"Die Blechtrommel" von Günter Grass, heute fast unumstritten eines der
bedeutendsten Werke der deutschen Nachkriegsliteratur, wurde nach ihrem
Erscheinen im Jahr 1959 leidenschaftlich diskutiert.
Bewunderung für das künstlerische Werk auf der einen Seite, harte Vorwürfe der
Pornografie und Gotteslästerei auf der anderen Seite: fast jede bedeutende und
unbedeutende Zeitung und Zeitschrift nahm den Roman ins Visier: die "Frankfurter
Allgemeine Zeitung", die "Süddeutsche Zeitung", "Der Spiegel", ebenso wie die
"Neue Apotheken-Illustrierte" oder die "Zeitschrift für Versicherungswesen", um
nur einige zu nennen. So liegt es nahe, dass sich die Rezensionen ähneln und es
entsteht leicht der Verdacht, einige Kritiker hätten von anderen abgeschrieben,
ohne den Roman selber gelesen zu haben.
Trotzdem fiel es mir nicht leicht, eine Auswahl zu treffen. "Die Blechtrommel"
bietet einigen Stoff an Kritik, und ich musste mich darauf beschränken, nur
einen Teil davon herauszugreifen.
Über viele Aspekte der Kritiken könnte man eigene Arbeiten verfassen, so zum
Beispiel über die Frage der Pornografie oder sogar über das Scheitern von Reich-
Ranickis Kritik, doch musste ich mich im Rahmen meiner Arbeit auf das Nötigste
beschränken.
Gerne wäre ich auf den zeitlichen Hintergrund näher eingegangen, dem diese
Rezensionen zugrunde liegen. Auch der Fall Ziesel musste zu meinem Bedauern
nahezu unerwähnt bleiben.
Die Entstehung des Werkes und die Lesung vor der "Gruppe 47" anzusprechen,
erschien mir wichtig um die Bedeutung des Werkes herauszustellen und um zu
zeigen, welche bedeutenden literarischen Vorbilder der Roman hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Vorgeschichte
2.1 Entstehung des Werkes und literarische Vorbilder
2.2 Die Lesung vor der "Gruppe 47"
3. Zeitgenössische Kritiken
3.1 Künstlerische Verehrung
3.2 Der Vorwurf des Nihilismus
3.3 Der Vorwurf der Gotteslästerei
3.4 Der Vorwurf der Pornografie
3.5 Der Bremer Skandal
3.6 Die Grenzen der Kunst - Kritik an der Kritik
3.7 Marcel Reich-Ranicki und die Blechtrommel
4. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die kontroversen Reaktionen der zeitgenössischen Literaturkritik auf Günter Grass' Roman "Die Blechtrommel". Ziel ist es, die zentralen Vorwürfe – insbesondere Nihilismus, Gotteslästerung und Pornografie – aufzuarbeiten und in den Kontext der damaligen literarischen Debatte einzuordnen.
- Entstehungshintergrund und literarische Einflüsse des Werkes
- Analyse zeitgenössischer Rezensionen und ihrer inhaltlichen Schwerpunkte
- Die Rolle der "Gruppe 47" und das öffentliche Echo
- Auseinandersetzung mit der Kritik an pornografischen und blasphemischen Elementen
- Reflektion der Rezeptionsgeschichte von der Erstveröffentlichung bis zur Etablierung im Literaturkanon
Auszug aus dem Buch
3.4 Der Vorwurf der Pornografie
Die große Begabung von Grass, Vorgänge bis ins kleinste Detail schildern zu können, ist in der "Blechtrommel" auch in Passagen zu finden, die von den Kritikern als pornografisch und obszön bezeichnet werden. Ihm wird vorgeworfen, "minutiös Ekelerregendes und Perverses" zu schildern, "tausendfältig Tabus um Sex" in "obszön[er], schamlos[er], widerlich[er]" Weise zu verletzen und es wird behauptet, Grass wolle "den Leser aufs rüdeste schockieren, durch brutale Härten und Deftigkeiten irritieren oder angreifen".
Tatsächlich spielen sexuelle Vorgänge in Grass` Debütroman eine große Rolle. Dr. Müller-Eckhardt stellt den "Zwang zu voyeuristischen Antrieben" heraus. Es wird deutlich, dass Oskar sich zumeist in der voyeuristischen Position befindet. Den sexuellen Akt beobachtet er aus dem Schrank heraus, als seine Mutter und Jan Bronski sich im elterlichen Schlafzimmer alleine glauben. Oskar schaut zu und lässt sich keine Einzelheit entgehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Der Autor erläutert die Beweggründe für seine Themenwahl und beschreibt die leidenschaftliche, oft kontroverse Rezeption von "Die Blechtrommel" nach ihrer Erstveröffentlichung 1959.
