Produktion und Perzeption polymorphematischer Wortstrukturen von monolingualen und bilingualen Aphasikern


Bachelorarbeit, 2012
54 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sprache
2.1 Die Lokalisation des Sprachzentrums
2.2 Beeinträchtigung der Sprachproduktion und der Sprachrezeption
2.2.1 Erworbene Sprach- und Sprechstörungen
2.2.2 Aphasie
2.2.2.1 Ursachen für Aphasien
2.2.3 Die Broca- und die Wernicke-Aphasie
2.2.3.1 Die Broca-Aphasie
2.2.3.1.1 Der Agrammatismus als Leitsymptom der Broca-Aphasie
2.2.3.2 Die Wernicke-Aphasie
2.2.3.2.1 Der Paragrammatismus als Leitsymptom der Wernicke Aphasie
2.3 Aphasie im bilingualen Individuum

3 Die Komposition als Wortbildungsmuster
3.1 Deutsche und französische Komposita im Vergleich
3.2 Typisierung der Komposita
3.2.1 Determinativkomposita (endozentrische Komposita)
3.2.1.1 Possessivkomposita als Untertyp der Determinativkomposita
3.2.2 Kopulativkomposita
3.3 Zusammenfassende Unterschiede der französischen und deutschen Komposita

4 Modelle der Sprachverarbeitung
4.1 Das Logogen-Modell nach Morton (1969)
4.2 Das Zwei-Stufen-Modell nach Levelt (1989)
4.3 Modellvorstellungen zur Kompositaverarbeitung

5 Die Produktion und Perzeption von Komposita beim mono- und beim bilingualen Aphasiker
5.1 Die Verarbeitung von Komposita beim monolingualen Aphasiker
5.1.1 Die Verarbeitung von Komposita beim deutschsprachigen Aphasiker
5.1.1.1 Die Verarbeitung von Nominalkomposita bei Aphasie (A. Lorenz, 2007)
5.1.1.2 The production of nominal compounds in Aphasia (G. Blanken, 2000)
5.1.2 Die Verarbeitung von Komposita beim bilingualen Aphasiker Semenza, 1998)
5.1.3 Zusammenfassung
5.2 Die Verarbeitung von Komposita beim bilingualen Aphasiker
5.2.1 The Bilingual Brain: Bilingual Aphasia (Fabbro, 2001)

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

„Sprache ist ein ausschließlich dem Menschen eigene, nicht im Instinkt wurzelnde Methode zur Übermittlung von Gedanken, Gefühlen und Wünschen mittels eines Systems von frei geschaffenen Symbolen.“ (Edward, Sabir 1991)

Doch was geschieht, wenn dieses System durch Krankheit, einen Unfall o.ä., ge­stört wird?

Läsionen der linken Gehirnhemisphäre in der das sog. Sprachzentrum lokalisiert ist, wirken sich negativ auf die Sprachperzeption bzw. - produktion aus und kön­nen jegliche Bereiche des Sprachverständnisses als auch der sprachlichen Verb­alisierung beeinträchtigen.

In der vorliegende Ausführung soll der Frage nachgegangen werden, ob der As­pekt der Monolingualität bzw. der Bilingualität des aphasischen Sprechers die Produktion bzw. Perzeption von polymorphematischen Wortstrukturen beeinflusst bzw. inwiefern sich die Leistungen hinsichtlich der Kompositaverarbeitung beim mono- und beim bilingualen aphasischen Sprecher unterscheiden.

Die vorliegende Ausführung setzt sich aus aufeinander aufbauenden sechs Teilen zusammen. Nach der Einleitung in die Thematik wird in Punkt zwei zunächst auf die anatomische Lokalisation des Sprachzentrums eingegangen und es werden die verschiedenen Sprach- und Sprechstörung im Hinblick auf deren Symptomatik kontrastiv dargestellt, um daran anknüpfend im Speziellen auf die Broca- und die Wernicke-Aphasie einzugehen.

Punkt drei beinhaltet die Beschreibung des Wortbildungsmusters „Komposition“ und die kontrastive Darstellung der Eigenschaften französischer und deutscher Komposita. Außerdem werden die verschiedenen Kompositionstypen, im Hinblick auf deren Form, innere Struktur und semantischen Gehalt, untersucht.

