Zur Radikalität der Geschlechtertheorie von Judith Butler


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Fragestellung/ Einleitung

2. Hauptteil
2.1 ButlersGeschlechtertheorie
Begriffsklärung
2.2 Konstruktion von Geschlecht
2.3 Zur Neuformulierung der Performativität
2.4 Butlers Bild vom Subjekt
2.5 Geschlechtsidentität und Intelligibilität des Subjekts nach Butler
2.6 Butlers Vorstellung von Subversion und Handlungsmacht

3. Zusammenfassung/ Fazit

4. Literaturverzeichnis

Einleitung:

In Bezug auf meine Leitfrage befasse ich mich in meiner Hausarbeit mit Judith Butlers Werken „Das Unbehagen der Geschlechter“ („Gender trouble“), „Körper von Gewicht“ („Bodies that matter“) und „Hass spricht. Zur Politik der Pervormativen“.

Judith Butler hat wie kaum eine andere Autorin in der gegenwärtigen feministischen Theorie für Furore gesorgt und ist bezüglich ihrer Geschlechtertheorie wie kaum eine andere Theoretikerin derartig umstritten. Sie wird als Begründerin der „Queer Theory“ gesehen und wird als typisch „postmoderne Autorin“ deklariert.

Im Jahre 1991 erschien ihr erstes deutschsprachiges Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“ und sorgte sowohl für Unruhe in der Frauen- und Geschlechterforschung, als auch in der politischen Philosophie sowie bei der weiblichen Leserschaft. In diesem Buch stellte Butler die These auf, dass die Geschlechtsidentität das Produkt sprachlicher, sozialer und kultureller Konstituierung sei und somit nichts durch die Natur Gegebenes.

Im Jahre 1997 erschien ihr Werk „Körper von Gewicht“, worin sie ihre Ansätze vertieft und die Differenzierung von sozialem und biologischem Geschlecht, beziehungsweise „gender“ und „sex“, vornimmt und es ebenfalls als kulturell konstituiert deklariert.

Sowohl die 2 vorgenannten Werke als auch das Buch „Hass spricht. Zur Politik des Pervormativen“, welches 1998 veröffentlich wurde, ließen scheinbar feststehende Genres wie Körper, Kultur und Natur ins Wanken geraten. Ebenso die zuvor unbestrittene Kategorisierung von Weiblichkeit und Männlichkeit wurde von Butler streitig gemacht. In ihrem Werk „Körper von Gewicht“ wirft sie die Frage nach den subtilen Machtmechanismen auf, die die Grundlage vorgenannter Kategorien bilden.

Butler wurde nach Veröffentlichung ihres ersten Werkes im Jahre 1991 mehrfach rezipiert, unter anderem aber auch fehl interpretiert, was die Diskussionen über die Begriffe wie „gender“, „sex“, „Geschlechtsidentität“ und „Konstruktion“ zur Folge hatten.

Im Hauptteil meiner Arbeit möchte ich mich mit der Geschlechtertheorie Butlers auseinandersetzen und auf die Radikalität und Neuartigkeit dieses Theorie eingehen.

Für das bessere Verständnis werde ich in meiner Hausarbeit wichtige Begrifflichkeiten wie „Performativität“ „Konstruktion“, „Geschlechtsidentität“, „Intelligiblität“, „Subversion“ und „Handlungsmacht“ mittels ausgesuchter Textpassagen darlegen und klären.

Im Schlussteil werde ich zusammenfassend zur Beantwortung meiner Leitfrage übergehen und meine Arbeit mit einer kurzen persönlichen kritischen Stellungnahme zum Abschluss bringen.

2. Hauptteil:

2.1 Butlers Geschlechtertheorie:

Setzt man sich mit den Begrifflichkeiten des Poststrukturalismus und der Dekonstruktion im feministischen Sinne auseinander, wird im deutschen Umkreis umgehend auf die Thematik zur Dekonstruktion des Geschlechts geschlossen, welches auf die Philosophie Butlers schließen lässt. Mit der Veröffentlichung ihres ersten deutschsprachigen Werkes 1991 „Das Unbehagen der Geschlechter“ wurden Butlers Thesen stark diskutiert und kritisiert. Bei der Befassung mit der Thematik Geschlechtsidentität fällt der Name „Judith Butler“ gerade zu unablässig. In Hinblick auf diese Thematik kam es zu vielerlei Diskussionen bezüglich Butlers These, dass das biologische Geschlecht durch kulturelle Denkweisen konstituiert würde und diskursiv hervorgerufen würde.1

