Autismus. Symptomatik, Diagnostik und die Förderung Betroffener


Fachbuch, 2013
169 Seiten

Leseprobe

Der Autismus und das Asperger-Syndrom bei Kindern von Melanie Leukert 2010
Einleitung
Definition
Autismus-Spektrum-Störung und seine Formen
Soziale Probleme von autistischen Kindern
Interventionsmöglichkeiten: Sozialkompetenztraining mit Hilfe des TEACCH-Programms
Unterschiede zwischen dem frühkindlichen Autismus und dem Asperger-Syndrom
Zusammenfassung
Quellenverzeichnis

TEACCH - ein Ansatz zur Förderung von Menschen mit Autismus von Rebecca Hasenclever 2007
Einleitung
Autismus
TEACCH
Das entwicklungsdiagnostische Instrument bei TEACCH – P.E.P.
Wie effektiv ist der TEACCH Ansatz?
Fazit
Literaturverzeichnis

Phänomenologie der Wahrnehmung - Eine Philosophische Analyse des Autismus von Dimitrios Kalaitzidis 2010
Dank
Einführung
Zum Autismus
Phänomenologie der Wahrnehmung
Die Ethische Grundhaltung in der Betreuungsarbeit
Zusammenfassung und Ausblick
Literaturverzeichnis
Aus Zeitschriften

Der Autismus und das Asperger-Syndrom bei Kindern von Melanie Leukert 2010

Einleitung

Psychologie, Pädagogik und andere Professionen arbeiten bereits seit einigen Jahren an der Förderung autistischer Menschen, um einer Isolation entgegenzuwirken (Kuhles 2007, 9). Die Arbeit mit behinderten Menschen gewinnt in der Sozialen Arbeit zunehmend an Bedeutung, andererseits besteht ein Mangel an qualifizierten SozialarbeiterInnen, welche mit dem Thema Autismus vertraut sind. Es gibt kaum Literatur, Bedarf an Fachwissen und Förderungen von autistischen Menschen steigt jedoch.

Im Mittelpunkt dieser Arbeit soll die Gegenüberstellung von frühkindlichem Autismus und dem Asperger-Syndrom stehen. Ich versuche herauszuarbeiten, wie sich autistische Störungen äußern, beziehungsweise wie SozialarbeiterInnen im Umgang mit erkrankten Kindern und Jugendlichen agieren könnten. Die Forschung hat in den letzten Jahren neue Erfahrungen auf dem Gebiet des Autismus gewonnen, aktuelle Ergebnisse werde ich in den einzelnen Kapiteln erklären. Daraus ergeben sich folgende Fragen, welche ich im Verlauf der Hausarbeit erörtern möchte: Welche Hilfe- und Unterstützungsmöglichkeiten finden Kinder mit der Diagnose Asperger-Syndrom in der Sozialen Arbeit und wie können diese angewendet werden? Was leistet die Soziale Arbeit in Bezug auf die TEACCH-Methode? Gibt es Unterschiede zwischen dem frühkindlichen Autismus und dem Asperger-Syndrom?

Ich beginne mit Definitionen der Begriffe Autismus, frühkindlicher Autismus sowie Asperger-Syndrom. Nach der Beschreibung des Autistischen Spektrums werde ich explizit auf den frühkindlichen Autismus und das Asperger-Syndrom eingehen. Diese Störungsbilder werden nach ihrer Epidemiologie, der Klassifizierung nach ICD-10 und DSM-IV sowie der Ätiologie, Symptomatik und Diagnostik beleuchtet. Im Anschluss wird aufgezeigt, welche sozialen Probleme Menschen mit der Diagnose Autismus haben und wie SozialarbeiterInnen Interventionsmöglichkeiten gestalten können. Abschließend sind Unterschiede zwischen dem frühkindlichen Autismus und dem Asperger-Syndrom aufgeführt.

Der frühkindliche Autismus (Kanner-Syndrom) sowie das Asperger-Syndrom werden als „autistische Störungen“ zusammengefasst. „Autismus“ oder „autistische Kinder und Jugendliche“ meinen beide Symptome, es sei denn, ich beziehe mich in einem Kapitel genauer auf ein Syndrom. Ich beende die Hausarbeit mit einer Zusammenfassung und meinem Resümee.

Definition

Im zweiten Abschnitt werde ich die Begriffe Autismus, frühkindlicher Autismus sowie den Asperger-Autismus beschreiben.

Autismus

Autismus stammt aus dem griechischen und meint „autos“ (zu Deutsch: selbst) und „ismos“ (zu Deutsch: Zustand oder Orientierung). Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler führte den Begriff erstmals 1911 ein. Er beschreibt den Autismus „als ein Grundsymptom der Schizophrenie“, welches die Zurückgezogenheit in die innere Gedankenwelt des an ihr erkrankten Menschen sowie den mangelnden Kontakt zu Mitmenschen meint. (Remschmidt 2000, 9)

Frühkindlicher Autismus

Der amerikanische Psychiater Leo Kanner beschrieb 1943 in dem Buch „Autistische Störungen des affektiven Kanals“ elf Kinder mit autistischen Störungsbildern. Der Begriff „autistisch“ war zur damaligen Zeit noch nicht eindeutig beschrieben, da er bisher unter „Rückzug in die Phantasiewelt“ von Bleuler definiert wurde und Menschen mit Schizophrenie bezeichnete. Heute ist bekannt, dass nicht nur elf (die Kerngruppe bestand aus acht Jungen und drei Mädchen), sondern etwa 15 – 40 von 10.000 Kindern – überwiegend Jungen – betroffen sind (Carstensen 2009, 13).

Der Begriff „Autismus“ wandelte sich. Leo Kanner beschrieb Kinder, die von Geburt an oder in ihren ersten Lebensjahren in einem Zustand der inneren Zurückgezogenheit leben. Personen mit Schizophrenie, wie Bleuler AutistInnen beschrieb, zogen sich aktiv in ihr Inneres zurück. Diese Definitionen unterschieden sich grundlegend. Die Bezeichnung des Störungsbildes von Kanner setzte sich in der heutigen Literatur durch. Seine Untersuchungen zum frühkindlichen Autismus (oder Kanner-Syndrom) erlangten internationale Anerkennung und gestalteten sich als Basis für weitere Forschungen (Carstensen 2009, 15).

Asperger-Autismus

Etwa zur gleichen Zeit, 1944, nahm der österreichische Kinderarzt Hans Asperger – unabhängig von Kanner – den Begriff „Autismus“ auf. Asperger untersuchte eine Gruppe von Kindern, welche intelligent, aber sehr in sich gekehrt wirkten und Probleme mit der sozialen Anpassung hatten. Er beschrieb das Krankheitsbild als eine „autistische Psychopathie“, welche auch die leichteren Fälle des Autismus einschloss. Diese Kinder verhielten sich laut Asperger gesellig, oftmals ungeschickt sowie sprachlich gewandt und verfügten über hoch entwickelte Spezialinteressen.

Die Forschungen und Aufzeichnungen von Asperger fanden kaum internationales Interesse. Gründe waren eventuell die Zerrissenheit des Zweiten Weltkrieges oder der Fakt, dass er seine Ergebnisse lediglich auf Deutsch veröffentlichte. In den 1980er Jahren führte die britische Psychiaterin Lorna Wing Aspergers Forschungen weiter und definierte die „leichteren Fälle“ als Asperger-Syndrom (Wing 1981 in Kusch, Petermann 2001, 115-129). Nun fand das Syndrom weltweites Gehör.