Nachdem in Punkt zwei und Punkt drei ein allgemeiner Überblick zu der Aphasie und der Komposition gegeben wurde, soll Punkt vier als Grundlage für die in Punkt fünf beschriebenen Studien zur Kompositaperzeption- und produktion beim aphasischen Sprecher gesehen werden. Nachdem in Punkt vier auf verschiedene Sprachverarbeitungsmodelle eingegangen wird und Modellvorstellungen speziell zur Kompositatverarbeitung erläutert werden, beinhaltet der darauffolgende Punkt fünf die Darstellung vierer Studien. Innerhalb dieser Studien wird sich mit der Wortverarbeitung polymorphematischer Wortstrukturen befasst. Da das Französi­sche und das Italienische hinsichtlich der Komposita sehr ähnlich organisiert sind, soll die italienische Sprache innerhalb des Gliederungspunktes fünf als Platzhalter für romanische Sprachen fungieren.

Abschließend soll das Fazit der zentralen Fragestellung wie polymorphematische Wörter beim monolingualen und bilingualen Sprecher im mentalen Lexikon ge­speichert sind, Antwort tragen.

2 Sprache

Die Sprache, als bedeutendstes menschliches Kommunikationsmittel, kann durch Verletzungen des Sprachzentrums so immens gestört werden, dass der Betroffe­ne mit schweren Sprachdefiziten, die bis zur Unverständlichkeit führen können, zu kämpfen hat. Im Folgenden soll neben einem allgemeinen Überblick auf die Ursa­chen und die Symptome von erworbenen Sprach- und Sprechstörungen einge­gangen werden.

2.1 Die Lokalisation des Sprachzentrums

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass bei etwa 95% der Menschen die linke Ge­hirnhemisphäre sprachdominant ist, das heißt, hier liegt das Sprachzentrum. In 90% der Fälle, bei denen das Sprachzentrum ausschließlich in dieser linken He­misphäre lokalisiert ist, handelt es sich um Rechtshänder. Bei etwa 76% der Linkshänder ist das Sprachareal ebenfalls in der linken Hemisphäre angesiedelt. Die restlichen 24% stellen „echte“ Linkshänder dar, bei denen das Sprachzentrum entweder rechts oder aber auch in beiden Hemisphären lokalisiert ist. Bei der letz­teren Gruppe spricht man von einer doppelseitigen Sprachrepräsentation. Folglich ist die Händigkeit nicht maßgeblich für die Positionierung des Sprachzentrums (vgl. Hartje & Poeck 2006).

2.2 Beeinträchtigung der Sprachproduktion und der Sprachrezeption

Nach einer abgeschlossenen Sprachentwicklung können als Folge von Hirnschä­digungen, die bspw. durch einen Schlaganfall oder Tumore etc. entstanden, Sprachstörungen hervorgerufen werden.

Diese sprachlichen Störungen können verschiedene Sprachbereiche betreffen, wobei bei jeder Sprachstörung ein eingegrenzter sprachlicher Bereich beeinträch­tigt ist und eine spezifische Symptomatik erkennen lässt.

Nach Dietrich (2007: 279 f.) werden die Sprachstörungen hinsichtlich ihrer Ursa­chen in zwei Gruppen unterteilt:

1. direkte neurolinguistische Störungen

2. Sprachstörungen bei psychiatrischen Erkrankungen

Zu den direkten neurolinguistischen Störungen zählen neben erworbenen Störun­gen auch Sprachentwicklungsstörungen, wobei die vorliegende Ausführung erst­genanntes, im Speziellen die Aphasien, behandelt.

2.2.1 Erworbene Sprach- und Sprechstörungen

Innerhalb der erworbenen Sprach- und Sprechstörungen lassen sich drei Gruppen unterscheiden:

Die Dysarthrie, die Sprechapraxie und die Aphasie.

Da die vorliegende Ausführung sich im Speziellen auf die sprachlichen Schwierig­keiten des Aphasikers bezieht, soll die Aphasie innerhalb des Punktes 2.2.2 näher betrachtet werden. Im Folgenden werden die Dysarthrie und die Sprechapraxie beschrieben, um einen groben Überblick zur Symptomatik von Sprach- und Sprechstörungen zu geben.

