Interpretation der Rede Stresemanns vor dem Völkerbund 1926


Hausarbeit, 2011
35 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung und Fragestellung

2 Quellenkritik
2.1 Quellenbeschreibung
2.2 Äußere Kritik
2.3 Innere Kritik
2.3.1 Sprachliche Aufschlüsselung
2.3.2 Sachliche Aufschlüsselung

3 Quelleninterpretation
3.1 Inhaltsangabe
3.2 Einordnung in den historischen Kontext
3.2.1 Die westliche Außenpolitik Stresemanns in Hinblick auf den Beitritt Deutschlands zum Völkerbund von 1924 bis zur Konferenz von Locarno
3.2.2 Die östliche Außenpolitik Stresemanns im Hinblick auf den Beitritt Deutschlands in den Völkerbund von 1924 bis zum Berliner Vertrag
3.2.3 Die Innenpolitik der Weimarer Republik im Hinblick auf den Beitritt zum Völkerbund 1923 – 1926
3.2.4 Der Beitritt Deutschlands in den Völkerbund 1926

4 Ergebnis und Ausblick

5 Literaturverzeichnis

6 Anhang

1 Einleitung und Fragestellung

,,Ich bin in meinem Leben zu der Ansicht gekommen, daß ohne Kompromiss, [das heißt] ohne einen Ausgleich, noch nie etwas Großes in der Welt geschaffen worden ist, was Bestand hatte.“[1]

Gustav Stresemann ist getrost als der bedeutendste Außenpolitiker Deutschlands in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zu bezeichnen. So präsentiert ihn Eberhard Kolb in seinem Werk „Deutschland 1918 – 1933“ aus dem Jahr 2010 als einen überaus erfolgreichen Außenminister[2] und auch Wilhelm von Sternburg vermutet wohl zu Recht, dass, wenn die Weimarer Republik mehr Politiker wie Stresemann besessen hätte, „ der Weg Weimars nicht in die Hitler-Diktatur eingemündet [und] [...] Europa vor den millionenfachen Morden eines neuen Weltkriegs [...] bewahrt geblieben [wäre]“.[3]

Doch was machte Stresemann und seine Außenpolitik so bedeutend für die Weimarer Republik? Der deutsche Eintritt in den Völkerbund ist nur einer der Glanzpunkte in einer ganzen Reihe von außenpolitischen Verdiensten, zu denen unter anderem die Bereinigung der Ruhrkrise, die Beendigung der Besetzung des Rheinlandes und der alliierten Militärkontrolle, sowie die politische Annäherung an die Westmächte zu zählen sind.[4]

Was Gustav Stresemann dabei immer auszeichnete war, dass seine Politik, im krassen Gegensatz zu der seiner Vorgängern, auf Verständigung basierte. Diese neue Form des politischen Umganges mit den Siegermächten ermöglichte ihm einen Handlungsspielraum und förderte auch seinen außenpolitischen Einfluss.[5] Seine Bemühungen waren ganz klar auf die Wiedererschaffung der deutschen Großmachtstellung, sowie die Revision der Versailler Lasten ausgerichtet, welche durch Verständigung erlangt werden mussten.

Der Völkerbund spielte dabei bis zum Jahre 1923 nur eine untergeordnete Rolle in den außenpolitischen Plänen Gustav Stresemanns[6]. Dieser am 28. April 1919 ins Leben gerufene[7], als ,,Bund der Siegerstaaten“[8] bezeichnete Völkerbund, der die „Zusammenarbeit der Nationen [fördern] und [...] die internationale Sicherheit zwecks Wahrung des Weltfriedens [gewähren]“[9] sollte, unterstütze nur die Sanktionen von Versailles. Diese Einstellung vertrat die Mehrheit des deutschen Volkes[10] zu Beginn der 1920er Jahre. Und nachdem das erste deutsche Beitrittsgesuch 1919 abgelehnt worden war, trat die Möglichkeit eines deutschen Beitritts im Angesicht der zahlenmäßigen innenpolitischen und durch den Versailler Vertrag hervorgerufenen Probleme immer weiter in den Hintergrund.