Autismus-Spektrum-Störung und seine Formen

Unter diesem Begriff werden der frühkindliche Autismus, das Asperger-Syndrom und der atypische Autismus zusammengefasst. Gemeinsamkeiten innerhalb des Spektrums sind: eingeschränkte soziale Interaktion, eingeschränkte Kommunikation sowie sich wiederholende Verhaltensmuster.

Das Kanner-Syndrom ist die bekannteste und verbreitetste Form des Autismus, während das Asperger-Syndrom, eine „milde“ Form des Autismus (und die am höchsten funktionelle), weniger erforscht ist. Diese beiden Syndrome bilden den Mittelpunkt dieses Kapitels. Der High-functioning-Autism, eine Sonderform des frühkindlichen Autismus, sowie der atypische Autismus sind nicht Bestandteil der Hausarbeit.

Frühkindlicher Autismus

Im folgenden Abschnitt werde ich den frühkindlichen Autismus nach den Klassifikationsinstrumenten, der Epidemiologie, Symptomatik, Ätiologie sowie nach seiner Diagnostik beschreiben.

Diagnosekriterien nach ICD-10 und DSM-IV

Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD, englisch: International Classification of Diseases and Related Health Problems) ist das elementare und weltweit anerkannte Diagnoseklassifikationsinstrument der Medizin und wird von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) herausgegeben. Diese internationale Einteilung und Klassifikation von Krankheiten und Gesundheitsproblemen ist für verschiedene Arbeitsfelder von Bedeutung. Für SozialarbeiterInnen meint dies eine Vereinfachung des Dialoges zwischen verschiedenen Professionen.

Die aktuelle Ausgabe des ICD wird als ICD-10 gekennzeichnet. Autismus wird dort als „tiefgreifende Entwicklungsstörung“ definiert und unter dem Schlüssel F84 verzeichnet. Der frühkindliche Autismus führt den Schlüssel F84.0 (Wiesbrock 2005,12).

Das DSM-IV (englisch: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders; Deutsch: Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen) ist ein Klassifikationsinstrument der American Psychiatric Association (Amerikanische Psychiatrische Vereinigung). Dieses Instrument wurde erstellt, um eine Diagnose und die Heilung von Krankheiten zu erleichtern. Das DSM-IV ist ein Ersatz und/oder eine Ergänzung für die jeweiligen Passagen im ICD-10 und macht, im Gegensatz zum ICD-10, geschlechterspezifische Unterschiede (Wiesbrock 2005, 12).

Werden Kriterien des frühkindlichen Autismus nach ICD-10 und DSM-IV zusammengefasst, sind folgende Gemeinsamkeiten zu erkennen: qualitative Abweichung in der sozialen Interaktion; qualitative Abweichungen im Kommunikationsmuster und ein begrenztes, stereotypes und sich wiederholendes Repertoire an Interessen und Aktivitäten (Steindal 2002 in Kuhles 2007, 13).„Tiefgreifende Entwicklungsstörungen“ beschreibt die Beeinträchtigung in den oben genannten Punkten. Abweichungen des Verhaltens und der Entwicklung der Betroffenen können unterschiedlich verlaufen und in ihrer Ausprägung stark variieren. Jedoch erfüllt nicht jedes Kind die klassischen Kriterien für den frühkindlichen Autismus. Um diese vom Asperger-Syndrom zu unterscheiden, stützen sich Professionelle auf die diagnostischen Merkmale des ICD-10.

Epidemiologie

Früher wurde angenommen, dass Autismus-Spektrum-Störungen sehr selten vorkommen. Aktuelle Untersuchungen zeigen deutlich höhere Prävalenzraten (Fombonne; Tidmarsh 2003 in http://aerzteblatt.pdf 2009, 60). Viele Studien behandeln den frühkindlichen Autismus, Untersuchungsergebnisse zu Asperger sowie zum atypischen Autismus sind seltener. Bis vor wenigen Jahren galt, dass bei einem Viertel aller AutistInnen eine geistige Behinderung vorliege, so zeigen aktuelle Studien, dass dies nicht zutrifft (Tidmarsh 2003 in http://aerzteblatt.pdf 2007, 875). Das Geschlechterverhältnis (männlich:weiblich) liegt bei 3:1. Die Häufigkeit des gesamten autistischen Spektrums wird mit 60 bis 65 auf 10.000 Schulkinder beziffert. Beim frühkindlichen Autismus beträgt die Rate 11 bis 18 / 10.000 Kinder. Diese Daten variieren von Studie zu Studie und die Ergebnisse von erwachsenen AutistInnen liegen noch nicht empirisch bestätigt vor. Autistische Störungen bei Mädchen gehen oft einher mit schwerer geistiger Retardierung (Kusch; Petermann 2001 in Kuhles 2005, 49).

Nationale und internationale Untersuchungen ergaben, dass Autismus in allen sozialen Schichten zu finden ist, in höheren sozialen Schichten ist der frühkindliche Autismus jedoch überrepräsentiert (Kuhles 2007, 23). Kanner beschrieb bereits 1943, dass die Eltern autistischer Kinder meist Akademiker seien. Bisher ist dies nicht eindeutig bewiesen. Autismus ist kein kulturspezifisches Störungsbild (Janetzke 1993, 35).

Symptomatik

Die Hälfte der Kanner-AutistInnen kann sich nicht lautsprachlich äußern. Sprechen sie, liegen oft Sprachentwicklungsstörungen vor (monotone Sprachmelodie, wörtliches Verständnis von Sprache). Grammatik und Artikulation sind weniger auffällig, jedoch gibt es Schwierigkeiten in der Semantik und starke Probleme mit dem sachgerechten Gebrauch von Sprache. SozialarbeiterInnen setzen hier stark auf Therapien, bei denen die Kinder malen und zeichnen können. Oft ist dies das einzige Mittel der Kommunikation mit Nicht-AutistInnen. Etwa 25% der Betroffenen leiden an epileptischen Anfällen.

Ätiologie

Früher wurde nach „der“ Ursache geforscht, heute wird die Ansicht vertreten, dass mehrere Faktoren für die Entstehung ausschlaggebend sind. Bis in die 60er Jahre wurde die These vertreten, Autismus entstehe aufgrund der emotionalen Kälte der Mutter („Kühlschrankmutter“), dies gilt heute als widerlegt. Bereits 1944 wies Hans Asperger darauf hin, dass die von ihm beschriebene „Autistische Psychopathie“ genetische Ursachen hat. Er vertrat die Ansicht, dass soziale sowie psychologische Faktoren Einfluss auf den Verlauf der Störung haben, jedoch nicht als Ursache zu verstehen sind (Asperger 1944, in Kusch, Petermann 2001, 76).