Die Bezeichnung Dysarthrie setzt sich aus der Vorsilbe „dys“ (Störung) und dem griechischen Verb „arthrein“ (artikulieren) zusammen (Schubert 2011: 11). Folglich sind die Dysarthrien durch verschiedene Störungen des Sprechens gekennzeich­net. Das heißt, dass die Defizite nicht die kognitive Seite der Sprache betreffen, sondern die motorischen Funktionen des Artikulationstraktes gestört sind.

Die Sprechapraxie ist zwischen der Dysarthrie (Sprechstörung) und der Aphasie (Sprachstörung) anzusiedeln. Es handelt sich um eine reine Output-Störung.

Im Gegensatz zum Störungsbild der Dysarthrie sind im nonverbalen Bereich keine Einschränkungen festzustellen. Lediglich die Leistungen im phonologisch- phonetischen Bereich sind betroffen.

Wie bei der Dysarthrie ist auch die Ursache der Sprechapraxie im neurologischen Bereich zu finden. Als Hauptursache gilt der Schlaganfall.

2.2.2 Aphasie

Bei einer Aphasie [von griech. aphasia = Sprachlosigkeit] handelt es sich verein­facht gesagt um eine Art Sprachbehinderung infolge verschiedener Einwirkungen auf bestimmte Teile des Gehirns.

Für die vorliegende Arbeit soll folgende Definition gelten: „Aphasie ist eine erworbene Störung der Sprache in allen Modalitäten nach voll­zogenem Spracherwerb infolge einer umschriebenen Hirnschädigung.“

(Wallesch 1986, zit. nach Lutz 2011: 25)

Aphasien sind demnach als zentrale Sprachstörungen anzusehen, die sich als Beeinträchtigung aller linguistischen Komponenten des Sprachsystems (Phonolo­gie, Lexikon, Syntax, Semantik) äußern. Sie sind prinzipiell in allen expressiven und rezeptiven sprachlichen Modalitäten nachzuweisen.

Auch laut Huber/Ziegler (Sturm et al. 2000: 466) können aphasische Störungen in allen sprachlichen Verarbeitungsmodalitäten auftreten. Je nach Art der Aphasie sind spezifische Anteile des Sprachwissens betroffen: die Semantik, die Syntax, die Morphologie und Phonologie. Für die Betroffenen ist es trotz dieser sprachli­chen Barrieren möglich, ihre Gefühle und Wünsche durch ihre Gestik und Mimik und durch Deuten zu äußern. Sie können außerdem auf Erinnerungen zurückgrei­fen und auch das folgerichtige Denken ist vorhanden. Es handelt sich um eine Sprach- und nicht um eine Denkstörung.

Aphasien werden aufgrund typischer Kombinationen sprachlicher Störungsmerk­male klassifiziert, wobei sich das Ausmaß und die Kombination der störungsbe­dingten sprachlichen Defizite individuell unterscheiden.

Vier Standardsyndrome lassen sich unterscheiden:

1. Broca Aphasie
2. Wernicke Aphasie
3. Amnetische Aphasie
4. Globale Aphasie

Die Leitungsaphasie und die transkortikale Aphasie stellen außerdem zwei weitere Aphasieformen dar, die durch modalitätsspezifische Störungsmerkmale bestimmt sind.

2.2.2.1 Ursachen für Aphasien

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Die Ursachen für Aphasie [1]

Abbildung 1 zeigt, dass am häufigsten durch einen Schlaganfall, also in Folge von plötzlichen Durchblutungsstörungen im Sprachzentrum des Gehirns, eine Aphasie auftritt.

Auch durch die direkte Schädigung des Hirngewebes, bedingt durch eine Schädel­Hirnverletzung oder aber einen Hirntumor, kann eine aphasische Störung verur­sacht werden.

Nur in etwa 1% der Fälle kann eine Hirnentzündung (die als Folge von Viruser­krankungen auftreten kann) als ursächlich angesehen werden.

2.2.3 Die Broca- und die Wernicke-Aphasie

Mit der Publikation eines berühmten Falles durch den französischen Arzt und Antrophologen Paul Broca (1824 - 1880) im Jahr 1861 begann ein wichtiges Kapi­tel in der Geschichte der Aphasieforschung.