„Butler zielt darauf, die sex/gender-Unterscheidung in gender aufzulösen: »sex« selber sieht sie als gender-Konstrukt, hervorgebracht durch Diskurse. Auch die Körperlichkeit ist hier demnach nichts, was Männer und Frauen materiell unterscheidet, sondern die »Fiktion« materieller Substanzen komme erst durch den bedeutungskonstituierenden, diskursiv gesteuerten und steuernden Blick in die Welt.“2

Nach Butlers Meinung handelt es sich um ein performatives Modell von Geschlecht, in welchem die Kategorisierung in männlich und weiblich als Effekt wiederholender Handlungen gesehen werden kann und somit keineswegs ein Produkt der naturgemäßen Materialisierung darstellt. Vor Butlers Ansätzen hat man das biologische Geschlecht und das kulturelle Geschlecht als identisch gesehen. Bei Butler hingegen erscheint das biologische Geschlecht, „sex“, ebenso wie das soziale Geschlecht, „gender“, als ein kulturelles Produkt und als nichts natürlich Gegebenes.

Jene These machte aus Butler eine populäre Persönlichkeit, was wiederum Kritik seitens ihrer Vorläufer zur Folge hatte, weil die These nach Ansicht ihrer Kritiker nicht so neu sei und sie die selbe Aufmerksamkeit für sich forderten. Im Vergleich zu ihren Vorläufern wird man jedoch schnell feststellen, dass Butler diese These in solcher Radikalität formuliert, wie es bislang nicht vorgekommen ist. Der Ausgangspunkt dieser radikalen Ansätze findet sich in ihren poststrukturalistischen theoretischen Gesichtspunkten.

In ihren Ausführungen des performativen Modells von Geschlecht bedient sie sich unterschiedlicher Theorien und Forschungsansätze von Michael Foucault (1926-1984), Sigmund Freud (1856-1939), Jacques Derrida (1930-2004), Louis Althusser (1918-1990) und Jacques Lacan (1901-1981).

Die Materialisierung der Körper ist nach Butler, in Anlehnung an Derrida und Foucault, an eine kulturspezifische Wahrnehmung gebunden und schließt somit ein natürliches Geschlecht im metaphysischen Sinne aus. Diese These Butlers widerspricht moderner erkenntnistheoretischer Grundlagen. Die Kategorie „Frau“ als Subjekt des Feminismus wird nach Butler in Frage gestellt, weil es für sie keine natürlich biologischen Grundlagen enthält und in Folge dessen als machtvoll produzierte Kategorie gesehen werden muss.3

Mit ihrem Werk „Das Unbehagen der Geschlechter“ erreichte Butler viel Aufmerksamkeit, weil sie auf die europäische Debatte und nicht ausschließlich auf die amerikanische Debatte Bezug genommen hat. In den USA wurde nämlich schon zeitiger eine Zweigeschlechtlichkeit des Menschen angezweifelt. Die Suche nach dritten Geschlechtern hatte dementsprechend in den USA schon begonnen. Mit ihrem Buch schlägt sie eine allgemeine Richtung des Feminismus ein, welche eine Differenzierung von Frau zu Frau und innerhalb der einzelnen Frau vornimmt und wo der Frau sowohl weibliche als auch männliche Eigenschaften zugeschrieben werden können. Butler genoss außerdem viel Aufmerksamkeit, weil sie in dem Streit zwischen Differenzfeminismus und Gleichheitsfeminismus nicht mitwirkte. Butler hat sich weder für die Unterscheidung von Frau und Mann mit ihren speziellen Eigenschaften eingesetzt, noch für die Gleichsetzung des Mannes mit der Frau. Butler widerstrebt beidem und setzt sich für die „Dekonstruktion“ von Mann und Frau ein.

Butler kritisiert, dass die feministische Forschung Frauen als Gruppe mit gleichen Eigenschaften und Vorlieben festlegt und somit kulturelle, klassenspezifische und ethnische Unterschiede unter den Frauen ausklammert. Die feministische Forschung hat nach Butler hier eine falsche Auffassung von einem binären („zweiteiligem“) System der Geschlechtlichkeit, worin der Mann oder die Frau mittels ihrer Geschlechtsrolle, Geschlechtsidentität und anhand ihrer sexuellen Orientierung kategorisiert werden. Dieses System sagt aus, dass Heterosexualität als soziale Norm gilt und sich jeder Mensch heterosexuell entwickelt. Diese Betonung der Differenzierung unter den beiden Geschlechtern ist jedoch als Gegensatz gegenüber der feministischen Forderung nach Gleichheit zu betrachten.

