Die Frauengewaltkriminalität findet in der Öffentlichkeit eher wenig Beachtung. Meistens wird ein Gewaltverbrechen mit männlichen Tätern in Verbindung gebracht. Sollte dann doch eine Frau die Täterin einer Gewalthandlung sein, ist die Verwunderung groß. Diese Verwunderung ist verständlich, da der Anteil an Frauengewaltkriminalität an dem Gesamtaufkommen von Gewaltkriminalität eine untergeordnete Rolle spielt. So wurden im Jahr 2003 in Deutschland von der Polizei 204.124 Fälle von Gewaltkriminalität erfasst. Von diesen wurden 192.107 Personen als Tatverdächtige ermittelt, davon waren 87,3 Prozent männlich und nur 12,7 Prozent weiblich. Durch das geringe Aufkommen der Gewaltkriminalität von Frauen in Gegensatz zu dem Aufkommen bei den Männern wird die Besonderheit der Frauenkriminalität immer wieder diskutiert und versucht zu erklären. Die kriminologische Literatur konnte in den letzten Jahren feststellen, dass sich das Bild der Frau erheblich verändert hat und ein Anstieg der weiblichen Delinquenz prognostiziert wird.
Innerhalb dieser Arbeit soll geklärt werden, wie umfänglich die Frauengewaltkriminalität und Frauengewaltbelastung ist, ob sie sich von derjenigen der Männer unterscheidet und welche Erklärungsansätze zur unterschiedlichen Kriminalitätsbelastung bestehen könnten.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. WAS VERSTEHT MAN UNTER FRAUENKRIMINALITÄT?
2.1. BEGRIFFSBESTIMMUNG
3. DAS ERSCHEINUNGSBILD DER FRAUENGEWALTKRIMINALITÄT
3.1. KRIMINALITÄTSSTATISTIKEN ZUR MESSUNG VON FRAUENKRIMINALITÄT
3.2. FEHLER UND GRENZEN DER KRIMINALITÄTSSTATISTIKEN
3.3. DAS HELLFELD UND DEREN ENTWICKLUNG
3.4. DAS DUNKELFELD UND DEREN ENTWICKLUNG
3.5. DIE FRAU ALS OPFER VON GEWALTKRIMINALITÄT
4. ERKLÄRUNGSANSÄTZE FÜR FRAUENGEWALTKRIMINALITÄT
4.1. AUSSAGE DES GENDER-DATENREPORTS 2005
4.1.1. „KAVALIERSTHEORIE“
4.1.2. GEWALTERFAHRUNGEN
4.1.3. MOTIVATION UND „DOPPELTE UNTERDRÜCKUNG“
4.1.4. GESCHLECHTSSPEZIFISCHE KONTROLLMECHANISMEN
4.2. AUSSAGE DES FAZ-BEITRAGES 2009 VON HÜTHER
4.3. EIGENE STELLUNGNAHME
5. ZUSAMMENFASSUNG
6. LITERATUR- UND QUELLENVERZEICHNIS
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Ausmaß der Frauengewaltkriminalität und Gewaltbetroffenheit von Frauen im Vergleich zu Männern. Dabei soll geklärt werden, ob sich die weibliche Kriminalitätsbelastung von der männlichen unterscheidet und welche soziologischen sowie psychologischen Erklärungsansätze für diese Differenzen existieren.
- Analyse der polizeilichen Kriminalitätsstatistik (Hellfeld)
- Untersuchung von Dunkelfeldstudien zur Gewaltkriminalität
- Kritische Auseinandersetzung mit der "Kavalierstheorie"
- Einfluss von Sozialisierungsprozessen und elterlicher Erziehung
- Bedeutung der Gewaltbetroffenheit in Paarbeziehungen
Auszug aus dem Buch
4.1.1. „Kavalierstheorie“
Zunächst fällt auf, dass der Ausfilterungsprozess von der Tatverdächtigen zur stationär Sanktionierten wesentlich stärker ausgeprägt ist, als bei den Männern. Besteht bei den 2002 ermittelten Tatverdächtigen zwischen den Frauen und Männern noch ein Verhältnis von 1:7, ist es bei den Abgeurteilten schon ein Verhältnis von 1:10, bei den Verurteilten von 1:12 und bei den stationär Verurteilten ein Verhältnis von 1:22.
Bei den im Strafvollzug einsitzenden Personen ist das Verhältnis zwischen Männer und Frauen noch größer, so kam 2002 auf 33 männliche Strafgefangene eine weiblich Gefangene. Anhand dieser Ergebnisse wird ersichtlich, dass Frauen anscheinend seltener oder geringer bestraft werden. Nach der “Kavalierstheorie“ würden Frauen nicht weniger kriminell werden als Männer, ihre begangenen Straftaten würden entweder nicht entdeckt oder nicht angezeigt werden und wenn sie angezeigt werden, seltener oder geringer bestraft. Nach dieser These würde die Frau durch die sozialen Kontrollinstanzen Polizei und Justiz gegenüber Männern begünstigt werden.
