„Die liberale Demokratie lebt aus der inneren Spannung zwischen der Privilegierung von Eigentumsrechten einerseits und einem substantiellen Begriff von Gleichheit andererseits, zu dem heute auch die Menschenrechte gezählt werden.“ Diese Überlegung äußerte die Soziologin Saskia Sassen unlängst in einem Artikel, in dem sie sich mit den Ursachen der Krise der Demokratien in den „westlichen“ Staaten auseinandersetzt. Für Sassen scheint festzustehen, dass soziale Ungleichheit etwas negatives und Gleichheit etwas erstrebenswertes ist. Mit dieser Ansicht sind viele Menschen vertraut und in vielen Hinterköpfen mögen bei dieser Überlegung das ferne Echo der Parolen politischer Emanzipationsbewegungen seit der französischen Revolution und der Ausrufung der Menschenrechte erklingen. Die moralisch intuitive Annahme, dass Gleichheit per se etwas mit Gerechtigkeit zu tun hat, geriet in jüngster Vergangenheit jedoch vermehrt in die Kritik zahlreicher Philosophen und Philosophinnen. Der Begriff der politischen Gleichheit ist in der philosophischen Diskussion heute keineswegs so unumstritten, wie es für eine Demokratie, die sich ständig auf dieses Prinzip beruft, von Vorteil wäre. Auch wenn die Debatte viel weiter zurückreicht, so hat sie in den letzten drei Dekaden des 20. Jahrhunderts gehörig an Brisanz gewonnen. Dabei entwickelte sich die akademische Diskussion, die vornehmlich aber nicht nur, im angloamerikanischen Raum geführt wurde und wird von einer „Equality-of-What?“-Frage zu einer grundlegenderen „Why-Equality?“-Debatte, die nun den Egalitarismus als politisches Prinzip grundsätzlich in Frage stellte.
Inhaltsverzeichnis
Einführung
1. Egalitarismus und Egalitarismuskritik
2. Elizabeth Andersons Kritik des „Schicksalsegalitarismus“
3. Exkurs: strenger und rhetorischer Egalitarismus
4. Die „Theorie der demokratischen Gleichheit“
5. Die Theorie der demokratischen Gleichheit und die nonegalitaristische Argumentation
5.1 Der Einwand der Verwechslung von Gleichheit mit Allgemeinheit
5.2 Der Paternalismus-Vorwurf
5.3 Der Einwand der Verkennung der Komplexität der Gerechtigkeitskultur
5.4 Der Utopie-Vorwurf
6. Gleichheit als soziales Verhältnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Elizabeth Andersons „Theorie der demokratischen Gleichheit“ im Kontext der zeitgenössischen Egalitarismuskritik, um zu klären, inwiefern ihr relationaler Ansatz eine überzeugende Alternative zum sogenannten Schicksalsegalitarismus darstellt.
- Kritische Analyse des Schicksalsegalitarismus und seiner Defizite.
- Gegenüberstellung von distributiver Gerechtigkeit und relationaler Gleichheit.
- Untersuchung der Argumente von Egalitarismus-Kritikern wie Joseph Raz und Angelika Krebs.
- Anwendung der Theorie auf aktuelle gesellschaftliche Fragen wie die Geschlechtergerechtigkeit.
Auszug aus dem Buch
Elizabeth Andersons Kritik des „Schicksalsegalitarismus“
Elizabeth Anderson beginnt ihren Aufsatz mit einer Aufzählung von Arbeiten über den Egalitarismus, die nach ihrem Dafürhalten die wesentliche Anliegen zeitgenössischer egalitärer Bewegungen aus den Augen verloren haben. Sie äußert die Beobachtung, dass neuere Publikationen, die egalitaristische Theorien behandeln, wenig gemein haben mit den politischen Gleichheitsforderungen von in der Gesellschaft strukturell benachteiligten Menschen, wie Behinderten, Homosexuellen und Frauen. Der Grund für diese, zurecht als verschoben beschriebene, Perspektive sei ein falsches Verständnis von Gleichheit, das sich etabliert und welches „die Entschädigung für unverdientes Pech […] zur wesentlichen Aufgabe einer Gleichheitstheorie erklärt“ habe. Dem widersprechend plädiert sie für eine Besinnung auf das eigentliche Wesen des Egalitarismus, dessen negative Absicht fordere Unterdrückung, die aus Ungleichheit resultiert und „definitionsgemäß ein soziales Phänomen“ sei aus der Welt zu schaffen und dessen positives Ziel es sei, die gesellschaftlichen Verhältnisse derart zu gestalten, dass Menschen sich als Gleiche begegnen können. In ihrem Artikel verfolgt sie die Absicht die erstgenannte Auffassung, die sie „luck egalitarianism“ oder „equality of fortune“ nennt, anzufechten und ihr ein Konzept der „democratic equality“ gegenüber zu stellen.
