Die Inszenierung von Geschlecht in Seifenopern

Am Beispiel der türkischen Serie „Gümüş“


Hausarbeit, 2013

22 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen Sozialkonstruktivistische Geschlechterforschung
2.1. Gender
2.2. Das Konzept doing gender
2.3. Mediensozialisation

3. Medien und Wirklichkeitsproduktion
3.1. Seifenopern - Definition und Charakteristika
3.2. Konstruktion von Geschlecht in Seifenopern
3.3. Das Beispiel der türkischen Seifenoper „Gümü “
3.3.1. Beispiel Körper
3.3.2. Beispiel Habitus/Interaktion
3.4. Abweichungen von traditionellen Rollenbildern

4. Auswirkungen der medialen Geschlechtsinszenierung

5. Schlussbetrachtung

6. Abbildungsverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, wie Geschlechterrollen medial konstruiert und inszeniert werden, wobei hier der Fokus auf der Geschlechtskonstruktion in Seifenopern liegt. Dabei wird vom sozialkonstruktivistischen Konzept des doing gender ausgegangen, das den Prozess der Vermittlung und Konstruktion von Geschlecht meint. In dieser Arbeit liegt der Schwerpunkt auf den Medieninhalten, also den kulturellen Texten und der Produktion von Geschlecht im Sozialisationsprozess, was am Fallbeispiel einer türkischen Seifenoper veranschaulicht werden soll.

Das Frauen bzw. Männerbild in soap operas folgt üblicherweise den Geschlechtskategorien „Frau“ und „Mann“. Diese Geschlechtseinteilung wird von den Medien genutzt, um das Verhältnis zwischen den beiden Geschlechtern darzustellen und die besonderen Charakteristika wie beispielsweise Zierlichkeit für Frauen oder muskulöse Körper für Männer herauszustreichen. In dem Prozess der Geschlechteridentifikation werden Frauen und Männer mit diesem polarisierenden Konzept und den ihnen jeweils zugedachten Attributen konfrontiert und können/sollen sich so mit der „passenden“ Geschlechtskategorie identifizieren. Dies soll mit Beispielen der Kategorien Körper, Habitus und Interaktion in einer türkischen Fernsehserie verdeutlicht werden.

Meist werden traditionelle Rollenbilder und die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht mit ihren typischen Attributen wie Körperkraft und Emotionslosigkeit bei Männern und umgekehrt Zierlichkeit, Unterwürfigkeit und Emotionalität bei Frauen durch Medien und hier vor allem in Seifenopern transportiert. Doch obwohl diese traditionellen Vorstellungen von Geschlechtsmerkmalen vorherrschen, zeigt sich am Beispiel der türkischen Fernsehserie „Gümü “ auch eine Abweichung eben dieser Rollenbilder. Diese Abweichungen sind bestimmend für die heftigen Auswirkungen der inszenierten Geschlechterrollen auf die Gesellschaft. Hier kann aber durch den begrenzten Umfang der Ausführung lediglich ein kurzer Blick auf die Auswirkungen der Geschlechterinszenierung auf die Rezipienten geworfen werden, da der Schwerpunkt auf den Medieninhalten, nicht auf der Rezeption liegt. Die Arbeit bewegt sich dabei im theoretischen Rahmen der Begriffe Gender und doing gender von Candace West, Don H. Zimmerman sowie Regine Gildemeister und Katja Hericks. Zwar ist das Forschungsfeld „Geschlecht in den Medien“ kein neues, die zahlreichen Studien konzentrieren sich meist jedoch auf die Rezeption. Daher soll in dieser Arbeit der Fokus auf der Inszenierung von Geschlecht und dem Inhalt medialer Produktionen liegen.

2. Theoretischer Rahmen Sozialkonstruktivistische Geschlechterforschung

2.1. Gender

Im Alltagsleben scheint die Zugehörigkeit zum entweder weiblichen oder männlichen Geschlecht als natürliche Vorgabe für gesellschaftliches Handeln und soziale Differenzierung. Diese Zweigeschlechtlichkeit wird meist nicht hinterfragt oder zu begründen versucht, sie scheint eine Selbstverständlichkeit zu sein. Sie prägt eine Vielzahl sozialer Handlungsweisen und Tätigkeitsbereiche wie geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, Formen von Familie, Partnerschaft und Sexualität, „typisch“ männlichen und weiblichen Erscheinungsbilder und Bekleidungsstilen.