2. Vorgeschichte: Dieses Kapitel beleuchtet den Entstehungsprozess des Romans sowie die literarischen Vorbilder, die Grass in seinem Werk verarbeitete.
2.1 Entstehung des Werkes und literarische Vorbilder: Hier werden biografische Details zur Entstehungszeit in Paris sowie Einflüsse von Autoren wie Alfred Döblin und Laurence Sterne aufgezeigt.
2.2 Die Lesung vor der "Gruppe 47": Der Abschnitt beschreibt den Durchbruch von Grass bei der "Gruppe 47" und den damit verbundenen Einfluss auf seine spätere Karriere.
3. Zeitgenössische Kritiken: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die gespaltenen Reaktionen der Fachpresse, die von enthusiastischem Lob bis hin zu heftiger Empörung reichten.
3.1 Künstlerische Verehrung: Hier werden positive Stimmen wie die von Hans Magnus Enzensberger und Walter Höllerer dokumentiert, die das Werk als bedeutende künstlerische Leistung würdigen.
3.2 Der Vorwurf des Nihilismus: Der Autor analysiert die Kritik an der Darstellung der Danziger Gesellschaft im Kontext der Reichskristallnacht und das Verständnis von Grass als Nihilist.
3.3 Der Vorwurf der Gotteslästerei: Dieser Teil behandelt die blasphemischen Vorwürfe, die durch Oskars Umgang mit christlichen Symbolen und Figuren ausgelöst wurden.
3.4 Der Vorwurf der Pornografie: Hier liegt der Fokus auf der kontroversen Darstellung sexueller Szenen und der voyeuristischen Perspektive der Romanfigur Oskar Matzerath.
3.5 Der Bremer Skandal: Das Kapitel schildert den politischen Streit um den Literaturpreis der Stadt Bremen, der exemplarisch für den gesellschaftlichen Widerstand gegen den Roman steht.
3.6 Die Grenzen der Kunst - Kritik an der Kritik: Der Autor reflektiert hier den historischen Wandel der Wahrnehmung von Sexualität in der Literatur und bewertet die zeitgenössische Kritik neu.
3.7 Marcel Reich-Ranicki und die Blechtrommel: Dieser Abschnitt widmet sich den wechselhaften und teils harten Urteilen des einflussreichen Literaturkritikers über das Werk.
4. Fazit: Das abschließende Kapitel resümiert die Etablierung des Romans als Klassiker der Nachkriegsliteratur und zieht eine persönliche Bilanz zur Bedeutung des Werkes heute.
Schlüsselwörter
Günter Grass, Die Blechtrommel, Nachkriegsliteratur, Literaturkritik, Gruppe 47, Nihilismus, Gotteslästerung, Pornografie, Marcel Reich-Ranicki, Rezeptionsgeschichte, Oskar Matzerath, Literaturkanon, künstlerische Freiheit, voyeuristische Perspektive.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die kontroverse Aufnahme des Romans "Die Blechtrommel" von Günter Grass durch die zeitgenössische Literaturkritik und Gesellschaft kurz nach dessen Erscheinen 1959.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind der künstlerische Wert des Romans, die Vorwürfe moralischer Verfehlungen wie Pornografie und Gotteslästerung sowie die Einbettung des Werkes in den damaligen Literaturbetrieb.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die massiven Widerstände und die Kritik gegen den Roman historisch nachzuvollziehen und den Prozess der allmählichen Etablierung des Werkes als bedeutendes literarisches Zeugnis zu dokumentieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär auf der Auswertung von zeitgenössischen Rezensionen, literarischen Dokumenten und Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Entstehungsgeschichte, eine detaillierte Auseinandersetzung mit den verschiedenen Kritikpunkten (Nihilismus, Blasphemie, Pornografie) sowie den Diskurs über die Grenzen der Kunst.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Literaturkritik, "Die Blechtrommel", Günter Grass, Rezeption, moralische Vorwürfe und die "Gruppe 47" charakterisieren.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Marcel Reich-Ranicki?
Die Arbeit beleuchtet Reich-Ranickis anfangs sehr harte, teils ablehnende Haltung gegenüber dem Roman und seine spätere differenziertere, wenngleich weiterhin kritische Position.
Welche Bedeutung kommt dem Bremer Skandal in der Arbeit zu?
Der Bremer Skandal dient als Fallbeispiel für die politische Dimension der Literaturrezeption, in der staatliche Stellen versuchten, eine Preisauszeichnung für den Roman aufgrund inhaltlicher Bedenken rückgängig zu machen.
- Quote paper
- Sinan Beygo (Author), 2002, Pornografie, Lästerei und Nihilismus - Günter Grass: "Die Blechtrommel" in der zeitgenössischen Kritik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23399