Athener Demokratie. Anspruch und Wirklichkeit

Aristoteles´ 'Politik' und die Athener Demokratie des 4. und 5. Jahrhunderts


Hausarbeit, 2010

19 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2. Die Entstehung der Athener Demokratie
2.1. Solon
2.2 Kleisthenes bis Perikles

3. Aristoteles Theorien zu Verfassungen und Verfassungsidealen
3.1. Staatsverfassungen-Typologie: Demokratie und Oligarchie
3.2. Untertypen von Oligarchie und Demokratie
3.3 Politie
3.4. Das Prinzip der Mitte
3.5. Organisation der Verfassungsinstitutionen

4. Das demokratische Leben in Athen im 5. und 4. Jahrhundert
4.1. Institutionen und ihre Träger
4.1.1 Die Volksversammlung, Ekklesia
4.1.2. Der Rat der Fünfhundert/ Die Boule
4.1.3. Die Geschworenengerichte- Dikasteria

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

How did Athenian democracy work? Wie hat die Athener Demokratie funktioniert? Das ist die erst Frage, die sich der Oxforder Althistoriker Robin Osborne im Kapitel „Athenian democracy: something to celebrate?“ seines Buches „Athens and Athenian Democracy“1 stellt. Wie hält man einen Staatsapparat aufrecht, wenn alle wichtigen Entscheidungen auf Treffen gefasst, bei denen jeder gerade anwesende Athener Bürger stimmberechtigt ist. Zumal sie von Beamten geführt werden, die hauptsächlich durch das Los bestimmt wurden (Vgl. Osborne, 2010: S. 27). Diese Fragen beschäftigen Historiker und politische Theoretiker bis gleichermaßen. Von den Historikern kann man versuchen, sich möglichst ein genaues Bild der athenischen Wirklichkeit ableiten zu können. Und politische Theoretiker versuchen, aus erhaltenen Texten die damalige Theoriebildung nach zu vollziehen, um Rückschlüsse auch für unser heutiges politisches System zu erwerben.

In dieser Hausarbeit soll daher auch die athenische Demokratie und ihre Organe genauer untersucht werden. Da die Entstehungsgesschichte dieser Demokratie sehr komplex ist, nichtsdestotrotz aber wichtig, um einige Phänomene der athenischen Gesellschaft zu erklären, werde ich auf die wichtigsten Stationen der Entstehung kurz eingehen (gestützt auf die „Die athenische Demokratie“ von Jochen Bleicken und das gleich lautende Buch von Angela Prabst). Im theoretischen Mittelpunkt steht dann die Schrift „Politik“ von Aristoteles. In dieser beschreibt er die verschiedenen Verfassungsmodelle an sich und entwickelt sein Modell der Politie, das er von Demokratie und Oligarchie abgrenzt. Dieses System der Politie als Verfassungsideal werde ich dann im dritten Teil mit der historischen Realität vergleichen, wobei ich mich aufgrund der Komplexität des politischen Betriebs aber auf die Hauptinstitutionen Volksversammlung, Rat und Geschworenengerichte beschränkt habe. Anhand deren Zusammensetzung kann man nach zeichnen, wie viel von Aristoteles´ Ideen seinen Niederschlag in der Athener Demokratie des fünften und vierten Jahrhunderts fand. Als Quelle dienten hier abermals Bleicken und der Finne Tuttu Tarkainen (Der Staat der Athener). Aristoteles selber hat sich i n seiner Schrift „Die Verfassung der Athener“ ebenfalls zu Geschichte und und Verfassung Athens geäußert, allerdings bleiben seine Schilderungen deskriptiv und unvollständig, sind also kein so hilfreiches Instrument bei der Bewertung. Außerdem ist Aristoteles´Autorschaft sehr umstritten. Das Fazit fasst alle vorherigen Gedanken noch einmal zusammen.

2. Die Entstehung der Athener Demokratie

2.1. Solon

Die Umstände, die schlussendlich zu dem führten, was wir heutzutage als Athener Demokratie und Staatsbürgerkultur bezeichnen, sind kompliziert und vielschichtig, außerdem gab es für diese Art von Strukturwandel keinen Präzedenzfall oder eine Blaupause, die athenische Demokratie entwickelte sich dynamisch Schritt für Schritt (manchmal auch zurück) in sehr vielen kleinen Etappen. Ich werde daher hier nur einen kurzen einleitenden Abriss über die Entstehungszusammenhänge geben können, gestützt auf den Althistoriker Jochen Bleicken und sein Werk „Die athenische Demokratie“.

Bei Bleicken beinnen die ersten demokratischen Reformen mit dem Vorsokratiker Solon. Was Solon im Jahre 594 vor Christus vorfand, waren bereits „erste Umrisse eines institutionalisierten Gemeinwesens“ (Vgl. Bleicken, S.20): Es gab den Adelsrat Areopag, der über wichtige Belange der Stadt entschied, die neun Archonten sowie eine Art Gerichtsbarkeit, bestehend aus den 51 Epheten, also eine Oligarchie. Solon übernahm die Stadt in einer Zeit tiefer Spaltung, besonders ökonomischer, die sowohl unter den mächtigen Adelsfamilien als auch zwischen Adligen und Volk entstanden waren. Um diesen Zustand zu befrieden, trat Solon als eine Art Schiedsrichter auf (Vgl. Bleicken, 1994: S. 22). Die wichtigste Änderung durch seine Reformen bestand darin, politische Mitgestaltungsrechte nicht nur an Familien-, sondern auch an Vermögen zu binden. Damit schuf Solon eine dreiklassige Gesellschaft, deren Hauptmerkmale und Spielräume von den pekuniären Möglichkeiten ihrer Mitglieder ausgelotet wurden. Später fand man den Begriff Timokratie für diese Form der Herrschaft, der bis heute gültig ist. Mit den neuen Mitbestimmungsrechten, kamen auch andere Neuerungen, unter anderem das Aufteilen Athens in zehn Phylen. Mit den Reformen besaß jeder vermögende Mensch ein passives Wahlrecht und Athener Bürger über ihre Phylen ein aktives.