Heute ist bekannt, dass es aufgrund von Forschungen kaum Zweifel an einer biologischen Pathogenese der Autismus-Spektrum-Störungen gibt. Obwohl auf diesem Gebiet immer intensiver geforscht wird, fehlt bisher ein schlüssiges Modell zur Ätiologie und Genese (http://www.aerzteblatt.pdf 2007, 877). Bisherige Ergebnisse sprechen für folgende Faktoren, welche als Ursache für eine Autismus-Spektrum-Störung bekannt sind: genetische Faktoren, Hirnschädigungen oder Hirnfunktionsstörungen, biochemische Anomalien, assoziierte körperliche Erkrankungen, neuropsychologische Defizite oder die Wechselwirkung dieser Faktoren (Remschmidt; Schmidt 2006, 85). Weiterhin ist beim frühkindlichen Autismus die genetische Veranlagung durch Familien- und Zwillingsuntersuchungen eindeutig nachgewiesen. Derzeit werden molekulargenetische Untersuchungen durchgeführt (ebd., 87).

Diagnostik

Die Anamnese sowie das Beobachten von Kindern in verschiedenen Situationen sind elementare Grundlagen für eine Diagnose. Der frühkindliche Autismus tritt grundsätzlich vor dem dritten Lebensjahr auf. Erste Anzeichen können Ablehnung der Brust beziehungsweise Schwierigkeiten beim Zufüttern (beispielsweise Kau-Probleme und starre Vorlieben für gewisse Speisen) und ausgeprägte Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus sein. Sie sind weiterhin in ihren kognitiven Fähigkeiten deutlich eingeschränkt. Wenn eine allgemeine Verzögerung der gesprochenen sowie rezeptiven Sprache vorliegt, deutet dies auf den frühkindlichen Autismus.

Schwierig gestaltet sich eine Diagnose vor dem 18. Monat. Um den ersten Geburtstag kann es oft Laute bilden sowie seine Umwelt erforschen, Lächeln, auf den eigenen Namen hören, sich für andere Stimmen interessieren, einfache kindliche Spiele erlernen wie „Bitte-Bitte“ machen, winken, Arme entgegenstrecken. Um eine Fehldiagnose zu vermeiden, sollten bei nicht Vorliegen der oben genannten Grundmuster mögliche Hörprobleme und das Vorliegen einer autistischen Störung unbedingt abgeklärt werden.

Ursachen des Autismus sind derzeit nicht heilbar. Beschwerden, die dieses Störungsbild mit sich bringen, sind behandelbar. SozialarbeiterInnen begleiten Betroffene sowie Angehörige im Verlauf ihres Lebens. Eine therapeutische Zusatzausbildung der PädagogInnen ist wünschenswert, da tief in die Seelenwelt der Menschen eingedrungen wird. Noch immer gibt es lange Wartezeiten von mehreren Monaten für eine qualifizierte Behandlung. Viele AutistInnen haben frustrierende Erfahrungen machen müssen und vertrauen daher selten fremden Personen. Sie fühlen sich schnell in Therapien überfordert, falsch behandelt oder gar missverstanden. Kann ein/e AutistIn beispielsweise gut zeichnen, kann ein/e SozialarbeiterIn dort ansetzen und die Fähigkeiten weiter ausbauen (aus dem zeichnen kann schreiben erlernt werden). AutistInnen brauchen eine auf sie zugeschnittene Therapie, dies kann zu einem zufriedenen und selbstbestimmten Leben verhelfen.

Asperger-Syndrom

Nachfolgend beschreibe ich das Asperger-Syndrom nach seinen Klassifikationsinstrumenten, der Epidemiologie, der Symptomatik, Ätiologie sowie nach der Diagnostik.

Diagnosekriterien nach ICD-10 und DSM-IV

Das Asperger-Syndrom gehört, wie der frühkindliche Autismus, zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Erst 1991 fand das Asperger-Syndrom Zugang in die internationale Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (im ICD-10) und 1994 in das diagnostische und statistische Manual psychischer Störungen (DSM-IV) der American Psychiatric Association (http://www.autismus-in-berlin.de 2000, 97). In der aktuellen Ausgabe des ICD-10 wird das Syndrom mit dem Schlüssel F84.5 ausgeführt. Nach der Veröffentlichung stieg das Interesse an Literatur über das Asperger-Syndrom.

Schwierig gestaltet sich die Differenzierung des Asperger-Syndroms von einer schizoiden Persönlichkeitsstörung. Laut ICD-10 wird bei der Diagnose einer schizoiden Persönlichkeitsstörung das Asperger-Syndrom ausgeschlossen. Jedoch schließt das Asperger-Syndrom gerade im Kindesalter eine schizoide Persönlichkeitsstörung ein (ebd., 98). Hier ist der Forschungsbedarf sehr groß.

Epidemiologie

Anders als beim frühkindlichen Autismus gibt es kaum epidemiologische Studien (Kuhles 2007, 29). Gründe könnten sein, dass sich bis heute die Fachwelt uneinig ist, inwieweit sich das Asperger-Syndrom von anderen Entwicklungsstörungen (beispielsweise high-functioning-Autism) abgrenzt. Zwar orientieren sich Wissenschaftler an den Klassifikationsinstrumenten, allerdings können Prognosen erst nach längerer Beobachtung der Entwicklung des Kindes getroffen werden.

Wissenschaftliche Studien zum Asperger-Syndrom im Kindesalter ergaben eine Prävalenzrate von 2 bis 3,3 auf 10000 Kinder im Schulalter (http://aerzteblatt.pdf 2009, 62). Hier wird das Geschlechterverhältnis mit 8:1 (männlich:weiblich) beschrieben und liegt bei Jungen deutlich höher als bei Mädchen. Aufgrund der hohen Intelligenz werden Asperger-Kinder eventuell nicht als solche erkannt und gelten als „sonderbar“. Bislang gibt es keine aussagekräftigen Ergebnisse über die Verteilung von Asperger in verschiedenen sozialen Schichten und Kulturkreisen.

Symptomatik

Dieses Syndrom ist durch eine erhebliche Kontakt- und Kommunikationsstörung gekennzeichnet. Kinder mit Asperger entwickeln Spezialinteressen, welchen sie monoman nachkommen. Diese pedantische Art lässt sie für nicht-AutistInnen als Sonderlinge erscheinen (Auswendiglernen von Fahrplänen, Schmelzpunkt aller Metalle oder Paragraphen des Grundgesetzes). Eine Diagnose wird anhand der Merkmale des ICD-10 (Schlüssel F84.5) gestellt. Leitsymptome sind: qualitative Beeinträchtigung wechselseitiger sozialer Interaktionen, keine Sprachentwicklungsverzögerungen oder Verzögerungen der kognitiven Entwicklung und ungewöhnliche, sehr ausgeprägte umschriebene Interessen und stereotype Verhaltensmuster.

Ätiologie

Wie beim frühkindlichen Autismus wird auch beim Asperger-Syndrom angenommen, dass die Störungsbilder nicht auf eine einzige Ursache zurückzuführen sind. Um genaue Aussagen treffen zu können, sind umfangreiche Familienuntersuchungen nötig, die bisher nicht genügend durchgeführt wurden. Dies macht auch eine Studie deutlich: bei Probanden mit frühkindlichem Autismus sind ungefähr acht Genomscans durchgeführt worden, bei Kindern mit Asperger erst ein einziger (http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/pdf 2009, 36b).

