Fabrik der Welt? Die Bedeutung der Produktionszone Pearlriver Delta für die deutsche Wirtschaft


Diplomarbeit, 2004

69 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kurzfassung

Abstract

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung

2 Wirtschaftsordnung, Wirtschaftsreformen und wirtschaftliche Öffnung im geschichtlichen Kontext seit Gründung der VR China
2.1 China unter Mao Zedong
2.2 Chinas wirtschaftliche Lage nach der Kulturrevolution
2.3 Reformation, Modernisierung und wirtschaftliche Öffnung unter Deng Xiaoping

3 Chinas Wirtschaftssonderzonen

4 Das Pearlriver Delta (PRD)
4.1 Geschichte des Pearlriver Deltas
4.2 Das Pearlriver Delta heute
4.3 Infrastruktur
4.3.1 Häfen
4.3.2 Schienennetz
4.3.3 Straßennetz
4.3.4 Flughäfen
4.3.5 Die Hongkong-Macau-Zuhai Brücke
4.4 Tourismus
4.5 Standortprofile des Pearlriver Delta
4.5.1 Dongguan
4.5.2 Foshan
4.5.3 Guangzhou
4.5.4 Jiangmen
4.5.5 Shenzhen
4.5.6 Shunde
4.5.7 Zhaoqing
4.5.8 Zhongshan
4.5.9 Zhuhai
4.6 Hongkong

5 Deutsche Unternehmen im Pearlriver Delta (PRD)
5.1 Standortvorteile des PRD aus Sicht deutscher Unternehmer
5.1.1 Infrastruktur
5.1.2 Clustereffekte
5.1.3 Arbeitskräfte
5.1.4 Lohnkosten
5.1.5 Behörden
5.1.6 Nähe zu Hongkong
5.1.7 Das PRD als Absatzmarkt
5.1.8 Weitere positive Faktoren
5.2 Negative Faktoren
5.2.1 Zoll
5.2.2 Behörden
5.2.3 Energieversorgung
5.2.4 Korruption
5.2.5 Klimatische Bedingungen
5.2.6 Gesundheit

6 Ausblick

Literaturverzeichnis

Erklärung

Kurzfassung

Gegenstand der hier vorgestellten Arbeit ist die Präsentation des Wirtschaftsstandortes Pearlriver Delta in der südchinesischen Provinz Guangdong. Ziel ist es, ihre Bedeutung für die deutsche Wirtschaft herauszustellen. Im Rahmen der Arbeit werden die geschichtlichen Hintergründe für die Entstehung der Wirtschaftssonderzonen in China beleuchtet und das Pearlriver Delta, sowie einzelne Standorte im Delta, vorgestellt. Die Bedeutung der Region für die deutsche Wirtschaft wird anhand einer Evaluierung der Region durch Aussagen im Delta ansässiger deutscher Unternehmer hervorgehoben.

Schlagwörter: Perlfuss Delta, Wirtschaftssonderzone, China, Hongkong, Guangdong, deutsche Wirtschaft

Abstract

A presentation of the business location Pearlriver Delta, located in the south Chinese province Guangdong, is being given. The main topic is to point out the importance of this region for the German economy. In this diploma thesis a brief introduction of the historical background of the special economic zones in China is being given. The Pearlriver Delta is introduced as a whole. The particular locations within the delta are introduced separately. The importance of the region is stressed by the evaluation of statements about the region by German entrepreneurs, already located in the region.

Keywords: Pearlriver Delta, special economic zone, China, Hong Kong, Guangdong, German economy

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Map of the Pearl River Delta

Abbildung 2: Karte der Unternehmensstandorte

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Chinas Außenhandel 2002, nach Provinzen

