Dieser ‘‘Initiationsritus‘‘ ist uns wohl bekannt, doch auch in vielen – hauptsächlich afrikanischen – Ländern wird der Übergang zum Erwachsenensein groß gefeiert, lediglich in einer anderen Art und Weise und ausschließlich bei Frauen. Ein Ritus, der durchgeführt werden muss, um als Frau gesellschaftlich anerkannt und heiratsfähig zu sein. Die Rede ist von der genitalen ‘‘Beschneidung‘‘ bei Frauen - ein Thema, das trotz der Aktualität (auch in Europa) einen doch weitestgehend unbekannten Themenkomplex darstellt. Der Ritus der Genitalverstümmelung soll die Kinder in den betroffenen Ländern auf die Qualen, Schmerzen und Entbehrungen, welche das Leben als Erwachsener mit sich bringt vorbereiten.
Im ersten Abschnitt werden wir kurz auf die Geschichte der weiblichen Genitalverstümmelung und auf die Gründe für ihre Durchführung eingehen. Darüber hinaus werden wir die weibliche Genitalverstümmelung, wie sie im heutigen Zeitalter durchgeführt wird beleuchten.
Anhand des Fallbeispiels von Sierra Leone wird dem Leser die Durchführung der Praktik näher gebracht.
Anschließend gehen wir der Frage nach, in welchem Maße die Genitalverstümmelung mit den für allgemein gültig erklärten Menschenrechten in Verbindung gebracht werden kann und welche Maßnahmen bereits gegen FGM sowohl von außerhalb, als auch innerhalb betroffener Länder ergriffen worden sind.
Im darauffolgenden Abschnitt wird die Verstümmelung im Hinblick auf die Entwicklungspolitik betrachtet, um zu klären, wie sich die weibliche Genitalverstümmelung auf diese auswirkt und wie man dem entgegenwirken kann.
Letztlich werden wir alle Ergebnisse in Form eines Fazits zusammenfassen und eine Antwort auf die Ausgangsfrage, inwiefern sich die weibliche Genitalverstümmelung auf die Menschenrechtskonvention und Entwicklungspolitik auswirkt, finden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschichte der weiblichen Beschneidung
3. Die weibliche Genitalverstümmelung heute
3.1 Geografische Verteilung
3.2 Durchführung
3.3 Hauptformen der Beschneidung
3.4 Folgen von FGM
3.5 Fallbeispiel Sierra Leone
4. Beschneidung bei Frauen – eine Menschenrechtsverletzung?
4.1 Definition der Menschenrechte
4.2 FGM im Zusammenhang mit den Menschenrechten
4.3 Konsequenzen und Maßnahmen von außerhalb
4.4 Konsequenzen der afrikanischen Gemeinschaften
4.5 Menschenrechtssituationen in betroffenen Ländern
5. Beschneidung bei Frauen – eine Herausforderung für die Entwicklungspolitik
5.1 Definitionen von Entwicklungspolitik
5.2 FGM im Zusammenhang mit Entwicklungspolitik
5.3 Konsequenzen und Maßnahmen von außerhalb
5.4 Konsequenzen und Reaktionen der afrikanischen Gesellschaft
5.5 Erfolge und Aussichten der entwicklungspolitischen Arbeit in Afrika
6. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern die Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung (FGM) im Widerspruch zu universellen Menschenrechten steht und welche Herausforderungen sie für die internationale Entwicklungspolitik darstellt, wobei der Fokus insbesondere auf der Situation im Fallbeispiel Sierra Leone liegt.
- Historische Ursprünge und soziokulturelle Hintergründe der weiblichen Genitalverstümmelung.
- Analyse der gesundheitlichen und psychischen Folgen für betroffene Frauen und Mädchen.
- Rechtliche Einordnung von FGM im Kontext internationaler Menschenrechtskonventionen.
- Die Rolle von Geheimbünden und traditionellen Strukturen in Sierra Leone bei der Aufrechterhaltung der Praxis.
- Möglichkeiten und Grenzen entwicklungspolitischer Ansätze zur Überwindung von FGM.
Auszug aus dem Buch
Die Rolle des Geheimbundes
Geheimgesellschaften/Geheimbünde sind die Protagonisten der FGM in Sierra Leone. Der Geheimbund der Frauen, der sogenannten Bundo-Society erregte z.B. 1997 dadurch Aufsehen, dass sie in einem Flüchtlingslager in Freetown (Hauptstadt) eine Beschneidungszeremonie organisierte, bei der 600 - 700 Mädchen/Frauen rituell beschnitten wurden. Es kam zu zahlreichen Komplikationen, die einen Aufenthalt im Krankenhaus erforderlich machten.
