Ist Tugend notwendig zum Glück?

Wenn jeder neben seinem eigenen Wohl auch das der anderen anstreben würde, könnte die Welt sich bessern.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

33 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Der Begriff der Tugend von der Antike zur Moderne
2.1 Begriffsklärung „Tugend“
2.2 Aristoteles
2.2.1 Glücksbegriffe und das Streben nach Glück in der Philosophie
2.2.2 Glück als erlernbares Gut – Der Tugendbegriff bei Aristoteles
2.2.3 Der Weg der Mitte
2.3 John Stuart Mill
2.3.1 Glücksphilosophie der Moderne und der Sinn des Lebens
2.3.2 Der Utilitarismus
2.3.3 Die Bedingungen zur Lösung der "sozialen Frage"

3. Vergleich der Standpunkte von Aristoteles und Mill
3.1 Gemeinsamkeiten
3.2 Unterschiede

4. Welche Rolle spielen Tugend und Glück bei der Yasuni-Debatte?
4.1 Der Yasuni-Nationalpark
4.2 Die Suche nach Lösungsansätzen
4.2.1 Die Yasuni-Debatte und Mill
4.2.2 Die Yasuni-Debatte und Aristoteles

5. Schlussbetrachtung

Anhang:
- Literatur- und Quellenverzeichnis

Ist Tugend notwendig zum Glück?

Wenn jeder neben seinem eigenen Wohl auch das der anderen anstreben würde, könnte die Welt sich bessern.

1. Einleitung

Die Frage nach dem Glück erstreckt sich bereits über die 2500 Jahre alte Philosophiegeschichte und so setzte das Streben nach Glück in der Antike den Grundstein für das Glücksstreben in der Moderne. Auch der Tugend-Begriff, der seit der Antike stark an das Glück geknüpft wurde, hat sich in dieser Zeit stark verändert. Zu den Verfechtern antiker Tugenden zählten beispielsweise Platon, Sokrates und Aristoteles. Das Werk „Nikomachische Ethik“ von Aristoteles wurde für viele Philosophen wie William Paley oder Jeremy Bentham die Grundlage anschließender Tugenddiskussionen, der Theorie der Ethik und der Sozialphilosophie. Nach Auffassung von William Paley und Jeremy Bentham kann eine Handlung dann als ethisch gut eingestuft werden, wenn sie einer größtmöglichen Anzahl von Personen Glück beschert. James Mill und sein Sohn John Stuart Mill griffen diese Debatte auf und entwickelten sie weiter.

Das Thema, mit dem ich mich in dieser Hausarbeit auseinander setzen werde, zielt auf die Beantwortung der Frage ab, ob Tugend notwendig ist, um glücklich zu sein. Ich werde mich dabei in Kapitel 2 mit dem Tugend- und Glücksbegriff der Antike am Beispiel von Aristoteles und dem der Moderne am Beispiel von John Stuart Mill auseinandersetzen. Ich werde mich dabei vorwiegend auf die Werke ,,Nikomachische Ethik" von Aristoteles und „Der Utilitarismus“ und „Political Economy“ von John Stuart Mill stützen. Es wird mir dabei unter anderem in Kapitel 2 um die Beantwortung folgender Fragen gehen:

Was genau ist dieses „Glück“, wonach sich ein jeder Mensch sehnt? Inwieweit findet sich der Begriff der Tugend im Utilitarismus von Mill wieder? Können nur tugendhafte Menschen wahrhaftig glücklich sein? Um Glück im Leben zu erfahren, gab Aristoteles einen Rahmen vor, an dem man sich orientieren konnte. Doch gilt dieser Rahmen auch noch für das Glücksstreben in der Moderne? Hat sich der Begriff der Tugend von der Antike zur Moderne gewandelt?

Im Anschluss an das zweite Kapitel werde ich Aristoteles und John Stuart Mill einander gegenüberstellen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Hinblick auf deren Glücks- und Tugendbegriff herauskristallisieren zu können.

Zum Ende hin werde ich darauf aufbauend auf die aktuelle Diskussion um die Ölförderung im Yasuni-Nationalpark eingehen. So werde ich mich im Kapitel 4 beispielsweise den folgenden Fragen zuwenden:

Wie lassen sich die vorangegangen Fragen mit der Yasuni-Kontroverse verknüpfen? Welche Rolle spielt das Streben nach Glück bei der Yasuni-Kontroverse? Welche Sichtweise würde Mill bei der Diskussion um die Ölförderung im Yasuni-Nationalpark vertreten?