In den darauffolgenden Jahren wurde immer wieder über einen Beitritt Deutschlands, auch international im Rahmen von Völkerbundversammlungen, diskutiert. Jedoch scheiterten all diese Versuche Deutschland in den Völkerbund zu etablieren an der fehlenden Zustimmung auf Seiten Deutschlands beziehungsweise Frankreichs.[11]

Zudem stellte sich die Diskussion um einen Beitritt auch für die deutsche Außenpolitik als sehr problematisch dar, denn für Deutschland eröffneten sich zwei Möglichkeiten. Zum einen war die Annäherung an die Westmächte und dementsprechend auch eine „politische Reintegration in das europäische Konzert“[12], sowie eine Revision der Versailler Sanktionen durch den Beitritt in den Völkerbund möglich. Auf der anderen Seite war es für Deutschland aber auch, vor allem mit dem Abschluss des Vertrages von Rapallo 1922, denkbar, sich der Sowjetunion zu nähern, was wiederum eine Durchbrechung der isolierenden Politik der Alliierten gegenüber der kommunistischen Sowjetunion bedeuten würde.[13]

Die Mächte des Westens, allen voran England, plädierten schon früh für den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund, scheiterten aber an der ablehnenden Haltung Frankreichs.[14]

Erst im Jahre 1924 war ein vollkommender Wandel der französischen Haltung erkennbar. Deutschland war, nach der Einführung des Dawes-Planes 1924, einer Regelung der Reparationsfrage nahe und eine wirtschaftliche Erholung zeichnete sich ab. Um ein Abdriften dieses wirtschaftlich erstarkenden Deutschlands zur Sowjetunion zu verhindern, musste es näher an den Westen gebunden werden, wenn möglich durch einen Beitritt in den Völkerbund.[15]

Deutschland stand somit im Jahr 1924 vor der Entscheidung sich entweder dem Völkerbund zuzuwenden und somit die Beziehung zur Sowjetunion stark einzuschränken oder sich im Gegenteil auf die russische Seite zu schlagen und damit der erstrebten friedlichen Revision entgegenzuwirken.

Genau diese Umstände lassen auch das Wirken Stresemanns während dieser ,,Ära Stresemann“ in einem ganz besonderen Licht erscheinen. Ziel ist es, mit Hilfe des Quellenmaterials herauszufinden, wie Stresemann es schaffte, den deutschen Beitritt in den Völkerbund zu ermöglichen. Besonders beleuchtet wird dabei seine Verständigungspolitik im Spannungsfeld der Ost-West-Orientierung. Zudem wird untersucht, welche innenpolitischen Leistungen durch Stresemann erfolgen mussten, um auch das deutsche Volk vom Völkerbundbeitritt zu überzeugen. Und schließlich wird es ebenso wichtig sein zu zeigen, wie Stresemann die internationalen, vom Völkerbund ausgehenden Wirren im entscheidenden Jahr 1926 lösen konnte, ohne dabei den innenpolitischen und außenpolitischen Erfolgen entgegenzuwirken.

Die vorliegende Quelle wurde nicht nur ausgewählt, weil sie ein entscheidendes außenpolitisches Ereignis kommentiert, sondern auch weil sie das neue deutsche Selbstbewusstsein, welches nur acht Jahre nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und den darauffolgenden schweren Sanktionen des Versailler Vertrages, entstanden war, dokumentiert.

Die sehr große Auswahl an Quellen und wissenschaftlicher, wenn auch größtenteils schon etwas älterer Literatur, ermöglichen eine sehr gute Rekonstruktion der Ereignisse, die zum Völkerbundbeitritt führten und mit diesem in enger Verbindung stehen. Besonders hervorzuheben ist dabei die neuere und sehr umfangreiche Darstellung Joachim Wintzers über den Deutschen Weg in den Völkerbund in: ,,Deutschland und der Völkerbund“. Des Weiteren erwiesen sich die Ausführungen von Jürgen Spenz in seinem Werk: „Die diplomatische Vorgeschichte des deutschen Völkerbundbeitritts“ aus dem Jahr 1966 als sehr wertvoll um den außenpolitischen Weg Stresemanns zum Völkerbundbeitritt nachvollziehen zu können.

2 Quellenkritik

2.1 Quellenbeschreibung

Bei dieser Quelle handelt es sich um eine vor den Abgeordneten des Völkerbunds am 10. September 1926 gehaltene Rede des deutschen Reichsaußenministers Gustav Stresemann, welche stenografisch aufgezeichnet wurde.