Für die Vertreter dieses Schicksalsegalitarismus gelten laut Anderson zwei Prämissen: unverdientes, unverschuldetes Unglück sollte erstens kompensiert werden und die Mittel dieser Entschädigung sollten zweitens aus dem unverdienten Wohlstand der Glücklicheren stammen. Der institutionelle Rahmen, der diese Umverteilung von Gütern gewährleisten soll, besteht aus einer Mischung von freier Marktwirtschaft und Wohlfahrtsstaat. Eine wesentliche Rolle für den Modus der Verteilung spielt in den Theorien des Glücksegalitarismus die Unterscheidung zwischen kalkulierbarem Pech („bad option luck“) und reinem Pech („bad brute luck“). Gemeint ist damit der Unterschied zwischen Ergebnissen, die aus einer willentlichen, bewussten Handlung eines Menschen resultieren und solchen, für die der oder die Einzelne nicht verantwortlich ist.
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Krise der politischen Gleichheit und führt in die wissenschaftliche Debatte zwischen Egalitaristen und ihren Kritikern ein.
1. Egalitarismus und Egalitarismuskritik: Dieses Kapitel definiert den klassischen Egalitarismus als Theorie der distributiven Gerechtigkeit und stellt die zentralen Kritikpunkte wie die „levelling-down-objection“ vor.
2. Elizabeth Andersons Kritik des „Schicksalsegalitarismus“: Hier wird Andersons Auseinandersetzung mit dem Schicksalsegalitarismus dargestellt, insbesondere ihre Ablehnung der einseitigen Fokussierung auf die Kompensation von unverdientem Pech.
3. Exkurs: strenger und rhetorischer Egalitarismus: Dieser Abschnitt analysiert nach Joseph Raz und Kirsten Meyer, wann Forderungen nach Gleichheit tatsächlich egalitär sind und wann sie lediglich rhetorischen Charakter haben.
4. Die „Theorie der demokratischen Gleichheit“: Dieses Kapitel führt Andersons Kernkonzept ein, das Gleichheit nicht als Verteilungsmodus, sondern als soziales Verhältnis definiert.
5. Die Theorie der demokratischen Gleichheit und die nonegalitaristische Argumentation: Hier wird Andersons Ansatz systematisch mit den vier Hauptvorwürfen der Egalitarismuskritik (Allgemeinheit, Paternalismus, Komplexität, Utopie) konfrontiert und verteidigt.
6. Gleichheit als soziales Verhältnis: Das abschließende Kapitel überträgt die theoretischen Erkenntnisse auf die praktische Problematik der Geschlechtergleichstellung.
Schlüsselwörter
Egalitarismus, Schicksalsegalitarismus, demokratische Gleichheit, Elizabeth Anderson, distributive Gerechtigkeit, soziale Beziehungen, Paternalismus, Chancengleichheit, Anerkennung, politisches Prinzip, Gesellschaft, Geschlechtergerechtigkeit, Struktur, Unterdrückung, Gerechtigkeitskultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert kritisch das Konzept der „Theorie der demokratischen Gleichheit“ von Elizabeth Anderson und setzt dieses in den Kontext der modernen Debatte um den Egalitarismus.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Kontroverse um distributive versus relationale Gleichheit sowie die Auseinandersetzung mit der Kritik an egalitären Gerechtigkeitskonzeptionen.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Die Arbeit fragt, ob Andersons relationaler Ansatz die Mängel des Schicksalsegalitarismus überwinden kann und wie eine gerechte Gesellschaft, verstanden als Gemeinschaft Gleicher, theoretisch fundiert werden kann.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Es handelt sich um eine philosophische Rekonstruktion und kritische Diskursanalyse von Primärquellen, ergänzt durch die Anwendung theoretischer Konzepte auf aktuelle gesellschaftliche Probleme.
Was umfasst der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in die Aufarbeitung des klassischen Egalitarismus, die detaillierte Darstellung der Andersons-Kritik sowie die Konfrontation dieser Theorie mit gängigen nonegalitaristischen Einwänden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Argumentation?
Wichtige Leitbegriffe sind „Schicksalsegalitarismus“, „relationale Theorie“, „soziales Verhältnis“, „demokratische Gleichheit“ sowie der „Paternalismus-Vorwurf“.
Wie unterscheidet sich Andersons Theorie vom „Schicksalsegalitarismus“?
Während der Schicksalsegalitarismus primär nach einem gerechten Modus der Güterverteilung sucht, fokussiert sich Anderson auf die sozialen Beziehungen, die sicherstellen sollen, dass Menschen sich als Gleiche begegnen.
Inwiefern spielt der „Paternalismus-Vorwurf“ eine Rolle?
Er dient als zentrales Argument gegen den Schicksalsegalitarismus, da dieser dem Staat die Befugnis gibt, moralische Urteile über das Verhalten seiner Bürger zu fällen, was Anderson als entmündigend kritisiert.
Wie wird das Problem der Geschlechtergleichheit durch Andersons Theorie betrachtet?
Anderson würde Geschlechterungerechtigkeit nicht bloß als Verteilungsproblem sehen, sondern als strukturelles negatives soziales Verhältnis, dessen Behebung die gesellschaftliche Anerkennung und Partizipation aller Menschen erfordert.
Warum lehnt die Arbeit die Diskussion um den „intrinsischen Wert der Gleichheit“ ab?
In Anlehnung an Kirsten Meyer wird darauf verwiesen, dass diese Debatte oft in einer Sackgasse endet und für die Begründung konkreter politischer Gleichheitsforderungen nicht zielführend ist.
- Arbeit zitieren
- Sebastian Ballmann (Autor:in), 2012, Elizabeth Andersons "Theorie der demokratischen Gleichheit" und die Egalitarismuskritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233642