Die Schlacht bei Troja, die Irrfahrten des Aeneas und seine Kämpfe in Latium um die Herr-schaft Italiens waren immer wieder beliebte Sujets für Erzählungen. So wurde dieser Stoff auch einige Male im Mittelalter wiedererzählt (roman d`eneas, Eneasroman, Liet von troye usw.). Schon Vergils Erzählung lehnt sich an die Ilias und die Odyssee von Homer an. In die-sem Sinne kann man seine Bücher 1-6 (Aufbruch vom zerstörten Troja bis zur Zukunftswei-sung bei der Unterweltsfahrt) als das römische Pendant zur Odyssee und die Bücher 7-12 (Landung in Italien, Kämpfe, Sieg über Turnus, Vollendung des Götterauftrags) als dasjenige zur Ilias lesen. Obwohl der Stoff (materia) von Vergil im Sinne der wichtigsten Handlungs-sequenzen sich über die Jahrhunderte treu blieb, kam es auf verschiedenen Ebenen des Textes zu Adaptionen an die zeitgenössischen Ausrichtungen und Interessen der Gesellschaft. Dies betrifft alle Aspekte der Erzählung. Die Tradierung des Stoffes aus der lateinisch-polytheistischen Kultur in eine deutsche-monotheistische oder französisch-monotheistische war mit vielen Reflexionen über den discours der Erzählung verbunden. Wie konnte der mit-telhochdeutsche Autor einem mittelalterlichen Hofpublikum dieselbe materia präsentieren, dass die Geschichte mit Interesse gehört wurde und der Text auch einen kohärenten Sinn in den Köpfen der Rezipienten entwickelte?
In der folgenden Analyse geht es mir vor allem um die Frage: Wie löst Veldeke das Problem der Motivierung der einzelnen Erzählereignisse, wenn er im Vergleich zur Vergilversion fast sämtliche Götterszenen aus seiner Erzählung herausstreicht (auch im Vergleich zum roman d`eneas kürzt er rigoroser heraus)? Im vergil`schen Text sind nämlich stets die Götter die Auslöser (und somit die kausalen Motivierungen) einer Handlung auf der Erde. Im Mittelalter ist aber der antike Polytheismus dem christlichen Monotheismus gewichen und alle antiken Götter wurden dämonisiert. Wie motiviert Veldeke seine Version des Äneisstoffes?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Anmerkungen zur strukturalistischen Erzählanalyse
2.1. „Das Erzählen und das Erzählte“
2.2. Das Vier-Stufen-Modell der erzählten Handlung
2.3. Kontingenz als Widersacher der Motivierung?
3. Erzählen als Wiedererzählen im Mittelalter
3.1. Der Quellenumgang im Mittelalter
3.2. Quellenumgang Veldekes für die Eneit
4. Analyse der Motivierungsstrategien bei Vergil und Veldeke
4.1. Finale Motivierung?
4.2. Kausale Motivationen zu einzelnen Erzählungssequenzen
4.2.1. Die Initiation der Handlung
4.2.2. Eneas Aufbruch aus Troja – Göttlich motiviert oder kontingenter Bauchentscheid?
4.2.3. Didos Empfang für Eneas als Besiegelung ihres Endes?
4.2.4. Beginn des Krieges in Latium
4.2.5. Der Tod des Turnus
5. Schlusswort
6. Bibliographie
Häufig gestellte Fragen
Wie unterscheidet sich Veldekes Eneit von der Vorlage Vergils?
Veldeke streicht fast sämtliche Götterszenen heraus, die bei Vergil als kausale Motivierung für die Handlung dienten, und passt den Stoff an das christlich-monotheistische Weltbild an.
Wie motiviert Veldeke die Ereignisse ohne das Eingreifen von Göttern?
Die Arbeit untersucht, welche neuen Motivierungsstrategien Veldeke nutzt, um die Geschichte für ein mittelalterliches Hofpublikum kohärent und interessant zu gestalten.
Was bedeutet die „Dämonisierung“ antiker Götter im Mittelalter?
Da der antike Polytheismus dem Christentum wich, wurden die alten Götter in mittelalterlichen Erzählungen oft als dämonische Kräfte oder sündhafte Einflüsse umgedeutet.
Welche Rolle spielt die strukturalistische Erzählanalyse in dieser Arbeit?
Sie dient als theoretisches Werkzeug, um das „Erzählen und das Erzählte“ sowie das Vier-Stufen-Modell der Handlung im Eneasroman zu untersuchen.
Was ist das Problem der Kontingenz in der Motivierung?
Kontingenz bezeichnet Zufälligkeiten in der Handlung. Die Arbeit prüft, ob Veldeke Ereignisse als „Bauchentscheidungen“ oder als schicksalhaft motiviert darstellt.
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- Bachelor Sandro Tschuor (Author), 2012, Die Todsünde. Eine Motivierungsstrategie im Eneasroman?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233698