Wie dem Titel bereits zu entnehmen, handelt es sich bei der folgenden Arbeit um eine kritische Auseinandersetzung mit der Philosophie Bernhard Waldenfels. Insbesondere mit seiner, von ihm in vielerlei Hinsicht bedachter, Philosophie des Fremden. In dieser entwickelt er einen phänomenologischen Begriff des Selbst, das sich in einem Zusammenspiel mit Fremdem als dem außerhalb des Selbst stehenden bildet. Hierbei bedarf das Selbst der Möglichkeit für Fremdes empfänglich zu sein, wodurch eine Beziehung zwischen Selbst und Fremdem entsteht, durch die das Fremde immer schon im Selbst vorzufinden ist. Dieser Begriff des Selbst wird im folgenden herausgearbeiten, um ihn bezüglich seiner zeitlichen Momente zu betrachten. Es wird hierbei nicht um einen objektivierten Begriff der Zeit gehen, den wir in der Lage sind, von außen zu betrachten. Vielmehr bedingt eine phänomenologische Analyse des Selbst bereits eine Zeitlichkeit, deren Charakteristika sich in unserer Wahrnehmung und deren Reflexion auftun. Demnach handelt es sich um den Versuch, das Selbst in seiner, uns durch Wahrnehmung und Empfindung gegebenen, Eigenart zu begreifen. Dieses Selbst, das sich als ein immer schon Veränderndes zeigt, soll daraufhin in Bezug auf seine eigene Zeitlichkeit untersucht werden. Zudem wird im letzten Teil dieser Arbeit der Bezug des Selbst zu seinem Leib ausführlicher betrachtet und somit der Leib in seiner Rolle als Vermittler zwischen dem wahrnehmenden Selbst und dem wahrgenommenen Fremden analysiert. Auch die Betrachtung des Leibes soll unter dem Aspekt der Zeitlichkeit stattfinden, da dieser letztendlich die direkte Schnittstelle zwischen Wahrnehmendem und Wahrgenommenem verkörpert.
Da wir es bei Waldenfels mit einem Selbst zu tun haben, welches sich im Zusammentreffen mit dem Fremden und dem Anderen bildet und zugleich als Wahrnehmendes selbst Ausgangspunkt seiner eigenen Zeitlichkeit ist, scheint es sich von vornherein um ein zeitliches Selbst zu handeln. Diese Art der Zeitlichkeit, die bereits in unserem Sein zur Welt und in unserem selbst zu sein scheint, soll herausgearbeitet und in ihrem Bezug auf das Selbst und den Anderen analysiert werden. Jedoch soll es nicht dabei bleiben, sich auf einem Selbst ausruhen, welches in seiner phänomenologischen Betrachtungsweise notwendigerweise zeitlich ist. Vielmehr sollte es Versuch sein, die Zeitlichkeit im Kontext der Entstehung des Selbst zu begreifen, um zu sehen, inwiefern unser Dasein selbst einem Verhältnis zu Zeit bedarf.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Das Fremde
1. Ordnung des Eigenen durch Abgrenzung von Fremdem
2. Pathos und Response
3. Ich als Anderer
4. Zeitliche Diastase
5. Unerreichbarkeit in der Wiederholung
III. Die Zeit
1. Fremde Zukunft
2. Vergangene Antwort
3. Gleichzeitigkeit in der Ungleichzeitigkeit
IV. Der Leib
1. Zeitliches Selbst
2. Die Welt und der Andere
3. Vielheit in der Einheit
V. Schluss
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Selbst und Fremdem im Rahmen der Phänomenologie von Bernhard Waldenfels, mit einem speziellen Fokus auf die zeitliche Dimension und die Rolle des Leibes. Die zentrale Forschungsfrage widmet sich der Frage, wie das Selbst durch das Zusammentreffen mit dem Fremden konstituiert wird und in welcher Weise dieses „zeitliche Selbst“ in seiner Fremdheit zu begreifen ist.
