Die letztes Jahr im Rahmen meines Bachelorabschlusses entstandene Arbeit „Ertuğrul Fırkateyni”-ein Schiffbruch, gesehen aus türkischer und japanischer Perspektive bat einige neue Theorien auf, die sich mit Erinnerungs- und Gedächtnismustern von Nationen beschäftigen.
Die durch diese Fallbeispiele bestätigte Theorie zur Entstehung vom kollektiven und lokalen Gedächtnis bedarf nun jedoch einer Untersuchung. Sie soll anhand von einem theoretischen Fundament analysiert und befestigt werden. Hierzu dient als erster Schritt das folgende Kapitel, welches vor allem mit der Berücksichtigung verwandter Forschungen und Gedanken unter Anderem die Theorien vom kollektiven und kulturellen Gedächtnis von Halbwachs und Assmann behandeln wird. Es werden Erinnerungsmuster und –phänomene in Verbindung mit den Rettungsfällen von Japan und der Türkei durchgenommen werden und anschließend im Hauptteil dieser Arbeit auf die Beispiele angewendet und auf die Übereinstimmung oder Unterscheidung hin kontrolliert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Gedächtnis und Erinnerung
2.1. Das kollektive Gedächtnis nach Halbwachs
2.2. Das kulturelle Gedächtnis nach Assmann
3. Die Gedächtnismodelle in Japan und der Türkei
3.1. Die gegenseitigen Rettungsfälle
3.1.1. Der Schiffbruch
3.1.2. Der Erste Golfkrieg und das Erdbeben in der Türkei
3.2. Emotionen
4. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung zwischen Emotionen und der Bildung von Gedächtnismodellen am Beispiel der gegenseitigen Rettungsaktionen zwischen Japan und der Türkei. Ziel ist es, die theoretischen Ansätze von Halbwachs und Assmann zu synthetisieren, um zu erklären, warum und wie bestimmte Ereignisse als kollektives oder lokales Gedächtnis verankert werden, wobei ein besonderer Fokus auf dem Einfluss von Dankbarkeit und traumatischen Erlebnissen liegt.
- Analyse kollektiver und lokaler Gedächtnismodelle.
- Anwendung theoretischer Konzepte auf reale historische Fallbeispiele.
- Untersuchung der Rolle von Dankbarkeit als emotionale Triebfeder.
- Bedeutung von Orten als Erinnerungsstützen ("Flashbulb Memory").
- Abgrenzung von nationaler medialer Erinnerung und lokaler mündlicher Überlieferung.
Auszug aus dem Buch
3.2. Emotionen
Erinnern und Vergessen sind zwei Begriffe, die im Zusammenhang mit der Gedächtnisforschung oft vereinbart und beschrieben werden. Es gibt unterschiedliche Definitionen. Um mit der ältesten in dem vorliegenden Rahmen zu beginnen, kann man bis zu Halbwachs zurückgreifen. Seine Theorie des Vergessens basiert auf der These „Einen Abschnitt seines Lebens vergessen heißt: Die Verbindung zu jenen Menschen verlieren, die uns zu jener Zeit umgaben“. Halbwachs geht demnach von einer gemeinsamen Basis und einem spezifischen Verhältnis des Individuums zu der Gruppe aus, welche den Rahmen und die Rekonstruktion der diesbezüglichen Erlebnisse darstellen.
Von solch einem ähnlichen Bezugsrahmen spricht auch Assmann: „Wenn ein Mensch und eine Gesellschaft- nur das zu erinnern imstande ist, was als Vergangenheit innerhalb der Bezugsrahmen einer jeweiligen Gegenwart rekonstruierbar ist, dann wird genau das vergessen, was in einer solchen Gegenwart keinen Bezugsrahmen mehr hat.“ Die Kommunikation bildet bei Assmann den wichtigsten Aspekt des Gedächtnisses, durch welche die Erinnerungen „in den Bezugsrahmen des Kollektivgedächtnisses lokalisiert“ werden können. Er fügt hinzu, dass das Vergessen durch Rahmenwechsel bedingt ist, so ähnlich wie auch bei Halbwachs. Durch die völlige Veränderung der Lebensbedingungen und sozialen Verhältnisse, somit auch die der Gruppe und Menschen um einen herum, werde das Vergessen herbeigeführt.
Man könnte also die zugehörige Gruppe, die restlichen Mitglieder und den Ort des Geschehens als „Erinnerungsstützen“ bezeichnen, wie auch Rebekka Göpfert, die Personen und Orte, die in irgendeiner Weise mit dem Geschehen verbunden sind, als solche bezeichnet. „In diesem Zusammenhang ist auch die Erreichbarkeit von Orten und Menschen zu berücksichtigen, die zum erinnerten Geschehen gehören. Das Zurückkehren an die Orte der Begebenheiten lässt Erinnerungen wiedererstehen, die ansonsten vergraben geblieben wären; existieren diese Orte nicht mehr oder sind sie nicht mehr zu besuchen, so wird häufig eine Art von organisierter Erinnerungskultur aufgebaut, die ihrerseits einen kollektiven Erinnerungsrahmen schafft, um diese verlorenen Lebenswelten vor dem vollständigen Vergessen zu bewahren.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung erläutert die thematische Grundlage der gegenseitigen Rettungsaktionen zwischen Japan und der Türkei und stellt die Relevanz der Untersuchung kollektiver Gedächtnismuster dar.
