Das Element des Urbanen in Woody Allens Filmen


Seminararbeit, 1997
32 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Rolle der Stadt in Woody Allens Filmen

3. Die Menschen und die Stadt
3.1. Die Verklärung der Stadt
3.2. Die Stadt als personales Gegenüber und Identifikationsfigur

4. Der Stadt-Land-Gegensatz in Woody Allens Filmen
4.1. Die Stadt als natürlicher Lebensraum des Stadtneurotikers
4.2. Das Land als feindliche Welt.

5. Andere Städte sind keine Städte - New York ist die Stadt

6. Ist Woody Allen ein urbaner Erzähler?.

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In Woody Allens Filmen, mit wenigen Ausnahmen, nimmt die Stadt, neben den in ihren komplizierten Beziehungen verflochtenen Männern und Frauen, eine tragende Rolle ein. Die Großstadt als Ort von Beziehungen[1] ist Schauplatz des Geschehens, nur hier können die Geschichten sich ereignen, die Woody Allen uns vorführt. Daß es sich dabei um eine besondere Stadt, New York - und meistens Manhattan - handelt, ist dabei nicht außer acht zu lassen. Zudem zeigt uns Allen immer ein bestimmtes Milieu, das der New Yorker Intellektuellen und Künstler. Sie leben mit, in und von der Stadt. Sie ist ihr "natürlicher" Lebensraum. Sie, die mit einer Vielzahl von Komplexen behaftet zu sein scheinen, rennen wild gestikulierend über ihre seelischen Probleme und Defizite redend durch die Stadt. Damit schafft Allen fast schon ein eigenes Genre.

Wie dieses urbane Element in Allens Filmen zum tragen kommt, soll im Folgen­den betrachtet werden. Daran anschließend soll diskutiert werden, ob Woody Allens Erzählweise einem Typus des "Urbanen Erzählens" zugeordnet werden kann.

Bei den behandelten Filmen wurde auf die deutschsprachigen Synchronfassungen und Drehbücher zurückgegriffen.

2. Die Rolle der Stadt in Woody Allens Filmen

Stadt und Film gehören zusammen. Sie sind sich nicht fremd. Der Film ist avanciertes Medium der Stadt. Er ist nicht ihr neutraler Beobachter, sondern zu­sammen mit dem Kino als Teil der modernen Stadt anzusehen.[2]

In Woody Allens Filmen ist diese Verwandtschaft von Objekt und Subjekt stets spürbar, sowohl durch die ständige Präsenz der Stadt, als auch durch die Re­flektion des Filmischen an sich in Form von Anspielungen, Zitaten und Themen[3].

Wie sich die Stadt im Film zeigt, bleibt aber im allgemeinen in jedem einzelnen Fall offen. Oft ist die Stadt nur Kulisse. Wie weit sie auch Gegenstand und Thema des Films ist, zum Akteur und Darsteller wird, ist fraglich. In der Ge­schichte des Kinos zeigt sich die Stadt so auch oftmals als "routiniert abgefilm­tes Klischee", als "stereotype Mixtur aus Versatzstücken" oder "als kulturelles Klischee".[4]

Ein Großteil von Woody Allens Filmen spielt in New York, bzw. Manhattan. "Der Stadtneurotiker"(1977) und "Manhattan"(1979) sind hier als herausra­gende Beispiele zu nennen, in denen Allen "authentisch-präzise Intellektuellen­porträts"[5] vorführt. Filme, die darüber hinaus den gleichen Schauplatz und ähn­liches Milieu zeigen sind: "Stardust Memories"(1980), "Broadway Danny Rose"(1984), "Hannah und ihre Schwestern"(1986), "Ödipus ratlos"(1989), "Verbrechen und andere Kleinigkeiten"(1989), "Ehemänner und Ehefrauen"(1992), "Manhattan Murder Mystery"(1993) und "Geliebte Aphrodite"(1995).

Es stellt sich nun die Frage: Was ist das für eine Stadt die Woody Allen uns zeigt?

Es ist eine Stadt der Theater, Kinos, Museen; eine Stadt der Buchläden, Restau­rants und Cafes. Es ist eine Stadt, in der bequem alles zu Fuß zu erledigen ist. So gesehen fast ein Dorf[6]. Und wenn man mal zu Fuß nicht weiterkommt, fährt man nicht etwa U-Bahn, sondern Taxi[7]. Der Regisseur versteht es, "die Stadt auf das zu reduzieren, was seine Figuren zum Leben brauchen"[8].

