Pornografie, Lästerei und Nihilismus - Günter Grass: "Die Blechtrommel" in der zeitgenössischen Kritik


Hausarbeit, 2002
8 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Vorgeschichte
2.1 Entstehung des Werkes und literarische Vorbilder
2.2 Die Lesung vor der "Gruppe 47"

3. Zeitgenössische Kritiken
3.1 Künstlerische Verehrung
3.2 Der Vorwurf des Nihilismus
3.3 Der Vorwurf der Gotteslästerei
3.4 Der Vorwurf der Pornografie
3.5 Der Bremer Skandal
3.6 Die Grenzen der Kunst - Kritik an der Kritik
3.7 Marcel Reich-Ranicki und die Blechtrommel

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

"Die Blechtrommel" von Günter Grass, heute fast unumstritten eines der bedeutendsten Werke der deutschen Nachkriegsliteratur, wurde nach ihrem Erscheinen im Jahr 1959 leidenschaftlich diskutiert.

Bewunderung für das künstlerische Werk auf der einen Seite, harte Vorwürfe der Pornografie und Gotteslästerei auf der anderen Seite: fast jede bedeutende und unbedeutende Zeitung und Zeitschrift nahm den Roman ins Visier: die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die "Süddeutsche Zeitung", "Der Spiegel", ebenso wie die "Neue Apotheken-Illustrierte" oder die "Zeitschrift für Versicherungswesen", um nur einige zu nennen. So liegt es nahe, dass sich die Rezensionen ähneln und es entsteht leicht der Verdacht, einige Kritiker hätten von anderen abgeschrieben, ohne den Roman selber gelesen zu haben.

Trotzdem fiel es mir nicht leicht, eine Auswahl zu treffen. "Die Blechtrommel" bietet einigen Stoff an Kritik, und ich musste mich darauf beschränken, nur einen Teil davon herauszugreifen.

Über viele Aspekte der Kritiken könnte man eigene Arbeiten verfassen, so zum Beispiel über die Frage der Pornografie oder sogar über das Scheitern von Reich-Ranickis Kritik, doch musste ich mich im Rahmen meiner Arbeit auf das Nötigste beschränken.

Gerne wäre ich auf den zeitlichen Hintergrund näher eingegangen, dem diese Rezensionen zugrunde liegen. Auch der Fall Ziesel musste zu meinem Bedauern nahezu unerwähnt bleiben.

Die Entstehung des Werkes und die Lesung vor der "Gruppe 47" anzusprechen, erschien mir wichtig um die Bedeutung des Werkes herauszustellen und um zu zeigen, welche bedeutenden literarischen Vorbilder der Roman hat.

2. Vorgeschichte

2.1 Entstehung des Werkes und literarische Vorbilder

"Die Blechtrommel" war Günter Grass` erster Roman. Grass war zu diesem Zeitpunkt nur einem kleinen Kreis von Literaturkennern bekannt. Sein Gedichtband mit eigenen Grafiken "Die Vorzüge der Windhühner" (1956) war seine erste nennenswerte Veröffentlichung vor der "Blechtrommel".

Motive, die im Roman von Bedeutung sind, finden sich auch in seinen eigenen früheren Werken wieder. So kommt in seinem Gedicht "Drei Vater unser" das Motiv der zersungenen Gläser vor.

Im Jahr 1952 sah Grass einen dreijährigen Jungen, dem eine Blechtrommel um den Hals hing. "Ihn faszinierte die selbstvergessene Verlorenheit des Dreijährigen an sein Instrument, auch wie er gleichzeitig die Erwachsenenwelt (...) ignorierte." Wesenszüge, die auch seinem späteren Helden Oskar eigen sind.

Beeinflusst wurde Grass auch von der Kameraperspektive des Films "Der Dritte Mann", die dem Blick eines Kindes folgt.

Erzählerisches Vorbild war Alfred Döblin, von dem Grass die "Erzählperspektive, die Organisation großer Stoffmassen und die Darstellung gleichzeitiger Handlungen" lernte. Auch finden sich Parallelen zu Laurence Sternes Roman "Tristram Shandy", dessen Held die eigene Zeugung beschreibt, ähnlich wie Oskar, der seine Geburt bewusst miterlebt. "Ich gehöre zu den hellhörigen Säuglingen, deren geistige Entwicklung schon bei der Geburt abgeschlossen ist und sich fortan nur noch bestätigen muss." Er übertrumpft Tristram Shandy sogar, da er bereits die Zeugung seiner Mutter darstellt. Auch E.T.A. Hoffmann gehört mit seinem Märchen "Klein Zaches, genannt Zinnober" zu den literarischen Vorbildern der "Blechtrommel". Hier findet sich das Motiv des nicht mehr wachsenden Dreijährigen wieder. "Groß - schön - stark - verständig, ja das alles kann der Junge nun einmal nicht werden, ...", ein Irrtum, dem auch Oskars Umgebung erliegt. Andere literarische Vorbilder waren Grimms Märchen ("Rumpelstilzchen", "Der kleine Däumling"), Jean Paul ("Siebenkäs") oder Gerhart Hauptmann ("Das Meerwunder", "Michael Kramer").

