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Die Todsünde. Eine Motivierungsstrategie im Eneasroman?

Title: Die Todsünde. Eine Motivierungsstrategie im Eneasroman?

Seminar Paper , 2012 , 31 Pages , Grade: 5 (Schweiz)

Autor:in: Bachelor Sandro Tschuor (Author)

German Studies - Older German Literature, Medieval Studies
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Die Schlacht bei Troja, die Irrfahrten des Aeneas und seine Kämpfe in Latium um die Herr-schaft Italiens waren immer wieder beliebte Sujets für Erzählungen. So wurde dieser Stoff auch einige Male im Mittelalter wiedererzählt (roman d`eneas, Eneasroman, Liet von troye usw.). Schon Vergils Erzählung lehnt sich an die Ilias und die Odyssee von Homer an. In die-sem Sinne kann man seine Bücher 1-6 (Aufbruch vom zerstörten Troja bis zur Zukunftswei-sung bei der Unterweltsfahrt) als das römische Pendant zur Odyssee und die Bücher 7-12 (Landung in Italien, Kämpfe, Sieg über Turnus, Vollendung des Götterauftrags) als dasjenige zur Ilias lesen. Obwohl der Stoff (materia) von Vergil im Sinne der wichtigsten Handlungs-sequenzen sich über die Jahrhunderte treu blieb, kam es auf verschiedenen Ebenen des Textes zu Adaptionen an die zeitgenössischen Ausrichtungen und Interessen der Gesellschaft. Dies betrifft alle Aspekte der Erzählung. Die Tradierung des Stoffes aus der lateinisch-polytheistischen Kultur in eine deutsche-monotheistische oder französisch-monotheistische war mit vielen Reflexionen über den discours der Erzählung verbunden. Wie konnte der mit-telhochdeutsche Autor einem mittelalterlichen Hofpublikum dieselbe materia präsentieren, dass die Geschichte mit Interesse gehört wurde und der Text auch einen kohärenten Sinn in den Köpfen der Rezipienten entwickelte?
In der folgenden Analyse geht es mir vor allem um die Frage: Wie löst Veldeke das Problem der Motivierung der einzelnen Erzählereignisse, wenn er im Vergleich zur Vergilversion fast sämtliche Götterszenen aus seiner Erzählung herausstreicht (auch im Vergleich zum roman d`eneas kürzt er rigoroser heraus)? Im vergil`schen Text sind nämlich stets die Götter die Auslöser (und somit die kausalen Motivierungen) einer Handlung auf der Erde. Im Mittelalter ist aber der antike Polytheismus dem christlichen Monotheismus gewichen und alle antiken Götter wurden dämonisiert. Wie motiviert Veldeke seine Version des Äneisstoffes?

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Anmerkungen zur strukturalistischen Erzählanalyse

2.1.„Das Erzählen und das Erzählte“

2.2.Das Vier-Stufen-Modell der erzählten Handlung

2.3.Kontingenz als Widersacher der Motivierung?

3. Erzählen als Wiedererzählen im Mittelalter

3.1.Der Quellenumgang im Mittelalter

3.2.Quellenumgang Veldekes für die Eneit

4. Analyse der Motivierungsstrategien bei Vergil und Veldeke

4.1.Finale Motivierung?

4.2.Kausale Motivationen zu einzelnen Erzählungssequenzen

4.2.1. Die Initiation der Handlung

4.2.2. Eneas Aufbruch aus Troja – Göttlich motiviert oder kontingenter Bauchentscheid?

4.2.3. Didos Empfang für Eneas als Besiegelung ihres Endes?

4.2.4. Beginn des Krieges in Latium

4.2.5. Der Tod des Turnus

5. Schlusswort

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht, wie Heinrich von Veldeke im „Eneasroman“ das Problem der Motivierung von Handlungsereignissen löst, nachdem er im Vergleich zu Vergils „Aeneis“ nahezu alle göttlichen Eingriffe gestrichen hat. Dabei steht die Frage im Zentrum, ob und wie die durch die Reduktion des Götterpersonals entstandenen Leerstellen durch neue, zeitgenössische Konzepte wie die christliche Todsünde oder menschliche Psychologie kompensiert werden.

  • Strukturalistische Erzählanalyse (Diskurs vs. Histoire)
  • Mittelalterliche Wiedererzählungskultur
  • Transformation des antiken Fatum zum christlichen Weltbild
  • Funktionalisierung menschlicher Emotionen (Neid, Zorn, Angst) als Motivationsfaktoren
  • Rolle der Kontingenz im literarischen Text

Auszug aus dem Buch

4.2.2 Eneas Aufbruch aus Troja – Göttlich motiviert oder kontingenter Bauchentscheid?

Vergil erzählt uns im zweiten Buch, als Aeneas bei Dido angekommen ist, in einer Rückblende die Geschehnisse von Troja. Dort liest man, dass zunächst der weinende Hector Aeneas im Traum erscheint und ihm mitteilt, er solle die Penaten ergreifen und fliehen, da Troja nicht gerettet werden könne. Trotzdem stürzt sich Aeneas in den Kampf. Priamus und viele andere fallen. Als Aeneas gerade im Begriff ist, Helena, als Rache für den Fall Trojas, zu erschlagen, erscheint ihm sein Mutter Venus in Form eines strahlenden Lichts („pura per noctem in luce refulsit“). Sie hüllt ihn in eine `Tarnwolke` und befiehlt ihm ebenfalls nach Hause zu gehen und die Flucht zu ergreifen.

