Die Überwindung des eigenen Ich. Die politische Tugend der Demokratie in Montesquieus "De l’Esprit des Lois"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

18 Seiten, Note: 1


Leseprobe

INHALT

Einführung

I. Methodische Vorbemerkungen

II. Die Regierungsformen in Montesquieus Staatstheorie
II.1. Natur der Regierungsformen
II.2. Prinzip der Regierungsformen
II.2.1. Monarchie und Despotie
II.2.2. Aristokratie und Demokratie

III. Montesquieus Tugendbegriff

IV. Rahmenbedingungen für die politische Tugend
IV.1. Erziehung zur Tugend
IV.2. Soziale und ökonomische Gleichheit
IV.3. Rechtlicher Rahmen
IV.4. Verhältnis Bürger – Staat

V. Konzept der Bürgertugend
V.1. Tugend als Neigung
V.2. Pflicht zur Tugend

VI. Ausblick

VII. Literatur- und Quellenverzeichnis

Einführung

Paul Ginsborg stellt in seinem bemerkenswerten Essay „Wie Demokratie leben“ fest, dass die liberale Demokratie im 21. Jahrhundert in einer qualitativen Krise zu stecken scheint. Trotz eines quantitativen Siegeszuges unseres politischen Systems seit dem Wegfall des globalen Systemgegensatzes 1989 offenbarten sich Defizite, die sich an sinkenden Wahlbeteiligungen und an einem Vertrauensverlust der Bürger und Bürgerinnen in „die demokratischen Institutionen und die politische Klasse im Allgemeinen“ erkennen lassen.[1] Parallel dazu lässt sich eine steigende Popularität (rechts-)populistischer Parolen und Parteien in Europa beobachten, die vermeintlich einfache Antworten parat haben, mit denen sie auf komplexe Probleme reagieren. Als Beispiel für letzteres kann der jüngste Wahlerfolg des Front National in Frankreich herangezogen werden, der sich durch europaskeptische und ausländerfeindliche Aussagen als Alternative auf dem politischen Parkett anbietet.

Einer der zahlreichen Gründe für diese Demokratieverdrossenheit ist nach meinem Dafürhalten die Entfremdung der liberalen Demokratien von ihrem eigentlichen Wesen, dem Bekenntnis und Umsetzen der Werte und des humanistischen Erbes der Aufklärung. Als Begründung für diesen Stillstand der Aufklärung wurde oft auf die Ökonomisierung von Sphären, wie dem Bildungswesen, der öffentlichen Daseinsfürsorge und dem sozialen Miteinander der Menschen, hingewiesen, die nicht nach ökonomischen Prinzipien gestaltet sein sollten. Doch die wichtige Frage nach historischen Entwicklungen, die zu den demokratischen und sozialen Defiziten geführt haben, soll hier ausgeblendet werden und anstatt dessen nach den Wurzeln der modernen Demokratie, die in die Epoche der Aufklärung zurückreichen, gefragt werden. Es erscheint wichtig, ja dringend notwendig, dass demokratische Staaten ihre Werte und ihre politischen Prinzipien, auf die sie sich berufen, nicht einfach als gegeben hinnehmen, sondern sie in der öffentlichen Auseinandersetzung mit Leben füllen und sich ihrer immer wieder aufs Neue versichern. Die vorliegende Hausarbeit kehrt mit dieser Intention zu einem bedeutenden Denker der Aufklärung Charles-Louis de Secondat, Baron de Montesquieu zurück und will in dessen Werk De l'Esprit de Lois der Frage nach der Beschaffenheit einer politischen Bürgertugend als Voraussetzung für die demokratische Gesellschaft nachspüren.