Paul Broca hatte im Rahmen der Erforschung von Sprachproblemen nach Schädi­gung bestimmter Hirnregionen den Terminus Aphémie eingeführt.

Nach dem Ableben (1861) eines Patienten namens Monsieur Leborgne, der zu Lebzeiten zwar einfache Fragen verstehen, sie jedoch nur mit der Silbe „tan“ be­antworten konnte (also Sprache zwar verstehen aber nicht bilden konnte), sezierte er das Gehirn des Betroffenen. Er stellte eine Läsion im vorderen Teil der linken Hemisphäre des Gehirns fest und wies dieser die Bezeichnung Aphémie zu (vgl. Höhle 2010:158).

1874 beschrieb der deutsche Neurologe Carl Wernicke (1848-1905) einen weite­ren Aphasietyp. Die Patienten hatten Probleme beim Sprachverständnis und es lag eine Läsion im hinteren Teil der linken Hemisphäre des Gehirns vor. Da dieser Teil die sensorische Funktion einnimmt, nannte er den neuen Aphasietyp sensori­sche Aphasie. Die Aphémie Brocas benannte er um und bezeichnete sie als moto­rische Aphasie, um die Differenziertheit der beiden Sprachstörungsformen bzw. die Lokalisation der Störung anatomisch festzulegen. Heute werden die beiden Aphasietypen auch als Broca Aphasie (motorische Aphasie) und Wernicke Apha­sie (sensorische Aphasie) bezeichnet (vgl. Pollmann 2008:155).

Die nachstehende Abbildung 2 zeigt, dass auch zur Kennzeichnung der entspre­chenden Areale des Sprachverstehens und der Sprachbildung die Bezeichnungen Broca bzw. Wernicke übernommen wurden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Die Areale des Gehirns[2]

Im Folgenden werden die Broca- und die Wernicke-Aphasie erläutert, um im wei­teren Verlauf der Arbeit schließlich Untersuchungsergebnisse von Fallstudien aphasischer Patienten zu analysieren.

2.2.3.1 Die Broca-Aphasie

Die Läsion bei einer Broca-Aphasie betrifft im Wesentlichen das Broca- Sprach­zentrum.

Dieses befindet sich im Stirnlappen des Gehirns in der Area 44 nach Brodmann.

Da die auftretenden Symptome im Wesentlichen den Bereich der Sprachbildung betreffen (das Sprachverständnis stellt sich meist als ungestört dar), also ein Sprachverlust bzgl. der aktiven Sprachproduktion vorliegt, wird die Broca-Aphasie auch als motorische Aphasie bezeichnet.

Grundsätzlich zeigen sich beim Broca-Aphasiker große Sprachanstrengungen hinsichtlich der Spontansprachreaktion. Diese, aus der schlechten Leistung resul­tierende Verzweiflung des Betroffenen, lässt sich an dessen Gestik und Mimik er­kennen.

Neben der Tatsache, dass das spontane Sprechen durch viele Pausen unterbro­chen wird und im Ganzen verlangsamt ist, stellt sich auch die Artikulation als mü­hevoll und undeutlich dar. Insbesondere die fehlerhafte Veränderung der Vokal­qualität als auch die unscharfe Artikulation von Konsonanten und Konsonantenfol­gen kennzeichnen das Störungsbild des Broca-Aphasikers.

Des Weiteren zeigen sich neben phonematischen Paraphrasien (die Fehlertypen sind Lautersetzung und -auslassung) auch Beeinträchtigungen der Satzintonation sowie häufige Störungen der Prosodie mit Abweichungen in Wort- und Satzak­zent.

Eine semantisch falsche Wortwahl und falsche Wortkombinationen (lexikalische Störung) treten nur in seltenen Fällen auf. Der Gesamtwortschatz ist eher be­schränkt und es werden in erster Linie hochfrequentierte Wörter verwendet.

Dieser Sachverhalt, zusammen mit dem Agrammatismus, der im Folgenden be­schrieben wird, tragen zu der Ausdrucksarmut der Sprache von Broca-Aphasikern bei (vgl. Huber 1983: 10).

2.2.3.1.1 Der Agrammatismus als Leitsymptom der Broca-Aphasie

Als Leitsymptom der Broca-Aphasie wird im Allgemeinen der Agrammatismus an­gesehen. Dieser stellt das entscheidende Merkmal für die Differentialdiagnose gegenüber den anderen Aphasieformen dar.

