Als die Micro Compact Car AG (MCC AG) – ehemals ein Zusammenschluss aus dem Stuttgarter Automobilkonzern Daimler Benz und dem Schweizer Uhrenproduzenten Swatch im November 1997 die Standortentscheidung für das hochmoderne Produktionsdorf des neuen Kleinwagens „Smart“ bekannt gab, war die Enttäuschung in den deutschen potenziellen Standorten groß. Neben den Städten Überherrn (bei Saarlouis) und Vieselbach (bei Erfurt in Thüringen) waren noch La Rochelle an der französischen Atlantikküste und Hambach in Lothringen in der engeren Wahl gewesen. Letztendlich fiel die Entscheidung zugunsten Hambachs – nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Die Entscheidung wurde mit großem Medienaufkommen verfolgt, kommentiert und diskutiert und war im öffentlichen Bewusstsein dementsprechend präsent.
Die MCC AG begründete ihre Entscheidung mit folgenden Punkten1:
• stark subventionierte Grundstückspreise
• Lohngefälle von 30% zwischen Deutschland und Frankreich
• flexiblere Tarifverträge und geringere gesetzliche Reglementierungen
• kürzere Genehmigungsverfahren
• Zweisprachigkeit der Mitarbeiter (französisch und deutsch)
Die Motive für die Entscheidungen der MCC AG liegen der Öffentlichkeit vor. In den meisten Fällen bleiben Standortentscheidungen aber ein Betriebsgeheimnis und damit unveröffentlicht. Die Entscheidungsparameter werden nicht bekannt. Die vorliegende Arbeit befasst sich mit Standortentscheidungen. Es wird versucht, die Standortdiskussion zu ordnen und zu strukturieren. Nachdem zunächst die Ursachen für den „Wettbewerb der Nationen“ erklärt werden, wird im folgenden Teil auf die Standortfaktoren eingegangen. Im dritten Teil liegt der Schwerpunkt auf den Bemühungen, einen Vergleich einzelner Nationen nach deren Wettbewerbsfähigkeit zu ziehen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Ursachen für den Wettbewerb der Nationen
2.1 Aus Unternehmenssichtweise
2.2 Aus Nationensichtweise
3 Faktoren der Standortbewertung
3.1 Absatzrelevante Standortfaktoren
3.1.1 Markt und Kundennähe
3.1.2 Kaufkraft der Währung
3.2 Produktions- und kostenrelevante Standortfaktoren
3.2.1 Volumen und Qualität der Produktionsfaktoren Rohstoff und Arbeit
3.2.2 Kosten der Produktionsfaktoren Arbeit und Rohstoffe
3.2.3 Bildung, Forschung und Entwicklung
3.2.4 Infrastruktur
3.2.5 Ordnungspolitik
3.3 „Weiche“ Standortfaktoren
3.3.1 Lebensqualität
3.3.2 Image und Kultur des Standortes
4 Bewertung der Nationen – Maße für den Wettbewerb
4.1 Wettbewerbmaße aus volkswirtschaftlicher Sicht
4.2 Wettbewerbmaße aus betriebswirtschaftlicher Sicht
5 Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die komplexe Standortdiskussion zu ordnen und zu strukturieren, um ein tieferes Verständnis für den Wettbewerb der Nationen und die zugrunde liegenden Entscheidungskriterien von Unternehmen zu schaffen.
- Ursachen des Wettbewerbs der Nationen aus Unternehmens- und Nationensicht
- Klassifizierung in „harte“ und „weiche“ Standortfaktoren
- Analyse absatz-, produktions- und kostenrelevanter Kriterien
- Methoden zur Quantifizierung der Wettbewerbsfähigkeit (volkswirtschaftliche vs. betriebswirtschaftliche Sicht)
- Diskussion empirischer Ansätze und Standort-Rankings
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Volumen und Qualität der Produktionsfaktoren Rohstoff und Arbeit
Ein wichtiges Kriterium zur Standortwahl, ist das Rohstoffvorkommen des jeweiligen Landes. Das produzierende Gewerbe beansprucht in jedem Falle Roh- Hilfs- und Betriebsstoffe, um die Leistungserstellung aufnehmen zu können. Teilweise sind die benötigten Materialien nur in bestimmten Regionen der Erde erhältlich, was ein Unternehmen vor die Frage stellt: Produktionsstättenansiedlung in der „Rohstoffregion“ oder Inkaufnahme des Transportes der Rohstoffe zur Unternehmung?
Früher war das Argument vor Ort verfügbarer Produktionsfaktoren wesentlich ausschlaggebender für die Standortwahl, heute allerdings kommt auch hier die globale Vernetzung und der erleichterte Transport von Produktionsfaktoren, insbesondere des Faktors Rohstoff, zum tragen.
