vorgehen und zur Terminologie
Die sozialistische bzw. marxistisch-leninistische Ideologie, auf deren Grundlage die Existenz des Staates der DDR aufgebaut war, stellt für den nicht-marxistisch-leninistischen Betrachter zunächst ein nicht zu unterschätzendes Hindernis auf dem Weg zu einer realistischen Analyse der DDR-Gesellschaft dar. Laut Wolf-Rainer Leenen steht die marxistisch-leninistische Ideologie nicht nur der externen Analyse, sondern auch einer realistischen Selbsterfassung eines sozialistischen Systems durch dessen eigene Wissenschaftler im Wege.
Aufgrund des heutiger Sicht bekannten Zusammenbruches der DDR als eigener Staatsorganisation ist diese letztere These Leenens zweifelsfrei empirisch belegt. Für die externe und jetzt im Bezug auf die DDR auch historische Analyse ist es zunächst erforderlich, sich durch ein begrenztes Einlassen auf bzw. durch eine Beschäftigung mit dieser speziellen Ideologie annähernde Vorstellung von den besonderen Problemen zu verschaffen, mit denen ein externer und nicht der strengen Systemimmanenz folgenkönnender Betrachter konfrontiert ist. So beansprucht die sozialistische Ideologie beispielsweise, über die einzige Weltanschauung zu verfügen, die "die Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung erfasst und ein praktisches Handeln ermöglicht, das sich in Übereinstimmung mit den ökonomischen und sozialen Gesetzmäßigkeiten befindet". Aus diesem exklusiven Erkenntnisanspruch resultiert konsequenterweise nicht nur die angeblich wissenschaftlich fundierte Vorgabe von Ziel und Weg der Gesellschaft durch die die Arbeiterklasse führende Partei, sondern auch die Fähigkeit, den jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklungsstand auf dem Weg zu diesem Ziel, der klassenlosen Gesellschaft mit der Bezeichnung "Kommunismus", bestimmen zu können.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Dieses Kapitel legt das methodische Fundament, definiert zentrale Begriffe im Kontext der marxistisch-leninistischen Ideologie und umreißt die theoretischen sowie praktischen Herausforderungen einer Analyse sozialistischer Gesellschaftssysteme.
II. Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in fünf Kapitel, die chronologisch die Phasen der Sozialpolitik in der DDR von 1945 bis zum Zeitraum nach dem VIII. Parteitag 1971 analysieren, wobei die Entwicklung der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ im Zentrum steht.
III. Schluß: Hier werden die Ergebnisse der Untersuchung kritisch reflektiert, insbesondere im Hinblick auf die Unfähigkeit der SED-Führung, auf notwendige gesellschaftliche und ökonomische Reformimpulse vor 1989 konstruktiv zu reagieren.
Schlüsselwörter
DDR, SED, Sozialpolitik, Wirtschaftspolitik, Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik, VIII. Parteitag, Erich Honecker, Walter Ulbricht, marxistisch-leninistische Ideologie, Planwirtschaft, Lebensstandard, Arbeiterklasse, Staatslegitimation, Systemimmanenz, Ökonomisches System des Sozialismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert historisch den Zusammenhang und die Wechselwirkung zwischen Wirtschafts- und Sozialpolitik in der DDR und untersucht, wie die SED diese Bereiche ideologisch verknüpfte, um die staatliche Stabilität zu sichern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Entwicklung der SED-Wirtschaftsstrategien, die Rolle der Ideologie bei der Gestaltung der Sozialpolitik, der Vergleich der Ären Ulbricht und Honecker sowie der Versuch, durch materielle Verbesserungen eine höhere politische Legitimität zu erreichen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den historischen Kontext und die Funktion des Leitbegriffs der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ aufzuzeigen und zu prüfen, inwieweit dieser Begriff tatsächlich eine ökonomische Realität beschrieb oder primär als ideologisches Herrschaftsinstrument diente.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine systemimmanente Analyse, bei der die DDR-Ideologie unter Berücksichtigung ihrer eigenen Prämissen betrachtet wird, ergänzt durch eine kritische historische Untersuchung unter Heranziehung von Primärquellen wie Parteitagsbeschlüssen und Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die verschiedenen Entwicklungsphasen der DDR-Politik von der Nachkriegszeit bis in die siebziger Jahre, inklusive der wirtschaftlichen Reformversuche der sechziger Jahre und der weitreichenden sozialpolitischen Versprechen nach 1971.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie DDR, Sozialpolitik, SED, Wirtschaftsreform, Ideologie, Einheitsformel, Lebensstandard und Systemstabilität charakterisiert.
Welche Rolle spielte der VIII. Parteitag für die Sozialpolitik?
Der VIII. Parteitag markierte einen entscheidenden Wendepunkt, da hier die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ als zentrale Leitlinie verkündet wurde, um durch eine spürbare Erhöhung des materiellen Lebensstandards die Zustimmung der Bevölkerung zur Parteiführung zu stärken.
Warum wird die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ in der Arbeit kritisch bewertet?
Die Arbeit bewertet das Konzept kritisch, da die ökonomische Basis der DDR langfristig nicht in der Lage war, die versprochene proportionale Erhöhung des Lebensstandards bei gleichzeitiger Stabilität der Planwirtschaft zu leisten, was das Konzept letztlich als ideologische Konstruktion entlarvt.
Was bedeutet das Scheitern der ökonomischen Reformen in den sechziger Jahren für die Stabilität der DDR?
Das Scheitern führte zu einer Zunahme ökonomischer Disproportionen, die das SED-Regime unter Druck setzten und einen Kurswechsel erforderlich machten, der schließlich in der Ablösung Ulbrichts und der Etablierung des Honecker-Kurses mündete.
- Citation du texte
- M.A. Frank Oelmüller (Auteur), 1993, Die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik. Zum historischen Zusammenhang eines Leitbegriffs der DDR in der Ära Honecker, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232441