Mit der Brechung der Macht des Adels und Verschiebung des Gleichgewichts zugunsten der (vermögenden) Bürger begann die unumkehrbare Hinwendung der Athener zu der Demokratie. Allerdings verweist Bleicken auch mit Nachdruck auf die exogenen Faktoren, die in Kombination mit endogenen Reformen, zur Herausbildung einer Art gleichwertiger Bürgergesellschaft führten. Allen voran sieht Bleicken hier die kriegerische Auseinandersetzung mit den Persern als Motor der „Gleichmachung“: „Die gemeinsam in der Schlachtreihe Stehenden waren die neuen „Aktivbürger“. Gerade der Krieg mit seiner auf Gleichheit und den - im wahrsten Sinne des Wortes in der Schlacht erforderlichen - Gleichschritt ausgerichteten Lebensweise mußte das Bewußtsein der politischen Einheit und Verantwortlichkeit stärken.“ (Vgl. Bleicken 1994:, Seite 23f.).

In ähnlichem Licht beurteilt Bleicken auch den Flottenausbau unter Themistokles ab 483, für deren schieren Bedarf an Ruderern viele arme Bürger Athens heran gezogen worden waren, welche später für diese Dienste politische Partizipation verlangten (S57).

2.2 Kleisthenes bis Perikles

Nach Solon kamen eine ganze Reihe von athenischen Staatsmännern, die auf ihre Weise zur Entstehung der Demokratie beitrugen. Ein wichtiger Schritt zu einer größeren Partizipation aller männlichen Bürger war Kleisthenes Phylenreform, mit der er den späteren Rat der 500 schaffte. Ebenfalls unter seiner Ägide wurde der Ostrakismos eingeführt, das berühmte Scherbengericht, mit dem alle Athener Bürger in einer einmal im Jahr stattfindenden Versammlung einen Bürger per Mehrheitsbschluss verbannen konnten damit waren zum ersten Mal wiklich viele Menschen an einer politischen Entscheidung beteiligt. Allerdings gelang es erst Ephialtes um 461 mit dem Sturz des Aeropags die alten Privilegien und Machtansprüche des Adels zu kippen. Er übertrug die Kontrolle der Beamten von nun an der kompletten Bevölkerung Athens. Dies war laut Bleicken ebenfalls ein wichtiger Schritt: „Die Demokratie ist vor allem durch die Auflösung derjenigen politischen Macht bestimmt, die seit der Adelszeit die Stadt gelenkt hatten, die der Beamten.“ (Bleicken S.45) Das darauf folgende „perikleische Zeitalter“ gilt als die erste demokratische Gesellschaftsordnung.

Zusammenfassend kann man den Prozess der Demokratisierung also als ein Zusammenspiel von inneren (Reformen) und äußeren Faktoren (Forderung nach mehr Mitsprache infolge der vielen Kriege Athens) bezeichnen. Bezeichnend ist auch der immer wieder kehrende Zwist zwischen der reichen Oberschicht Athens und den vielen Armen, deren Interessen in der Regel diametral gegeneinander liefen. Diese Konfliktlinie zieht sich auch durch das Denken von Aristoteles. Auch wichtig zu erwähnen ist die fehlende Theorie als Überbau. Die athenische Demokratie ist wie schon erwähnt dynamisch gewachsen und stützte sich nicht, wie so viele Demokratisierungsprozesse der Neuzeit, auf schon vorhandene Verfassungstheorie.

Der erste, der Verfassungen systematisch und für seine Verhältnisse wissenschaftlich untersuchte, sowie Staatsformen wie Demokratie und Oligarchie prüfend gegeneinander abwägte, war dann auch Aristoteles. Seine Gedanken zu Verfassungen und Regierungsformen bilden die Grundlage des theoretischen Teils dieser Arbeit.

3. Aristoteles Theorien zu Verfassungen und Verfassungsidealen

Im dritten Band seines Buches „Politik“ beschäftigt sich Aristoteles mit den unterschiedlichen Formen von Herrschaft und deren Verfassungen. Aristoteles definiert vier Richtungen als Verfassungstypen: Demokratie, Oligarchie, Aristokratie und Alleinherrschaft. Zudem gibt es die Form der Politie, die mehr oder weniger eine Mischform aus Demokratie und Oligarchie darstellt und die ich im nächsten Kapitel behandeln werde. Vorerst werden die Typen Oligarchie und Demokratie beschrieben. Alle Seitenangaben, auf die ich in diesem theoretischen Teil verweise stammen aus der „Politik“ des Aristoteles2

[...]


1 Robin Osborne: „Athens and Athenian Democracy“, Cambridge University Press, 2010

2 Ich habe mich dabei auf die Reclamausgabe des Werks gestützt. Aristoteles (2010): Politik, Hrsg. U Übers. von Franz F. Schwarz, Copyright 1989 Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Athener Demokratie. Anspruch und Wirklichkeit
Untertitel
Aristoteles´ 'Politik' und die Athener Demokratie des 4. und 5. Jahrhunderts
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Politikwissenschaft und Soziologie)
Note
1.3
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V233618
ISBN (eBook)
9783656502302
ISBN (Buch)
9783656503705
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aristoteles, Politik, Demokratietheorie, Athen
Arbeit zitieren
Paul-Jasper Dittrich (Autor), 2010, Athener Demokratie. Anspruch und Wirklichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233618

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