Zusammengefasst untersucht die Ätiologie zum einen neurobiologische Dimensionen: strukturelle Abnormitäten der Gehirne, funktionelle Anomalien der Hirnfunktionen, Veränderungen im dopaminergen und serotoninergen System. Zum anderen werden neuropsychologische Dimensionen der Ätiologie betrachtet. Auf der kognitiven und emotionalen Ebene sind dies: exekutive Funktionen, „Theory of mind“, zentrale Kohärenz, Sprache, kognitive Fähigkeiten und die Aufmerksamkeit (ebd., 36f).

Diagnostik

Das Asperger-Syndrom nimmt oft einen unauffälligen Verlauf. Krankheitssymptome sind nach den ersten 18 Monaten zu beobachten. Im Kleinkindalter ist es schwierig, eine Diagnose zu wagen, daher sollten Eltern FachärztInnen für Psychiatrie und Psychotherapie beziehungsweise Kinder- und JugendpsychologInnen befragen (Dilling, Monbour, Schmidt, Schulte-Markwort 2004 in Kuhles 2007, 30).

Diese Kinder können mit zwei Jahren sprechen, nutzen Sprache jedoch kaum zur Kommunikation. Oft stellen Bezugspersonen Auffälligkeiten erst beim Schuleintritt fest. Viele Kinder mit Asperger bleiben unerkannt, da sie sich aufgrund ihrer Intelligenz sehr gut anpassen können. Auffällig ist, dass das Klassengefüge schwer zu verstehen ist und das Interesse an den MitschülerInnen fehlt. Dies führt zu sozialer Isolation und verstärkt die Vorliebe für Spezialinteressen. Kinder mit Asperger empfinden ihre KlassenkammeradInnen als seltsam und anders. Im Jugendalter wird ihnen jedoch ihre „eigene Art“ bewusst. (Kuhles 2007, 30). Um daraus resultierende Depressionen und Zurückgezogenheit zu vermeiden, ist eine rasche Diagnose wichtig.

Neben klinischen Untersuchungen gibt es Methoden, die mit Fragebögen arbeiten. Diese Methoden können von SozialarbeiterInnen in Rücksprache mit ÄrztInnen angewendet werden. Weiterhin sollten folgende Bereiche diagnostisch abgesichert werden: Komorbidität, Einschätzung des allgemeinen Entwicklungsstandes, die kognitiven Fähigkeiten des Kindes, neuropsychologische Funktionen. Allerdings sollten die körperlichen und neurologischen Untersuchungen von FachärztInnen vorgenommen werden.

Häufige komorbide Störungen des Asperger-Syndroms sind Zwangsstörungen, Tourette-Syndrom, Aufmerksamkeitsstörungen oder Depressionen. In der Kindheit wird ADHS, in der Jugendzeit Depressionen als häufigste komorbide Störung beschrieben.

Anamnetisch wird das aktuelle und das vergangene Verhalten untersucht, so können tiefgreifende Entwicklungsstörungen aufgedeckt werden. Dies würde bedeuten, dass das auffällige Verhalten situationsübergreifendes Merkmal der gesamten Entwicklung und nicht an bestimmte Verhaltensweisen oder an einzelne Situationen gebunden ist oder durch traumatische Erlebnisse ausgelöst wurde (beispielsweise Scheidung der Eltern). In allen drei Bereichen müssen über die gesamte Entwicklung Auffälligkeiten kontinuierlich aufgetreten sein.

SozialarbeiterInnen legen das Augenmerk auf die Kommunikation. Viele Asperger-AutistInnen können sich gezielt ausdrücken, lieben Sprache und Detailverliebtheit beziehungsweise ausschmücken von Sätzen. Allerdings haben sie Schwierigkeiten in der Prosodie, nehmen vieles wörtlich und verstehen kaum Ironie.

Soziale Probleme von autistischen Kindern

Für Eltern bedeutet die Diagnose Autismus ein Ein- und Umstellen auf das Kind, das familiäre Zusammenleben muss neu geordnet und Geschwisterrollen neu definiert werden. Autismus ist nicht nur eine Herausforderung für die Familie und deren Angehörige, sondern auch für die Gesellschaft. Vielen AutistInnen sieht man ihre Behinderung nicht an, ihr auffälliges, befremdliches Verhalten lässt die Bevölkerung auf sie aufmerksam werden. Asperger-AutistInnen empfinden nicht-AutistInnen eher als „unnormal“ und erkennen ihre „eigene Art“ erst später.

BetreuerInnen reagieren unsicher, da sich AutistInnen, im Gegensatz zu gleichaltrigen, gesunden Kindern, scheinbar unangemessen verhalten und kaum Mitgefühl (Empathie) zeigen. Dies lässt vermuten, dass sie scheinbar emotionslos sind. Sie möchten weniger als ihre Geschwister in den Arm genommen werden, was zur sozialen Isolation innerhalb der Familie führen kann. Doch ist es nicht ratsam, Kindern anderes Benehmen anzugewöhnen oder das vorhandene Agieren zu untersagen. Viele Eltern geben sich selbst die Schuld oder werden unter Druck gesetzt, das Verhalten ihres Kindes zu ändern (Kuhles 2007, 58).

Laut Klicpera und Innerhofer haben zwei Drittel aller Menschen mit frühkindlichem Autismus eine leichte bis schwere geistige Behinderung und ein Drittel ist lernbehindert bis durchschnittlich intelligent. Kognitive Fähigkeiten brauchen nicht unbedingt verbale oder soziale Kompetenzen, sie können alleine ausgeführt beziehungsweise angeeignet werden. SozialarbeiterInnen nutzen das gute visuell-räumliche Vorstellungsvermögen der AspergerInnen und verbinden es mit lautsprachlichen sowie sozialen Verstehensübungen (Klicpera 1999, 27).

In Italien werden Kinder mit Behinderungen stärker integriert. Dort besuchen alle gemeinsam den gleichen Kindergarten und später die gleiche Schule. PädagogInnen begleiten ihre Schützlinge während ihrer gesamten Laufbahn, auch über die Schule hinaus. Kinder lernen so voneinander und haben die Möglichkeit, soziale Kontakte aufzubauen. Integration wird somit viel effektiver, scheinbar einfach und automatisch geschehen. In Deutschland ist es üblich, trotz integrativer Kindergärten, behinderte von nicht-behinderten Kindern zu trennen. Auch wenn alle einen gemeinsamen Kindergarten besuchen, werden sie spätestens ab Schuleintritt getrennt. Viele AutistInnen besuchen Förderschulen und arbeiten später in Behindertenwerkstätten. Nicht-behinderte sind den Umgang mit behinderten Menschen kaum gewöhnt und darum gehemmt. Frühzeitige Integration kann Hemmnisse und Tabuisierung vermeiden und zur Akzeptanz und Toleranz beitragen.

Autismus ist eine Behinderung und somit ein Tabu in der Bevölkerung. Eine frühzeitige Integration stärkt das Zusammenleben und das Selbstbewusstsein des Kindes (Kuhles 2007, 58). Die Aufgabe von SozialarbeiterInnen kann darin bestehen, dass sie eine Annäherung zwischen AutistInnen und deren sozialer Umgebung schaffen, angefangen bei Eltern und Geschwistern. Dieses Zusammenführen erfordert den Willen des Kindes, aber auch, und das ist elementar, den Willen der Gesellschaft. Soziale Arbeit vernetzt die soziale Gesellschaft und die Familie des autistischen Kindes (Kuhles 2007, 60).