Der Begriff Agrammatismus umfasst Störungen der Satz- und Wortbildung und kann sich sowohl in der Sprachrezeption (Verständnis) als auch in der Spontan- sprachproduktion manifestieren.

Die agrammatische, telegrammartige Sprechweise ist gekennzeichnet durch die Verwendung von Inhaltswörtern, lässt jedoch Funktionswörter, also freie gramma­tische Morpheme und gebundene Morpheme, wie Flexions-, Derivations- und De­klinationsaffixe, vermissen.

Funktionswörter, sog. Elemente der geschlossenen Klassen, erlauben es die syn­taktische Struktur von Sätzen zu erschließen und sind somit als strukturelle Signa­le zu verstehen. Sie stellen den Kontext zwischen den Inhaltswörtern und den Funktionswörtern her, sind semantisch leer und haben somit “lediglich“ eine grammatische Relevanz.[3] Die Verwendung von Funktionswörtern bei der aphasischen Sprachproduktion steht in Abhängigkeit zu deren Bedeutung. Funkti­onswörter mit eigenständiger lexikalischer Bedeutung, wie bspw. Possessivpro­nomen, sind besser erhalten.

Auch Leuninger erwähnt diese Defekte auf der syntaktischen Ebene, indem er sagt: „Es fällt auf, dass die Äußerungen von Broca-Aphasikern wenig syntaktische Struktur haben, wenig syntaktische Unterordnungen usw.“ (Leuninger 1988: 131). Aitchison (1997: 138) begründet den Auslass der Träger syntaktischer Strukturen folgendermaßen:

„Die fehlenden Wörter (sind) einfach zu klein und unbedeutend (...), um im menta­len Lexikon leicht gefunden zu werden. Möglicherweise ist dem (...) Aphasiker ja vollkommen klar, wie der Satz auszusehen hätte, aber irgendetwas stimmt nicht mit dem Mechanismus, mit dem er die richtige Lautung der Wörter abruft, und dann sind kurze unbetonte Einheiten einfach zu klein, um sie aufzuspüren.“ Zusammengefasst ist der Agrammatismus gekennzeichnet durch:

- Auslassungen von gebunden grammatikalischen Morphemen und Funkti­onswörtern
- Ersetzung flektierter Wortformen durch Infinitive
- verkürzte Satzlänge
- vereinfachte Syntax
- Probleme mit der Wortstellung und mit Verben

2.2.3.2 Die Wernicke-Aphasie

Gemäß der Einteilung Brodmanns ist das Wernicke-Zentrum im Areal 22 lokali­siert.

Bei einer Schädigung der Wernicke-Region und dem damit einhergehenden parti­ellen oder kompletten Ausfall des sensorischen Sprachzentrums, kommt es zu einer sensorischen Aphasie.

Der Wernicke-Aphasiker hat mit schweren Satz-, bis hin zu Wortverständnisprob­lemen, zu kämpfen.

Die Spontansprache ist flüssig und es kommt nur selten zur Sprechstörung.

Als ungehemmt und kaum zu bremsen erweist sich häufig die Sprachproduktion.

Es scheint aber erwähnenswert, dass die Länge der Äußerungen von Wernicke- Aphasikern mit denen von gesunden Sprechern nahezu übereinstimmt. Neben der Tatsache, dass Inhalts- und Funktionswörter fehlen können, kommen sowohl pho- nematische als auch semantische Paraphrasien häufig vor. Diese Wörterverwech­selungen (semantische Paraphrasien) bzw. Lautverdrehungen (phonematische Paraphrasien) weichen oft erheblich vom Zielwort ab, so dass die Äußerung des Patienten unverständlich ist.

2.2.3.2.1 Der Paragrammatismus als Leitsymptom der Wernicke Aphasie

Der Begriff “Paragrammatismus“ erscheint erstmals 1914. Kleist verwendete die­sen Terminus zur Sprachbeschreibung eines paranoiden Menschen. Er stellte den Paragrammatismus dem bereits definierten “Agrammatismus“ beim aphasischen Patienten gegenüber.

