"Ding an sich" (Kant) als Naturwirklichkeit?


Hausarbeit, 2013
21 Seiten, Note: Sehr gut
Peter Gruber (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ding an sich
2.1. Transzendentalphilosophie
2.2. Beschaffenheit des Dings an sich

3. Evolutionäre Erkenntnistheorie

4. Das Ding an sich als Naturwirklichkeit?

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1. Internetquellen

1. Einleitung

Diese Arbeit wird sind mit der Frage beschäftigen, inwiefern eine Deutung des Kantischen Dings an sich als Naturwirklichkeit durch die Vertreter der Evolutionären Erkenntnistheorie berechtigt ist. Drei Schritte werden dazu vonnöten sein: Der erste Schritt wird das Ding an sich in seiner Stellung innerhalb der Kantischen Transzendentalphilosophie untersuchen. Zudem wird nachgefragt werden, welche (negativen) Eigenschaften Kant dem Ding an sich zuschreibt. Der nächste Schritt wird die Evolutionäre Erkenntnistheorie mit einem besonderen Augenmerk auf die Problematik des Dinges an sich untersuchen. Im letzten Schritt wird versucht werden, die Konzeption des an sich Seienden in der Evolutionären Erkenntnistheorie im Hinblick auf die Bestimmung desselben in der Transzendentalphilosophie Kants kritisch zu beleuchten.

Die Darstellung der Kantischen Philosophie wird sich dabei an den betreffenden Stellen in der Kritik der reinen Vernunft orientieren sowie an Erich Adickes Schrift Kant und das Ding an sich. Die Darstellung der Evolutionären Erkenntnistheorie wird sich einerseits anhand von Konrad Lorenz Werk Kants Lehre vom Apriorischen im Lichte gegenwärtiger Biologie vollziehen sowie anhand von Gerhard Vollmers Schrift Evolutionäre Erkenntnistheorie und von Rupert Riedls Biologie der Erkenntnis. Der letzte Schritt folgt einerseits Johann Köchlers Transzendentalphilosophie als Anthropologie? s owie den Beiträgen von Franz M. Wuketits und Gerhard Vollmer aus dem Sammelband Transzendentale oder evolutionäre Erkenntnistheorie? als auch eigenen Überlegungen.

2. Ding an sich

2.1. Transzendentalphilosophie

Kant nimmt als Begründer der Transzendentalphilosophie in der abendländischen Geistesgeschichte eine herausragende Stellung ein. Bereits im Vorwort der Kritik der reinen Vernunft vergleicht er seine neue Denkweise mit der des Kopernikus:

„Es ist hiermit ebenso, als mit den ersten Gedanken des Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen, und dagegen die Sterne in Ruhe ließ. In der Metaphysik kann man nun, was die Anschauung der Gegenstände betrifft, es auf ähnliche Weise versuchen. Wenn die Anschauung sich nach der Beschaffenheit der Gegenstände richten müßte, so sehe ich nicht ein, wie man a priori von ihr etwas wissen könne; richtet sich aber der Gegenstand (als Objekt der Sinne) nach der Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens, so kann ich mir diese Möglichkeit ganz wohl vorstellen.“[1]

Kant meint also, dass sich die empirische Wirklichkeit an unserem Erkenntnisapparat orientiert und nicht umgekehrt. Unser Erkenntnisapparat besteht dabei aus den beiden Anschauungsformen von Raum und Zeit sowie den zwölf reinen Verstandesbegriffen (Kategorien). Nur vermittels diesen kann die Welt erkannt werden. Zusammen mit der synthetischen Einheit des Bewusstseins kommt damit die Bedingung der Möglichkeit der Erfahrung zustande. Jenseits dieser kann nichts erkannt werden.

Die Kategorien und Anschauungsformen hat der Menschen a priori inne. Nur durch sie ist die apriorische Erkenntnis in der Mathematik und den Naturwissenschaften möglich. Die Kategorien sind unabhängig von der Erfahrung, können allerdings nur auf die Erfahrung angewandt werden. Sie „haben bloß transzendentale Bedeutung, sind aber von keinem transzendentalen Gebrauch […].[2]

Nach Kant ist jede Erkenntnis der reinen Vernunft und damit jede metaphysische Erkenntnis unmöglich. Alle Erkenntnis muss auf die empirische Wirklichkeit beschränkt bleiben, auf die Phaenomena. Kant begründet damit den transzendentalen Idealismus – das heißt denjenigen Lehrbegriff, „nach welchem wir sie [die Erscheinungen] insgesamt als bloße Vorstellungen, und nicht als Dinge an sich selbst, ansehen […].“[3] Er ist damit zugleich empirischer Realist „und gesteht der Materie, als Erscheinung, eine Wirklichkeit zu, die nicht geschlossen werden darf, sondern unmittelbar wahrgenommen wird.“[4] Daraus folgt, dass Kant den transzendentalen Realismus wie auch den absoluten Idealismus als ungerechtfertigte Dogmatismen ablehnt.

