Wenn die Geschichte der Lyrik genauer betrachtet wird, zeigt sich, dass Dichter stets „auch über ihr eigenes Werk, Ihre Darstellungsprinzipien und ihre Soziale Rolle als Künstler nachgedacht haben“ . Selbstreflexive Texte stellen in ihrer Gesamtheit zwar eine Ausnahme dar, sie sind jedoch deshalb besonders bedeutsam, weil sie häufig einen Einblick in das literarische Schaffen gewähren, poetische Konzepte thematisieren oder auch einen Wandel in der Literatur anzeigen . Autoreferentielle Lyrik ist Dichtung, welche sich selbst, ihre eigene Entstehung und/oder ihren Entstehungsprozess behandelt. Sie kann die Frage nach dem Wesen der Lyrik als Gegenstand haben oder auch nach besonderen Aspekten ihrer Thematik fragen. Dabei ist es einerseits möglich, dass die Lyrik das eigentliche Thema des Textes ist, andererseits ist es ebenso denkbar, dass die Reflexion über Lyrik nur versteckt neben dem zentralen Inhalt des Textes zu finden ist. Diese Art von Lyrik besitzt immer eine doppelte Aussageebene. Die Gestaltung des Textet enthält zum Beispiel auf metrischer, sprachlicher und/oder rhythmischer Ebene eine bedeutungstragende Funktion, jenseits des genannten Wortes . Das Phänomen der Selbstreflexion umfasst mehrere Jahrhunderte und die Liste der Autoren, welche ihr eigenes Schaffen thematisierten ist lang. Neben beispielsweise Goethe, Schlegel und Heine, finden sich auch viele Poeten des 20. Jahrhunderts wie Celan oder Benn, die autoreferentielle Gedichte verfasst haben. In dieser Seminararbeit werden aus verschiedenen Epochen der Literaturgeschichte drei unterschiedliche lyrische Texte auf auto- referentielle Reflexionen untersucht. Die ausgewählten Texte sollen die Bandbreite von Autoreferentialität in der Lyrik darstellen und veranschaulichen. Es soll die Frage erörtert werden, auf welche Weise sich die Texte mit sich selbst beschäftigen. Weiterhin soll die These belegt werden, dass poetologische Lyrik epochen-, form- und autorenübergreifend zu finden ist. Exemplarisch für eine Analyse auf autoreferentielle Elemente dient zu Beginn die Ballade „Der Zauberlehrling“ (1797) von Johann Wolfgang von Goethe. Die Kunstballade vereint in sich typische Merkmale Klassischer Texte und wurde aufgrund ihrer Thematik sowie ihres Handlungsverlaufes, welche auf autoreferentielle Hinweise und Elemente untersucht werden sollen, ausgewählt. Als zweites zu analysierendes Werk dient...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Johann Wolfgang von Goethe- „Der Zauberlehrling“ (1797)
3. August Wilhelm Schlegel- „Das Sonett“ (1800)
4. Gottfried Benn -„Ein Wort“ (1941)
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Autoreferentialität in der deutschsprachigen Lyrik anhand von drei exemplarischen Texten aus unterschiedlichen Epochen. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Dichter ihre eigene Arbeit, ihre Darstellungsprinzipien und die Rolle der Lyrik selbst zum Gegenstand ihrer Gedichte machen und dabei poetologische Reflexionen in ihre Werke integrieren.
- Analyse der autoreferentiellen Strukturen in Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“.
- Untersuchung des poetologischen Gehalts in Schlegels „Das Sonett“.
- Interpretation der sprachphilosophischen Aspekte in Benns „Ein Wort“.
- Vergleichende Betrachtung von Epochenmerkmalen, Intertextualität und Formstrenge.
- Belegung der These, dass poetologische Lyrik epochen- und formübergreifend existiert.