1956 begann die eigentliche Arbeit an der "Blechtrommel". Grass lebte zu dieser Zeit mit seiner Familie in Paris. Mehrere Manuskripte wurden von Grass verworfen, die erste erwähnenswerte Fassung war die Urtrommel.

Das fertige Werk kam im November 1959 auf den Büchermarkt.

2.2 Die Lesung vor der "Gruppe 47"

Bei der "Gruppe 47" handelte es sich um einen politischen literarischen Freundeskreis, der im September 1947 erstmals zusammenkam. Ihr Vorläufer war die Zeitung "Ruf", die für Kriegsgefangene in den USA herausgebracht wurde. Mitglieder der "Gruppe 47" waren neben Grass so bekannte Autoren und Kritiker wie Siegfried Lenz, Martin Walser, Walter Jens, Heinrich Böll, Alfred Andersch, Walter Höllerer, Marcel Reich-Ranicki, Joachim Kaiser, Hans Magnus Enzensberger, Wolfdietrich Schnurre, Uwe Johnson oder Ilse Aichinger. Mit dem Einzug der Kritiker Mitte der 50er Jahre in die "Gruppe 47" wurde der Freundeskreis zu einem immer wichtigeren Forum für junge Schriftsteller. "Eine vernichtende Kritik kann eine kaum begonnene Autorenkarriere beenden. Erfolgreichere Debütanten hingegen sehen sich nach ihrer Darbietung von verheißungswilligen Lektoren umworben - sie werden zu einer Art Versteigerungsobjekt, das dem Meistbietenden zufällt." Ende 1958 las Grass die Kapitel 1 ("Der weite Rock") und Kapitel 34 ("Wachstum im Güterwagen") aus der "Blechtrommel" der "Gruppe 47" vor und avancierte zum Preisträger der Gruppe. Das hatte zur Folge, dass mehrere Verleger sich um den Roman rissen, um ihn zu veröffentlichen. Grass entschied sich letztendlich für den Luchterhand Verlag.

3. Zeitgenössische Kritiken

Der Roman geriet zum Verkaufsschlager. In 20 Sprachen übersetzt, wurden bis heute über drei Millionen Exemplare verkauft. Die Palette der Reaktionen reichte weit. Teilweise wurde das Buch enthusiastisch gelobt, teilweise machte sich große Empörung breit:

"Man nehme zwei Teile psychoanalytische Weisheit (gar nicht wichtig, Genaues zu wissen), füge fünf Teile eingehende und genaueste sexuelle Details hinzu, mische gut, und fülle dann auf mit `wilder und ungetümer Diktion´. Schließlich versäume man nicht, einige Tropfen Gotteslästerung und einen guten Schuß morbider und obszöner Maßlosigkeit hinzusetzen, und fertig ist der preisgekrönte Roman: `Die Blechtrommel´."

So überschreibt der hier zitierte Dr. med. H. Müller-Eckhard seine Rezension. Im nachfolgenden Kapitel werde ich einige der wichtigsten Kritiken darstellen.

3.1 Künstlerische Verehrung

Grass` Freund Hans Magnus Enzensberger, ebenfalls Mitglied der "Gruppe 47", erkannte in seiner Kritik "Wilhelm Meister auf der Blechtrommel" schon früh, dass der Erstlingsroman von Grass "Schreie der Freude und der Empörung hervorrufen" würde. Er bezeichnete das Buch als "ein Brocken, an dem Rezensenten und Philologen mindestens ein Jahrzehnt lang zu würgen haben" und bewies damit erstaunliche Weitsicht. Enzensberger selbst stand auf der Seite der Verehrer des Werkes. Er lobte die Genauigkeit der Erzählung und war der Ansicht, dass Grass die Begebenheiten schildert, in aller Offenheit und in aller Konsequenz. Diese "vollkommene Unbefangenheit" [mache das Werk] zu einer künstlerischen Ruhmestat (...)". Grass` Darstellung von Gewalt, von ekelerregenden Szenen (z.B. der von Aalen zerfressene Pferdekopf) und seine detaillierten Darstellungen sexueller Handlungen stünden nicht für sich selber, sondern seien Teil des künstlerischen Werks.

[...]

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Pornografie, Lästerei und Nihilismus - Günter Grass: "Die Blechtrommel" in der zeitgenössischen Kritik
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Institut für Germanistik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
8
Katalognummer
V23399
ISBN (eBook)
9783638265294
Dateigröße
379 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand.
Schlagworte
Pornografie, Lästerei, Nihilismus, Günter, Grass, Blechtrommel, Kritik
Arbeit zitieren
Sinan Beygo (Autor), 2002, Pornografie, Lästerei und Nihilismus - Günter Grass: "Die Blechtrommel" in der zeitgenössischen Kritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23399

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