„Die feministische Kritik muss einerseits die totalisierenden Ansprüche einer maskulinen Bedeutungs-Ökonomie untersuchen, aber andererseits gegenüber den totalisierenden Gesten des Feminismus selbstkritisch bleiben. Der Versuch, den Feind in einer einzigen Gestalt zu identifizieren, ist nur ein Umkehr-Diskurs, der unkritisch die Strategie des Unterdrückers nachahmt, statt eine andere Begrifflichkeit bereitzustellen.“4

Butler wirft der feministischen Forschung somit vor, dass sie es unterlässt, neue Identitäten zu entwickeln und statt dessen gegenwärtige Geschlechtsrealitäten zusätzlich erschwert.

Butlers Kritik richtet sich des weiteren auch gegen die Angleichung der Frau an den Mann, die sogenannte Gleichheitsposition. In ihrem Werk „Das Unbehagen der Geschlechter“ befasst sich Butler diesbezüglich mit der Französin Simone de Beauvoir (1908-1986), die als Begründerin der Gleichheitsposition gilt. Butlers Ansichten wurden stark durch die Theorien Simone de Beauvoirs beeinflusst. Doch auch weitere französische Autoren und Philosophen wie Jacques Derrida, Luce Irigaray (geboren 1930), Julia Kristeva (geboren 1941), Monique Wittig (1935-2003) und hauptsächlich Michael Foucault prägten Butlers Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“. Der Dekonstruktivismus erfährt in der gegenwärtig poststrukturalistischen Umgebung einen Aufschwung. Diese Theorieströmungen radikalisierten Ende der 60er Jahre den Strukturalismus und führten zu dessen Fortgang. Butler ist der Auffassung, dass sich die Gesellschaft des Westens durch ihre sprachliche, machtförmige Strukturierung entwickelt hat.

Nach Butler lässt sich das Geschlecht als diskursiver Effekt verstehen. In Anknüpfung an Foucault führt die Anwendung von Macht nach Butler nicht nur zu negativen Resultaten, im engeren Sinne also nicht nur zur Unterdrückung des Körpers, der Sexualität usw., sondern der Diskurs lässt auch etwas entstehen. Dies würde bedeuten, dass das biologische Geschlecht ein Produkt des Diskurses wäre.

Mit Diskurs istjedoch zunächst erstmal nur das lesen, schreiben, reden gemeint. Es beinhaltet also beispielsweise das Gespräch, die Rede und Widerrede. Erst durch die Gegenüberstellung von Sprache und Sprechen erhält der Begriff Diskurs seine Bedeutung.

Die Definition von Diskurs nach dem Poststrukturalismus betrachtet, besagt, dass Menschen eher „geredet werden“, als das sie selber reden. Der Sinn des Gesehenen oder Gehörten wird also nicht von der Person vorgegeben, die verbal oder nonverbal etwas ausdrückt, sondern der Sinn wird unter anderem durch das Zeichensystem, durch Wahrheitsregeln und durch die Macht bestimmt. Das würde bedeuten, dass die Subjekte keine Macht über ihr eigens Gesagtes haben und die tatsächliche Rede der Sprache erst einen Sinn verleiht.

Entsprechend der Definition von Diskurs im Poststrukturalismus sind Sprache und Subjekt aneinander gebunden. Zur Begrifflichkeit des Poststrukturalismus ist anzumerken, dass dieser nicht mit der Postmoderne gleichzusetzen ist, sondern die Weiterentwicklung des Strukturalismus beinhaltet. Zu den Vertretern des Strukturalismus zählt unter anderem der Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure (1857-1913). Er ist der Begründer des Zeichensystems der Sprache und gliederte das Zeichen in zwei Bestandteile. Zum einen setzt sich das Zeichen nach Ferdinand de Saussure zusammen aus einem Zeichenausdruck, dem Signifikant und einem Zeicheninhalt, dem Signifikat, die in einer willkürlichen (arbiträren) Beziehung zueinander stehen.