Tabelle 2: Guangdongs Exporte 2001

Tabelle 3: High-tech-Produktion in Guangdong 2001

Tabelle 4: Durchschnittslöhne und Gehälter nach Qualifikation 2001

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vorwort

Während meines Studiums im Studiengang Informationswirtschaft an der Hochschule der Medien, Stuttgart, hatte ich im fünften Semester die Möglichkeit, im Rahmen eines Praxissemesters sechs Monate in Hongkong als Trainee der deutschen Auslandshandelskammer zu verbringen. Ein großer Teil der hier vorliegenden Arbeit bezieht sich auf die Ergebnisse des Investitionsführers „Erfolgreich investieren im Perlfluss-Delta“, einer Studie der deutschen Auslandshandelskammer German Industry and Commerce Hong Kong, South China, Vietnam in Zusammenarbeit mit der DZ BANK, Niederlassung Hong Kong, an dessen Erstellung ich zu einem großen Teil mitwirken durfte. Herzlichen Dank an Herrn Ekkehard Goetting, Chairman and CEO, Executive Director of German Chamber of Commerce Hong Kong, Frau Ute Quink, Executive Director, Hong Kong und Frau Sabine Florian, Executive Director, South China, die es mir während meines Praktikums ermöglichten, an diesem Projekt mitzuwirken. Ebenso danke ich Herrn Frank Sperling, der von Seiten der DZ BANK für das Projekt verantwortlich war, sowie den Trainees der DZ BANK, die zusammen mit mir die Interviews geführt haben.

1 Einleitung

Die zunehmende wirtschaftliche Öffnung Chinas wird von vielen Unternehmen als eine Chance gesehen, Produkte bei niedrigen Lohnkosten billig produzieren zu können und einen neuen, großen Absatzmarkt mit 1,3 Milliarden potentiellen Kunden zu erschließen. Häufig scheitern Unternehmen jedoch daran sich auf dem chinesischen Markt zu etablieren, was dazu führt, dass China von vielen Unternehmen als überaus schwieriges Pflaster eingeschätzt wird.

Einigen Unternehmern, die sich neu in den chinesischen Markt begeben, sind die Marktbedingungen und die kulturellen Besonderheiten nicht ausreichend bekannt. Dadurch kommt es sowohl auf Seiten der Unternehmer, die China als Produktionsstätte sehen, als auch bei Unternehmern, die China als Absatzmarkt gewinnen wollen, zu Problemen. Häufig orientiert man sich bei der Standortwahl auch an Großunternehmen, die in bestimmten Regionen Chinas bereits präsent sind und lässt dies als einzigen wichtigen Standortfaktor gelten. Dass die Ansiedlung solcher Großunternehmen aber häufig mit bestimmten Großprojekten, die oft von Seiten der chinesischen und der deutschen Regierung besonders gefördert werden, zu tun hat, wird nur unzureichend bedacht. Im Schatten dieser Großunternehmen finden kleine und mittelständische Unternehmen oft nicht die passende Infrastruktur, die es ihnen ermöglichen würde, auf dem chinesischen Markt Fuß zu fassen. Darüber hinaus ist die chinesische Regierung bestrebt, die Entwicklung von bisher noch unterentwickelten Provinzen und Regionen des Landes voranzutreiben und versucht daher gezielt, unter Verwendung besonderer Anreize, Investitionen und Unternehmen in diese Regionen zu locken. Da sich eine passende Infrastruktur allenfalls im Aufbau befindet, stehen Unternehmen hier häufig vor enormen Problemen. Das Pearlriver Delta in der südchinesischen Provinz Guangdong ist von solchen Problemen jedoch nicht betroffen, was mit ein Grund dafür ist, dass die Region selten, im Bezug auf ein gescheitertes China-Engagement eines Unternehmens, erwähnt wird.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Produktions- und Wirtschaftszone Pearlriver Delta vorzustellen und die besonderen Standortfaktoren der Region zu erläutern. Eine Evaluierung der Region speziell aus deutscher Sicht erfolgt in Kapitel 5. Hier werden die Standortfaktoren des Pearlriver Deltas vor dem Hintergrund von Aussagen bereits im Delta ansässiger deutscher Unternehmer geschildert. Diese Aussagen sollen die besondere Relevanz der Region für deutsche Unternehmen und somit für die deutsche Wirtschaft verdeutlichen.

2 Wirtschaftsordnung, Wirtschaftsreformen und wirtschaftliche Öffnung im geschichtlichen Kontext seit Gründung der VR China

Dieses Kapitel soll einen kurzen Einblick in die geschichtlichen Ereignisse der Volksrepublik China geben, die zur wirtschaftlichen Öffnung und zur Entstehung der Wirtschaftssonderzonen führten.

