Die Funktionen von Ironie an Toilettenwänden

Zwischen "Salting a Wound" und "Sugaring a Pill"


Studienarbeit, 2013

17 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Abstract

1. Einleitung

2. Datengrundlage, Ironieverständnis und Problematik

3. Sozio-kommunikative Grundkonstellation „Toilettenwand“

4. Ironietypen an der Toilettenwand

5. Funktionen von Ironie
5.1 Potenzielle Funktionen von Ironie
5.1.1 Bewertung: Kritik und „Spiegelfunktion“
5.1.2 Interpersonelle (soziale) Funktionen
5.2 Funktionen von Ironie im Kontext „Toilette“

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Die sozio-kommunikative Grundkonstellation „Toilettenwand“

Abb. 2: Quantitative Verteilung der Ironietypen an der Toilettenwand

Abb. 3: Bewertung als Ziel von Ironie

Abb. 4: Soziale Funktionen von Ironie

Abb. 5: Funktionen von Ironie an Toilettenwänden

0 Abstract

Die Verwendung von Ironie hat multikausale Gründe und facettenreiche Funktionen. Diese reichen vom Zwecke der Bewertung (Kritik abschwächen, Kritik verstärken und „Spiegelfunktion“) bis in den zwischenmenschlichen Bereich (Beziehungserhalt, Face wahren, Humor).

Die Analyse von 25 ironischen Äußerungen an den Toilettenwänden der Universität Mainz ergab, dass Ironie in diesem partikularen Kontext primär genutzt wird, um humoristische Ziele zu erreichen. Die Absicht, das Verhalten oder Aussagen anderer zu bewerten, scheint zweitrangig und beschränkt sich weitgehend auf positive oder neutrale Wertungen (Kritik abschwächen und „Spiegelfunktion“).

Die quantitative Analyse der fünf Hauptironietypen jocularity, sarcasm, hyperbole, rhetorical question, understatements (nach Gibbs 2007: 339) ergab eine klare Präferenz für die Kategorie „Scherzhaftigkeit“ gefolgt von „Übertreibung“ und „Rhetorischer Frage“. Der Typ „Sarkasmus“ hingegen ist kaum präsent.

1 Einleitung

Fungiert Ironie, wie Goethe einst sinnierte als „Das Körnchen Salz, durch welches das Aufgetischte überhaupt erst genießbar wird“ (Goethe, zitiert nach Mann 2006: 16) oder doch eher als „Das Salz in der Wunde“ (vgl. Colston 2007), das diese umso furchtbarer brennen lässt? In den vergangenen Jahrzehnten wurde Ironie mit Hilfe verschiedener Theorieansätze (siehe Wilson & Sperber 1981; Clark & Gerrig 1984; Brown & Levinson 1987; Kumon-Nakamura 1993) zwar eingehend untersucht, was Ironie ist und wie diese entsteht; der funktionalen Komponente jedoch wurde weitaus weniger Beachtung geschenkt. Ich möchte argumentieren, dass die konkrete Funktion von Ironie in einer bestimmten Situation, die formale Seite in signifikantem Maße determiniert. Aus diesem Grund ist eine Betrachtung der funktionalen Komponente von Ironie unerlässlich und soll im Augenmerk der folgenden Analyse stehen.

Aufgrund des beschränkten Rahmens dieser Arbeit fokussiert sich die Betrachtung auf einen speziellen, (nicht nur hinsichtlich der Ironie) unerforschten Kommunikationskontext: Die Toilettenwände der Mainzer Universität. Hierbei soll primär untersucht werden, welche konkreten Funktionen Ironie im Kontext „Toilette“ für den Schreibenden sowie den Adressaten erfüllt. In diesem Zusammenhang wird das quantitative Vorkommen der fünf Hauptironietypen jocularity, sarcasm, hyperbole, rhetorical question, understatements (nach Gibbs 2007: 339) betrachtet. Zudem soll die Hypothese überprüft werden, ob Ironie an Toilettenwänden – aufgrund der außergewöhnlichen sozio-kommunikativen Grundkonstellation (siehe Kapitel 3) – primär der Verstärkung negativer Kritik dient.

Um die Ergebnisse der Studie in einen klar definierten Kontext einordnen zu können, erhält der Leser in Kapitel 2 zunächst einen Einblick in die Datengrundlage des verwendeten Bildkorpus sowie etwaige Problematiken, die bei der Auswertung und Interpretation der Daten auftreten können. In Kapitel 3 wird knapp die sozio-kommunikative Grundkonstellation an der Toilettenwand skizziert, da diese in ursächlichem Zusammenhang mit der funktionalen Verwendung von Ironie steht. Anschließend wird in Kapitel 4 das quantitative Vorkommen verschiedener Ironietypen betrachtet. Kapitel 5 thematisiert zunächst die prinzipiell möglichen Funktionen von Ironie, die anschließend im Kontext „Toilette“ analysiert werden.