Die ausgewählte Quelle, welche einer Quellenedition entstammt, ist zu den Primärquellen zu zählen. Sie liegt in gedruckter Form vor und weist trotz Kürzungen und Anmerkungen durch die Autoren der Quellensammlung eine gute Lesbarkeit auf. Da die gesamte Rede auf Deutsch gehalten wurde, sind Übersetzungsfehler ausgeschlossen.[16]

2.2 Äußere Kritik

Die zu untersuchende Rede Stresemanns wurde am 10. September 1926 vor den Abgeordneten des Völkerbundes im sogenannten Reformationssaal[17] des Völkerbundgebäudes in Genf gehalten.

Bei dem Verfasser dieser Quelle handelt es sich um den damaligen deutschen Reichsaußenminister Gustav Stresemann. Dieser wurde am 10. Mai 1878 in Berlin geboren. Nachdem er sein Abitur am Andreas-Realgymnasium 1897 abgelegt hatte, nahm Stresemann im April des gleichen Jahres sein Studium der Geschichte und deutschen Literatur an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin auf. Im Frühjahr 1898 wechselte er an die Universität Leipzig, an der Stresemann sein ursprüngliches Studium gegen eines der Wirtschaftswissenschaften eintauschte. Nachdem er 1900 den Studienabschluss erlangt hatte, begann Stresemann 1901 für einige Zeit in der Geschäftsführung einiger sächsischer Unternehmen zu arbeiten. Auch sein politisches Interesse wurde in dieser Zeit gesteigert.[18] In der Reichstagswahl von 1907 setzte sich der nationalliberale Stresemann gegen seinen sozialdemokratischen Kontrahenten durch und war „ mit 29 Jahren, der jüngste Abgeordnete, der je in den deutschen Reichstag gewählt wurde“.[19] Nach dem 1. Weltkrieg war Stresemann Mitbegründer der DVP und gehörte 1919/1920 der verfassunggebenden Nationalversammlung in Weimar an. Am 13. August 1923 wurde Stresemann zum Reichskanzler gewählt. Noch im selben Jahr beendete sein Kabinett die Inflation mit Hilfe einer umfassenden Währungsreform und der Einführung der Rentenmark. Nach seiner, nur hundert Tage andauernden, Reichskanzlerschaft wirkte Gustav Stresemann vom November 1923 bis zu seinem Tod am 3. Oktober 1929 als Reichsaußenminister. Zu seinen größten außenpolitischen Erfolgen in dieser Zeit gehören die Durchbrechung der politischen Isolation Deutschlands, die Unterzeichnung der Locarno-Verträge 1925, der Betritt Deutschlands in den Völkerbund 1926 und die Mitarbeit bei der Unterzeichnung des Briand-Kellogg Paktes 1928.[20]

Gustav Stresemann richtete sich mit dieser Rede primär an die Abgeordneten des Völkerbundes, welche an der Völkerbundversammlung am 10. September 1926 teilnahmen. Da diese Rede stenografisch aufgezeichnet und auch am darauffolgenden Tag im ,,Journal de la Septième Assemblée de la Société des Nations“[21] sowohl in englischer, als auch in französisicher Sprache veröffentlicht wurde, richtet sie sich sekundär an die politikinteressierte Öffentlichkeit in aller Welt.

2.3 Innere Kritik

2.3.1 Sprachliche Aufschlüsselung

Die Quelle enthält keine Redewendungen oder Worte, die heutzutage eine andere Bedeutung haben, als in der Zeit ihrer Entstehung.