Dagegen gehalten werden kann, dass Frauen weniger hart sanktioniert werden, weil sie meist wenig schwere Delikte verüben, die Rückfallquote gering ist und sie oft unmündige Kinder zu versorgen haben. Weiterhin könnten, gerade durch Frauen verübte Gewaltdelikte, häufig als Notwehrhandlungen im Bereich der häuslichen Gewalt gewertet werden und werden damit geringer bestraft. Die Frauen würden auch weniger entdeckt werden, weil sie sich meist im Dunkelfeld bewegt und sich zusätzlich hinter der Gewaltkriminalität der Männer verstecke, indem sie als Anstifter oder Gehilfen fungieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Arbeit beleuchtet die Unterrepräsentanz weiblicher Gewaltkriminalität in der Öffentlichkeit und definiert die Zielsetzung einer kriminologischen Analyse.
2. WAS VERSTEHT MAN UNTER FRAUENKRIMINALITÄT?: Es erfolgt eine begriffliche Auseinandersetzung mit Kriminalität und Gewalt, wobei insbesondere die Definition von Gewalthandlungen in der polizeilichen Statistik spezifiziert wird.
3. DAS ERSCHEINUNGSBILD DER FRAUENGEWALTKRIMINALITÄT: Dieses Kapitel analysiert statistische Daten und Dunkelfeldforschung, um die reale Gewaltbelastung und Kriminalitätsentwicklung von Frauen aufzuzeigen.
4. ERKLÄRUNGSANSÄTZE FÜR FRAUENGEWALTKRIMINALITÄT: Hier werden Theorien wie die Kavalierstheorie, Sozialisierungseinflüsse und geschlechtsspezifische Kontrollmechanismen anhand des Gender-Datenreports und fachwissenschaftlicher Beiträge diskutiert.
5. ZUSAMMENFASSUNG: Die zentralen Erkenntnisse der Arbeit werden resümiert und die Bedeutung multifaktorieller Ursachen für die geringe Frauenkriminalität hervorgehoben.
6. LITERATUR- UND QUELLENVERZEICHNIS: Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Datenberichte.
Schlüsselwörter
Frauenkriminalität, Gewaltkriminalität, Kavalierstheorie, Dunkelfeldforschung, Sozialisation, Kriminalitätsfurcht, geschlechtsspezifische Erziehung, Opfererfahrung, Gender-Datenreport, Delinquenz, Gewaltbetroffenheit, Strafvollzug, Hellfeld, häusliche Gewalt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Kriminalität von Frauen im Bereich der Gewaltanwendung und vergleicht diese mit den Verhaltensweisen von Männern unter Berücksichtigung kriminologischer Erkenntnisse.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen das Hellfeld und Dunkelfeld von Gewaltkriminalität, die Erklärungsansätze für die geringe weibliche Delinquenz sowie die spezifischen Gewalterfahrungen von Frauen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu klären, warum Frauen statistisch weniger gewaltkriminell in Erscheinung treten als Männer und ob dafür biologische oder primär soziologische Faktoren verantwortlich sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Autorin nutzt eine Auswertung des Gender-Datenreports (2005), ergänzt durch polizeiliche Statistiken sowie eine kritische Literaturanalyse einschlägiger kriminologischer Theorien.
Welche Inhalte werden im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Definition von Frauenkriminalität, der statistischen Erfassung, den Grenzen dieser Daten sowie einer detaillierten Erörterung verschiedener Erklärungsmodelle (z.B. Kavalierstheorie, "doppelte Unterdrückung").
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben Frauenkriminalität auch Sozialisationsprozesse, geschlechtsspezifische Kontrollmechanismen, Opfer-Täter-Verhältnisse und der Einfluss des Familienklimas.
Wie bewertet die Autorin die "Kavalierstheorie" als Erklärung?
Die Autorin hält die Theorie für nicht haltbar, da die geringe Rate weiblicher Tatverdächtiger primär auf die Art der begangenen Bagatelldelikte zurückzuführen ist und nicht auf eine bevorzugte Behandlung durch Justizbehörden.
Welche Rolle spielt die Erziehung für die Kriminalitätsbelastung?
Die Autorin folgert, dass eine stärkere, kontrollierende und bindungsorientierte Erziehung bei Mädchen die Selbstkontrolle fördert, während Jungen häufiger mit aggressiven Durchsetzungsstrategien sozialisiert werden.
Warum wird die Theorie der "doppelten Unterdrückung" als Erklärungsmodell hinterfragt?
Obwohl Frauen nach wie vor Unterdrückung erfahren, ermöglicht der moderne Zugang zu Bildung und Arbeitsplätzen eine Emanzipation, die heute eher zu normkonformem Verhalten führt, statt allein passives Verhalten zu erzwingen.
- Citar trabajo
- Melanie Rubach (Autor), 2012, Frauenkriminalität: Kriminologische Erkenntnisse und Erklärungsansätze zu Gewalthandlungen und Gewaltbetroffenheit von Frauen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233209