Auch in der Forschung galt die Zweigeschlechtlichkeit als naturgegeben.1 Dies änderte sich mit dem Beginn einer Theorie der Geschlechterkonstruktion, deren erste Versuche in der soziologischen Interaktionstheorie und in der Kulturanthropologie entwickelt worden sind. Schon Ende der 1950er Jahre wies Margaret Mead auf andere Gesellschaften hin, die nicht nur zwei Geschlechter kennen oder Geschlechterwechsel institutionalisiert haben und stellte so die Natürlichkeit der Zweigeschlechtlichkeit infrage. 1967 zeigte Harold Garfinkel erstmals mit seiner Studie „Agnes“, in der er den Geschlechterwechsel einer Transsexuellen untersuchte, wie sich die Zugehörigkeit zu einem der beiden „biologischen“ Geschlechter in Alltagsinteraktionen fortlaufend herstellt, sozial konditioniert und nicht als natürliche Tatsache gegeben ist (vgl. Wetterer 2004: 122ff.).

In der Forschung setzte sich seit den 1970er Jahren eine Unterscheidung zwischen Sex und Gender durch. Sex wurde dabei als das biologische Geschlecht (also Anatomie, Physiologie, Hormone und Chromosomen) und somit als unveränderlich und statisch begriffen, Gender stellt hingegen das soziale Geschlecht dar, das eine kulturelle Ausprägung hat, kulturell konstruiert, einer bestimmten Gesellschaft und Zeit zugeschrieben wird und daher wandelbar ist (vgl. Gildemeister/Hericks 2012: 189f.). Anders als die analytische Trennung in sex und gender im Englischen umfasst der deutsche Begriff Geschlecht beide Dimensionen des theoretischen Konzepts (vgl. Lorber 2003: 33). In dieser Arbeit werden daher die Begriffe Geschlecht und Gender der Einfachheit halber synonym verwendet, um die soziale Konstruktion dieser Unterscheidung von Individuen zu beschreiben.

Für die Weiterentwicklung des Konzepts der Geschlechterkonstruktion war schließlich die 1978 publizierte Studie „Gender. An Ethnomethodological Approach" von Suzanne Kessler und Wendy McKenna wegweisend. Die Forscherinnen verwendeten in ihrem Beitrag sowohl erstmals den Begriff der "social construction of gender", wiesen aber auch darauf hin, das durch den inflationären Gebrauch des Begriffs in vielen unterschiedlichen konstruktivistischen Ansätzen dieser seine Eindeutigkeit verliert und „i.d.R. mehr verwirrt als erhellt" (vgl. Gildemeister 2001: 217).

Die konstruktivistischen Forschungsansätze haben trotz dieser erheblichen Unterschiede einen gemeinsamen Nenner, nämlich dass die Unterscheidung von Sex (Natur) und Gender (Kultur) als reflexive soziale Praxis begreift, die beides zugleich hervorbringt. Diesen theoretischen Konzepten nach hat sich die soziale Wirklichkeit zweier Geschlechter in westlichen Gesellschaften aus historischen Prozessen durch immerwährende soziale Praxis entwickelt, die diese Zweigeschlechtlichkeit immer neu reproduziert. Sozialkonstruktivistische Geschlechterstudien gehen also der Frage nach, wie sich Frauen und Männer zu verschiedenen und voneinander unterscheidbaren Akteuren in einer Gesellschaft entwickeln und warum dies von allen als natürlich angesehen wird (ebd.: 122f.).

Es stellt sich nun die Frage, wie diese soziale Konstruktion vonstatten geht. Auf diesen Konstruktionsprozess soll daher im nächsten Kapitel eingegangen werden.

2.2. Doing Gender

Seit den 1980er Jahren entstand ein Forschungsansatz, indem die „Trennung eines kulturellen („gender“) ... von einem vermeintlich natürlichen Geschlecht („sex“) grundsätzlich infrage gestellt“ wurde. (ebd.: 5) Geschlecht wird in sozialkonstruktivistischen Gender Theorien nun als Produkt komplexer gesellschaftlicher Konstruktionsprozesse verstanden. Männlichkeit und Weiblichkeit wird dabei in Interaktionen und alltäglichen Handlungsweisen performativ hergestellt.

„Mit den Konstruktionstheorien haben wir Ansätze an der Hand, die Geschlecht gänzlich ohne naturale Elemente thematisieren und stattdessen die kulturelle Deutung von „Natur“ in den Prozess sozialer Konstruktion hinein holen.“ (vgl. Gildemeister/Hericks 2012: 286, Herv. im Original)

In der sozialkonstruktivistischen Gender Forschung wird also die grundsätzliche Geschlechterdualität von Individuen in nur zwei mögliche Kategorien von Geschlecht als kulturell erzeugt begriffen. Darüber hinaus verwirft sie die lange dominierende Unterscheidung zwischen Sex, dem biologischen Geschlecht, und Gender, der sozialen Interpretation, und geht davon aus, dass beide Kategorien, Sex und Gender, sozial konstruiert sind. (ebd.: 10f.)

