Professionelles Handeln von Beratungsfachkräften im Kontext der Organisationsentwicklung

Am Beispiel der Bundesagentur für Arbeit


Hausarbeit, 2012

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungs- und Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Professionalität als Erfordernis für Qualität in der beruflichen Beratung.

3. Professionalität unter dem Aspekt von individueller Beratung und sozialer Dienstleistung.
3.1 Besonderheiten bei gesellschaftlicher und sozialgesetzlicher Verortung
3.2 Definition und mögliche Kriterien des professionellen Handelns
3.3 Qualitäts- und Kompetenzanforderungen am Beispiel beruflicher Beratung

4. Eckpunkte der Organisationsentwicklung in der Bundesagentur für Arbeit.
4.1 New Public Management und geschäftspolitische Zielsetzungen
4.2 Qualitätsverständnis und Kompetenzmanagement in der Beratung
4.3 Die Einführung der neuen Beratungskonzeption

5. Verhältnis von Organisation und Profession im Bezug auf das Beratungshandeln

6. Zusammenfassung..

Literatur..

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Systemisches Kontextmodell von Beratung

Abbildung 2: Beratungsformate

Abbildung 3: Die Steuerungslogik der Bundesagentur für Arbeit — drei Kernelemente

Abbildung 4: Säulen der Beratungsprofessionalisierung in Behörden

1. Einleitung

Der Begriff der Professionalität kann von der Definition her unterschiedlich ausfallen. Im Bereich der beruflichen Beratung[1] findet seit einiger Zeit ein Diskurs statt, in welcher Form professionelles Handeln ausgestaltet sein soll und wie dies am besten umgesetzt werden kann. Gerade vor dem Hintergrund einer nicht vorhandenen Regelung des Berufsbildes als Berater[2] wird eine Anerkennung und Regelung dieser professionellen Dienstleistung gefordert. Speziell im Feld der beruflichen Beratung bedarf es einer differenzierten Betrachtung von Qualitätsmaßstäben zur Bestimmung einer Professionalität, weil sie in einem mehrdimensionalen Kontext stattfindet und mit einer Beteiligung von unterschiedlichen Akteuren einhergeht. Aufgrund der Komplexität von Beratungssituationen mit beruflichen Laufbahnfragen gestaltet sich der Entwicklungsprozess von Qualität und Professionalität mit hohen Anforderungen. Der oftmals eingebundene gesellschaftliche oder soziale Rahmen der Dienstleistung fordert dazu ein besonderes Professionsverständnis. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) als großer Anbieter im beruflichen Beratungssektor hat darüber hinaus in den letzten Jahren eine beachtliche Organisationsentwicklung vollzogen, wodurch neuartige Steuerungsmodelle für die Ausrichtung der Beratungstätigkeit eingeführt wurden. Unter der Beachtung von verschiedenen Forderungen und Zielsetzungen an die berufliche Beratung muss die Frage bei dem professionellen Handeln auch nach der Realisierbarkeit unter der organisationalen Einbindung gestellt werden. Wenn demnach notwendige Anforderungen, Kriterien und Bedingungen an ein professionelles Beratungshandeln gestellt werden, wie können diese im Bereich der modernen Arbeitsverwaltung umgesetzt werden? Wird die professionelle Entwicklung von Beratern unterstützt oder wird sie eher durch rationale Vorgaben oder Wettbewerbsaspekte behindert? In dieser Arbeit wird daher der Professionalitätsbegriff im Bereich der beruflichen Beratung genauer betrachtet, welcher daraufhin am Beispiel der BA und den neuen Zielsetzungen auf eine Realisierungsmöglichkeit hin überprüft wird.

Im Folgenden wird dazu zunächst die Begründung für einen hohen Qualitätsanspruch in der beruflichen Beratung beschrieben. In Kapitel 3 werden dann Besonderheiten dieser sozialen Dienstleistung behandelt, welche spezifisch unter Professionsaspekten definiert und anhand von Beispielen ausformuliert werden. In Kapitel 4 werden die Kernelemente der Organisationsentwicklung der BA vorgestellt, die für die Entfaltung der Beratungsprofession von Bedeutung sein können. Weiter folgt dann in Kapitel 5 eine Darstellung vom Verhältnis der professionellen Tätigkeit als Berater und der Einbindung in die Organisation, wozu abschließend mit einer Zusammenfassung das Ergebnis der Arbeit kurz dargestellt wird.