Da es weit über das Thema dieser Arbeit hinausgehen würde, sämtliche relevanten Ereignisse aus der Ära Mao Zedong bis in die Gegenwart wiederzugeben, dokumentiert dieses Kapitel lediglich die Schlüsselereignisse, aus denen die wirtschaftlichen Veränderungen hervorgingen und durch die die Wirtschaftssonderzonen und damit auch das Pearlriver Delta ihre heutige Bedeutung erlangt haben.

2.1 China unter Mao Zedong

Chinas Regierung und die chinesischen Wirtschaftsexperten orientieren sich seit Beginn der Wirtschaftsreform 1978 an den positiven Beispielen der wirtschaftlich erfolgreichen Nachbarstaaten, besonders Japan sowie den sogenannten „Tigerstaaten“ Südkorea und Singapur. Um 1949, der Gründungszeit der Volksrepublik China, existierten Vorbilder wie die „Tigerstaaten“ jedoch noch nicht.[1]

Aus ideologischen Gründen kam zu jener Zeit eine rein marktwirtschaftlich orientierte Wirtschaftsordnung nicht in Frage, was dazu führte, dass lediglich das Modell der in der Sowjetunion und den Ländern Osteuropas praktizierten zentralen Planwirtschaft zur Diskussion stand. Trotz scheinbarer anfänglicher Offenheit der Volksrepublik gegenüber einer pragmatischen Modernisierung der Wirtschaft und der Zusammenarbeit mit der städtischen Elite setzten sich in der Kommunistischen Partei Chinas (KPC) schnell andere Tendenzen durch.

Mao und andere hochrangige Parteimitglieder vertraten innerhalb der Partei das Programm einer umfassenden sozialistischen Umgestaltung, welches das Ziel hatte, die städtische Privatwirtschaft abzuschaffen und die Landwirtschaft zu kollektivieren, nachdem die Großindustrie Chinas bereits verstaatlicht worden war.[2]

Auf Drängen Mao Zedongs beschloss im August 1958 das Zentralkomitee der KPC eine neue Politik, die eine gleichwertige Entwicklung der Landwirtschaft und der Industrie zum Ziel hatte. Dieses Ereignis sollte bekannt werden unter dem Namen „Der Große Sprung vorwärts“. Durch die Steigerung des Wirtschaftswachstums sollte die Wirtschaft Chinas einen „großen Sprung vorwärts“ machen. Die chinesische Führung glaubte, innerhalb weniger Jahre das Industrialisierungsniveau westlicher Staaten erreichen zu können. Grund für diese Annahme gaben, in den Augen der KPC, die hohen Wachstumsraten, die im Laufe des 1. Fünfjahresplans (1953-1957) durch eine bevorzugte Förderung des Industriesektors erzielt worden waren. Die industriellen Wachstumsraten beliefen sich auf bis zu 15 Prozent pro Jahr. Das Motto des „Großen Sprung“ war es, Amerika und England einzuholen oder sogar zu überholen.

Die Entwicklungsstrategie schlug jedoch fehl, obwohl die Schwerindustrie zunächst enorme Zuwachsraten verzeichnete. Im Zeitraum 1958 bis 1960 stieg die Produktion von Roheisen um 98 Prozent und die von Stahl sogar um 133 Prozent an. Diese Produktionssteigerung hatte jedoch lediglich statistischen Wert, da für die unproduktive Art der Metallgewinnung zeitweise bis zu 90 Millionen Menschen eingesetzt wurden, die kaum verwertbare Qualität erzeugten und andererseits in der landwirtschaftlichen Produktion dringend benötigt wurden. In vielen Regionen wurde das Getreide knapp und Menschen starben massenhaft an Hunger.