2.3.2 Sachliche Aufschlüsselung

„Davon zeugt die deutsche Initiative, die zum Pakt von Locarno führte“

Der Pakt von Locarno ist ein Synonym für den am 16. Oktober 1926 abgeschlossenen Vertrag von Locarno. In diesem Vertragswerk, welches von den führenden Staaten Europas, darunter Frankreich, England, Italien und Deutschland, unterzeichnet wurde[22], erkannte Deutschland die Westgrenzen zu Belgien und Frankreich, welche 1919 im Versailler Vertrag geregelt worden waren, an. Zudem wurde mit diesem Vertrag die dauerhafte Entmilitarisierung des Rheinlandes beschlossen und der Eintritt des Deutschlands in den Völkerbund ermöglicht.[23]

3 Quelleninterpretation

3.1 Inhaltsangabe

Stresemann beginnt seine Rede mit einem Dank im Namen Deutschlands für die Aufnahme in den Völkerbund. Daran anschließend betont er, dass dieser nun erfolgten deutschen Mitgliedschaft im Völkerbund ein langer, mehr als sechs Jahre andauernder, politischer Prozess vorangegangen ist und dass selbst im Jahr der Aufnahme Deutschlands noch große Probleme gelöst werden mussten, um die Mitgliedschaft zu ermöglichen. Da Deutschland durch den Völkerbund nun nicht nur mit den Staaten, welche bereits langjährig mit ihm verbündet waren, sondern vor allem auch mit denen, die im Ersten Weltkrieg gegen Deutschland gekämpft hatten, friedlich kooperiere, sei der Völkerbund laut Stresemann in der Lage, „dem politischen Entwicklungsgang der Menschheit eine neue Richtung zu geben“.

Im nächsten Abschnitt seiner Rede erläutert Stresemann die Lage der Weltwirtschaft nach dem Ersten Weltkrieg. Diese werde nun immer internationaler und erfordere die Wiederherstellung des traditionellen Güteraustausches. Zudem unterstreicht Stresemann die Notwendigkeit des wirtschaftlichen Zusammenwachsens der einzelnen Völker durch eine ,,Überbrückung dessen, was [sie] bisher […] trennte“, um eine positive Entwicklung der Weltwirtschaft erreichen zu können.

Sehr metaphorisch erörtert Gustav Stresemann daraufhin, dass die Menschen schon von Beginn ihrer Existenz an verschieden seien, jedoch sei es nicht Wille Gottes, dass sich die unterschiedlichen Völker mithilfe ihrer „nationalen Höchstleistungen“ bekämpfen und somit ihre kulturellen Entwicklungen behindern. Somit sei für Stresemann derjenige der gesamten Menschheit am dienlichsten, welcher die ihm von seinem Volk gegebenen seelischen und geistigen Möglichkeiten am meisten nutzt und diese über die Grenzen seines Volkes hinaus zum Vorteil der gesamten Menschheit anwendet, ähnlich wie es die Großen der Weltgeschichte getan hätten.

Die Politik des wechselseitigen Vertrauens und Respekts sei laut Gustav Stresemann feste Grundlage für den Frieden. Aus diesem Grunde habe sich Deutschland bereits vor dem 10. September 1926 um eine friedliche Zusammenarbeit mit anderen Staaten bemüht. Der Locarno-Vertrag, sowie weitere Schiedsverträge mit zahlreichen deutschen Nachbarstaaten belegen dies. Stresemann akzentuiert zudem, dass diese Politik, welche zunächst innerhalb des deutschen Volkes wenig Unterstützung fand, zunehmend „das deutsche Volksbewusstsein erobert“ hätte und auch von der deutschen Regierung mit voller Entschlossenheit fortgesetzt werde. Daher unterstütze die Mehrheit des deutschen Volkes auch die friedensschaffende Politik des Völkerbunds.

Ein weiterer wichtiger Punkt in Stresemanns Rede ist die Abrüstung. Die im Versailler Vertrag festgelegte deutsche Abrüstung sei der Beginn der allgemeinen Abrüstung aller Staaten, so Stresemann, denn sie habe eine entscheidende Bedeutung für die Sicherung des Friedens. Eine erfolgreiche Abrüstung wäre der Beweis, ,,daß eine starke positive Kraft den großen Idealen des Völkerbundes […] innewohnt.“

Da der Völkerbund aus dem Versailler Vertrag entspringe und auch dessen Bestimmungen durchsetze, habe es viele Gegensätze zwischen Völkerbund und Deutschland gegeben, erläutert der deutsche Reichsaußenminister Gustav Stresemann weiterhin. Er hoffe nun, dass sich durch die deutsche Mitarbeit im Völkerbund diese Gegensätze und die Angelegenheiten, welche noch ungelöst oder umstritten seien, leichter lösen lassen. Auch in diesem Punkt sei für Stresemann das „gegenseitige Vertrauen“ am produktivsten.