Mit dem realen New York, mit allen seinen sozialen Facetten, hat das gezeigte Bild nicht viel gemein. Allens New York ist eine Kunstschöpfung. Es ist nicht nur der Schauplatz des Geschehens, sondern selbst Charakter, Rolle und deshalb reduziert und typisiert. Keine andere Stadt kann diese Rolle übernehmen. Sie ist New York auf den "Leib" geschrieben.

Dies ist ein wichtiger Punkt, den es sich zu vergegenwärtigen gilt und den Kriti­ker allzu häufig außer acht lassen: Allens Anliegen ist es nicht, ein möglichst realistisches und breites Panorama der Großstadt zu zeigen, sondern Geschich­ten zu erzählen und einem persönlichen und etwas verklärten Bild "seines" Manhattan bzw. New York zu huldigen[9].

Allens "Universum zerfällt zu einer lückenhaften Straßenkarte Manhattans, in der `Elaine's´, das Elgin-Kino oder eine Buchhandlung in Downtown als per­sönliche `landmarks´ verzeichnet sind"[10]. Die Stadt wirkt wie eine Intellektuel­lensiedlung. Sie ist keine Metropole und schon gar kein Schmelztiegel. Nur als endliche Sammlung von Ausschnitten, die weniger impressionistischen Charak­ter haben, als man zunächst annehmen möchte, erreicht sie die Leinwand. "Bei diesem Reduktionsprozeß [handelt es sich] um einen Akt des Bewußtseins, das präventiv eine Sortierung vornimmt, einen Kanon der Vorlieben und vor allem der unüberwindlichen Abneigungen, der Idiosynkrasien, bildet".[11]

In "Manhattan"(1979) wird die Haltung Allens am deutlichsten. Der Film ist eine "Hommage"[12], "eine Liebeserklärung an New York City, an das Leben in Manhattan"[13]. So war für Allen schon vor dem Dreh wichtig, einen "great look at New York City"[14] zu bekommen, "which is sort of one of the charakters in the film"[15].

Bereits in der Montage von insgesamt über sechzig New York-Einstellungen zu Anfang des Films wird kein realistisches Portrait der Stadt ins Bild gesetzt. "Präsentiert werden Stadtansichten, deren Kunstcharakter durch die schnellen Schnitte, das Breitwandformat und die Schwarzweißaufnahmen unterstrichen wird".[16]

Allen zeigt im Film so ziemlich alle Sehenswürdigkeiten von der Skyline Manhattans über den Central Park bis hin zum Guggenheim Museum usw.. Er konstruiert so eine "Fiktion der Millionenmetropole, deren romantischer wie kultureller Erlebniswert von der Musik George Gershwins noch betont [wird]".[17] Das die Existenz der stilisierten Schöpfung Bedrohende wird ausgeblendet, bedrückende Realität verleugnet.

Eine Rezensentin schrieb zur Deutschlandpremiere, daß im Film "Manhattan" der Stadtteil Harlem, in dem ein Viertel der Bevölkerung von Beruf Fürsorge-Empfänger sei, unsichtbar sei. Die überall frech und unbehindert ihre Waren anpreisenden Zuhälter und Rauschgifthändler seien auch vom Erdboden ver­schwunden. Manhattans zerfallene Brücken, die endlosen Schlaglöcher und die gefährlichen U-Bahnen gehörten ebenfalls nicht in Allens "Manhattan". Es gebe keine Schwarzen und keine Puertoricaner und das sei interessant, wenn man be­denke, daß 60% der Bevölkerung unter Vierzehn schwarz und puertoricanisch sei.[18]

Schon in "Der Stadtneurotiker" wird "die in vielen Stadtteilen von New York herrschende Armut und Gewalt [...] ebensowenig sichtbar"[19]. Die problemati­schen Teile von New York kommen im Film nicht vor, weil weder der Autor Allen, noch seine Figuren sie "benutzen". Sie haben für sie keine Bedeutung und tauchen im täglichen Leben praktisch nicht auf. Sie passen nicht in das ideali­sierte Bild der Stadt. Denn Woody Allen und seine Charaktere verbringen ihre Zeit meistens nicht weit von ihrem Haus, in der unmittelbaren Nachbarschaft zur 5th Avenue, wo alle Läden sind, die sie brauchen.[20]

Betrachtet man daraufhin die "Locations" der einzelnen Woody Allen Filme, kann man deutlich sehen aus welchen Teilen sich Allens New York konstruiert oder vielmehr wie er es seziert und in die ihm angenehme Form bringt[21]: Central Park, Broadway, Times Square, Greenwich Village, 5th Avenue, Park Avenue, Russian Tea Room, Brooklyn Bridge, Radio City Music Hall, diverse Kinos, wie das Thalia und das Beekman Theatre oder Metro Cinema, Restaurants, wie das Elaine´s, diverse Museen, wie das Museum of Modern Art, dessen Sculpture Gallery, das Metropolitan Museum of Art und das Withney Museum, die Columbia University und so weiter und so weiter - ein New York wie aus dem Touristen-Kulturführer.