- Phänomenologie des Fremden nach Bernhard Waldenfels
- Konstitution des Selbst durch das „Andere“
- Zeitliche Diastase als Spaltung im Selbsterleben
- Leiblichkeit als Vermittler zwischen Wahrnehmendem und Fremdem
- Die Dialektik von Wiederholung und Selbstveränderung
Auszug aus dem Buch
1. Ordnung des Eigenen durch Abgrenzung von Fremdem
Eigenes, welches aus der Grenzziehung zwischen einem Innen und einem Außen entsteht, hat für Waldenfels immer schon die Form einer Ordnung, auf dessen Grundlage erst das Fremde als eine nicht zu erreichende Möglichkeit hervortritt. Diese eigene Ordnung ist folglich der Ausgangspunkt einer ständigen Grenzziehung, die letztendlich das Eigene vom Fremden abgrenzt. „Denn ohne die Ordnung, in der man fühlt, spricht, denkt, lebt und die uns umgibt wie eine Atmosphäre, wäre niemand, wer er ist, wäre nichts, was es ist.“ Gerade diese vorausgesetzte Ordnung, die es uns unmöglich macht einen neutralen Standpunkt einzunehmen, ist der Ort, an dem das Fremde uns trifft. Sie ist der Grund überhaupt, warum uns Fremdes treffen kann und zugleich der Ort, der mittels des Fremden gebildet wird. Hierbei zeigt sich sehr deutlich, dass die eigene Ordnung immer auch eine individuelle ist und daher das Fremde, da es dem Außerhalb des Eigenen entspricht, nur in Bezug zu einer jeweiligen eigenen Ordnung gedacht werden kann. In diesem Sinne beschreibt Gerhard Unterthurner in seinem Text „Logiken des Innen und Außen nach Waldenfels“ das Fremde als einen Überschuss, der nicht in einer weiteren Ordnung gefasst werden kann, sondern anwesend ist in der eigenen Ordnung, durch welchen diese über sich selbst hinausgetrieben wird. Auf der einen Seite haben wir dementsprechend das Verhältnis von Innen und Außen, dem Eigenes und Fremdes entsprechen, auf der anderen Seite unterliegt diese Grenzziehung einer ständigen Verschiebung.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Einführung in die Thematik der Zeitlichkeit und die theoretische Grundlage der Phänomenologie des Fremden nach Waldenfels.
II. Das Fremde: Untersuchung der konstitutiven Rolle des Fremden für das Selbst durch Begriffe wie Pathos, Response und die zeitliche Diastase.
III. Die Zeit: Analyse der zeitlichen Struktur des Selbst im Hinblick auf die Zukunft, die Vergangenheit und die Gleichzeitigkeit.
IV. Der Leib: Betrachtung der Rolle des Leibes als Vermittlungsinstanz zwischen dem Selbst, der Welt und dem Anderen.
V. Schluss: Synthese der Ergebnisse zur Unzugänglichkeit des Selbst und der Bedeutung von Geburt und Tod als Grenzphänomene.
Schlüsselwörter
Bernhard Waldenfels, Phänomenologie, Das Fremde, Zeitlichkeit, Selbstkonstitution, Zeitliche Diastase, Leiblichkeit, Pathos und Response, Wiederholung, Grenzerfahrung, In-der-Welt-sein, Differenz, Identität, Andersheit, Wahrnehmung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die philosophische Auseinandersetzung mit der Fremderfahrung bei Bernhard Waldenfels und untersucht, wie sich das Selbst in seinem zeitlichen Vollzug durch die Begegnung mit dem Fremden konstituiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit konzentriert sich auf die Phänomenologie des Fremden, die zeitliche Struktur des menschlichen Erlebens (Zeitlichkeit) sowie die Rolle des Leibes als Schnittstelle zwischen Eigenem und Fremdem.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Begriff des Selbst bei Waldenfels herauszuarbeiten und zu analysieren, inwiefern unser Dasein auf eine ständige Vermittlung mit dem Fremden angewiesen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine phänomenologische Analyse angewandt, die sich auf die Schriften von Bernhard Waldenfels stützt und dabei auch Bezüge zu anderen Philosophen wie Merleau-Ponty, Levinas und Sartre herstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Fremden, die Analyse der Zeitlichkeit und die Betrachtung der Rolle des Leibes, wobei insbesondere die Dialektik der Wiederholung und die zeitliche Spaltung (Diastase) im Fokus stehen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem: Phänomenologie, Fremdheit, zeitliche Diastase, Leiblichkeit, Pathos und Response sowie das Selbst als Prozess der ständigen Veränderung.
Wie definiert Waldenfels das „Fremde“ im Kontext dieser Arbeit?
Das Fremde ist bei Waldenfels das, was außerhalb der eigenen Möglichkeiten und Reichweite steht, sich entzieht und gerade durch dieses Entziehen die eigene Ordnung herausfordert und konstituiert.
Welche besondere Rolle spielt die „zeitliche Diastase“?
Die zeitliche Diastase beschreibt den unüberwindbaren Spalt zwischen dem Pathos des Fremden und der antwortenden Response des Selbst, wodurch das Selbst zeitlich und räumlich in einen Prozess der ständigen Differenzbildung versetzt wird.
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- Christoph Müller (Author), 2012, Zur Philosophie des Fremden nach Bernhard Waldenfels, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233584