Blanken (vgl. Blanken 1991: 200) fast die Symptome des Paragrammatismus ka­talogisiert zusammen:

- Satzverschränkung
- Satzteilverdoppelung
- Satzabbrüche
- falsche Funktionswörter
- falsche Flexionsformen

Paragrammatismus ist folglich eine Störung des Satzbaus, wobei die Äußerungen bzw. Sätze der Spontansprache aus langen syntaktisch komplexen Sätzen beste­hen. Die zuvor angeführten sprachsystematischen Symptome sind kennzeichnend für die paragrammatische Sprachproduktion. Im Folgenden Gliederungspunkt soll auf bedeutende klinische Aspekte der bilingualen Aphasie eingegangen werden.

2.3 Aphasie im bilingualen Individuum

Der Schweregrad sprachlicher Störungen ist nicht zwangsläufig für beide Spra­chen gleich. Nach Fabbro (2001) lässt sich sowohl beim monolingualen als auch beim bilingualen Aphasiker die Sprachwiedererlangung in drei Phasen gliedern:

1. akute Phase (acute phase)
2. Läsionsphase (lesion phase)
3. späte Phase (late phase)

Die akute Phase setzt mit dem Auftreten der Störung ein und umfasst generell etwa einen Zeitraum von vier Wochen. In dieser Anfangsphase kann eine Störung der Diaschisis beobachtet werden. Das heißt, nach Schädigung eines gewissen Gehirnbereichs wird die Funktion zusammenhängender Gehirnregionen vermin­dert. Während der akuten Phase kommt es häufig zu sprachlichen Störungen wie bspw. dem zeitweiligen Mutismus mit erhaltenem Sprachverständnis, schweren Wortfindungsschwierigkeiten in einer Sprache und im Gegensatz dazu relativ flüs­sigem Sprechen in der anderen Sprache und einem guten Sprachverständnis. Nach etwa einem Monat ist die akute Phase durchlebt.

Die darauf folgende Läsionsphase ist für die Erforschung gehirnfunktioneller Rela­tionen von großer Bedeutung, da während dieser Zeit die sprachlichen Störungen klar mit der Lokalisation und dem Ausmaß der Verletzung in Beziehung gebracht werden können.

Die Hypothese der Existenz differenzierter Aphasietypen beim bilingualen Spre­cher, also ein Aphasietyp in der einen Sprache und ein weiterer in der anderen Sprache, kann aufgrund mangelnder Daten nicht bestätigt werden.

In der späten Phase können verschiedene Wiedererlangungsmuster bei den multi­lingualen Patienten festgestellt werden. Fabbro (2001:204) führt hierzu die Unter­scheidung dreier üblicher Wiedererlangungsmuster an:

1. parallel recovery (beide Sprachen werden silmultan wiedererlangt
2. selective recovery (eine Sprache wir langsam wiedererlangt und die andere gar nicht)
3. successive recovery (eine Sprache verbessert sich vor der anderen)

Nachdem innerhalb des Gliederungspunktes zwei auf die verschiedenen Arten der Aphasie und deren Symptomatik eingegangen wurde, soll im folgenden Gliede­rungspunkt drei das Wortbildungsmuster “Komposition“ und die verschiedenen Kompositionstypen dargestellt werden. Zudem werden französische und deutsche Komposita gegenübergestellt.

3 Die Komposition als Wortbildungsmuster

Grundsätzlich werden sowohl im Deutschen als auch im Französischen die Deri­vation und die Komposition meist als „Standardwortbildungsarten“ angesehen.

Im Allgemeinen werden folgende Wortbildungsarten unterschieden:

1. Komposition
2. Derivation
3. Kurzwortbildung
4. Neumotivierung und Wortspiel

Im Folgenden wird das Wortbildungsverfahren Komposition erläutert, da dies den produktivsten Wortbildungsprozess darstellt und die Komposition einen zentralen Aspekt der vorliegenden Arbeit bildet.

3.1 Deutsche und französische Komposita im Vergleich

Eine allgemeingültige Definition für das Wortbildungsverfahren „Komposition“ zu nennen, erweist sich aufgrund der Vielzahl an bestehenden Begriffserklärungen als schwierig; gerade deshalb, weil die jeweiligen Autoren sehr häufig Bezug auf die Definitionen ihrer Kollegen nehmen.