Interventionsmöglichkeiten: Sozialkompetenztraining mit Hilfe des TEACCH-Programms

Die Therapie des Asperger-Syndoms basiert auf empirisch bereits erprobten Behandlungsmethoden und umfasst aktuelle Erkenntnisse der Ätiologie, Symptomatik und der Diagnose. Programme wie „TEACCH“ konnten bereits in ersten Studien positive Effekte belegen (http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/pdf 2009, 36b). Vergleichbare Studien zu tiefenpsychologischen Behandlungen existieren derzeit nicht. Aufgrund des vielseitigen Spektrums des Asperger-Syndroms sind umfassende Behandlungen ratsam, welche auf verhaltenstherapeutischen Ansätzen basieren und sich auf die Aktivierung und Förderung mehrerer Bereiche beziehen. Eine Therapie sollte sich immer am aktuellen Entwicklungsstand des Kindes orientieren, um die Vorgehensweise danach auszurichten.

Eine Methode ist das TEACCH-Programm („ T reatment and E ducation of A utistic and related C ommunication handicapped Ch ildren“, zu Deutsch: „Behandlung und pädagogische Förderung autistischer und in ähnlicher Weise kommunikationsbehinderter Kinder“), welches von Doktor Eric Schopler und dessen MitarbeiterInnen in North Carolina (USA) im Jahre 1972 entwickelt wurde. TEACCH versteht sich als pädagogisch-therapeutisches Programm zur Förderung von Asperger-AutistInnen. Es soll strukturiertes Lernen in den Bereichen der Wahrnehmung, Kommunikation und sozialen Interaktion vermitteln sowie die individuellen Stärken betonen (Kuhles 2007, 81).

Anlass dieser Methode war ein Forschungsprojekt, welches widerlegen sollte, dass Eltern Schuld an der Entstehung des Autismus ihres Kindes sind. In Zusammenarbeit mit Eltern entwickelten Forscher TEACCH. Das umfassende, lebensbegleitende System vernetzt Betroffene und ihre Angehörigen mit Diensten, Trägern und Fachkräften.

PädagogInnen arbeiten eng mit Eltern autistischer Kinder zusammen. Oft beginnt die Therapie, wenn die Diagnose gestellt ist, im dritten Lebensjahr und geht auch über den Kindergarten und die Schule hinaus. TEACCH ist um eine geeignete Lernumgebung bemüht und umfasst verschiedene Trainingsmöglichkeiten sowohl für Kinder, Eltern und SozialarbeiterInnen. Es ist zukunftsorientiert und arbeitet nicht in erster Linie an den Problemen, sondern aktiviert Ressourcen. Ausgangspunkt für eine Behandlung ist das Kind selbst. Im Mittelpunkt steht die Förderung bestehender Fähigkeiten (Gedächtnistraining, Auswendiglernen, Zeichnen, Stärken der visuellen Wahrnehmung und Erkennen von Details). Regelmäßig findet eine Förderdiagnose statt, welche den Stand des Kindes und Erfolge aufzeigt, um sich eventuell neu zu orientieren. Die Förderdiagnose begleitet das Kind ein Leben lang. Ziel von TEACCH ist die Unterstützung der Entwicklung des Kindes, indem SozialarbeiterInnen spezielle Lern- und Übungsangebote durchführen. Das Umfeld wird so ausgerichtet, dass sich das Kind wohlfühlt und Beeinträchtigungen aufgefangen werden. Ist dies erfüllt, kann sich das Kind entfalten und eine Verbesserung der individuellen Kompetenzen ist möglich (Weiß 2002 in Kuhles 2007, 83). Dennoch ist Strukturierung wichtig. Kinder lernen mit Plänen, Erwartungen werden klar geäußert (von beiden Seiten), Visualisierungen von Beispielen zum besseren Verständnis können zum Einsatz kommen und der Grundablauf bleibt während der gesamten Förderung weitgehend gleich. Strukturierung hilft den Kindern, sich zu orientieren, vorauszusehen, zu planen und somit Entscheidungen leichter treffen zu können. SozialarbeiterInnen fördern soziale und kommunikative Kompetenzen, Selbstständigkeit, eigenverantwortliche Freizeitgestaltung, welche soziale Aktivitäten beinhaltet.

Strategien der TEACCH-Methode sind beispielsweise die physische Manipulation, bei der die/der SozialarbeiterIn zusammen mit dem Kind Aufgaben löst, indem sie/er Hilfestellungen gibt (Hand führen) oder die Situation demonstriert. SozialarbeiterInnen setzen bewusst Impulse, die Lösung findet allein das Kind. Verbale und nonverbale Anweisungen wechseln sich ab. Eltern werden in die Förderung einbezogen und von PädagogInnen in verschiedene Methoden eingewiesen, um mit ihrem Kind üben zu können. Im Vordergrund stehen die „Normalisierung“ und Integration in die Gesellschaft (ebd, 85).

Die Durchführung von Sozialkompetenztraining mit Hilfe von Social Skill Groups (Gruppen, in denen soziale Fertigkeiten trainiert werden) gehört zum festen Bestandteil des TEACCH-Programms. Hier arbeiten Asperger-AutistInnen gemeinsam in kleinen Gruppen. Im Kleinkindalter wird mit zwei Personen begonnen, während der Adoleszenz umfasst die Gruppengröße 10 – 14 Jugendliche. Inhalte: Förderung von sozialen Interaktionen, gemeinsames Aufstellen und Einhalten sozialer Regeln, Förderung der Aufmerksamkeit und der Kommunikation sowie positive soziale Erfahrungen (Mesibov; Schopler; Shea 2005, 19). In der Gruppe lernen Kinder soziale Kompetenzen spielerisch, Angst, Hemmnisse und Befangenheit können Schritt für Schritt abgebaut werden. Kinder und Jugendliche erkennen, dass sie nicht alleine mit ihren Problemen sind und öffnen sich schneller. Kommunikation soll Freude bereiten und den zwischenmenschlichen Umgang stärken. Die/der SozialarbeiterIn lobt und motiviert, damit positive Erlebnisse mit Kommunikation verbunden und soziale Regeln automatisch erlernt werden können.

Das Beobachten und Einschätzen sozialer Situationen (BESS) ist ein weiterer Schritt des TEACCH-Programms. Hier stellen GruppenleiterInnen spielerisch Alltagssituationen dar, in denen soziale Regeln eingehalten oder gebrochen werden. Die TeilnehmerInnen sollen danach gemeinsam die Situation einschätzen, richtiges und falsches Verhalten diskutieren, Verbesserungsvorschläge nennen oder selbst Situationen „spielen“. Das Spiel kann auch durch einen Comic visualisiert sein. Die TeilnehmerInnen sollen Emotionen in Sprechblasen zu Sätzen bilden. Die bildhafte Darstellung trägt zur Unterstützung der Kommunikation bei.

Kritische Punkte dieses Ansatzes können die Überforderung der Kinder sein. Sie werden oft mit Situationen konfrontiert, welche sie nicht verstehen und scheinbar verstehen müssen. Die Konzentration wird sehr beansprucht, was zu Kopfschmerzen und noch weniger Konzentration führt. Ziele, die nicht eingehalten werden, können depressives sowie aggressives Verhalten auslösen. Oft wird den PädagogInnen vorgeworfen, die Kinder in ihrer „Autistischen Umgebung“ gefangen zu halten, da sie mit anderen AutistInnen zusammen lernen und arbeiten (Kuhles 2007, 92).