Für die Poststrukturalisten existiert keine einzig richtige Bedeutung. Ganz im Gegenteil üben Poststrukturalisten, zu denen unter anderem auch die Theoretiker wie Judit Butler, Michael Foucault, Jacques Derrida und Louis Althusser zählen, Kritik an für sie nur scheinbar stabilen Diskursen und Strukturen. Des weiteren kritisiert der Poststrukturalismus das binäre System, unter anderem deren Gegenüberstellung von Frau/Mann, Hell/Dunkel, weil für ihn der

Verstand über dem Gefühl steht. Angesicht der Poststrukturalisten sind Diskurse, gesellschaftliche Ordnungen und Strukturen mit Machtformen verknüpft, die die jeweiligen Herrschaftsverhältnisse bestimmen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Fragen nach der Dekonstruktion von diskursiven Machtverhältnissen, um die binäre Denkweise aufzulösen.

„Diskurs ist nicht nur gesprochene Wörter, sondern ein Begriff der Bedeutung; nicht bloß, wie kommt es, dass bestimmte Signifikanten bedeuten, was sie nun mal bedeuten, sondern wie bestimmte diskursive Formen Objekte und Subjekte in ihrer Intelligibilität ausdrücken. In diesem Sinne benutze ich das Wort „Diskurs“ nicht in seiner alltagssprachlichen Bedeutung, sondern ich beziehe mich damit auf Foucault. Ein Diskurs stellt nicht einfach vorhandene Praktiken und Beziehungen dar, sondern er tritt in ihre Ausdrucksformen ein und ist in diesem Sinne produktiv (Butler 1993b: 129).“5

Nach der poststrukturalistischen Denkweise wird also die Sprache nicht getrennt von dem Subjekt gesehen und der Diskurs als Ort der Subjektwerdung deklariert. Das würde bedeuten, dass die Rede selbst, den Sprecher zum Subjekt macht. Diskurse veranlassen es, dem Sprecher sinnvoll geordnete Objekte für seine Rede zur Verfügung zu stellen. Butler interessiert sich nicht beispielsweise für die Klassifizierung in soziale (Haus,...) und natürliche Umwelt (Blume,.), sondern dafür, warum bestimmte Bezeichnungen für uns intelligibel, das heißt sinnvoll und verständlich, sind.

Diese Anmerkungen geben nur einen kleinen Teil der Geschlechtertheorie von Butler preis, jedoch wird ein Überblick darüber verschafft, inwieweit sich Butlers poststrukturalistische Vorstellung von Sprache, Diskurs und Subjekt auf das Geschlecht auswirkt. Die Frage, wie sich das Geschlecht nach Butler nun genau konstruiert, möchte ich im nächsten Abschnitt näher erläutern.

Begriffsklärungen:

2.1 Konstruktion von Geschlecht

Die Debatte um die „Konstruktion von Geschlecht“ oder die „Kategorie Geschlecht“ wurde in vielen Kreisen stark diskutiert und von Butler weiter fortgeführt. Im Zentrum dieser Debatte geht es weniger darum die Geschlechtszugehörigkeit anhand bestimmter Merkmale und Eigenschaften von Individuen ausfindig zu machen und zu thematisieren, sondern die sozialen Prozesse erkennbar zu machen, wo das Geschlecht reproduziert wird und zum Vorschein kommt. Alles dreht sich dabei um die zentrale Frage, wie es zu einer Zweiteilung der Geschlechter Mann und Frau kommt.

[...]


1 vgl. Hilge Landweer/ Mechthild Rumpf; Kritik der Kategorie Geschlecht, Feministische Studien 1993, S. 4.

2 Hilge Landweer/ Mechthild Rumpf; Kritik der Kategorie Geschlecht, Feministische Studien 1993, Einleitung.

3 vgl. StanislawaPaulus; IdentitätausserKontrolle, S. 56-58.

4 Judith Butler; Das Unbehagen der Geschlechter, S. 33.

5 SylviaMerlene Wilz; Geschlechterdifferenzen-Geschlechterdifferenzierungen 2008, S. 214.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Zur Radikalität der Geschlechtertheorie von Judith Butler
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Hauptseminar: Kritik der Gewalt
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V233483
ISBN (eBook)
9783656504573
ISBN (Buch)
9783656504818
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
radikalität, geschlechtertheorie, judith, butler
Arbeit zitieren
Dana Michaelis (Autor), 2009, Zur Radikalität der Geschlechtertheorie von Judith Butler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233483

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