Letzten Endes wird es mir in dieser Hausarbeit hauptsächlich darum gehen, zu klären, inwieweit John Stuart Mill und Aristoteles sich bei ihren Ansichten zum Streben nach Glück und in Hinblick auf ein tugendhaftes Leben einander annähern oder voneinander unterscheiden und was das für die Yasuni-Kontroverse beinhaltet? Am Ende soll die Frage, ob Tugend wirklich nützlich ist, um Glück zu erfahren, geklärt sein und für die Yasuni-Debatte einen Lösungsansatz bereitstehen.

Zum Abschluss werde ich die wichtigsten Ansätze noch einmal zusammenfassen und persönlich Stellung beziehen. Doch zunächst einmal zum Begriff der Tugend.

2. Der Begriff der Tugend von der Antike zur Moderne

2.1 Begriffsklärung „Tugend“

Der Begriff „Tugend“ stand in der griechischen Antike für das Erziehungsideal der Aristokraten, das die Eltern auf ihre Kinder übertragen sollten. Die Sophisten waren die Tugendlehrer der Wohlhabenden. Aufgrund ihrer Ansicht, dass Wahrheit und Moral relativ und abhängig vom persönlichen Interesse seien und demzufolge ihres Erachtens auch die Rhetorik erlernbar sei, entzündete sich einen langwieriger Streit in Griechenland.[1]

Sokrates entwickelte daraufhin eine These der Lehrbarkeit und setze sich damit auseinander, ob „aretê“, die Tugend, überhaupt lehrbar ist.

„Die Übersetzung von arete mit Tugend ist geläufig, aber nicht unproblematisch. Das Wort Tugend stammt von dem altdeutschen Wort „tugunt“ und hängt mit dem Verb „taugen“ zusammen. Die Tugenden taugen zur Führung eines guten Leben, und wer Tugenden übt, taugt etwas. (Fellsches 1996, S. 21)“[2]

In Athen verstand man den Begriff „aretê“ als handlungsleitende Klugheit und Kompetenz, die sich nur auf einzelne Lebensbereiche beziehen konnte. Demnach galt sie nicht als universell, sondern nur für etwas der Sache spezifisches. Für Platon findet sich die vollkommene „aretê“ in der Harmonie des idealen Zusammenspiels der drei Einzeltugenden „Tapferkeit“, „Besonnenheit“ und „Weisheit“ wieder. Sowohl für Sokrates als für auch Platon nimmt „aretê“ Bezug auf technê“. Erst Aristoteles löst diesen Hauptbezug auf und differenziert zwischen den einzelnen Tugenden an sich, weil er es für unlogisch erachtet, Tugend als guten Seelenzustand definieren zu wollen. Doch auf Aristoteles werde ich noch in späteren Kapiteln genauer eingehen, denn in seinem bedeutungsvollen Werk „Nikomachische Ethik“ befasste er sich mit gerade jener Frage nach der „aretê“ des Menschen.[3]

Für Augustinus hingegen besteht die Einheit der Tugenden in der Gottesliebe. Seiner Meinung nach wird der Mensch nicht aus eigener Kraft gerecht, „sondern Kraft der mitgeteilten Gerechtigkeit Gottes, für die der Glaube empfänglich macht.“[4]

In der heutigen Moderne versteht man die Tugend als andauerndes Bestreben, sittlich gut und moralisch gesinnt zu handeln. Die Kardinaltugenden sind hier ebenso die „Gerechtigkeit“, „Tapferkeit“, „Besonnenheit“ und „Weisheit“.[5]

Schlussendlich ist die Tugend ein Zusammenschluss platonischer und christlicher Teile, die in der heutigen Lebenswelt jedoch mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Heutzutage wird nur selten derjenige höher geachtet, der einen höheren Grad in den Tugenden erreichen konnte. Stattdessen erlangt derjenige erhöhtes Ansehen, der mit größerem Besitz ausgestattet ist. In unserer heutigen Gesellschaft wird das Streben nach Besitz und Reichtum der Tugendhaftigkeit wohl oftmals vorgezogen.

Im Folgenden werde ich nun ausgehend von der Antike und hin zur Moderne das Glücksstreben und den Tugendbegriff am Beispiel von Aristoteles und John Stuart Mill thematisieren.