2. Professionalität als Erfordernis für Qualität in der beruflichen Beratung

Der beruflichen Beratung, die speziell in den umfassenden und häufig ineinandergreifenden Bereichen von Bildung, Beruf und Beschäftigung wirkt, wird eine große Verantwortung gegenüber der individuellen Entwicklung von Ratsuchenden zugeschrieben (vgl. Schiersmann, Bachmann, Dauner & Weber 2008, S. 91). Obwohl diese beratende Tätigkeit insgesamt eine anspruchsvolle soziale Dienstleistung darstellt und die Qualitätsbetrachtung des Beratungsangebots dabei zunehmend in den Vordergrund rückt, besteht in Deutschland bisher noch kein gesetzlicher Bedarf zur Regelung oder zum Schutz der Berufsausübung von beruflichen Beratern. Diese nicht vorhandene Regulierung stellt insofern eine paradoxe Situation in der Ausrichtung der Beratung dar, weil der Anspruch an die Beratung insbesondere von den vorherrschenden gesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen am Arbeitsmarkt berührt wird und somit neuen Herausforderungen ausgesetzt ist (vgl. Schober 2007, S. 101 ff.). Globalisierung, Arbeitsmarktflexibilität, Veränderung von Bildungs- und Ausbildungsangeboten, rasanter technischer Fortschritt und gesellschaftlicher Wandel einerseits und die erforderliche Bereitschaft zur Anpassung bei Berufswählern und -inhabern andererseits prägen die Rahmenbedingungen bei der Berufswahl und Arbeitsaufnahme maßgeblich. Die dadurch verursachten umfassenden und heterogenen Fragestellungen von Ratsuchenden im Prozess der Erst- oder Neuorientierung und Entscheidung für eine berufliche Richtung wirken sich zugleich auf die Komplexität des Beratungsangebots aus (vgl. Ertelt & Kraatz 2011, S. 12). Wird die Betrachtung der beruflichen Beratung zunächst noch allgemein und nicht anbieterbezogen ausgerichtet, so ergibt sich insgesamt ein breites Beratungsfeld mit unterschiedlichsten und teils schwierigen Anliegen von Ratsuchenden. Das beraterische Eingehen auf berufliche Wünsche und Planungen kann nur unter der simultanen Berücksichtigung von persönlichen Umständen von Ratsuchenden mit dem Bezug zu tatsächlichen und zukünftig erwünschten Lebenssituationen verstanden werden (vgl. Nestmann, Sickendiek & Engel 2007, S. 14). Die Beratung erfordert demnach ein Handeln in beruflichen und nicht-beruflichen oder privaten Kontexten, die eine Berufs- und Lebensentwicklung zu gleichen Teilen einbeziehen kann. Neben dieser offenen und umfangreichen Herangehensweise richtet Dausien zudem die Aufmerksamkeit vor dem Hintergrund einer professionellen Beratung im gesellschaftlichen Wandel besonders auf die Bedeutung der eigenen Reflexivität und Kritik im Handeln von Beratern (2011, S. 37). Verantwortungsvolles Handeln im Umgang mit Ratsuchenden erweitert sich somit neben den beruflichen und lebensweltlichen Aspekten um einen signifikanten Anteil an Selbstreflexion, Kritik und Beschäftigung mit Widersprüchlichkeiten, die auf Spannungsverhältnissen zwischen Wünschen, Möglichkeiten, Realitäten und Perspektiven in beruflichen Beratungsanliegen basieren.