Am Schluss seiner Rede betont Stresemann, dass Deutschland seine Politik an den wichtigsten Zielen des Völkerbundes ausrichten wird. Um diesen Zielen näherzukommen, ist es zudem bereit, sich „ auf der Grundlage der großen Begriffe Freiheit, Friede und Einigkeit“ an der Arbeit des Völkerbundes zu beteiligen.

3.2 Einordnung in den historischen Kontext

3.2.1 Die westliche Außenpolitik Stresemanns in Hinblick auf den Beitritt Deutschlands zum Völkerbund von 1924 bis zur Konferenz von Locarno

Schon während der hunderttägigen Kanzlerschaft Stresemanns, welche vom 14.August 1923 bis zum 23. November 1923 währte[24], legte er den Grundstein für eine erfolgreiche Innen- und Außenpolitik.[25] Das Ziel, Deutschland aus der außenpolitischen Isolation zu befreien, verfolgte Stresemann auch nach seiner Kanzlerschaft in der Position als deutscher Reichsaußenminister, welche er ab November 1923 innehatte. Deutschland sollte seine Großmachtstellung, welche es 1919 verloren hatte, wiedergewinnen.[26] Der einfachste Weg dahin war die Orientierung nach Westen, denn dieser wies eine größere sicherheitspolitische und wirtschaftliche Bedeutung als die Alternative im Osten, die Sowjetunion, auf. Um diese Beziehungen zu den Staaten des Westens noch weiter zu intensivieren, bedurfte es aber spätestens mit der französischen Antwort auf das deutsche Februarmemorandum dem deutschen Beitritt zum Völkerbund.

Als sehr entscheidend für diesen deutschen Beitritt in den Völkerbund 1926 sollte sich die sogenannte Realismuspolitik Stresemanns herausstellen. Diese zeichnete sich dadurch aus, dass sie die durch den Versailler Vertrag gebildeten internationalen Mächteverhältnisse und Zusammenhänge anerkannte und daher die außenpolitischen Ziele von Anfang an auf Kooperation mit den ehemaligen Feinden im Ersten Weltkrieg ausgerichtet wurden.[27]

In seiner Rede betont Stresemann, dass dem deutschen Beitritt in den Völkerbund ein langer mehr als sechs Jahre andauernder, politischer Prozess vorangegangen ist und dass selbst im Jahr der Aufnahme Deutschlands noch große Probleme gelöst werden mussten, um die Mitgliedschaft zu ermöglichen.

Unterstützt von dieser neuen Form der Politik, näherte sich Stresemann 1924 dem Völkerbund an. Deutschland war sich Mitte des Jahres 1924 seiner wachsenden, nicht nur wirtschaftlichen Bedeutung, vor allem nach Unterzeichnung des Dawes Plans, durchaus bewusst und wollte deshalb nicht bedingungslos in den Völkerbund eintreten, was wiederum von den Westmächten, speziell England, die sich der Erstarkung Deutschlands bewusst waren und ein Abdriften Deutschlands in die Arme der Sowjetunion verhindern wollten, immer stärker gefordert wurde.[28] Die Beitrittsbedingungen Deutschlands wurden den Ratsmächten des Völkerbundes am 29.September 1924 in Form des sogenannten Völkerbundmemorandums übergeben[29]. Im Kern beinhaltete dieses Memorandum zwei Punkte: 1. Die Forderung Deutschlands nach einem ständigen Ratsitz und 2. „die Befreiung von den Sanktionsverpflichtungen des Art. 16 Vbs.“.[30] Vor allem der zweite Punkt zeigt deutlich wie wichtig es Deutschland war, im Falle eines Völkerbundbeitritts die Beziehung zur Sowjetunion aufrecht zu erhalten.[31] Denn der Artikel 16 der Völkerbundsatzung regelte den Abbruch

sämtlicher Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zu einem vertragsbrechenden Staat, sowie die Unterstützung jeglicher Bestrafungsmaßnahmen gegen diesen. Daher wäre Deutschland, wie bereits beschrieben, im Falle eines Angriffs der Sowjetunion auf Polen, verpflichtet, Bestrafungen gegen die UDSSR durch den Völkerbund zu unterstützen, sowie sämtliche Handels-und Wirtschaftsbeziehungen abzubrechen.[32] Um dies zu verhindern, war es für Deutschland unmöglich den Artikel 16 anzunehmen.