Unterschiede zwischen dem frühkindlichen Autismus und dem Asperger-Syndrom

Das autistische Störungsbild zählt zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen, welche in der frühen Kindheit beginnen und durch eine verzögerte und abweichende Entwicklung gekennzeichnet sind. Gemeinsamkeiten gibt es nach den Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-IV, welche drei Merkmale charakterisieren: qualitative Beeinträchtigung der Interaktion und Kommunikation sowie ein eingeschränktes, stereotypes, sich wiederholendes Feld von Interessen und Aktivitäten. Diese Merkmale treten bei allen Autismus-Spektrum-Störungen in unterschiedlich starker Ausprägung auf (http://aerzteblatt.lnsdata.de/pdf 2007, 873).

Das Asperger-Syndrom und der frühkindliche Autismus unterscheiden sich jedoch auch in fünf Bereichen. Kinder mit frühkindlichem Autismus verhalten sich bereits in den ersten Lebensmonaten auffälliger und daher ist eine Diagnose schneller möglich, währenddessen markante Verhaltensweisen bei Kindern mit Asperger erst später deutlich werden (mit circa drei Jahren). Sie halten jedoch Blickkontakt mit ihren Eltern, im Gegensatz zu Personen mit frühkindlichem Autismus, welche Blicken ausweichen beziehungsweise meiden.

Die größten Unterschiede sind in der Sprachentwicklung zu finden. Kinder mit dem Asperger-Syndrom beginnen relativ früh zu sprechen und verwenden eine grammatikalisch und stilistisch korrekte Sprache, während Kinder mit frühkindlichem Autismus spät oder gar nicht sprechen (circa 50%) (Wiesenbrock 2005, 20). Des Weiteren gibt es bei Personen mit frühkindlichem Autismus Auffälligkeiten, wie Echolalie (wiederholen von Worten) oder das Umkehren von Pronomen. Menschen mit Asperger-Syndrom haben in der Regel keine Schwierigkeiten in diesen Bereichen.

Unterschiede zeigen sich in der Motorik. Kinder mit Asperger sind motorisch auffällig. Sie scheinen ungeschickt, tollpatschig, haben Koordinations-schwierigkeiten und wirken linkisch. Personen mit frühkindlichem Autismus sind in ihrer Motorik nicht eingeschränkt, sofern keine Komorbidität vorliegt.

Ein nächster Unterscheidungspunkt ist die Intelligenz. Menschen mit Asperger-Syndrom haben eine normale bis hohe Intelligenz, während Kinder mit frühkindlichem Autismus oft eingeschränkte intellektuelle Leistungen aufweisen. Aufgrund ihrer hohen Intelligenz entwickeln einige Asperger-Kinder bereits erwähnte Spezialinteressen. Sie können sich beispielsweise ein umfangreiches Wissen über ein Thema aneignen und auf Wunsch abrufen. Dank ihrer (hohen) Intelligenz verfügen sie über fundiertes Wissen und belesen sich in Fachbüchern, um mehr über ihre Interessen zu erfahren. Schwierigkeiten treten auf, wenn sie das praktische Wissen in sozialen Kontexten vergleichen (Wiesenbrock 2005, 20).

Zusammenfassung

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Autismus gestaltete sich anfangs schwierig. Literatur zum Asperger-Syndrom gab es kaum. Viele Bücher, die Unterschiede der verschiedenen Autismus-Spektrum-Störungen beschrieben, erwiesen sich als veraltet, als ich sie mit aktuellen Artikeln aus dem „Deutschen Ärzteblatt“ verglich. Die Hausarbeit bezog sich auf folgende Fragestellungen, die ich nun zusammenfassend beantworten werde.

„Welche Hilfe- und Unterstützungsmöglichkeiten finden Kinder mit der Diagnose Asperger-Syndrom in der Sozialen Arbeit und wie können diese angewendet werden?“

Seit geraumer Zeit wird zu dem Thema Autismus immer intensiver geforscht. Zahlreiche Programme zur Förderung sozialer und kommunikativer Kompetenzen autistischer Kinder wurden entwickelt. Bislang gibt es aber wenige Methoden, die als empirisch gut abgesichert und allgemein anerkannte Verfahren gelten. Hilfe finden autistische Kinder in den Social Skill Groups. Dort lernen sie mit anderen AutistInnen zusammen, was den Zusammenhalt stärkt. Kinder wissen, dass sie nicht alleine mit ihren Problemen sind. SozialarbeiterInnen lernen mit den TeilnehmerInnen durch physische Manipulation, was bedeutet, dass Impulse gegeben werden, jedoch der Lösungsweg selbst gefunden werden muss. In Gruppen werden Alltagssituationen nachgespielt, um daraus zu lernen. Beobachten und Einschätzen der autistischen Kinder erfolgt laufend. Ziele der Intervention sind Abschwächung der Symptome und Auf- sowie Ausbau von Stärken, um eigenständig leben zu können. Übungen werden in kleine Lernschritte („Prompts“) unterteilt, wobei Hilfestellungen nach und nach zurückgenommen werden („Fading“). Bei Komorbidität, beispielsweise Depressionen, wird eine medikamentöse Behandlung empfohlen.

„Was leistet die Soziale Arbeit in Bezug auf die TEACCH-Methode?“

Das TEACCH-Programm lässt sich meiner Meinung nach gut in der Sozialen Arbeit anwenden, da es viele Elemente gibt, die sich gleichen. Es eignet sich als lebensbegleitende Hilfe- und Unterstützungsmöglichkeit. Der TEACCH Ansatz fordert von SozialarbeiterInnen ein breites Fachwissen über Autismus. Die Förderung nimmt Rücksicht auf die Individualität autistischer Menschen. Wenn PädagogInnen mit AutistInnen arbeiten, müssen sie sich über die Krankheit, deren Eigenheiten und über das Kind informieren, bevor sie mit einer Therapie beginnen. Danach wird gemeinsam die Anamnese erstellt. Nur so können Bedürfnisse, Wünsche und Ziele, aber auch Grenzen der Förderung benannt werden.

Soziale Arbeit ist ressourcenorientiert. Dies berücksichtigt TEACCH und verbindet individuelle Möglichkeiten mit Grenzen der TeilnehmerInnen in den Sozialkompetenztrainings. Die Förderung richtet sich speziell an das Kind, seine Interessen, Intelligenz, nach dem Entwicklungsstand und den Bedürfnissen. Die Kinder bestimmen das Arbeitstempo selbst. Des Weiteren richtet sich TEACCH an die Stärken des Kindes, was im Interesse der Sozialen Arbeit ist.

Soziale Arbeit möchte nicht „heilen“, sondern bestmöglich integrieren. Das bedeutet, Kinder zu befähigen, aktiv am sozialen Austausch und Leben teilzunehmen. Dies können SozialarbeiterInnen erreichen, indem sie den TeilnehmerInnen positive Erlebnisse vermitteln. Eine Begleitung im Alltag ist gewünscht, eine Lenkung ist zu vermeiden. Durch die Befähigung, in kleinen Gruppen zu arbeiten, wird die Kommunikation gestärkt. Ziel ist eine eigenständige Lebensführung. Freude am Umgang mit Menschen im Alltag kann erst gespielt und dann erprobt werden, was das Selbstbewusstsein stärkt.