Auszug aus dem Buch
Die Autoreferentialität des Sonetts
Die Autoreferentialität des Sonetts liegt offenkundig in seiner Selbstthematisierung. „Das Sonett“ reflektiert nicht nur implizit über Sonette, sondern thematisiert seinen eigenen Sonettcharakter explizit. Es werden die Aufbauprinzipien der Gedichtform veranschaulicht und parallel vorgeführt. Durch den Titel „Das Sonett“ gibt Schlegel erste Hinweise auf einen poetologischen Text. Die Selbstthematisierung wird durch die Erzählsituation welche als selbstreflexives Erzählen bezeichnet werden kann unterstützt.
Es lässt sich also beobachten, dass das ganze Sonett aus einer poetologischen Reflexion besteht. Der Text beschäftigt sich demnach unmittelbar mit Dichtung und ihrer Entstehung. In dem „Sonett“ finden sich Gattungsbedingt viele Bezüge auf die Gattungstradition, beispielsweise durch seine nach dem Vorbild Petrarcas gestaltet Form.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in das Thema der autoreferentiellen Lyrik ein und definiert den methodischen Rahmen für die Untersuchung. Es wird die These aufgestellt, dass sich poetologische Lyrik über verschiedene Epochen hinweg nachweisen lässt.
2. Johann Wolfgang von Goethe- „Der Zauberlehrling“ (1797): Die Analyse zeigt, wie Goethe klassische Ideale wie Ordnung und Selbstbeherrschung thematisiert und das Motiv des Zauberns zur Reflexion über den künstlerischen Schöpfungsprozess nutzt.
3. August Wilhelm Schlegel- „Das Sonett“ (1800): Dieses Kapitel beleuchtet Schlegels theoretische Neufundierung des Sonetts und analysiert das gleichnamige Gedicht als explizite Selbstthematisierung der strengen Formvorgaben dieser Gattung.
4. Gottfried Benn -„Ein Wort“ (1941): Die Betrachtung von Benns Gedicht fokussiert auf die sprachphilosophische Ebene, wobei das Wort als zentrales Werkzeug der Dichtung und als Akt der schöpferischen Erkenntnis untersucht wird.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass die Autoreferentialität ein formübergreifendes Phänomen ist, welches in allen untersuchten Texten – trotz unterschiedlicher epochenspezifischer Ausprägung – eine wesentliche Rolle spielt.
Schlüsselwörter
Autoreferentialität, Lyrik, Poetologie, Selbstreflexion, Johann Wolfgang von Goethe, August Wilhelm Schlegel, Gottfried Benn, Sonett, Kunstballade, Sprachphilosophie, Intertextualität, Epochenmerkmale, Klassik, Romantik, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Untersuchung autoreferentieller Lyrik in der deutschsprachigen Literaturgeschichte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die poetologische Selbstreflexion der Dichter, die Bedeutung von Formstrenge und der Prozess des lyrischen Schaffens selbst.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Lyrik epochenübergreifend ihre eigene Existenz und Entstehung thematisiert und damit eine doppelte Aussageebene schafft.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse, die sowohl die formale Struktur als auch den inhaltlichen Gehalt der ausgewählten Gedichte betrachtet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich drei spezifischen Texten: Goethes „Der Zauberlehrling“, Schlegels „Das Sonett“ und Benns „Ein Wort“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Autoreferentialität, Poetologie, Gattungstradition, Formstrenge und literarische Selbstthematisierung.
Wie unterscheidet sich Goethes Autoreferentialität von der der anderen Dichter?
Im Gegensatz zu Schlegel und Benn ist der autoreferentielle Charakter bei Goethe weniger explizit und erfordert vom Leser fundierte Kenntnisse der Epoche sowie von intertextuellen Bezügen.
Welche Rolle spielt die Formstrenge bei Gottfried Benn?
Bei Benn dient die Formstrenge als Rückbesinnung auf Traditionen und als Versuch, inmitten einer chaotischen Zeit (während des Krieges) eine Daseinsberechtigung für seine Lyrik zu finden.
- Arbeit zitieren
- Nina Oesterreich (Autor:in), 2013, Autoreferentielle Lyrik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233236