Während die Ratsmächte, zu denen auch England und Frankreich gehörten,[33] auf die Bedingung des ständigen Ratssitzes positiv reagierten, lehnten sie die deutsche Befreiung vom Artikel 16 vollkommen ab.[34]

Diesem weiterhin ungeklärten Beitritt Deutschlands zum Völkerbund am Ende des Jahres 1924 folgte die Deutsche Sicherheitsinitiative zu Beginn des Jahres 1925. Diese Sicherheitsinitiative, bedingt durch die nichterfolgte, jedoch im Versailler Vertrag geregelte, Räumung der Kölner Zone am 10. Januar 1925, sollte die deutschen Westgrenzen, besonders durch den deutschen Verzicht auf Elsaß-Lothringen, sichern[35] und auch die deutsche Position für weitere Verhandlungen stärken.[36] Desweiteren wäre durch eine Annahme dieses Sicherheitsmemorandums ermöglicht, eine Differenzierung zwischen Ost- und Westpolitik noch effektiver vorzunehmen.[37]

Die deutsche Sicherheitsinitiative, verpackt im am 9. Februar 1925 übereichten Sicherheitsmemorandum[38], wurde zunächst, wenn auch zögerlich, von Frankreich angenommen.[39] Jedoch war England hingegen nur bereit in die Verhandlungen um den Sicherheitspakt einzutreten, wenn Deutschland im Vorfeld bedingungslos in den Völkerbund eintritt, um eine Bindung Deutschlands an das Sicherheitssystem des Völkerbunds zu erlangen und durch den damit ebenfalls wirksamen Artikel 16 die deutsche Unterstützung bei einem russisch-polnischen Krieg zu erwirken.[40]

Letztendlich jedoch war die britische Angst „eine deutsch-sowjetische Gegenallianz heraufzuführen“[41] größer als die eines eskalierenden eventuellen russisch-polnischen Krieges und somit entschied sich England auf der Völkerbundratssitzung im März 1925, einer deutschen Sicherheitsinitiative unter den bereits genannten Bedingungen zuzustimmen. Frankreich hingegen, welches nun nur durch diesen Sicherheitspakt eine Sicherung seiner Ostgrenze sah, schloss sich der Sicherheitsinitiative am 14. März 1925 offiziell an. Jedoch war es auch Bedingung Frankreichs, dass Deutschland zuvor dem Völkerbund bedingungslos beitrete. Somit war für Stresemann nicht nur die Differenzierung zwischen Ost und West in Gefahr[42], sondern es verhärteten sich die Fronten im Osten, wie auch im Westen. Da Stresemann nicht gewillt war eine radikale Lösung, sprich eine endgültige Entscheidung zugunsten des Westens oder des Ostens, in Anspruch zu nehmen, bestand er weiterhin auf die deutschen Bedingungen für einen Völkerbundbeitritt.

[...]


[1] Vgl. Kolb, Eberhard: Deutschland 1918 – 1933. Eine Geschichte der Weimarer Republik, München 2010, S. 96.

[2] Vgl. ebd. S.107

[3] Sternburg, Wilhelm von: Gustav Stresemann. In: Sternburg, Wilhelm von (Hrsg.): Die deutschen Kanzler. Von Bismarck bis Merkel, Berlin 2006, S. 365.

[4] Vgl. Kolb: Deutschland 1918 – 1933, S. 107.

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. Birkelund, John P.: Gustav Stresemann. Patriot und Staatsmann. Eine Biografie, Hamburg 2004, S. 408ff.

[7] Vgl. Märker, Alfredo; Wagner, Beate: Vom Völkerbund zu den Vereinten Nationen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Nr. 22 2005, S. 5.

[8] Kolb: Deutschland 1918 – 1933, S. 40.

[9] Pfeil, Alfred: Der Völkerbund. Literaturbericht und kritische Darstellung seiner Geschichte, Darmstadt 1976, S. 46.