2.2 Aristoteles

2.2.1 Glücksbegriffe und das Streben nach Glück in der Philosophie

Die Glücksbegriffe klassifizieren sich zum Einen um die „Tyche“, die als Zeustochter und Göttin der Glücksfügung bekannt ist und zum Anderen um den „Daimon“, was etwas Übernatürliches beinhaltet oder auch als göttliches Wesen Verwendung findet.[6] Das Glück gliedert sich zum Einen in „zufälliges Glück“ und zum Anderen in „anhaltendes Glück“. Das Erstgenannte kann zum Beispiel die Gunst oder Ungunst der unvorhersehbaren Umstände betreffen und das Zweitgenannte Glücksgefühle oder Glückseligkeit beinhalten.[7]

In der Antike ging man davon aus, dass sowohl Glück als auch Unglück für den Menschen etwas Unverfügbares und Gottgegebenes seien. Bereits hier übernahm die Philosophie die Rolle eines Wegweisers zur Lebenskunst. Der Glücksbegriff der Antike äußerte sich in dem Bemühen der Philosophen, objektive Glücksmaßstäbe zu entwickeln, im Sinne der Erfüllung des Lebensglücks. In der Moderne entwickelte man stattdessen subjektive Glücksmaßstäbe, im Sinne des Empfindungsglücks der Individuen.

Als glücklich im Zusammenhang mit der „Eudaimonia“, die auch als Glückseligkeit bezeichnet wird, galt man in der Antike, wenn man im Besitz eines guten „Daimon“ war, der zu einer tugendhaften Lebensführung anleitete.[8]

„Denn zum Begriff des Wertvollen (konkret der Eudaimonia) gehört die „Vollkommenheit“, die sich selbst genug ist (1097 a25-b21).“[9]

Sokrates war der Auffassung, dass die „Eudaimonia“ ein Ziel vorgibt, was für jeden erlangbar ist, um ein vernünftiges und tugendhaftes Leben zu führen. Seines Erachtens stelle es keine Bevorzugung der Vornehmen und von den Göttern Begünstigten dar.

„Sokrates kann zwar nicht positiv lehren und so das Streben der Seele, Wirklichkeit zu treffen, erfüllen (228 cl-d2), sein „reinigendes Wirken“ aber schafft die Bedingung für die Belehrung, die zur Eudaimonia führt (227 b5-230 e4).“[10]

Mit seinem Todesurteil und in Anbetracht seiner Lebensführung hat Sokrates angemerkt, dass man im Notfall besser daran täte, Unrecht zu erleiden als Unrecht zu tun. Diese Auffassung hat die ihm folgenden Philosophen in ihrem Denken über das Glück stark beeinflusst.

Auch Platon orientierte sich an dem Glücksbegriff von Sokrates. Im Sinne Platons war die „Eudaimonia“ zur Gerechtigkeit verpflichtet. Platon war der Auffassung, dass die menschliche Seele drei Teile hat: Die Vernunft, den Mut und die Triebe.[11] Nach Platon müssen alle drei Seelenteile im Gleichgewicht miteinander verbunden sein, damit ein Mensch glücklich sein kann.

„Die unauflösbare Einheit von Arete, insbesondere von umfassender Gerechtigkeit, und dem Glück des Menschen ist ein zentraler Gedanke in Platons Werk; dies wird in den Staatsentwürfen der Politeia und der Nomoi, aber auch in Gorigias deutlich. Analog zum Glück des Menschen sich die Eudaimonia der Polis:“[12]

Die „Nikomachische Ethik“ von Aristoteles machte es sich ebenso zur Aufgabe, das Glück zu definieren und einen allgemeingültigen Weg zum Glücklichsein aufzuzeigen. Aristoteles stellte sich dabei die Frage, wie die Seele und der Geist beschaffen sein müssen und welche Tugenden der Mensch inne haben sollte, damit das menschliche Leben glückt.

Er eröffnete erstmalig die Möglichkeit, dass der Mensch sein persönliches Glück durch selbstständiges Handeln erreichen kann und war der Auffassung, dass Glück den „Menschen innerlich eigen ist“.[13]

Das bedeutet, durch ein gerechtes, gutes und tugendhaftes Leben sei das Glück nach Aristoteles gewährleistet. Damit wird die „Eudaimonia“ als Götterhuld zu einem menschenwürdigen Wohlverhalten umgewandelt und die Frage nach dem Glück verlagert sich in den Bereich der Ethik.

„Also: die Glückseligkeit stellt sich dar als ein Vollendetes und sich selbst Genügendes, da sie das Endziel alles Handelns ist.“[14]

Außerdem ist die Glückseligkeit nach Aristoteles „eine gewisse tugendgemäße Tätigkeit der Seele.“[15] Vollendet glücklich ist ein Mensch seines Erachtens dann, wenn er sowohl sein Leben tugendgemäß verbringt, als auch mit äußeren Gütern zureichend ausgestattet ist.

