Religionsgeschichtlich entspricht der Heilige dem Typus eines religiösen Ausnahmemenschen. Er ist die eigentlich tragende Säule der Religion. Da er der Repräsentant Gottes ist. Aufgrund dieser Repräsentantenstellung gebührt den Heiligen eine übermenschliche beinahe göttliche Verehrung. Um sich den Segen Gottes zu sichern, beriefen viele frühmittelalterliche Städte einen Heiligen zum Patron der Stadt. Zu diesem Zweck dienten die Reliquien der Stadtpatrone als Verbindungspunkt zum Stadtpatron und somit zu Gott. Sie wurden schlichtweg verehrt und gepriesen. Welche Bedeutung kam einem Stadtpatron in einer mittelalterlichen Stadt zu, bzw. welche Umgangsformen wurden mit ihren Reliquien gepflegt? Diese Frage ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Zum Zwecke der Beantwortung soll zunächst im zweiten Kapitel die zugrunde liegende Quelle erläutert werden. Im Weiteren wird sodann im dritten Kapitel auf das Stadtpatronat im Mittelalter eingegangen. Dies wird unter anderem anhand des Heiligen Martin von Tours, welcher Inhalt der zugrunde liegenden Quelle ist vorgenommen. Anschließend wird der spezielle Umgang mit den Reliquien in Kapitel vier erläutert. Ferner wird abschließend eine Schlussbetrachtung gezogen. Die für das Thema vorhandene Literatur kann als sehr gut bezeichnet werden. Es lassen sich zahlreiche Monographien und Fachartikel über die Materie finden. In der vorliegenden Arbeit stütze ich mich insbesondere auf den Aufsatz „Die „Realpräsenz“ der Heiligen in ihren Reliquiaren und Gräbern nach mittelalterlichen Quellen“ von Peter Dinzelbacher. Sowie auf die Monographie „Vielverehrte Heilige Traditionen Legenden Bilder“ von Bernhard Kötting. Auch wird immer wieder auf die vorliegende Quelle zurück gegriffen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Betrachtung der Quelle
2.1 Inhalt der Quelle
3 Stadtpatronat im Mittelalter
3.1 Der Heilige Martin
3.1.1 Das Leben
3.1.2 Der Heilige Martin als Schutzpatron
4 Umgang mit dem städtischen Schutzpatron
4.1 Anhand der vorliegenden Quelle ( Heiliger Martin)
5 Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung von Stadtpatronen im Mittelalter sowie die spezifischen Umgangsformen mit deren Reliquien, wobei der Heilige Martin von Tours als zentrales Fallbeispiel dient.
- Religionsgeschichtliche Einordnung des Stadtpatronats
- Analyse hagiographischer Quellen und der Gattung Miracula
- Die Rolle des Heiligen Martin als Schutzpatron und "Edelstein" von Tours
- Praktiken des Umgangs mit Reliquien in kriegerischen und alltäglichen Notsituationen
- Das Konzept der "Realpräsenz" bei der Verehrung von Heiligen
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Das Leben
Martin wurde im Jahre 316 im heutigen Ungarn als Sohn heidnischer Eltern geboren. Dabei waren seine Eltern anscheinend keine fanatischen Anhänger der alten religiösen Bräuche. Denn bereits im Alter von zehn Jahren bat Martin um die Aufnahme in den Kreis der Taufbewerber. Nach einer sechsjährigen Vorbereitungszeit empfing Martin sodann im Alter von 16 Jahren die Taufe.
Auf seinen Lebensweg trat er in die Fußstapfen seines Vaters und schlug die Offizierslaufbahn ein. „Bis heute habe ich dir gedient, gestatte nun, dass ich von jetzt an Gott diene. […] Ich bin nun Soldat Christi, deshalb darf ich nicht kämpfen.“ Mit diesen Worten zu seinem Vorgesetzen Julian der Abtrünnige verabschiedete sich Martin nach seiner zwanzigjährigen Dienstzeit aus dem Militärdienst. Daraufhin ging Martin zu Bischof Hilarius nach Poitiers der ihm die niedere Weihe erteilte. Als Einsiedler verbrachte er mehrere Jahre in der Nähe von Poitiers in denen er sich den Ruf als „Wundertäter“ aneignete.
Vier Jahre nach dem Tod von Bischof Hilarius wurde Martin im Jahr 371 zum Bischof der Nachbardiözese Tours gewählt. Dabei entsprach die Wahl Martins zum Bischof wohl kaum dem Willen des Klerus bzw. der anderen Bischöfe. Vielmehr wurde Martin durch die Gunst des Volkes, welches inzwischen in Scharen zu seiner Einsiedelei gepilgert war, auf den Bischofsstuhl gesetzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung des religiösen Kontextes von Stadtpatronen und Definition der zentralen Forschungsfrage bezüglich der Umgangsformen mit Reliquien.
2 Betrachtung der Quelle: Analyse der hagiographischen Quelle von Bischof Radbod von Utrecht und Einordnung in die Gattung der Miracula.
3 Stadtpatronat im Mittelalter: Erläuterung des Konzepts des Stadtpatronats sowie detaillierte Betrachtung des Lebens und der Rolle des Heiligen Martin.
4 Umgang mit dem städtischen Schutzpatron: Darstellung der verschiedenen, teils drastischen Praktiken im Umgang mit Reliquien und deren Nutzung in Krisenzeiten.
5 Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Bewertung der Schutzfunktion von Reliquien und ihrer Bedeutung für Prestige und Rechtsordnung in mittelalterlichen Städten.
Schlüsselwörter
Stadtpatron, Reliquien, Heiliger Martin, Hagiographie, Miracula, Realpräsenz, Tours, Mittelalter, Schutzpatron, Wallfahrt, Reliquienverehrung, Stadtmauer, Frühmittelalter, Kirchengeschichte, Wundertäter
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Funktion und Verehrung von Stadtpatronen im mittelalterlichen Kontext sowie der spezifischen Bedeutung ihrer Reliquien für die städtische Gemeinschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die hagiographische Quellenanalyse, das Konzept der Realpräsenz in Reliquiaren und die Rolle des Heiligen Martin von Tours.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Bedeutung eines Stadtpatrons zu ergründen und die spezifischen Umgangsformen mit dessen Reliquien in einer mittelalterlichen Stadt zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine quellenkritische Analyse auf Basis hagiographischer Texte durchgeführt, ergänzt durch Fachliteratur zur mittelalterlichen Geschichte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Stadtpatronats, das Fallbeispiel des Heiligen Martin und die Analyse der Reliquienpraktiken, insbesondere in Krisenzeiten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Stadtpatron, Reliquien, Realpräsenz, Heiliger Martin, Miracula und Mittelalter.
Warum spielt die Stadt Tours eine besondere Rolle in der Quelle?
Tours gilt als Heimatstadt des Heiligen Martin und entwickelte sich aufgrund des Kultes um seine Reliquien zu einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte.
Was bedeutet das Prinzip der "Realpräsenz" in diesem Zusammenhang?
Es bezeichnet die wahrhaftige Gegenwärtigkeit des Heiligen in seinen physischen Reliquien, wodurch eine direkte Schutzwirkung für die Stadt und ihre Bewohner erzielt werden sollte.
Wie reagierten die Bewohner von Tours auf die Bedrohung durch die Normannen?
Sie setzten auf die Hilfe Gottes, indem sie die Reliquien ihres Schutzpatrons Martin aus dem Grab holten und auf die Stadtmauern stellten, um göttlichen Beistand zu erwirken.
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- Sofia Schneider (Autor:in), 2012, Heiligenverehrung in der mittelalterlichen Stadt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233276