Bereits im Jahre 1961 sanken die Akkumulation und die Investitionen in die Schwerindustrie aufgrund der im Land herrschenden Hungersnot und der daraus resultierenden sozialen Unruhen drastisch ab. Die schwerindustrielle Produktion fiel daraufhin bis zum Jahre 1962 wieder in etwa auf den Stand von 1957 zurück. Mao´s „Großer Sprung nach vorn“ stellte sich in der Realität als ein „Großer Sprung zurück“ heraus.[3]

2.2 Chinas wirtschaftliche Lage nach der Kulturrevolution

In der Zeit Mao Zedong war China gezwungenermaßen einen Weg der „self reliance“ gegangen, war also auf sich selbst gestellt. Das Handelsembargo der USA zwischen 1950 und 1971 aber auch der Bruch mit dem sozialistischem Bruderstaat Russland 1954 führten dazu, dass Im- und Exporte Chinas in dieser Zeit faktisch nicht existierten. Ausfuhren wurden lediglich zur Importfinanzierung betrieben. Importe, die auf diese Weise finanziert wurden, bestanden hauptsächlich aus Lebensmittelimporten, da man die vorherrschende Mangelsituation in der Bevölkerung nicht noch zusätzlich verschlimmern wollte. Diese Umstände hatten zur Folge, dass vor der Ära Deng Xiaopings weder wettbewerbsfähige Unternehmen noch Güter vorhanden waren.[4]

Nach Ende der Kulturrevolution unter Mao Zedong im Jahre 1969 musste die chinesische Regierung auf gewaltige Schäden im Land blicken. Neben der Entmachtung der Intellektuellen und der Führungskräfte hatte das produzierende Gewerbe und der Transportsektor erhebliche Einbrüche zu verzeichnen. Darüber hinaus herrschte ein enormer Konsumgütermangel, der als Folge des einseitigen Ausbaus der Schwerindustrie während Mao´s „Großem Sprung“ zu sehen war. Es war Mao und der KPC nicht gelungen die Volkswirtschaft auf sichere Beine zu stellen.[5]

China spielte auf den internationalen Kapital- und Gütermärkten eine völlig unbedeutende Rolle. In der Rangliste der exportierenden Länder stand die Volksrepublik 1977 mit einem Handelsvolumen von knapp 15 Mrd. US Dollar lediglich auf Rang 30. China wurde keine Entwicklungshilfe zuteil und man bezog auf den Kapitalmärkten, wenn überhaupt, nur kurzfristige Kredite. Es flossen weder Direktinvestitionen in das Land, noch wurde ins Ausland investiert.[6]

Im Bereich der Außenwirtschaft existierten lediglich 12 sogenannte „Foreign Trade Corporations“ (FTC) die in ihrem Tätigkeitsfeld jeweils eine Monopolstellung hatten und strikten Planvorschriften unterworfen waren.

Trotz der enormen Industrialisierungsanstrengungen unter Mao war die Volksrepublik arm und ländlich geprägt. Die Industrie wurde durch starke Besteuerung der Landwirtschaft gestützt, in der 71 Prozent der Erwerbstätigen tätig waren.

Es war eine Situation entstanden, die das wirtschaftliche Überleben der Volksrepublik China in Frage stellte und eine Reformierung des Landes unausweichlich machte. Nicht nur die wirtschaftliche Misere, auch die Anschuldigungen der Bevölkerung, die Regierung habe versagt, machte den Erfolg der anstehenden Reformen zu einer Frage des Machterhalts für die Kommunistische Partei Chinas.[7]

2.3 Reformation, Modernisierung und wirtschaftliche Öffnung unter Deng Xiaoping

Mit dem Tode Mao Zedongs und der Entmachtung seiner ideologisch gleichgesinnten Nachfolger kam es 1976 zu einem Führungswechsel in der Kommunistischen Partei, der eine Kehrtwende in der Entwicklungsstrategie einleitete. Angeführt wurde diese neue politische Elite von Deng Xiaoping (1904-1997), der als einflussreichster Politiker Chinas der letzten zwei Jahrzehnte gilt. Zwar wurden die wichtigsten Effizienzprobleme angesprochen und eine Verbesserung des bestehenden Wirtschaftssystems gefordert, ein Systemwechsel zu einer Wirtschaftsform wie er sich Mitte der neunziger Jahre entwickelte war jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht vorgesehen.[8]

Der Grundstein für die Reform der chinesischen Wirtschaft wurde im Jahre 1978 auf dem 3. Plenum des XI. Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas(KPC) gelegt. Dabei stellte die KPC erstmals die wirtschaftlichen vor die ideologischen Komponenten, was langfristig zu einer Abschaffung der Volkskommunen in der Landwirtschaft, einer Betonung der Dezentralisierung und dem sogenannten „marktorientierten Sozialismus“ führte.[9]

Um eine Implementierung marktwirtschaftlicher Elemente in das sozialistische System der Volksrepublik China zu ermöglichen, wurden die sogenannten „vier Modernisierungen“ in Landwirtschaft, Industrie, Forschung und Verteidigung ausgerufen. Diese Implementierung erstreckte sich von 1978 bis ca. 1995 und wird in 4 Phasen der Reformen unterteilt.