Hierbei wird nicht beabsichtigt den Begriff der ‘Ironie’ möglichst umfassend oder neu zu definieren (wie die Forschung zeigt, ist dies sowieso nur schwerlich möglich). Auch strukturelle Charakteristika, inbegriffen prosodischer Eigenschaften von Ironie, können aufgrund der medialen Schriftlichkeit an Toilettenwänden nicht berücksichtigt werden.

2 Datengrundlage, Ironieverständnis und Problematik

Als Datengrundlage wurden insgesamt 394 Inschriften ausgewählter Frauen- und Männertoiletten der Universität Mainz herangezogen. Die Auswertung des Bildkorpus ergab 24 als „ironisch“ wahrgenommene Äußerungen (Bildkorpus siehe Anhang).

Es wurden hierbei alle ironischen Botschaften nach der Definition von Knox (1973: 25) berücksichtigt, die mindestens einen der angeführten Punkte erfüllen:

1) Das Gegenteil von dem sagen, was man meint.
2) Etwas anderes sagen, als man meint.
3) Tadeln durch falsches Lob, loben durch vorgeblichen Tadel.
4) Jede Art des Sich-lustig-Machens und Spottens

Obwohl die Kriterien, die eine Proposition per Definition als ‘ironisch’ klassifizieren relativ eindeutig sind, ergeben sich – insbesondere bei der Rezeption schriftlicher Ironie wie es an Toilettenwänden der Fall ist – diverse Problematiken. Einerseits sind mögliche visuelle Ironiemarker wie ein Schmunzeln, Lachen oder eine veränderte Körperhaltung, die zur Interpretation des Gemeinten beitragen, nicht erkennbar.

Zudem könnte die Absenz prosodischer Eigenschaften wie Wort- und Satzakzent, Intonation oder Rhythmus begünstigen, dass Ironie entweder gar nicht wahrgenommen wird oder auf andere Weise als vom Sender intendiert, interpretiert wird. Der Einfluss prosodischer Merkmale auf das Ironieverständnis ist umstritten. So argumentieren Kreuz & Roberts 1995 und Gibbs & O´ Brien 1991, dass Intonation nicht zwingend notwendig sei, um Ironie zu verstehen. Colston 2007 jedoch gibt zu bedenken, dass die Prosodie entscheidend zur spezifischen Interpretation beitragen kann. Es ist schlüssig, dass Intonation in offensichtlich ironischen Äußerungen keine zwingende Supposition ist, doch möchte ich mich an dieser Stelle der Argumentation von Colston anschließen: Meine eigenen Versuche, das Bildkorpus hinsichtlich des Ironievorkommens zu deuten, waren – auch aufgrund der fehlenden prosodischen Merkmale – führten nicht immer zu einem eindeutigen Ergebnis.

Außerdem ist zu beachten, dass die Interpretation von Ironie substanziell vom jeweiligen Welt- und kontextuellen Wissen des Lesers determiniert wird. Lang (1996: 578) spricht weitergreifend von einer “absichtlichen Ambivalenz der Ironie”[1], die es unmöglich macht, eine Äußerung auf nur eine bestimmte Deutungsmöglichkeit festzulegen.

3 Sozio-kommunikative Grundkonstellation „Toilettenwand“

Die sozio-kommunikative Grundkonstellation an der Toilettenwand ist einzigartig: Der Sender einer Botschaft ist vollkommen anonym[2], der Empfänger partiell anonym, da dieser beim Betreten der Toilette von anderen gesehen wird und somit auch potenzieller Rezipient einer oder mehrerer Botschaften ist.

Es liegt keine face-to-face-Kommunikation vor, denn die Interaktion erfolgt asynchron und indirekt über das Medium „Toilettenwand“. Aufgrund der ausgeprägten Anonymität und der nicht existenten direkten Konfrontation der Schreibenden, ist eine Orientierung an sprachlichen Normen, wie die der Höflichkeit, fakultativ und folgt nicht zwingend gesellschaftlich akkreditierten Normen. Auf sprachliche Normeinhaltung wird bei Verstoß zwar vereinzelt hingewiesen, doch eine ernstzunehmende Sanktionierung, wie beispielsweise ein Gesichtsverlust, ist nicht zu fürchten (vgl. Unkelbach 2013).

[...]


[1] Wörtlich übersetzt aus dem Englischen

[2] Einzig die Handschrift könnte Rückschlüsse auf die Identität des Senders zulassen

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Funktionen von Ironie an Toilettenwänden
Untertitel
Zwischen "Salting a Wound" und "Sugaring a Pill"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Autor
Jahr
2013
Seiten
17
Katalognummer
V232544
ISBN (eBook)
9783656486565
ISBN (Buch)
9783656486183
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ironie, Toilettenwand
Arbeit zitieren
Katharina Unkelbach (Autor), 2013, Die Funktionen von Ironie an Toilettenwänden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232544

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