Ähnliche Märchenmotive und Märchenthemen zeigen sich in verschiedenen Kulturen. In dieser Arbeit werden zwei solche Märchen aus ganz verschiedenen Kulturen unter dem hermeneutischen Ansichtspunkt verglichen.
Die Märchen sind ganze Erzählungen und wenn von Ähnlichkeiten die Rede ist, sind sie als Erzählungen zu behandeln und nicht als einzelne Züge oder Episoden. Jeder Zug und jede Episode hat ursprünglich ihren Platz in einem bestimmten Märchen, aus dem sie sich bisweilen gelöst haben können. Und von der in den ganzen Erzählungen sich bemerkbar machenden Ähnlichkeit sagt Forke: „Dann ist an einem Zusammenhang kaum zu zweifeln“.
Aber in dieser Arbeit bleibt die Antwort auf die Frage nach der echten Herkunft der betreffenden Märchen und ihrem Zusammenhang ausgeklammert. Diese Arbeit konzentriert sich nur auf den Vergleich zwischen den Märchen. Dabei wird der Gadamers hermeneutische Ansatz angewendet und auf den Zeitraum des 19.Jahrhunderts in Europa und Südindien Bezug genommen.
Gegenstand des vorliegenden Märchenvergleiches sind das Grimms Märchen "Hänsel und Gretel" und das südindische Märchen "Kadar and the cannibals". Die Fassung von der letzten Auflage im Jahre 1857 des Märchens "Hänsel und Gretel" und die Fassung von "Kadar and the cannibals" aus dem Jahr 1983 werden zu Nutze genommen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffliche Klärungen
2.1 Hermeneutik
2.2 Geschichtlichkeit
3. "Hänsel und Gretel" und "Kadar and the cannibals"
3.1 Die vermutliche Herkunft und die Entwicklungsgeschichte
3.2 Verbreitung der Märchen
4. Vergleich mit dem hermeneutischen Ansatz
4.1 Gemeinsamkeiten
4.1.1 Die Aussetzung von Kindern
4.1.2 Die Hexe und ihr Haus
4.1.3 Die Bedrohung des Todes im Wald
4.1.4 Der kannibalistische Zug
4.2 Unterschiede
4.2.1 Die Betreuer der Kinder
4.2.2 Die Geschlechterrolle
4.2.3 Die Hilfefiguren
4.2.4 Der Schluss und die Strafen
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, das bekannte Grimmsche Märchen "Hänsel und Gretel" mit dem südindischen Märchen "Kadar and the cannibals" unter Anwendung des hermeneutischen Ansatzes nach Gadamer zu vergleichen, um universelle Motive und kulturelle Unterschiede in der Reifungsentwicklung der Protagonisten herauszuarbeiten.
- Hermeneutische Analyse und Vergleich zweier kulturübergreifender Märchen
- Untersuchung von Reifungsprozessen und der Thematik des Todes
- Analyse von Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
- Betrachtung von Entstehungsgeschichte und mündlicher Tradierung
- Vergleich von kannibalistischen Motiven als erzählerische Spannungselemente
Auszug aus dem Buch
3.1 Die vermutliche Herkunft und die Entwicklungsgeschichte
Was Herkunft und Alter sowie die Bedeutung des Märchens betrifft, so sind die Forschungsergebnisse und -hypothesen, die Meinungen und Spekulationen fast so vielfältig divergierend, wie es Interessenten an diesen Fragen gibt. Schon die Diskussion über mono- oder polygenetischen Ursprung war und bleibt antinomisch. Man hat mit guten Gründen behauptet, jedes Märchen sei eine einmalige Erfindung, von der man allerdings den Erfinder sowie Zeit und Ort der Entstehung nicht kennt, habe sich dann über alle Grenzen und durch die Jahrhunderte weiterverbreitet.