I. Methodische Vorbemerkungen

1. Zunächst sei angemerkt, dass Montesquieus keineswegs die Intention angedichtet werden soll im Esprit de Lois eine politische Anleitung dafür geschrieben zu haben, wie eine gute Demokratie eingerichtet werden sollte. Er war Monarchist und ihm ging es eher um Beschreibung und Analyse der Regierungsform mit dem Ziel den Geist der Gesetze zu fassen. Trotzdem ergeben sich aus seiner deskriptiven Herangehensweise Bedingungen, die er einer funktionierenden Demokratie zugrunde legt, und die damit eine normative Kraft entfalten.
2. Wenn in der vorliegenden Arbeit die Rede von den Bürgern und Bürger innen, bzw. dem Bürger und der Bürger in die Rede ist, geschieht dies nur aus der politischen Überzeugung und persönlichen Intention ihres Verfassers und im Bewusstsein des Anachronismus. Montesquieu erwähnt an keinem Ort des Esprit de Lois eine Gleichstellung der Geschlechter und eine solche soll ihm damit auch nicht unterstellt werden. Im Gegenteil äußert er sich im genannten Werk eindeutig über die für ihn notwendige Unterordnung der Frau.
3. Wenn von Bürger oder Bürgerin, bzw. von Bürgertugend die Rede ist, meine ich in der gesamten Arbeit ausschließlich den Staatsangehörigen, bzw. die Staatsangehörige (im Sinne des citizen oder citoyen) und nicht die Sozialformation.
4. Außerdem wir die Tugend, die an dieser Stelle besprochen werden soll, synonym als politische Tugend oder Bürgertugend bezeichnet und bezieht sich nur auf die bei Montesquieu vorkommende Bedeutung und auf keine anderen Definitionen oder Konzepte. Dies geschieht im Bewusstsein, dass der Autor des EdL vor dem Hintergrund des Bildungskanons seiner Zeit auf die antike Tugendlehre zurückgegriffen und auch andere Tugendkonzepte, z.B. die virtù bei Machiavelli, gekannt hat. Doch diesen Einflüssen hier durch weitere Untersuchung gerecht zu werden, hieße den formalen Rahmen der Arbeit zu sprengen.
5. Ich habe bei der Ausarbeitung der Hausarbeit auf Sekundärliteratur weitgehend verzichtet, da sich meine Frage durch die direkte Arbeit mit Montesquieus Text beantworten ließ. Lediglich Überblicksdarstellungen wurden herangezogen, aber aus diesen wurden keine Gedanken übernommen, so dass alle Fußnoten im Hauptteil nur auf Montesquieu Bezug nehmen. Die Seitenzahlen beziehen sich auf die von Kurt Weigand herausgegebene Reclam-Ausgabe (siehe Literaturverzeichnis).
6. Bei meinem eingangs genannten Unterfangen, die politische Tugend im Esprit de Lois zu untersuchen, will ich folgendermaßen vorgehen: ich werde zunächst die Einführung der Tugend in Montesquieus Betrachtungen der Regierungsformen nachvollziehen, dann knapp auf dessen Begriff der Tugend eingehen, anschließend die sozialen, ökonomischen und institutionellen Rahmenbedingungen behandeln, um dann in einem letzten Teil das Konzept der politischen Bürgertugend in diesen Kontext einzubetten.

II. Die Regierungsformen in Montesquieus Staatstheorie

Für die übergeordnete Fragestellung sind vor allem die Gedanken Montesquieus zu „Natur“ und „Prinzip“ der Regierungsformen relevant, die grundlegend für seine weitere Argumentation sind und uns seinem Tugendbegriff näher bringen werden. Obwohl hier von der Natur der Sache her der Fokus auf der demokratischen Republik liegen wird, will ich die anderen Regierungsformen nicht gänzlich unerwähnt lassen, da Montesquieus Überlegungen zu den Staatsformen oftmals erst in der Abgrenzung untereinander an Schärfe gewinnen.