Die Soziologin Angelika Wetterer erklärt diese soziale Konstruktion wie folgt: „Denn welches Merkmal in einer Gesellschaft überhaupt als Differenzkriterium relevant gesetzt wird, ist bereits das Resultat gesellschaftlichen Übereinkunft und damit eine soziale Konstruktion.“ (vgl. Wetterer 2004: 122) Auch die Sozialpsychologin Gitta Mühlen Achs weist auf die soziale Konstruktion von Geschlecht hin, denn: „Natur kennt keine Kategorien und kann auch keine hervorbringen. Kategorien sind immer gesellschaftlich produziert und haben den Zweck, menschliche Erfahrungen zu ordnen und zu organisieren.“ (vgl. Mühlen Achs 1998: 25) Und weiter: „Geschlecht ist nicht etwas, das wir haben, schon gar nicht etwas, was wir sind, Geschlecht ist etwas, das wir tun.“ (ebd.: 21, Herv. im Original)

In ihrem bereits 1987 erschienenen Artikel „Doing Gender“ geben Candace West und Don H. Zimmerman diesem neuen Verständnis von Geschlecht einen Namen und betonen, dass Gender eine routinierte Fertigkeit ist, die in alltägliche Interaktion eingebunden ist.

„We contend that the "doing" of gender is undertaken by women and men whose competence as members of society is hostage to its production. Doing gender involves a complex of socially guided perceptual, interactional, and micropolitical activities that cast particular pursuits as expressions of masculine and feminine "natures." (vgl. West/Zimmerman 1987: 126)

Auf diesen Prozess zur Erzeugung von Unterschieden weist auch die Soziologin Judith Lorber hin, wenn sie sagt:

„Als Prozeß schafft gender die sozialen Unterschiede, die ‚Frau’ und ‚Mann’ definieren. Ihr Leben lang lernen und sehen die Individuen in der sozialen Interaktion, was man von ihnen erwartet, agieren und reagieren, wie man es von ihnen erwartet, und konstruieren und erhalten damit zugleich die gender Ordnung.. “ (vgl. Lorber 2003: 78)

Im Laufe des Sozialisationsprozesses eignen sich Individuen also gender konforme Handlungsweisen, Wissen um soziale Normen, Erwartungen und Repräsentationsweisen von Geschlecht an. Es ist dabei nicht nur entscheidend, wie ein Individuum seine Geschlechtszugehörigkeit inszeniert, sondern es muss auch sicher sein, dass diese interaktiv vermittelten kulturellen Praktiken von anderen als weiblich oder männlich interpretiert werden. Der Begriff doing gender beschreibt folglich nicht nur die Praktiken der Darstellung von Geschlecht, sondern auch die gesellschaftlichen Deutungs und Wahrnehmungsmuster von Weiblichkeit und Männlichkeit (ebd.: 57ff.)

Diese durch Interaktion entstehende Geschlechtszuschreibung wird durch Symbole vermittelt wie beispielsweise Kleidung und Frisur, Stimme, Gesicht, Schmuck, Farben, Gestik und Habitus2 aber auch Tätigkeiten und Berufe. Lorber bezeichnet die sozialen Praktiken, aufgrund derer Menschen einer Geschlechter Kategorie zugeordnet werden, als Gender Marker (vgl. Lorber 2003: 57). Dieser interaktive Zuordnungsprozess zu einem Geschlecht, der über das soziale Wissen über Geschlecht gesteuert wird, benötigt also eine Person, die zuschreibt und eine Person, der etwas zugeschrieben wird (vgl. Gildemeister/Hericks 2012: 200f.).

Die Soziologinnen Regine Gildemeister und Katja Hericks kommen in ihren Analysen zu dem Schluss, dass ein doing gender nicht vermieden werden kann, solange es in einer Gesellschaft die Zweigeschlechtlichkeit gibt und diese als „natürlich“ angesehen wird (ebd.: 206).

Weiblichkeit und Männlichkeit wird durch kulturelle Praktiken der Geschlechterunterscheidung in Interaktion durch Gender Marker hergestellt und sichtbar gemacht. Da diese Arbeit die Gender Marker und Geschlechtszuschreibung in Seifen Opern untersucht, soll im nächsten Abschnitt auf den Begriff der Mediensozialisation eingegangen werden.

[...]


1 Zur Geschichte der Geschlechterforschung siehe Gildemeister/Hericks 2012. 3

2 Auf den Begriff des Habitus wird in Kapitel 3.2.2. näher eingegangen. 6

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Inszenierung von Geschlecht in Seifenopern
Untertitel
Am Beispiel der türkischen Serie „Gümüş“
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
22
Katalognummer
V233354
ISBN (eBook)
9783656500780
ISBN (Buch)
9783656501367
Dateigröße
876 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
inszenierung, geschlecht, seifenopern, beispiel, serie, gümüş
Arbeit zitieren
Anna-Lisa Esser (Autor), 2013, Die Inszenierung von Geschlecht in Seifenopern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233354

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