Es ist eine Besonderheit des Regisseurs, "daß er sich aus dieser ungezähmten Stadt ein kleines Privatstückchen herausgeschnitten hat, in dem er sich sorglos bewegen kann - wie in Bademantel und Puschen. Er lebt und dreht ausschließ­lich in seinen favorite neighborhoods wie Upper East und West Side, SoHo, Greenwich Village, Midtown."[22]

Zwar wird jeder Regisseur einer bestimmten Haltung nach handeln, um eine städtische Bevölkerungsgruppe, bzw. deren Erfahrungs- und Vorstellungswel­ten zu zeigen[23], und so dem Zuschauer immer nur eine bestimmte Realität anbie­ten, aber Allens Stadt ist nicht irgendeine, sie ist nicht austauschbar. Es ist im­mer explizit New York. Sie ist nicht beliebig, nicht nur Ambiente, Kulisse[24] oder Staffage. Sie ist Akteur. Deshalb ist es relevant, diese spezielle Schöpfung des filmischen New Yorks, der Stadt der Woody Allen Filme, näher zu betrachten.

3. Die Menschen und die Stadt

Allens Stadt ist ein Mikrokosmos, in dem man ständig auf jede kulturelle Dienstleistung zurückgreifen kann. Dieses urbane Dorf, innerhalb der Großstadt, gebiert besondere Typen von Menschen. Menschen, die sich ständig um sich selbst drehen und so ihr Ego konservieren. Die eigenen Probleme sind so omnipräsent, daß sie weder die ihrer Mitmenschen, noch die der übrigen Welt wahrnehmen[25].

Diese Menschen reden viel. Sie sind Stadtmenschen, die versuchen, ihre Kon­flikte durch verbale Kommunikation zu lösen[26]. Nicht nur zu Hause, sondern vor allem an öffentlichen Orten, auf der Straße, im Museum wälzen sie in Gesprächen ihre Probleme. Intimitäten wie Orgasmusschwierigkeiten werden in dieser Öffentlichkeit ohne viel Scham diskutiert. Strikt Privates gibt es nicht, oder es ist gewissermaßen frei zugänglich. Innen ist Außen, jedoch auf einem unehrlichen, oberflächlichen Niveau. "Sie schaffen sich Probleme, wo keine sind, zerreden sie und arrangieren sich mit ihrer permanenten Lebenslüge. Sie, die über alles reden können und wenig verstehen, gehen bedenkenlos Bindungen ein, mit denen sie nicht fertig werden, weil sie ihre wahren Gefühle nicht wahrhaben und sie, anstatt sie offen zu zeigen, zum Psychiater tragen. Die Unehrlichkeit ist das Prinzip des dauernden Beziehungswechsels."[27]

Die Akteure in Allens New York-Filmen, Angehörige der gehobenen Mittelschicht, leiden nicht an ihrem Leben, sondern an ihrem Erleben[28]. Materielle Probleme spielen kaum eine Rolle, ihre Umwelt stellt ihnen auch keine "unüberwindbaren Hindernisse in den Lebensweg, sondern ihre eigenen Ängste und Sehnsüchte. Nahezu unbehelligt von nationalen und internationalen Ereig­nissen leben sie in einer Art Enklave, in der sich alles nur noch um sie selbst dreht. Politische oder soziale Probleme beschäftigen sie weit weniger als ihr neurotisches Innenleben, allgemein existentielle Fragen oder das kulturelle Treiben in und um Manhattan."[29]

Ihr immenser Kulturkonsum ist nur in der Großstadt möglich. "Manhattan"(1979) zeigt das wie kein anderer Film[30]. Allen führt den "Liebesreigen" seiner Charaktere "durch das Panorama der modernen urbanen Kultur"[31].