Die vorliegende Ausführung soll für das Deutsche auf der Begriffserklärung von W. Fleischer basieren.

Die Zusammensetzung definiert Fleischer (Fleischer 1982: 22) als „eine Morphemkonstruktion, deren unmittelbare Konstituenten auch als freie Morpheme oder Morphemkonstruktionen vorkommen können [...]. Die unmittelbaren Konsti­tuenten werden auch als Kompositionsglieder bezeichnet. Sie stehen - wie im Satz oder der Wortgruppe so auch in einer Wortkonstruktion - einem Wort- Syntagma in mehrfachen Relationen: einmal untereinander innerhalb des Syn­tagmas, das sie bilden, und dann als Ganzes zum nächsten übergeordneten Syn- tagma.“

Das Kompositum Mülleimer bspw. setzt sich aus dem Lexem Müll als Erstglied und dem Lexem Eimer als Zweitglied zusammen.

Darüber hinaus kann es sich bei dem Erstglied des Kompositums um ein Konfix handeln (Bsp.: Biogas) oder aber auch bei beiden Gliedern, wie es bei dem Aus­druck Diskothek der Fall ist.

Für das Französische stellen nicht alleine die Vielzahl gängiger Termini, wie auch im Deutschen, ein Problem dar, sondern hinzukommt die sprachliche Bezeichnung des Vorgangs Komposition an sich. Das heißt, das Phänomen „Komposition“ wird verschieden benannt. Es herrscht kein Konsens.

Barabara Wolf (vgl. Wolf 1990: 20-21) zitiert hierzu einige Größen der Sprachwis­senschaft.

Während L. Guilbert von einer „unité syntagmatique“ spricht, B. Pottier die Zu­sammensetzung als „lexie complexe“ oder „lexie composé“ benennt, wählen J. Picoche/Ch. Bally die Bezeichnungen „composé“ oder „mot composé“.

3.2 Typisierung der Komposita

Wie in Abbildung 3 dargestellt, werden die Komposita in der herkömmlichen Typi­sierung nach semantischen Kriterien als Determinativkomposita, Possessivkom­posita und Kopulativkomposita typisiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 Die Typisierung von Komposita

Das Possessivkompositum ist als ein Sonderfall des Determinativkompositums anzusehen, da zwischen beiden unmittelbaren Konstituenten (UK) ein determina­tives Verhältnis besteht (vgl. Fleischer 1983; 106).

Abbildung 3 zeigt, dass Komposita endozentrisch oder exozentrisch sein können. Das endozentrische Kompositum verfügt über einen semantischen Kopf. D.h., ei­ner der beiden Konstituenten eines Konstrukts vererbt seine semantischen Merk­male an den gesamten Ausdruck.

[...]


[1] http://www.birgit-lange.de/inhalte/sbut/sprach/erwachsene/ursachen.html

[2] http://www.google.de/imgres?hl=de&sa=X&biw=1525&bih=715&tbm=isch&prmd=imvns&tbnid=l9w Fjuz53caibM:&imgrefurl=http://www.netdoktor.de/Gesund-Leben/Anatomie/Gehirn-Aufbau-und- Funktionen- 9372.html&docid=atlDHq63SubMlM&imgurl=http://s.ndimg.de/image_gallery/old_netdoktor/49/id_6 6344_80249.jpg&w=430&h=346&ei=zoQrUOqwKMfHsgaGi4H4BQ&zoom=1&iact=rc&dur=278&sig =103755209693359649572&page=1&tbnh=164&tbnw=204&start=0&ndsp=19&ved=1t:429,r:4,s:0,i :85&tx=143&ty=89, Stand: 11.08.2012)

[3] http://www.aphasiologie.de/Agrammatismus.pdf

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Produktion und Perzeption polymorphematischer Wortstrukturen von monolingualen und bilingualen Aphasikern
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
54
Katalognummer
V232644
ISBN (eBook)
9783656495550
ISBN (Buch)
9783656495673
Dateigröße
1668 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
produktion, perzeption, wortstrukturen, aphasikern
Arbeit zitieren
Johanna Kaiser (Autor), 2012, Produktion und Perzeption polymorphematischer Wortstrukturen von monolingualen und bilingualen Aphasikern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232644

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