Zur Produktion benötigt man neben Rohstoffen auch Arbeitskräfte. Beim Faktor Arbeit muss berücksichtigt werden, dass dieser nicht unbegrenzt mobil ist und der Arbeitsmarkt nicht unter den Bedingungen vollkommenen Wettbewerbs funktioniert. Deshalb beeinflussen die vorhandenen Arbeitskräfte eines Landes dessen Attraktivität für Investitionen. Das Arbeitsangebot ist dabei, unter Berücksichtigung der Unterschiede in den Fähigkeiten, der Produktivität, der Zuverlässigkeit und der Vielseitigkeit, ein „sehr komplexes Puzzle von Einheitlichkeit und Vielfalt im Raum“.
Oftmals ist eine Spezialisierung der Arbeitskräfte in eine bestimmte Richtung für eine ganze Nation spezifisch. So verbindet man derzeit Indien sehr stark mit gut ausgebildeten Computerspezialisten.
Immer mehr Unternehmensstrategien erfordern ein hohes Qualifikations-, Motivations- und Integrationsniveau der Arbeitskräfte, sind also stark humankapitalorientiert. Für einen Großteil der Industrieunternehmen tritt immer mehr die Einstellung der Arbeitskräfte und deren Arbeitsbeziehungen in den Vordergrund und wird von ihnen höher als der Standortfaktor „Arbeitkräfteverfügbarkeit“ an sich bewertet. Das Handeln von Menschen im Rahmen ihres kulturellen und gesellschaftlichen Umfelds entscheidet somit neben der Menge und der Qualifikation der vorhandenen Arbeitskräfte über die Standortqualität einer Nation.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema der Standortentscheidungen ein, illustriert anhand des Beispiels der Micro Compact Car AG, und umreißt den strukturellen Aufbau der Arbeit.
2 Ursachen für den Wettbewerb der Nationen: Dieses Kapitel erläutert die Beweggründe für Standortwahlentscheidungen sowohl aus der Sicht gewinnmaximierender Unternehmen als auch aus volkswirtschaftlicher Perspektive.
3 Faktoren der Standortbewertung: Hier werden die wesentlichen Einflussgrößen analysiert, wobei eine Differenzierung in absatzrelevante, produktionskostenrelevante und „weiche“ Standortfaktoren vorgenommen wird.
4 Bewertung der Nationen – Maße für den Wettbewerb: Dieses Kapitel untersucht Methoden und Kennzahlen zur Quantifizierung der Wettbewerbsfähigkeit aus volkswirtschaftlicher und betriebswirtschaftlicher Sicht.
5 Fazit: Das Fazit stellt fest, dass ein eindeutiges, objektives Ranking der Nationen aufgrund unterschiedlicher Interessenslagen schwer möglich ist und detaillierte Einzelfallanalysen erfordert.
Schlüsselwörter
Standortentscheidung, Wettbewerb der Nationen, Standortfaktoren, Globalisierung, Bruttoinlandsprodukt, Leistungsbilanz, Direktinvestitionen, Humankapital, Wettbewerbsfähigkeit, Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Ordnungspolitik, Lebensqualität, Unternehmenserfolg.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Kriterien und Entscheidungsprozessen, die Unternehmen bei der Wahl eines Standortes im internationalen Wettbewerb leiten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Analyse von „harten“ und „weichen“ Standortfaktoren sowie die Untersuchung von Methoden zur Messung der nationalen Wettbewerbsfähigkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Diskussion um Standortentscheidungen zu strukturieren und die Faktoren aufzuzeigen, die die Attraktivität einer Nation für Investoren bestimmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert primär auf einer Literaturanalyse, die theoretische Ansätze mit empirischen Untersuchungen und Kennzahlen kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden spezifische Faktoren wie Markt- und Kundennähe, Produktions- und Lohnkosten, Bildungsniveau, Infrastruktur und ordnungspolitische Rahmenbedingungen detailliert erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Standortentscheidung, Standortfaktoren, globale Wettbewerbsfähigkeit und Investitionskriterien.
Warum ist die Unterscheidung zwischen „harten“ und „weichen“ Faktoren so wichtig?
Weil harte Faktoren wie Kosten quantifizierbar sind, während weiche Faktoren wie Lebensqualität oft subjektiv bewertet werden, aber zunehmend an Bedeutung für die Standortattraktivität gewinnen.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für den Standortvergleich?
Das BIP gilt zwar als umfassendes Maß der Gesamtleistung, ist jedoch laut Autor ohne weitere Relativierung (z.B. BIP pro Kopf) nur eingeschränkt zur Beurteilung der spezifischen Attraktivität eines Standortes geeignet.
- Quote paper
- Lorenz Rein (Author), 2002, Der Wettbewerb der Nationen - die Standortdiskussion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2328