Soziale Arbeit berät und kooperiert. Ein weiterer Punkt, der sich mit TEACCH deckt, ist die Zusammenarbeit mit Angehörigen autistischer Kinder. Eltern werden in die Konzepte des Ansatzes eingeführt, um mit ihren Kindern gemeinsam zu lernen. Eltern sind im ständigen Austausch mit den GruppenleiterInnen und erfahren früh Fortschritte ihres Kindes. Veränderungen, die zu Stress führen, können nicht nur innerhalb der Familie, sondern auch in der Gruppe abgefangen werden. Weiterhin wird das Umfeld mit dem Thema Autismus vertraut gemacht. TEACCH und Soziale Arbeit leisten Öffentlichkeitsarbeit. Dies ist ein elementarer Beitrag zur Sensibilisierung und trägt maßgeblich zur Integration autistischer Kinder in das gesellschaftliche Umfeld bei.

„Gibt es Unterschiede zwischen dem frühkindlichen Autismus und dem Asperger-Syndrom?“

Zuerst muss geklärt werden, um welche Autismus-Spektrum-Störung es sich handelt, denn diese unterscheiden sich. Auch innerhalb eines Störungsbildes können Symptome stark variieren. Eltern frühkindlicher AutistInnen erkennen bereits in den ersten Monaten, dass „etwas mit ihrem Kind nicht stimmt“. Der frühkindliche Autismus ist zeitiger erkennbar, Eltern reagieren und SozialarbeiterInnen können früher mit der Förderung beginnen. Asperger-Kinder verhalten sich in den ersten Lebensjahren unauffällig, ab etwa dem dritten Lebensjahr beginnen typische Verhaltensweisen. Die Motorik wirkt linkisch und unkoordiniert, währenddessen Kinder mit frühkindlichem Autismus keine motorischen Probleme haben. Differenzen gibt es in der Sprachbildung, die sich bei Menschen mit frühkindlichem Autismus später, oder gar nicht entwickelt. Asperger beginnen relativ früh zu sprechen, und verwenden korrekte Grammatik, was auf ihre (hohe) Intelligenz schließen lässt, währenddessen Personen mit frühkindlichem Autismus oft in ihrer Intelligenz eingeschränkt sind. AspergerInnen verfügen in der Regel über Spezialinteressen, welchen sie pedantisch nachgehen.

Meiner Meinung nach sollte Soziale Arbeit nicht das Ziel haben, Menschen mit Autismus von ihren „Leiden“ zu heilen, sondern bestmöglich unterstützen und befähigen, eigenständig zu leben. Spezialinteressen werden nicht unterbunden, da dies eine Einschränkung der Individualität bedeutet. Im Gegenzug werden diese Interessen so genutzt, dass sie mit dem sozialen Umfeld geteilt werden können. Beispielsweise können Vorträge zu Themen organisiert oder Bilder ausgestellt werden. In Therapien spüren AutistInnen, besonders AspergerInnen, dass sie nicht alleine sind und beginnen im besten Fall, sich zu öffnen. Das schafft Vertrauen und stärkt das Selbstbewusstsein. Durch die Anleitung zur Selbständigkeit können Menschen mit Autismus sich in der Gesellschaft freier bewegen. Ausgrenzung wird vermieden und Integration erfolgt. Soziale Arbeit vernetzt Betroffene, Angehörige und ihr Umfeld. Kommunikation und Sensibilisierung entstehen auf beiden Seiten automatisch. Soziale Arbeit möchte autistische Menschen nicht verändern, sondern ihre positiven Seiten in den Vordergrund stellen um ihnen ein Leben zu ermöglichen, indem sie sich wohl fühlen.

Quellenverzeichnis

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Kusch, Michael; Petermann, Franz (2001). Klinische Kinderpsychologie. Band 5: Entwicklung autistischer Störungen. Göttingen. 3. Auflage.

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http://aerzteblatt.lnsdata.de/pdf/106/5/m59.pdf (28. Juli 2010).

Wiesenbrock, Martin (2005). Der frühkindliche Autismus und das Asperger Sydrom. Norderstedt.

TEACCH - ein Ansatz zur Förderung von Menschen mit Autismus von Rebecca Hasenclever
2007

Einleitung

Das Thema TEACCH ist sehr umfassend, da es nicht für sich alleine stehen kann. Es ist unmittelbar mit dem Thema Autismus verbunden. Ohne ein Verständnis dessen zu haben, was Autismus ist, welche Reaktionen zu den Angewohnheiten von Menschen mit Autismus gehören, kann ich auch keine didaktischen Überlegungen und keine Förderung dieser Menschen angemessen gestalten. Erst wenn wir verstehen, welche Gründe hinter den für uns „eigenartigen“ Verhaltensweisen stecken, können wir angemessen mit ihnen arbeiten. Deshalb habe ich zunächst ein Kapitel dem Autismus und seinen Besonderheiten gewidmet. Dabei war es mir im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, umfassend auf alle Kriterien von Autismus einzugehen. Ich habe mich auf die Besonderheiten der Wahrnehmung und der kognitiven Leistungen bei Menschen mit Autismus beschränkt, da ich später, wenn es um TEACCH geht, genau auf diese Kriterien Bezug nehmen werde.

Im dritten Kapitel stelle ich das TEACCH Programm und seine Entstehungsgeschichte vor. Dann gehe ich auf den TEACCH Ansatz ein, bei dem es später auch um sehr konkrete Tipps geht, wie man das Lernen von Menschen mit Autismus erleichtern kann.

Im vierten Kapitel stelle ich nur ganz kurz den Diagnosetest vor, der von TEACCH verwendet wird, um darauf aufbauend ein Förderkonzept zu erstellen. Bei der Beschreibung dieses Diagnosetests bin ich nur kurz auf die Kriterien, die er testet eingegangen ohne näher zu erläutern wie genau der Test durchgeführt wird. Außerdem habe ich noch erläutert, wieso gerade dieser Test so geeignet zu sein scheint, um Menschen mit Autismus auf ihre Fähigkeiten zu testen.

Zum Schluss gehe ich kurz auf die 30 Jahre Erfahrung ein, die man bis heute mit TEACCH gemacht hat, und welche Ergebnisse bezüglich der Effektivität daraus entstanden sind.

Autismus

Autismus wird von der WHO in der Klassifikation für Krankheiten unter der Kategorie tief greifende Entwicklungsstörung genannt. „Viele verschiedene Hirnbereiche scheinen im Zusammenhang mit Autismus betroffen zu sein, aber nicht immer sind dieselben Bereiche in derselben Weise beeinträchtigt. Dies führt zu den unterschiedlichen Erscheinungsformen des Autismus“ (siehe Häußler 2005, S. 27).

Verschiedene Ausprägungen von Autismus

Im Allgemeinen wird zwischen drei Arten von Autismus unterschieden, dem Kanner-Syndrom, dem Asperger-Syndrom und dem atypischen Autismus. Atypischer Autismus bedeutet, dass die Diagnosemerkmale des Asperger- und des Kanner-Syndroms nicht vollständig auftreten bzw. später, d.h. nach dem 3. Lebensjahr erscheinen.