Anstatt wie Aristoteles den drei guten Regierungsformen Monarchie, Aristokratie und Politie ihre negativen Pendants Tyrannis, Oligarchie und Demokratie entgegenzusetzen, nahm Montesquieu eine bis dahin neue Einteilung der Staatsformen vor. Er stellte den gemäßigten Staatsformen Monarchie und Republik, die eine Volksherrschaft oder die Herrschaft weniger bedeuten kann, eine entartete Regierungsform, die Despotie, gegenüber.[2]

II.1. Natur der Regierungsformen

Im ersten Kapitel des zweiten Buches des EdL führt Montesquieu aus, dass die Natur der drei Regierungsformen sich daraus ergibt, wer die oberste Gewalt im Staat inne hat: in einer Republik sei das entweder ein Teil der Bevölkerung (Aristokratie) oder die gesamte Bevölkerung (Demokratie); in einer Monarchie sei die Macht zwar auf eine Person vereint, aber durch bestimmte Gesetze eingeschränkt; während in einer Despotie eine Person allein und uneingeschränkt herrsche.[3] Wenn er an anderer Stelle schreibt, die „Natur [einer Regierung, S.B.] macht sie zu dem, was sie ist“, meint er hier die Form, die „besondere Struktur“ der Staatsform, letztendlich ihre Verfassung.[4]

II.2. Prinzip der Regierungsformen

Das Prinzip einer Regierungsform ergibt sich für Montesquieu aus der Natur derselben. Und er präzisiert: „ihr Prinzip bringt sie zum Handeln“, denn hier gehe es um die „menschlichen Leidenschaften, die sie in Bewegung setzen.“[5] Diese Leidenschaften sind für ihn die Antriebsgründe der Menschen, die Gesetze ihrer jeweiligen Staates zu befolgen und gut zu heißen. Falls das Prinzip der jeweiligen Regierungsform in einem bestimmten Staat nicht existiere, so sei die „Regierungsform nicht ganz realisiert“[6].

II.2.1. Monarchie und Despotie

In der Monarchie macht Montesquieu die Ehre als das bestimmende, gesellschaftliche Prinzip aus. Denn diese entspreche der angestrebten, hierarchischen Sozialordnung und den vorausgesetzten Vorzügen und Rangunterschieden unter den Menschen einer solchen Regierungsform am besten. Der Ehrgeiz sei hier das verbindende Element, das Streben nach dem eigenen Wohl befördere außerdem das Allgemeinwohl und werde durch beständige Gesetze ausreichend beschränkt.[7] Letztere seien auch der Ersatz für eine politische Tugend, die in einer Monarchie zwar bestehen könne, aber nicht notwendig für deren Funktionieren sei.

In einer Despotie hingegen, so der Autor, könne die Ehre nicht maßgebend sein, weil „hier alle Sklaven sind“. Sie wäre dem Machthaber bei der Gewaltausübung gegen seine Untertanen nur hinderlich. Hier herrsche die Furcht, denn nur durch die beständige Machtdemonstration des Herrscher durch Terror ließen sich die Menschen hier dauerhaft beherrschen.[8]

II.2.2. Aristokratie und Demokratie

Im Gegensatz zur Monarchie, in der laut Montesquieu die Gesetze und die Gewalt des Herrschers die Ordnung aufrecht erhalten, müsse in einer Republik die entscheidende Triebfeder die Tugend sein. In der Aristokratie besteht diese für ihn in der Selbstbeschränkung, bzw. eigenen Mäßigung der herrschenden Sozialformation, um die Gleichstellung untereinander zu gewährleisten. Die beherrschte Bevölkerung in der Aristokratie muss nicht tugendhaft sein, da sie nicht durch die Macht – die sie nicht besitzt – korrumpiert werden kann.[9]

Da dies in einer Demokratie sehr wohl der Fall sein kann, sei hier die Tugend noch dringender nötig. Denn diejenigen, die für die Einhaltung der Gesetze sorgen sollen, seien ebenso von diesen betroffen wie alle anderen. Und damit hier der Verlockung des Machtmissbrauches widerstanden werden könne und auch tatsächlich auf die Einhaltung von Gesetzen, die möglicherweise eigene Nachteile bedeuten, gedrängt wird, sei wahre politische Tugend vonnöten. Verliert die Bevölkerung diese, drohe letztendlich der Zerfall der Republik, da diese zwischen dem Ehrgeiz und der Habsucht der Einzelnen zerrieben werden würde.[10]