Noch manche anderen Gedanken sind vorgebracht worden über den Ursprung der Märchen und über die unlöslich damit verbundene Frage, wie die Übereinstimmung zwischen den Märchen der verschiedenen Länder zu begreifen ist. Insbesondere in den späteren Zeiten, als die Märchenforschung eine grössere Aufmerksamkeit zuteil wurde, sind diese Fragen oft berührt worden. Der ganze Bau der Märchen beweist, dass sie sich nicht in allerprimitivsten Verhältnissen gebildet haben, sondern Erzeugnisse der geschichtet Zeit sind. Hier wird die Erzählung ursprünglich angehörenden Züge und nicht die später hinzugekommenen oder durch Modernisierung eines alten Begriffes oder Gegenstandes entstandenen Bildungen, die hier keine Bedeutung haben können. Den späteren Ursprung der Märchen beweist auch der Umstand, dass man sie nicht bei den auf einem niedrigeren Standpunkt stehenden Völkern als autochthon antrifft, sondern als anderswoher gekommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die vergleichende Märchenforschung ein und definiert den hermeneutischen Rahmen für die Untersuchung von "Hänsel und Gretel" sowie "Kadar and the cannibals".
2. Begriffliche Klärungen: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Hermeneutik nach Gadamer und das Konzept der Geschichtlichkeit erläutert, die als Analyseinstrument dienen.
3. "Hänsel und Gretel" und "Kadar and the cannibals": Dieses Kapitel beleuchtet die Entstehungsgeschichte, die Entwicklung und die Verbreitungswege der beiden gewählten Märchen.
4. Vergleich mit dem hermeneutischen Ansatz: In diesem Hauptteil werden die Märchen in Bezug auf ihre Gemeinsamkeiten (u.a. Kinderaussetzung, Kannibalismus) und Unterschiede (Betreuer, Geschlechterrollen) kontrastierend gegenübergestellt.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass trotz geografischer und kultureller Distanz universelle Themen in den Märchen existieren, die durch das situative Verständnis interpretierbar sind.
Schlüsselwörter
Hermeneutik, Märchenvergleich, Hänsel und Gretel, Kadar and the cannibals, Geschichtlichkeit, Reifungsprozess, Kinderaussetzung, Kannibalismus, Gadamer, Volkskunde, Kulturvergleich, Geschlechterrolle, Tradierung, Erzählstrukturen, Mythologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit einem hermeneutischen Vergleich zweier Märchen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten: dem deutschen Märchen "Hänsel und Gretel" und dem südindischen "Kadar and the cannibals".
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Im Mittelpunkt stehen die Untersuchung von Kinderaussetzung, die Rolle von Hexen oder Kannibalen, der Reifungsprozess der Helden sowie die Frage der Geschlechterdarstellung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, mittels Gadamers hermeneutischem Ansatz Gemeinsamkeiten und Differenzen in der Erzählstruktur und den thematischen Motiven aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird die vergleichende Literaturwissenschaft angewandt, die den Fokus explizit auf eine hermeneutische Perspektive legt, um die "Geschichtlichkeit" der Texte zu berücksichtigen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der Entstehungsgeschichte, eine detaillierte Analyse der motivischen Übereinstimmungen und eine Gegenüberstellung der strukturellen Unterschiede zwischen den beiden Werken.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Hermeneutik, Märchenvergleich, Geschichtlichkeit und kulturübergreifende Motivanalyse bestimmt.
Wie unterscheidet sich die Rolle der Geschlechter in den beiden Märchen?
Die Arbeit analysiert, wie in "Hänsel und Gretel" patriarchale Strukturen und die Rolle der Stiefmutter vs. der passiven Vaterfigur dominieren, während im südindischen Kontext andere gesellschaftliche Organisationsformen die Heldenrolle prägen.
Welche Bedeutung kommt dem Motiv des Kannibalismus zu?
Das Motiv wird nicht bloß als grausam, sondern als dramatisches Element der Lebensgefahr und als Ausdruck von Grenzüberschreitungen zwischen Menschenwelt und Jenseits interpretiert.
- Citation du texte
- Shyamala Muthukannan Chinnamani (Auteur), 2012, Vergleich zwischen den Märchen "Kadar and the cannibals" und "Hänsel und Gretel" mit dem hermeneutischen Ansatz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232596