„Als glücklich (felix) können die Menschen gelten, die gemäß vollendeter Tugend leben und hinreichend mit äußeren Gütern ausgestattet sind.“[16]

Dem Staat kommt dabei die Aufgabe zu, in dem Menschen das Gute hervorzubringen und für politische Stabilität im Lande zu sorgen. Somit ist die Politik mit der Ethik auf eine Stufe zu stellen. Die Politik muss nach Ansicht von Aristoteles Rahmenbedingungen für das Glück schaffen.[17] Bei den einzelnen Menschen kann Glück bereits seine Vollendung finden, aber im Staat ist eine Steigerung des Glücks nur durch das Gemeinwohl möglich.[18] Nicht nur das Dasein der gegenwärtig lebenden Freunde, Mitmenschen und Familienmitglieder wird hierbei berücksichtigt, sondern auch das Schicksal der Nachkommenschaft. An dieser Stelle diagnostiziert Aristoteles ein Paradoxon. Ein Mensch, der ein glückliches Leben führte und einen glücklichen Tod fand, kann nach seinem Versterben trotzallem noch Glück oder Unglück erfahren. Hervorgerufen werden kann es seines Erachtens durch seine Familienmitglieder oder Nachfahren, durch Ehren oder Unehren.[19] Letzten Endes findet aber auch Aristoteles keine Lösung für dieses Problem. Glück kann nach Aristoteles aber auch als ein erlernbares Gut bezeichnet werden.

[...]


[1] Vgl.: Hoyer, Timo: Tugend und Moralphilosophie. Die Grundlegung der Moralpädagogik in der Antike.2005. S. 43-47.

[2] Hoyer, Timo: Tugend und Moralphilosophie. Die Grundlegung der Moralpädagogik in der Antike. 2005. S. 73.

[3] Vgl.: Hoyer, Timo: Tugend und Moralphilosophie. Die Grundlegung der Moralpädagogik in der Antike. 2005. S. 88-118.

[4] Vgl.: Hoyer, Timo: Tugend und Moralphilosophie. Die Grundlegung der Moralpädagogik in der Antike. 2005. S. 159.

[5] Vgl.: Hoyer, Timo: Tugend und Moralphilosophie. Die Grundlegung der Moralpädagogik in der Antike. 2005. S. 218f.

[6] Vgl.: Alkofer, Andreas-Pazifikus: Suche Glück!- Aber jage ihm nach? 2004. S. 19f.

[7] Vgl.: Alkofer, Andreas-Pazifikus: Suche Glück!- Aber jage ihm nach? 2004. S. 175f.

[8] Vgl.: Hoyer, Timo: Tugend und Moralphilosophie. Die Grundlegung der Moralpädagogik in der Antike. 2005. S. 73f.

[9] Hentschke, Ada Babette: Politik und Philosophie bei Platon und Aristoteles. 2004. S. 378.

[10] Hentschke, Ada Babette: Politik und Philosophie bei Platon und Aristoteles. 2004. S. 27.

[11] Vgl.: Schulz, Walter: Philosophie in der veränderten Welt. 2001. 7. Auflage. S. 341ff.

[12] Wilke, Brigitte: Vergangenheit als Norm in der platonischen Staatsphilophie. 1997. S. 43.

[13] Aristoteles: Nikomachische Ethik. 2009. S. 12.

[14] Aristoteles: Nikomachische Ethik. 2009. S. 18.

[15] Aristoteles: Nikomachische Ethik. 2009. S. 25.

[16] Leonhardt, Rochus: Glück als Vollendung des Menschseins. 1998. S. 144.

[17] Vgl.: Aristoteles: Nikomachische Ethik. 2009. S. 25, S. 31f.

[18] Vgl.: Schmid, Wilhelm: Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung. 2000. S. 19.

[19] Vgl.: Aristoteles: Nikomachische Ethik. 2009. S. 26f.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Ist Tugend notwendig zum Glück?
Untertitel
Wenn jeder neben seinem eigenen Wohl auch das der anderen anstreben würde, könnte die Welt sich bessern.
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Hauptseminar: Entwicklung und Gerechtigkeit
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
33
Katalognummer
V233485
ISBN (eBook)
9783656501039
ISBN (Buch)
9783656501817
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tugend, glück, wenn, wohl, welt
Arbeit zitieren
Dana Michaelis (Autor), 2012, Ist Tugend notwendig zum Glück?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233485

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