III. Montesquieus Tugendbegriff

Eine Definition der Tugend gibt der Verfasser des EdL gleich im zweiten Kapitel des Fünften Buches: „Tugend ist in einer Republik eine sehr einfache Sache: sie ist die Liebe (l'amour) zur Republik. Das ist eine Gefühl (un sentiment) und keine Folgerung aus Erkenntnissen.“[11]

Mit dieser „Liebe zur Republik“, von der oft synonym als „Liebe zum Vaterland“ die Rede ist[12], meint er die aktive Identifikation des Bürgers oder der Bürgerin mit der Regierungsform, bzw. dem Staat. Und diese Grundhaltung bedeutet das permanente Hintenanstellen der eigenen Bedürfnisse und Wünsche und „eine unablässige Entscheidung für das öffentliche Wohl“[13] und je weniger die Menschen sich den „privaten Leidenschaften“ widmeten, desto mehr profitiere das Allgemeinwohl davon. Und weiter sei die Liebe zur Republik in einer Demokratie die Liebe zur Gleichheit und Genügsamkeit.[14]

IV. Rahmenbedingungen für die politische Tugend

Damit sich die politische Tugend – und damit die demokratische Gesellschaft – jedoch realisieren lässt, müssen bestimmte Vor- oder Rahmenbedingungen sozialer, ökonomischer und institutioneller Natur existieren. Diese Prämissen stellt der Autor zwar nicht explizit als solche dar, trotzdem werden sie in seinen Ausführungen ersichtlich und ich will sie im folgenden vorstellen.

[...]


[1] Paul Ginsborg: Wie Demokratie leben, Berlin 2008, S. 29.

[2] Zusätzlich sieht er auch eine Form der extremen Demokratie, die sich als Mehrheitsdiktatur beschreiben ließe, räumt dieser aber keinen Platz unter seinen Regierungsformen ein. Mehr dazu in Kap. IV.2, S. 10.

[3] Vgl. EdL, II, 1; S. 104.

[4] Vgl. EdL, III, 1; S. 117.

[5] Vgl. EdL, III, 1; S. 117.

[6] Vgl. EdL, III, 11; S. 129.

[7] Vgl. EdL, III, 7; S. 124, 125.

[8] Vgl. EdL, III, 9; S. 126, 127.

[9] Vgl. EdL, III, 4; S. 121

[10] Vgl. EdL, III, 3; S. 36: „So bald diese Tugend schwindet, ergreift der Ehrgeiz die dafür empfänglichen Herzen, und der Geiz die Herzen aller anderen. [...] Was Maxime war, nennt man Strenge, was Regelung hieß, nennt man Zwang, was man Vorsicht hieß, nennt man Furcht. [...] Die Republik ist nun ein Beutestück. Ihre Kraft ist nur noch die Macht einiger Bürger und die Haltlosigkeit aller.“

[11] Zitiert nach: EdL, V, 2; S. 138.

[12] Vgl. EdL, Vorwort, S. 92, wo es auch ergänzend heißt: „Sie ist weder eine moralische, noch eine christliche Tugend, vielmehr eine politische “.

[13] Vgl. EdL, IV, 5; S. 136 und EdL, III, 5; S. 123: „Ich spreche hier von der politischen Tugend, die nur insoweit Tugend ist, als diese auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist“.

[14] Vgl. EdL, V, 2; S. 139 f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Überwindung des eigenen Ich. Die politische Tugend der Demokratie in Montesquieus "De l’Esprit des Lois"
Hochschule
Universität Potsdam  (Historisches Institut)
Veranstaltung
"Montesquieu"
Note
1
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V233646
ISBN (eBook)
9783656505433
ISBN (Buch)
9783656617280
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Anhand von Montesquieus "De l'Esprit de Lois" wird dessen Ansicht über die demokratische Tugend, die für das Funktionieren einer Demokratie unerlässlich ist, nachvollzogen.
Schlagworte
überwindung, tugend, demokratie, montesquieus, lois
Arbeit zitieren
Sebastian Ballmann (Autor), 2012, Die Überwindung des eigenen Ich. Die politische Tugend der Demokratie in Montesquieus "De l’Esprit des Lois", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233646

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