Aufgrund dieser Herausforderungen an die berufliche Beratung stellt sich die Frage deutlicher nach einer effektiven Ausrichtung der Beratung und der Erreichbarkeit von Qualität, welche diesen hohen Anforderungen gerecht werden kann. Eine Orientierung an erforderlichen Wissens- und Kompetenzständen bei Beratern, welche direkte Bestandteile einer Professionalität darstellen, kann als angemessene Reaktion auf diese Anforderungen verstanden werden (vgl. Schiersmann u.a. 2008, S. 91). Das formulierte Kompetenzprofil für Berater nach dem Vorschlag von Schiersmann u.a. im Rahmen einer Expertise für das Bundesministerium für Bildung und Forschung innerhalb einer Kooperation von der Universität Heidelberg und dem Nationalen Forum Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung e.V. (nfb) (vgl. Schiersmann u.a. 2008, S.95 ff.; nfb & Forschungsgruppe Beratungsqualität 2012, S. 7) leistet für das Verhältnis von Anforderungen im Beratungsprozess und Beraterkompetenzen einen richtungsweisenden Beitrag.[3] Dabei wird in der Ausgangslage das Qualitätsniveau adäquater Beratungsangebote mit der Höhe der Professionalität von Beratungsfachkräften nahezu gleichgesetzt. Diese Professionalität erfordert eine genauere Umschreibung mit einer klaren beruflichen Rolle, erkennbaren und eigenständigen Tätigkeiten, welche sich jeweils in der Ausübung des Beraterberufs wiederfinden sollten (vgl. Ertelt u.a. 2011, S. 16). Die Bedeutung dieser Professionalitätsdiskussion beim Beratungspersonal steht somit im direkten Zusammenhang mit den Herausforderungen der beruflichen Beratung. Eine Profession in der Beratung wird sich jedoch kaum wie eine der klassischen Professionen in Deutschland (z.B. wie bei Ärzten) entwickeln können, weil in der heutigen Gesellschaft keine geschlossenen beruflichen Konzepte dieser Art mehr vorstellbar sind (vgl. Schiersmann 2011, S. 95). Die Professionalität in der beruflichen Beratung bezieht sich daher eher auf das kompetente Handeln in der Tätigkeit als Berater. Die Möglichkeit zur Entfaltung dieser Tätigkeit sollte jedoch immer mit einem Blick auf den jeweiligen Kontext analysiert werden, indem die Beratung stattfindet.

3. Professionalität unter dem Aspekt von individueller Beratung und sozialer Dienstleistung

Die genaue Betrachtung des professionellen Handelns in der Beratung setzt zwar primär beim Beratungspersonal an. Dabei kann anhand theoretischer Definition von Professionalität überwiegend erst dann gesprochen werden, wenn die handelnden Akteure über einen gewissen Grad an Autonomie in ihrem beruflichen Handeln verfügen (vgl. Pfadenhauer 2005, S. 10). Im Bezug auf individuelle Beratungssituationen würde dies eine nahezu unabhängige Handlung aus professioneller Beratersicht zugunsten der Anliegen von Ratsuchenden bedeuten. Bei der Bestimmung von Professionalität mit dem Fokus auf das Beratungspersonal muss daher die Besonderheit bei der Beratung als soziale und personenbezogene Dienstleistung berücksichtigt werden, welche typische Merkmale zur Einschränkung der Eigenständigkeit von Beratern im Sinne von Effektivitäts-, Qualitäts- oder Professionalitätsbestrebungen aufweist (vgl. Klatetzki 2010, S. 10 ff.). Abhängigkeiten von Ratsuchenden, Organisationen, weiterer Umwelt und äußeren Faktoren, welche häufig in Kombination auftreten, sind in die Beratertätigkeit mit eingebunden. Die Professionalität unterliegt demnach einer Komplexität von Unbestimmtheit mit einem hohen Einfluss auf das Beratungsgeschehen von Instanzen außerhalb der Beratungssituation. Schiersmann deutet im Zusammenhang mit den kaum steuerbaren Einflussfaktoren und dem somit nicht planbaren Beratungsprozess auf eine systemische Betrachtung des Beratungshandelns hin, welche diesen Herausforderungen gerecht werden kann (vgl. 2011, S. 88). Der spezielle Kontext der Beratung, welcher in die jeweiligen Kontexte von Ratsuchenden, Organisation und Gesellschaft eingebunden ist, soll daher zunächst in einem systemischen Kontextmodell deutlich werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Systemisches Kontextmodell von Beratung (Quelle: Schiersmann 2011, S. 92)