Diese Menschen sind stolz auf ihre Urbanität. Sie definieren ihre Identität über ihre Kulturzugehörigkeit. Ihre Gefühle lassen sie sich vom Analytiker erläutern, und ihren Lebensunterhalt verdienen sie mit der Vermarktung ihrer intellektuellen Fähigkeiten. In den von ihnen besuchten Kulturstätten bewundern sie neben den ausgestellten Kunstwerken ihre eigenes Kunstverständnis.[32]

In noblen Apartments und Penthäusern wird gewohnt, getroffen wird sich auf Partys. Man geht sorglos und unbehelligt des Nachts durch Manhattan, "genießt den Anblick der 59th Street Bridge und vergnügt sich im Central Park, schreibt für TV-Shows oder lehrt Literatur an der Universität, debattiert über Kunst und Erfahrungen mit der Psychoanalyse, will etwas Bedeutendes schreiben und liebäugelt mit dem Kauf eines Sportwagens, eines Hauses in Connecticut oder mit den eigenen Neurosen, stellt Ansprüche moralischer Integrität und verirrt sich im Kulturdschungel und Beziehungsreigen".[33]

[...]


[1] Schulz, Bernd: Was Sie schon immer über Woody Allen wissen wollten. Hamburg, Zürich: Rasch und Röhrig, 1987, S.51.

[2] Möbius, Hanno und Vogt, Guntram: Drehort Stadt. Das Thema "Großstadt" im deutschen Film. Marburg: Hitzeroth 1990, S.9.

[3] Vgl. Westendorf, Reinhard: Kino der Enthüllungen. Mediale Rekurse im Filmschaffen Woody Allens. Coppengrave: Coppi 1995, S.1/2.

[4] Möbius und Vogt, S.12/13.

[5] Felix, Jürgen: Woody Allen. Komik und Krise. Marburg: Hitzeroth 1992, S.18.

[6] Vgl. Möbius und Vogt, S.82.

[7] Vgl. Felix, S.146.

[8] Schulz, S.50.

[9] Vgl. Gerhold, Hans: Woodys Welten. Die Filme von Woody Allen. Frankfurt am Main: Fischer 1991, S216.

[10] Kölner-Stadt-Anzeiger 01.06.1996

[11] Ebd.

[12] Felix, S.23.

[13] Ebd., S.144.

[14] Björkman, Stig: Woody Allen on Woody Allen. In conversation with Stig Björkman. London, Boston: Faber and Faber 1994, S.108.

[15] Ebd.

[16] Felix, S.146.

[17] Ebd., S.126.

[18] Frankfurter Rundschau, 03.09.1979

[19] Felix, S.130/131.

[20] Vgl. Rauh, Reinhold: Woody Allen. Seine Filme - sein Leben. München: Heyne 1991, S.137/138. Rauh zitiert aus einem Interview, das Daniel Cohn-Bendit mit Woody Allen führte.

[21] Vgl. Spignesi, Stephen J.: The Woody Allen Companion. London: Plexus 1994, S.361-366. Hier findet man auch die "Locations" kleiner Szenen vieler Woody Allen Filme.

Vgl. auch Fox, Julien: Woody. Movies from Manhattan. London: Batsford 1996, S.240.

[22] Zeitmagazin, 08.02.1991

[23] Möbius und Vogt, S.82.

[24] Vgl. Felix, 144/145.

[25] Vgl. Allen, Woody: Manhattan. Drehbuch von Woody Allen und Marshall Brickman. Aus dem Amerikanischen von Hellmuth Karasek und Armgard Seegers. Zürich: Diogenes 1981, S.140.

[26] "Someone was criticizing me for this once in Manhattan. But this is what city life is. It´s verbal communication. City life is cerebral."(Björkman, S.79.)

[27] Gerhold, S.119.

[28] Felix., .S.17.

[29] Ebd.

[30] Vgl. Gerhold, S.119.

[31] Ebd., S.117.

[32] Felix, S.148.

[33] Ebd., S.17/18.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Das Element des Urbanen in Woody Allens Filmen
Hochschule
Universität Hamburg  (Literaturwissenschaftliches Institut)
Veranstaltung
Filmisches Erzählen: Woody Allen
Note
1,0
Autor
Jahr
1997
Seiten
32
Katalognummer
V23258
ISBN (eBook)
9783638264198
ISBN (Buch)
9783638647854
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ist Woody Allen ein urbaner Erzähler? Welche Rolle spielt der Topos Stadt in seinem Werk? Wie beeinflußt das städtische Milieu die Handlung und den Handlungsverlauf der filmischen Geschichten? Die Hausarbeit arbeitet dezidiert anhand zahlreicher Beispiele aus Allens Filmen die Rolle der Stadt, als Handlungsort, Lebensraum der Figuren und personalisiertes Gegenüber heraus.
Schlagworte
Element, Urbanen, Woody, Allens, Filmen, Filmisches, Erzählen, Allen
Arbeit zitieren
Oliver Kanehl (Autor), 1997, Das Element des Urbanen in Woody Allens Filmen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23258

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