Das Kanner-Syndrom (frühkindlicher Autismus)

„Autismus zählt zu den tief greifenden Entwicklungsstörungen und ist durch qualitative Veränderungen in der Interaktion und der Kommunikation sowie durch ein beschränktes Repertoire an Interessen und Aktivitäten gekennzeichnet (DSM-IV 1994) (siehe Boenisch 2003, S. 139).

Bis heute ist es nicht gelungen, Autismus eindeutig zu definieren. Zu unterschiedlich sind die Symptome der Individuen, und einzelne autistische Symptome sind auch bei Kindern anzufinden, die in anderen Verhaltensweisen keine autistischen Merkmale zeigen. 1943 legte Kanner das erste Mal eine Beschreibung dessen fest, was seiner Meinung nach die Hauptursachen von Autismus sind. Da auch hier Merkmale vorkamen, die nichtautistische Kinder haben können, beschränkten Kanner und Eisenberg sich 1956 auf so genannte Kernsymptome, welche nur bei Menschen mit Autismus vorzufinden sind:

- Soziale Isolation
- Drang nach Aufrechterhaltung von Gleichförmigkeit

Heute fügt man dieser Definition noch erste Auffälligkeiten vor dem 30. Lebensmonat und die Verzögerung der sprachlichen Entwicklung hinzu (vgl. Innerhofer 1988, S. 179f.).

„Der Mangel an Kontakt ist schon bei Kleinkindern auffällig, sie reagieren nicht auf die Stimmen ihrer Eltern, sehen sie nicht direkt an, strecken ihnen die Arme nicht entgegen, zeigen keine Gegenseitigkeit im Blick- oder Körperkontakt“ (siehe Jorgensen 2002, S. 84). Kinder mit frühkindlichem Autismus sind sehr auffällig, da sie durch ihre Bewegungsstereotypen, wie das Vor und Zurückwippen des Oberkörpers oder klatschende bzw. flatternde Hände auffallen (vgl. Jorgensen 2002, S.83-86). Die Ursachen von Autismus sind bis heute weitgehend unbekannt. „Eine ganze Reihe von Faktoren können dabei eine Rolle spielen – Umstände, welche die spätere Entwicklung des zentralen Nervensystems vor oder auch nach der Geburt beeinträchtigen“ (siehe Häußler 2005, S. 27). Deswegen geht man davon aus, dass die Ursachen wahrscheinlich auf organische (biologische) Gründe zurückzuführen sind. Eine körperliche Erkrankung, bei der das Gehirn betroffen ist, ist bei 20-30% der autistischen Kinder Ursache für den Autismus, da somit die psychische Entwicklung gestört ist. „Bei 50% ist nachzuweisen, dass eine organische Störung am Gehirn vorliegt, ohne das eine bestimmte Krankheit als primäre Ursache angegeben werden kann“ (siehe Jorgensen 2002, S. 85). Bei den letzten ca. 25% der Betroffenen, kann keine Krankheit nachgewiesen werden, man geht jedoch davon aus, dass trotzdem eine vorhanden war. Der frühkindliche Autismus scheint auch genetisch bedingt zu sein, das ergab eine Studie mit Geschwister- und Zwillingskindern. Etwa 2% der Geschwister von autistischen Kindern zeigen ebenfalls das Erscheinungsbild vom frühkindlichen Autismus. Das ist häufiger als die Auftretenshäufigkeit in der Gesamtbevölkerung. „In zwei neueren Zwillingsuntersuchungen (Folstein & Rutter, 1977; Ritvo et. al., 1982) wurde eine relativ hohe Konkordanz bei monozygotischen, nicht aber dizygotischen Zwillingen festgestellt (paarweise Konkordanzrate nach Folstein & Rutter, 1977: 36%)“ (siehe Innerhofer 1988, s. 160). Veränderungen der Erbanlagen führen schon im Mutterleib zu Schädigungen der Feinstruktur des Gehirns. Aber das alleine ist nicht die Ursache von Autismus. „Vielmehr müssen noch auslösende Faktoren hinzu kommen, wie zum Beispiel Ereignisse, welche zu bestimmten Zeitpunkten in der Entwicklung das Gehirn in einer Weise beanspruchen, auf die es dann nicht vorbereitet ist. Dies können die neuen körperlichen Anforderungen durch die Geburt sein oder auch psychische Anforderungen in der Entwicklung während der ersten zwei Lebensjahre“ (siehe Häußler 2005, S. 27).

In der Gesamtbevölkerung tritt das Kanner-Syndrom ungefähr mit einer Häufigkeit von 0,05% auf. Dabei ist das Verhältnis zwischen Mädchen und Jungen 1:3 (vgl. Wikipedia: frühkindlicher Autismus. Stand: 01.03.2007). Das Wiederholungsrisiko für eventuelle Geschwister liegt bei einem Jungen mit Autismus bei 7% bei einem Mädchen mit Autismus bei 15%. In der Zwillingsuntersuchung fand man heraus, dass eineiige Zwillinge, bei denen ein Kind betroffen ist, zu über 50% auch das andere betroffen ist. Für zweieiige Zwillinge wurde keine Konkordanz gefunden (vgl. Witkowski 1995, S. 128f.).

Das Asperger-Syndrom

1944 nahm der Kinderarzt Hans Asperger das erste Mal eine Beschreibung von einer Gruppe von Kindern vor, welche seiner Meinung nach „an einer Abweichung von der normalen Persönlichkeitsentwicklung litten“ (siehe Jorgensen 2002, S. 12). Danach wurde lange nicht darüber geredet. Lorna Wing entdeckte das Asperger-Syndrom knapp 35 Jahre nach seiner ersten Beschreibung wieder, während sie Untersuchungen an Kindern mit Störungen im sozial-kommunikativen Bereich durchführte. Sie konnte die Kinder in drei Gruppen einteilen. Erstens die Kinder, die zu den Beschreibungen Kanners passten, zweitens die Kinder mit atypischem Autismus und drittens eine Gruppe mit autismusähnlichen Kontaktstörungen, welche jedoch weniger stark ausgeprägt sind. Sie gab diesem Phänomen den Namen Asperger-Syndrom und definierte es folgendermaßen:

1) Mangel an Empathie
2) Abweichende soziale Interaktion
3) Abweichende verbale Kommunikation
4) Abweichende nonverbale Kommunikation
5) Spezialinteressen
6) Begrenzte Fantasie
7) Motorisches Ungeschick: (siehe Jorgensen 2002, S. 33f.)

Der Kinderpsychiater Christopher Gillberg sieht das Asperger-Syndrom und Autismus als verwandt an und hat sich für die Existenz eines „Autismusspektrums“ ausgesprochen:

[...]

Ende der Leseprobe aus 169 Seiten

Details

Titel
Autismus. Symptomatik, Diagnostik und die Förderung Betroffener
Autoren
Jahr
2013
Seiten
169
Katalognummer
V232829
ISBN (eBook)
9783656488002
ISBN (Buch)
9783956870668
Dateigröße
1901 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autismus, TEACCH-Programm, Asperger-Syndrom, frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus
Arbeit zitieren
Melanie Leukert (Autor)Rebecca Hasenclever (Autor)Dimitrios Kalaitzidis (Autor), 2013, Autismus. Symptomatik, Diagnostik und die Förderung Betroffener, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232829

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