Die Beschneidung im Bundo findet in den frühen Morgenstunden statt, wo es noch kühl ist um Blutungen zu vermeiden. Den Mädchen wird gesagt sie dürfen nicht schreien, da sie sonst Schande über ihre Familie bringen, denn die Erduldung von Schmerzen hat im Bundo-Bush Tradition.
Im Bund müssen Mädchen einen Eid schwören, niemals über die Vorgänge der Intitiationsriten zu sprechen.
Die Mitgliedschaft im Bundo ist eine Voraussetzung dafür, dass die Frau verheiratet werden kann und demnach sozial abgesichert ist . Die weibliche Genitalverstümmelung wird als erste Stufe der Initiation (Einweisung eines Individuums in die Gemeinschaft) in den Geheimbund der Frauen durchgeführt.
Das "Geheime" an diesen Bünden ist weniger die Mitgliedschaft, sondern in erster Linie das spezifische traditionelle Wissen und das Praktizieren Kulten und Ritualen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Thema als einen weitgehend unbekannten, aber grausamen Initiationsritus und rechtfertigt die Verwendung des Begriffs Verstümmelung.
2. Geschichte der weiblichen Beschneidung: Dieses Kapitel erörtert die mythischen und historischen Ursprünge des Brauchs und widerlegt die fälschliche Zuordnung der Praxis ausschließlich zum Islam.
3. Die weibliche Genitalverstümmelung heute: Es werden die weltweite Verbreitung, die Durchführung, die medizinischen Kategorien der FGM sowie die physischen und psychischen Langzeitfolgen detailliert beschrieben.
4. Beschneidung bei Frauen – eine Menschenrechtsverletzung?: Das Kapitel diskutiert FGM als Verletzung fundamentaler Menschenrechte und prüft bestehende rechtliche Rahmenbedingungen auf internationaler und nationaler Ebene.
5. Beschneidung bei Frauen – eine Herausforderung für die Entwicklungspolitik: Der Abschnitt befasst sich mit der Rolle der Entwicklungspolitik, der Notwendigkeit kulturell sensibler Aufklärungsarbeit und der Schaffung von ökonomischen Alternativen für Beschneiderinnen.
6. Fazit und Ausblick: Das Fazit resümiert, dass langfristige Erfolge nur durch ein Umdenken innerhalb der betroffenen Gesellschaften selbst erreicht werden können und westliche Interventionen dabei unterstützend, aber nicht bevormundend wirken sollten.
Schlüsselwörter
Weibliche Genitalverstümmelung, FGM, Menschenrechte, Sierra Leone, Bundo-Society, Tradition, Entwicklungspolitik, Frauenrechte, Initiation, Gesundheit, Körperliche Unversehrtheit, Aufklärung, Geheimbünde, CEDAW, Soziale Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung, ihrer menschenrechtlichen Einordnung und der Frage, wie entwicklungspolitische Maßnahmen effektiv zur Bekämpfung dieses Rituals beitragen können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die soziokulturellen Hintergründe des Rituals, die schweren gesundheitlichen Konsequenzen für Frauen, die Rolle von Tradition und Geheimbünden sowie die Wirksamkeit rechtlicher und politischer Interventionen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Auswirkungen von FGM auf die Menschenrechtskonvention und die Entwicklungspolitik zu analysieren, wobei die Ergebnisse anhand des Fallbeispiels Sierra Leone konkretisiert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird für die Untersuchung angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturrecherche und der Analyse von Berichten internationaler Organisationen sowie NGO-Projekten, um die komplexe Situation der betroffenen Frauen darzustellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Einordnung, die Beschreibung aktueller Praktiken und Folgen, die menschenrechtliche Bewertung sowie die kritische Auseinandersetzung mit entwicklungspolitischen Strategien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Genitalverstümmelung, Menschenrechte, Bundo-Society, Sierra Leone, Entwicklungspolitik und soziokulturelle Traditionen maßgeblich charakterisiert.
Welche Rolle spielt die "Bundo-Society" in Sierra Leone bei der Aufrechterhaltung von FGM?
Die Bundo-Society fungiert als einflussreiche Geheimgesellschaft, die FGM als integralen Bestandteil der Initiation und der sozialen Absicherung der Frau festigt und sich somit als größte Hürde für Reformen erweist.
Warum scheitern viele Verbotsversuche laut der Autoren?
Verbotsversuche scheitern oft, weil sie nicht im Rechtsbewusstsein der Bevölkerung verankert sind, staatliche Stellen durch traditionelle Machtstrukturen untergraben werden und die Praxis aufgrund mangelnder Alternativen in den Untergrund verdrängt wird.
- Arbeit zitieren
- Laura Storch (Autor:in), Lisa Hofmann (Autor:in), 2012, (Ein)Schnitt ins Leben - weibliche Genitalverstümmelung als Tradition, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232960