Aus diesem systemischen Kontextmodell soll der Bezug zu den Kontexten der Beratung und die Betonung der Ressourcen von Ratsuchenden innerhalb eines sozialen Systems hervorgehen, was insgesamt beim Beratungshandeln zu berücksichtigen ist (vgl. Schiersmann 2011, S. 92 ff.). Dabei wird im Beratungsprozess davon ausgegangen, dass berufliche Entscheidungen und Entwicklungen nicht allein an Eigenschaften von Ratsuchenden geknüpft werden können, sondern dass diese Resultate auch im Zusammenhang mit dem Umfeld der jeweiligen Lebenssituation, den organisationalen und gesellschaftlichen Kontexten entstanden sind. So bilden individuelle Lebenssituationen, die ein berufliches und privates Mischungsverhältnis aufwerfen, in der Beratung häufig die Entscheidungs- oder Entwicklungsgrundlage (vgl. Nestmann u.a. 2007, S. 14). Auch der organisationale Kontext hat einerseits eine hohe Bedeutung für die Beratung, weil die Rahmenbedingungen der Beratungsangebote von den Anbietern vorgegeben werden und dadurch Spannungen zwischen unterschiedlichen Zielsetzungen von Ratsuchenden, Organisation oder Teilorganisation entstehen können, welche auf die Beraterorientierung wirken (vgl. Schiersmann 2010, S. 36). Andererseits kann auch der organisationale Kontext des Ratsuchenden von Bedeutung sein, wenn beispielsweise sein Arbeitgeber viel oder wenig Interesse an einer beruflichen Entscheidung hat. Letztlich nimmt das systemische Kontextmodell noch Bezug auf den relevanten gesellschaftlichen Kontext, der allgemeinere Rahmenbedingungen für die Beratung vorgibt, weil beispielsweise eine bestimmte Arbeitsmarktsituation die beruflichen Entscheidungsmöglichkeiten einschränkt. Auch beinhaltet der Gesellschaftsbezug die Wertschätzung der Beratung in der Öffentlichkeit, was zusätzlich eine Bewertung der Beratungsprofessionalität für konkrete Beratungssituationen bedeuten kann. Darüber hinaus spielt die öffentliche Wahrnehmung über die Beratung eine Rolle, wenn diese beispielsweise als förderlicher Reflexionsprozess eher positiv oder als defizitorientierte Unterstützungshilfe eher negativ eingeschätzt wird.

Die Beachtung dieser Besonderheiten von individueller Beratung als soziale Dienstleistung soll im Bezug auf die folgenden Professionalitätsaspekte helfen, das Beratungshandeln nicht autonom und das Wirken somit nicht im absoluten Verantwortungsbereich des Beraters zu betrachten. Zwar ist der Schlüssel für die berufliche Beraterprofession zunächst die Qualifikation als Berater und dessen Kompetenzen, welche sich in der Erfahrung mit Ratsuchenden entwickeln und optimieren lassen (vgl. Ertelt u.a. 2011, S. 17). Genau diese Entfaltung in der Tätigkeit als Berater ist jedoch eng verbunden mit den genannten Rahmenbedingungen, die speziell in der beruflichen Beratung und genauer im Zusammenhang mit dem in Kapitel 4 beschriebenen Organisationsbeispiel der BA zum Tragen kommen.