[10] Vgl. dazu den Zeitungsartikel in: Wintzer, Joachim: Deutschland und der Völkerbund 1918-1926, Paderborn 2006, S. 120ff.

[11] Vgl. Spenz, Jürgen: Deutschlands Orientierung zwischen Ost und West in der Vorgeschichte seines Beitritts zum Völkerbund 1924-1926. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Nr. 19 1964, S. 4.

[12] Ebd.

[13] Vgl. ebd. S. 3.

[14] Vgl. beispielsweise die Haltung Frankreichs zur deutschen Beitrittsfrage in der internationalen Diskussion in: Wintzer, Deutschland und der Völkerbund 1918-1926, S. 188- 190.

[15] Vgl. Spenz: Deutschlands Orientierung zwischen Ost und West, S. 4.

[16] Vgl. Hürten, Heinz (Hrsg.): Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung. Band 9: Weimarer Republik und Drittes Reich 1918-1945, Stuttgard 1995, S. 113-116.

[17] Vgl. dazu die Bildunterschrift auf: http://www.bundesarchiv.de/aktenreichskanzlei/1919-1933/00a/ma3/ma31p/bild4/index.html ( Zugriff: 21.02.2011)

[18] Vgl. Birkelund: Gustav Stresemann, S. 13-44.

[19] Ebd. S. 49

[20] Vgl. http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/StresemannGustav (Zugriff: 21.02.2011).

[21] Vgl. http://www.1000dokumente.de/pdf/dok_0089_str_de.pdf (Zugriff 21.02.2011)

[22] Vgl. Kolb: Deutschland 1918 – 1933, S. 102.

[23] Vgl. Gall, Lothar (Hrsg): Enzyklopädie deutscher Geschichte. Band 53: Niedhart, Gottfried: Die Außenpolitik der Weimarer Republik, München 1999, S. 23.

[24] Vgl. Birkelund: Gustav Stresemann, S. 291 und S. 348.

[25] Vgl. Kolb: Deutschland 1918 – 1933, S. 95.

[26] Vgl. Hildebrand, Klaus: Das vergangene Reich. Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler 1971 – 1945, Stuttgard 1995, S. 439.

[27] Vgl. Niedhart: Die Außenpolitik der Weimarer Republik, S. 20-22.

[28] Vgl. Spenz: Deutschlands Orientierung zwischen Ost und West, S. 4.

[29] Vgl. Wintzer: Deutschland und der Völkerbund 1918-1926, S. 432.

[30] Ebd. S. 427

[31] Vgl. Spenz : Deutschlands Orientierung zwischen Ost und West, S. 8.

[32] Vgl. Pfeil: Der Völkerbund, S. 57ff.

[33] Vgl. ebd S. 48.

[34] Vgl. Wintzer: Deutschland und der Völkerbund 1918-1926, S. 435.

[35] Vgl. Spenz: Deutschlands Orientierung zwischen Ost und West, S. 10.

[36] Vgl. Kolb: Deutschland 1918 – 1933, S. 101.

[37] Vgl. Spenz, Jürgen: Die diplomatische Vorgeschichte des Beitritt Deutschlands zum Völkerbund 1924 – 1926, Göttingen 1966, S. 62.

[38] Vgl. Wintzer: Deutschland und der Völkerbund 1918-1926, S. 451.

[39] Vgl. Spenz: Die diplomatische Vorgeschichte des Beitritt Deutschlands zum Völkerbund 1924 – 1926, S. 62.

[40] Vgl. ebd. S. 63

[41] Spenz, Jürgen: Deutschlands Orientierung zwischen Ost und West, S. 10.

[42] Vgl. Ebd. S. 10.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Interpretation der Rede Stresemanns vor dem Völkerbund 1926
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
35
Katalognummer
V233362
ISBN (eBook)
9783656496809
ISBN (Buch)
9783656497059
Dateigröße
653 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es handelt sich bei dieser Arbeit um eine Quelleninterpretation, die im Rahmen eines Einführungsseminars für den Studiengang Geschichte angefertigt wurde.
Schlagworte
Stresemann, Quelle, Völkerbund, Vertrag von Versaille, Verständigungspolitik, 1926
Arbeit zitieren
David Frieten (Autor), 2011, Interpretation der Rede Stresemanns vor dem Völkerbund 1926, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233362

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