2. Gedächtnis und Erinnerung: Dieses Kapitel führt in die grundlegenden Theorien von Halbwachs und Assmann ein, um ein theoretisches Fundament für die weitere Analyse zu schaffen.
2.1. Das kollektive Gedächtnis nach Halbwachs: Es wird die soziale Bedingtheit des Gedächtnisses erläutert und die Unterscheidung zwischen kollektivem und historischem Gedächtnis dargelegt.
2.2. Das kulturelle Gedächtnis nach Assmann: Der Fokus liegt auf der aktiven Konstruktion von Erinnerung durch symbolträchtige Objektivationen und der Abgrenzung zum kommunikativen Gedächtnis.
3. Die Gedächtnismodelle in Japan und der Türkei: Hier werden die theoretischen Erkenntnisse mit den empirischen Fallbeispielen der gegenseitigen Rettungsfälle verknüpft.
3.1. Die gegenseitigen Rettungsfälle: Die Analyse der historischen Rettungsaktionen zeigt auf, wie Dankbarkeit und lokale Bezüge unterschiedliche Gedächtnismodelle formen.
3.1.1. Der Schiffbruch: Untersucht wird der Fall der Ertuğrul Fırkateyni und die daraus resultierende unterschiedliche Erinnerungskultur in der Türkei und Japan.
3.1.2. Der Erste Golfkrieg und das Erdbeben in der Türkei: Dieses Kapitel prüft, ob sich die für den Schiffbruch gewonnenen Erkenntnisse auch auf spätere Ereignisse übertragen lassen.
3.2. Emotionen: Die Bedeutung von Emotionen und traumatischen Erlebnissen (Blitzlicht-Gedächtnis) wird analysiert, um die Entstehung von kollektivem Sinn zu erklären.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die Relevanz der untersuchten emotionstheoretischen Ansätze für die Gedächtnisforschung.
Schlüsselwörter
Kollektivgedächtnis, Lokalgedächtnis, Gedächtnisforschung, Japan, Türkei, Rettungsaktionen, Dankbarkeit, Emotionen, Blitzlicht-Gedächtnis, Maurice Halbwachs, Jan Assmann, Erinnerungsstützen, kulturelles Gedächtnis, kommunikatives Gedächtnis, Identitätsbildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie historische Rettungsaktionen zwischen Japan und der Türkei in den jeweiligen Gesellschaften erinnert werden und welche soziologischen Mechanismen hinter der Bildung von Gedächtnismodellen stehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die theoretische Abgrenzung von kollektivem, historischem und kulturellem Gedächtnis sowie die praktische Analyse von nationalen Erinnerungskulturen und lokalen Gedenkorten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, inwiefern die Theorien von Halbwachs und Assmann durch die emotionalen Auswirkungen gegenseitiger Rettungsfälle ergänzt werden müssen, um deren heutige Bedeutung für das nationale Gedächtnis zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch fundierte Analyse, die bestehende Gedächtnismodelle mit spezifischen historischen Fallbeispielen vergleicht und durch emotionstheoretische Ansätze, insbesondere das "Blitzlicht-Gedächtnis", erweitert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Schiffbruch der Ertuğrul, den Ersten Golfkrieg und das Erdbeben in der Türkei, um die Entstehung von Kollektiv- und Lokalgedächtnissen durch Dankbarkeit und traumatische Erfahrungen aufzuzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Kollektivgedächtnis, Lokalgedächtnis, Dankbarkeit, Erinnerungsstützen und die Verbindung von theoretischer Soziologie und Neurobiologie des Erinnerns beschreiben.
Inwiefern spielt der Ort des Geschehens eine Rolle für die Erinnerung?
Der Ort fungiert als zentrale "Erinnerungsstütze". Orte wie Kushimoto bleiben aufgrund der physischen Präsenz von Denkmälern und Traditionen ein dauerhafter Ankerpunkt, während Erinnerung ohne solchen Ort eher zur Abstraktion neigt.
Warum spielt Dankbarkeit eine so entscheidende Rolle in der Analyse?
Dankbarkeit wird als emotionaler Katalysator identifiziert, der aus einer Rettungssituation ein kollektives Ereignis macht, das die Identität der Nation stärkt und den Bezugsrahmen für das kollektive Gedächtnis festigt.
Wie unterscheidet sich das türkische vom japanischen Gedächtnismodell in den untersuchten Fällen?
In den Fällen, in denen die Türkei die Hilfe empfing, bildete sich ein nationales Kollektivgedächtnis durch mediale Vermittlung; in Japan blieb die Erinnerung oft lokal an den Ort des Geschehens gebunden (Lokalgedächtnis).
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- M.A. Cigdem Gedik (Autor), 2009, Gedächtnismodelle in Japan und der Türkei, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233158