3.1 Besonderheiten bei gesellschaftlicher und sozialgesetzlicher Verortung

Nach der dargestellten Ausgangsproblematik für das professionelle Beratungshandeln in mehrdimensionalen Kontexten soll die Sicht nun ausführlicher auf ein strukturelles Problem bei der Beratung im Feld von Bildung, Beruf und Beschäftigung geleitet werden. So sind die Beratungsangebote in diesem Feld mehrfach im Sozialgesetzbuch (SGB) als staatliche Aufgaben definiert (z.B. Berufsberatung § 30 SGB III, Vermittlungsangebot § 35 SGB III) und institutionell eingebunden, damit politische Ziele zum gesellschaftlichen Gemeinwohl realisiert werden können. Aufgrund dieser Verortung beinhalten die Beratungstätigkeiten ein doppeltes Mandat, welches eine Orientierung für das Gemeinwohl und für den jeweiligen Ratsuchenden zugleich verlangt (vgl. Becker-Lenz 2005, S. 90). Demnach steht das individuelle Wohl jedes Einzelnen gegenüber einem gesellschaftlichen Interesse (z.B. Vermeidung von Arbeitslosigkeit), wovon sich ein Berater in seiner Arbeit leiten lassen muss. Ein Konflikt besteht durchaus darin, dass ein professionelles und personenbezogenes Beratungshandeln eher an den Wünschen und Bedürfnissen der Ratsuchenden orientiert sein sollte und nicht an politischen und gesellschaftlichen Zielen und Werten (vgl. Großmaß 2007, S. 489). Aus diesem Rollen- und Beratungskonflikt geht eine Frage über die Interessenabwägung der unterschiedlichen Auftraggeber einher, die insbesondere im behördlichen Kontext der beruflichen Beratungsangebote legitim gestellt werden kann. Thiel sieht genau in diesem Konflikt ein Loyalitätsproblem in der Professionalität als Berater, weil aufgrund fehlender verbindlicher Normen für das Beratungshandeln eine Gefahr von Ungleichbehandlung gegenüber Ratsuchenden vorherrscht (vgl. 2007, S. 914). Er schlägt dazu aber ein transparentes Handeln mit einer Offenlegung und Auseinandersetzung von unterschiedlichen Aufträgen und Funktionen vor, damit eine Professionalität weiterhin ermöglicht werden kann. Ein vertiefter Diskurs in diesem Gebiet erfordert jedoch zusätzlich eine genauere Abgrenzung von Beratungsanboten, weil diese sich vom Formalisierungsgrad bis hin zur Beratung unter Zwang unterscheiden. Bohrke-Petrovic und Göckler (2009) zeigen am Beispiel der Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung eine Differenzierung hinsichtlich einer reziprokungebundenen und reziprokgebundenen Beratung. Ein Schaubild zur Unterscheidung der Beratungsformate kann diese Trennung zunächst deutlich machen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Beratungsformate (Quelle: Bohrke-Petrovic & Göckler 2009, S. 556)

Die Abbildung zeigt drei unterschiedliche Formate der Beratung in Abhängigkeit von der Stärke der Formalisierung der Beratungsangebote. Dabei gilt bei der reziprokungebundenen Beratung jeweils die Bedingung einer folgenlosen Beendigungsmöglichkeit des Beratungsprozesses, welche bei der „freien Beratung“ ausnahmslos von Seiten beider Beratungsparteien und bei der teilformalisierten Beratung nur einseitig von Ratsuchenden ergriffen werden kann (vgl. Bohrke-Petrovic u.a. 2009, S. 556). Je freier das Beratungsangebot demnach ausgerichtet ist, desto weniger existiert eine staatliche Reglementierung des Beratungsangebots oder Folgenschwere für den Ratsuchenden bei einer Nichtinanspruchnahme der Beratung. Anders bei der formalisierten Beratung, in der für beide Seiten ein Pflichtverhältnis besteht und sich auch im Falle des Leistungsbezugs für Ratsuchende eine nachteilige Sanktionsoption ergeben kann. Dabei unterstellen die Autoren eine Relevanz zur Aufrechterhaltung einer professionellen öffentlichen Beratung und sie betonen dazu die Bedeutung sozialer Gerechtigkeit im Sinne der Achtung objektiver Lebenssituationen von Ratsuchenden (vgl. ebd., S. 558). Insgesamt wird in dieser Thematik auch die Notwendigkeit diverser Beratungsdienstleistungen deutlich, die in ihrer Professionalität unterschiedliche Schwerpunkte erfordern. Im Falle des behördlichen, sozialgesetzlichen und arbeitsmarktnahen Kontextes ist die Beachtung einer spezifischen Beratungsethik von fundamentaler Bedeutung, damit eine Balance zwischen gesellschaftlichen, institutionellen und individuellen Bedürfnissen gehalten werden kann (vgl. ebd. S. 566 ff.). Die Schärfe des Themas wurde bereits mehrfach in internationalen Studien im Bereich von nationalen Arbeitsmarktbehörden aufgezeigt, weil teilweise innerhalb der Beratungsdienste eine stärkere Gewichtung von Interessen des Arbeitsmarkts und der Arbeitgeber erkannt wurde (vgl. Haas 2007, S. 927). Eine Stärkung von Interessen, die zum Teil gegen die Sicht von Ratsuchenden ergehen oder für ihre Bedürfnisse irrelevant sind, können die individuellen Berufswahlrechte jedes Einzelnen infrage stellen. Umso wichtiger ist die Beachtung von Anforderungen einer professionellen Beratungsethik, die diesen Konflikt zu kompensieren versucht (vgl. Ertelt u.a. 2011, S. 16; Thiel 2007, S. 914). Eine Klärung von speziellen Kodizes der Beratungsethik müsste demnach in den Professionalitätsanforderungen verankert werden, damit einem möglichen Spannungsverhältnis von unterschiedlichen Zielsetzungen entgegengewirkt werden kann.