Bei Veldeke zeigt sich uns ein leicht modifizierter Ablauf. Er beginnt mit einem sehr kurzen und knappen Resümee, dass Troja unter Feuer stehe und er einen Helden mit Namen Eneas kenne. Dieser Held wohnt im südlichen Teil der Stadt, was ihn vom Kampfgeschehen entfernt und er wird in der Folge auch nie in den tobenden Kampf eingreifen. Es wird nur gesagt, dass er „von den goten vernomen,/ daz her dannen solde komen [...]“. Diese Botschaft wird nicht einmal in einer Figurenrede an Eneas gerichtet, sondern einfach so nebenbei in die Erzählerrede eingeflochten. Gerok-Reiter meint, dass man schon anhand dieses Beispiels erkennt, wie die mythologischen Akteure ins „Off der Narratio“ gestellt werden. Dieses Zurückdrängen der Götter mitsamt ihrem Auftrag für den Protagonisten distanziert sie von der Handlung und schafft einen Freiraum für den Erzähler/ Autor neue Akzente in den Text einzufügen.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Motivierung des Äneis-Stoffes ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach Veldekes Umgang mit dem antiken Polytheismus im Vergleich zur christlich-mittelalterlichen Erzählweise.

2. Theoretische Anmerkungen zur strukturalistischen Erzählanalyse: Dieses Kapitel erläutert narratologische Grundbegriffe wie Ereignis, Geschehen und Geschichte sowie die verschiedenen Formen der Motivierung (kausal, final, kompositorisch) nach Martinez/Scheffel.

3. Erzählen als Wiedererzählen im Mittelalter: Hier wird der mittelalterliche Quellenumgang und die poetologische Praxis der „dilatatio“ und „abbrevatio“ analysiert, um das Verständnis von Originalität und Transformation zu klären.

4. Analyse der Motivierungsstrategien bei Vergil und Veldeke: Der Hauptteil untersucht anhand konkreter Sequenzen (Aufbruch aus Troja, Didos Empfang, Kriegsbeginn, Tod des Turnus) die gezielte Streichung göttlicher Interventionen bei Veldeke zugunsten menschlicher psychologischer oder moralischer Motive wie der Todsünden.

5. Schlusswort: Das Schlusswort fasst zusammen, dass Veldeke die Götter zwar nicht vollständig eliminieren kann, sie aber so weit distanziert, dass dem Helden eine höhere Eigenverantwortung und somit eine menschlichere Charakterentwicklung zugeschrieben werden kann.

Schlüsselwörter

Eneasroman, Heinrich von Veldeke, Vergil, Aeneis, Motivierung, Narratologie, Kontingenz, Todsünde, strukturalistische Erzählanalyse, Wiedererzählung, Mittelalter, Mythos, Handlungsautonomie, Literaturwissenschaft, Epik

Hufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert die erzähltechnischen Veränderungen beim Transfer des klassischen Aeneis-Stoffes in den mittelhochdeutschen Eneasroman von Heinrich von Veldeke, mit Fokus auf die Frage, wie Handlungseinheiten motiviert werden.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Die Themen umfassen die strukturalistische Narratologie, die mittelalterliche Rezeption antiker Stoffe (Translatio), das Konzept der Kontingenz im literarischen Text sowie die christliche Umdeutung antiker Göttermotive.

Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?

Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Veldeke die fast vollständige Streichung der antiken Götter ausgleicht, um eine kohärente Erzählstruktur zu bewahren, und welche Rolle dabei die Umdeutung menschlicher Handlungen in moralische Kategorien (Todsünden) spielt.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit nutzt Methoden der strukturalistischen Erzählanalyse, insbesondere das Vier-Stufen-Modell der Handlung nach Martinez/Scheffel, um die kausalen, finalen und kompositorischen Verknüpfungen der Texte zu untersuchen.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil widmet sich fünf spezifischen Handlungssequenzen: der Initiation der Geschichte, Eneas' Flucht aus Troja, Didos Empfang des Aeneas, dem Beginn des Krieges in Latium und dem finalen Zweikampf gegen Turnus.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind „Motivierung“, „Kontingenz“, „ordo naturalis“, „Todsünde“ sowie „Mimesis“ und „Wiedererzählkultur“.

Wie unterscheidet sich Veldekes Darstellung des Dido-Empfangs von der Vergils?

Bei Veldeke bietet Dido dem Eneas ein übermäßig großzügiges Angebot an, das über das Plausible hinausgeht; der Autor nutzt dies, um Didos „Masslosigkeit“ (eine Todsünde) bereits proleptisch für den weiteren Handlungsverlauf zu etablieren.

Warum spielt der Begriff der Todsünde in Veldekes Eneasroman eine so wichtige Rolle?

Veldeke verwendet Sünden wie Neid, Zorn oder Maßlosigkeit, um Handlungen, die bei Vergil durch Götter ausgelöst wurden, in einen menschlich-psychologischen und moralischen Erklärungsrahmen zu überführen, der dem mittelalterlichen Publikum verständlich war.

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Details

Title
Die Todsünde. Eine Motivierungsstrategie im Eneasroman?
College
University of Basel  (Deutsches Seminar)
Grade
5 (Schweiz)
Author
Bachelor Sandro Tschuor (Author)
Publication Year
2012
Pages
31
Catalog Number
V233698
ISBN (eBook)
9783656502203
ISBN (Book)
9783656503484
Language
German
Tags
todsünde eine motivierungsstrategie eneasroman
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Bachelor Sandro Tschuor (Author), 2012, Die Todsünde. Eine Motivierungsstrategie im Eneasroman?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233698
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