Jenseits der Phaenomena liegt die Welt der Noumena. Unter diese fällt nach Kant dasjenige Ding, „so fern es nicht Objekt unserer sinnlichen Anschauung ist, indem wir von unserer Anschauungsart derselben abstrahieren […].“[5] Alle Gegenstände a posteriori sind demnach keine Noumena, sondern bloße Erscheinungen – ihnen zugrunde liegt allerdings als „wahres Correlatum“ das Ding an sich.[6] Wir wissen nichts darüber : „Die nichtsinnliche Ursache dieser Vorstellungen ist uns gänzlich unbekannt, und diese können wir daher nicht als Objekt anschauen […].“[7] Das Ding an sich kann also nicht erkannt, sondern kann nur gedacht werden:

„Gleichwohl wird, welches wohl gemerkt werden muß, doch dabei immer vorbehalten, daß wir eben dieselben Gegenstände auch als Dinge an sich selbst, wenn gleich nicht erkennen, doch wenigstens müssen denken können. Denn sonst würde der ungereimte Satz daraus folgen, daß Erscheinung ohne etwas wäre, was da erscheint.“[8]

2.2. Beschaffenheit des Dings an sich

Was ist nunmehr das Ding an sich? Welche Eigenschaften weist Kant ihm zu? Es können keinerlei positiven Eigenschaften sein, sondern nur negative Eigenschaften – zur Erkenntnis der Noumena besteht immerhin keine Bedingung der Möglichkeit.[9]

Wie oben bereits beschrieben, meint Kant, dass die Existenz eines Dings an sich – also etwas, das mit den Erscheinungen korrespondiert – nur gedacht werden kann: „Indessen können wir die bloß intelligibele Ursache der Erscheinungen überhaupt, das transzendentale Objekt nennen, bloß, damit wir etwas haben, was der Sinnlichkeit als einer Rezeptivität korrespondiert.“[10]

Ob dies aber als Beweis für die Existenz des Dinges an sich ausreicht, ist fraglich. Wenn das Ding an sich die Ursache der Erscheinungen sein soll, wird der Begriff der Kausalität vorausgesetzt, welcher gleichwohl zu den zwölf Kategorien zählt, die wiederum nur auf die Erscheinungen anwendbar sind.

Nach Erich Adickes hat der Begriff der Kategorien allerdings zwei Bedeutungen:

„Einmal stellt es den begrifflichen Ausdruck für die synthetischen Funktionen unserer transzendentalen Apperzeptionseinheiten dar […], andererseits geht es auf die Resultate dieser Tätigkeit: die durch sie geschaffenen oder gesetzten allgemeinen Eigenschaften, Verbindungen und Verhältnisse in den Dingen […]. Nichts hindert, daß die reinen Begriffe, auf die wir die Resultate dieser Tätigkeit bringen, zugleich die Beschaffenheit des an sich Seienden darstellen und also für jede Art begrifflicher Erkenntnis und auch für jede Art des Seins gültig sind. [… Kant musste] die Übertragung der reinen Verstandesbegriffe auch auf die Dinge an sich als erlaubt, ja als eine Selbstverständlich betrachten [...]“[11]

In welchem Verhältnis die Kategorien und das Ding an sich zueinander stehen, klärt die Transzendentalphilosophie Kants nicht eindeutig. Grundsätzlich betont er immer wieder den rein funktionalen Charakter der Kategorien, wenn er etwa meint:

„[…] die Kategorien sind daher am Ende von keinem anderen, als einem möglichen empirischen Gebrauche, indem sie bloß dazu dienen, durch Gründe einer a priori notwendigen Einheit (wegen der notwendigen Vereinigung alles Bewußtseins in einer ursprünglichen Apperzeption) Erscheinungen allgemeinen Regeln der Synthesis zu unterwerfen, und sie dadurch zur durchgängigen Verknüpfung in einer Erfahrung schicklich zu machen.[12]

Kant selbst wendet in seiner Kritik der reinen Vernunft die Kategorien jedenfalls auch auf das Ding an sich an – neben der Kausalität auch „die Kategorien Einheit, Vielheit, Realität (Dasein)“[13] – zugleich erklärt er das Ding an sich für unerkennbar.

Wie unklar und uneindeutig, bisweilen sogar widersprüchlich Kant bei der näheren Bestimmung des Dings an sich vorgeht, zeigt beispielsweise Rudolf Eisler auf, der meint, dass Kant gelegentlich beim Ding an sich nur von einem „Grenzbegriff“ spricht oder es gar als Fiktion abhandelt (zum Beispiel beim „als ob“ der Ideale der reinen Vernunft)[14]. Es ist festzuhalten, dass sich Kant selbst in der Kritik der reinen Vernunft nicht eindeutig zum an sich seienden verhält.

[...]


[1] Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Stuttgart: Reclam, 2010. B XVI-B XVII

[2] A.a.O. B 305 / A 248

[3] A.a.O. A 369

[4] A.a.O. A 371

[5] A.a.O. B 307 / A 351

[6] Vgl. a.a.O. B 45 / A 30

[7] A.a.O. B 523 / A 494

[8] A.a.O. B XXVI-BXXVII

[9] Vgl. a.a.O. B 307-308 / A 251-252

[10] A.a.O. B 522 / A 494

[11] Adickes, Erich: Kant und das Ding an sich. Berlin: Pan Verlag Rolf Heise, 1924. S. 57-58

[12] Kant (2010): B XVI-B XVII

[13] Adickes (1924): S. 38

[14] Vgl. http://www.textlog.de/32917.html

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Details

Titel
"Ding an sich" (Kant) als Naturwirklichkeit?
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V232532
ISBN (eBook)
9783656485407
ISBN (Buch)
9783656486541
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Evolutionäre Erkenntnistheorie, Immanuel Kant, Erkenntnistheorie, Ding an sich, Transzendentalphilosophie, Konrad Lorenz, Philosophie
Arbeit zitieren
Peter Gruber (Autor), 2013, "Ding an sich" (Kant) als Naturwirklichkeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232532

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