3.2 Definition und mögliche Kriterien des professionellen Handelns

Eine Festlegung von möglichen professionellen Handlungsweisen in der Beratung erfordert zunächst eine definitorische Darlegung des Begriffs Profession, damit die daran geknüpften Bedingungen mit entsprechenden spezifischen Kriterien versehen werden können. Eine reine Orientierung allein an der Definition wird in der Professionssoziologie jedoch nur als bedingt nützlich angesehen, auch wenn sich dadurch tatsächlich die Profession einer Berufsgruppe wie Berater beurteilen lässt (vgl. Mieg 2003, S. 14). Denn aufgrund der international unterschiedlichen Auffassungen dieser theoretischen Definition werden Fragen hinsichtlich des Ausmaßes von Autonomie aufgeworfen, welches sich speziell in Deutschland durch die staatlich geregelten Ausbildungsberufe anders zeigt als im anglo-amerikanischen Raum, wo dies eher in privater Hand liegt. Bleiben die nationalen Auslegungen jedoch im Hintergrund, so lassen sich Rahmenbedingungen aufzeigen, die eine Profession charakterisieren können. Um einen Bezug zum professionellen Beratungshandeln zu erreichen, werden im Folgenden die von Mieg genannten Bedingungen für eine Eingrenzung potenzieller Professionen (vgl. 2003, S. 15 ff.) auf die Beratung bezogen:

1. Gesellschaftlich relevanter Problembereich mit einem zugehörigen Bereich an Handlungs- und Erklärungswissen: In der beruflichen Beratung wäre hier die Abhilfe von beruflicher Orientierungslosigkeit durch beraterische Reflexion, Information und Erläuterung als Beispiel zu nennen.

[...]


[1] Der Begriff „berufliche Beratung“ wird in der Arbeit einfachheitshalber gewählt, weil er sich bereits als einheitlicher Begriff durchgesetzt hat und verschiedene Phasen des Berufslebens erfasst (vgl. Schober 2000, S. 9).

[2] Aus Gründen der besseren Übersicht wird in dieser Arbeit auf die Nennung der weiblichen Form verzichtet. Die Verwendung der männlichen Form schließt die weibliche Form gleichermaßen mit ein.

[3] Auf die genauen Kriterien oder Kompetenzen professioneller Beratung wird hier noch nicht eingegangen. Dies erfolgt zum besseren Verständnis weiter unten in Kapitel 3.3.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Professionelles Handeln von Beratungsfachkräften im Kontext der Organisationsentwicklung
Untertitel
Am Beispiel der Bundesagentur für Arbeit
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Bildungswissenschaft)
Veranstaltung
Organisationsbezogene Beratung in Bildung, Beruf und Bechäftigung
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
26
Katalognummer
V233383
ISBN (eBook)
9783656503545
ISBN (Buch)
9783656503132
Dateigröße
603 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beratung, Organisationsentwicklung, Professionalität, Professionalisierung, soziale Dienstleistung, New Public Management, Steuerungslogik, Benchmarking
Arbeit zitieren
Thomas Röser (Autor), 2012, Professionelles Handeln von Beratungsfachkräften im Kontext der Organisationsentwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233383

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