1.Phase (1978-1984)

In der ersten Phase versuchte man eine stärkere Rolle des Marktes zuzulassen und Strategien des materiellen Anreizes umzusetzen. Dabei wurde unter anderem zum ersten Mal begonnen mit freien Preisen zu experimentieren. Eine zweigleisige Preisreform ließ auf der einen Seite freie Preise für Güter zu, die über das Plansoll hinaus produziert worden waren und gab auf der anderen Seite eine Preisbindung für die vorgeschriebenen Mindestmengen vor. Diese Form der Preispolitik schaffte Impulse für hohe Produktivitäts-, Produktions- und Einkommenszuwächse, da die Gewinne von nun an den Produzenten zustanden, was dazu führte, dass diese Politik nach und nach auf andere Bereiche und Sektoren angewandt wurde und schließlich Richtlinie für Chinas Wirtschaft wurde.

Der wohl wichtigste Schritt für dieses Thema war aber das sogenannte „Joint Venture-Gesetz“ von 1979. Das Gesetz ermöglichte erstmals seit 1949 ausländischen Unternehmen in China Aktivitäten in Form von Joint Ventures zu betreiben. Unter „Joint Venture“ versteht man eine grenzüberschreitende Kooperation von selbstständigen Unternehmen, also im engeren Sinne die Bildung eines internationalen Gemeinschaftsunternehmens. Der Umfang der Aktivitäten war zu Beginn jedoch relativ begrenzt. Die Einführung des Gesetzes ermöglichte es China ausländisches Kapital und Technologien in das Land zu ziehen. Gleichzeitig bestand durch die Beschränkung auf die Geschäftsform des Joint Ventures die Möglichkeit den Einfluss der Unternehmenspartner zu beschränken. Aus diesem Grund kam es zur Schaffung der Wirtschaftssonderzonen. Sie machten die außenwirtschaftliche Öffnung zu einem kontrollierbaren Experiment, da die ausländischen Joint Venture-Unternehmen in einem geschlossenen Gebiet angesiedelt werden konnten.[10]

Die ersten vier Wirtschaftssonderzonen entstanden in den Provinzen Guangdong und Fujian an der südchinesischen Küste, in den Städten Shenzhen, Shantou, Xiamen und Zhuhai. In der Provinzen Guangdong befindet sich das Gebiet, das als Pearlriver oder auch Perlfluss Delta bekannt ist. Die Insel Hainan kam als fünfte Wirtschaftssonderzone erst im Jahr 1988 dazu und erhielt in diesem Zuge einen Provinzstatus. China setzte bei dieser Standortwahl systematisch auf die unmittelbare Nähe von Hongkong und Taiwan, da zu diesen Regionen traditionell enge ethnische und kulturelle Bindungen bestehen und in ihnen bereits eine freie Marktwirtschaft vorherrschte.[11]

2.Phase (1984-1988)

Am 20.10.1984 erhielt die Reformpolitik Chinas durch den Beschluss des XII. Parteitages der Kommunistischen Partei Chinas (KPC) eine neue Qualität. Die bis zu diesem Zeitpunkt eingeleiteten Reformmaßnahmen wurden überprüft und ausgeweitet, was unter anderem dazu führte, dass das zweigleisige Preisbildungsverfahren nun auch mehr und mehr auf dem industriellen Sektor angewendet wurde. Zusätzlich wurde eine Lohnreform etabliert, die im Gegensatz zur Vergangenheit eine stärkere Verknüpfung von Leistung und Lohn gewährleisten sollte.

Ein weiterer wichtiger Schritt erfolgte im Bereich des Finanzwesens. Das alte System der Monopolbank wich einem neuen System mit einer Zentralbank an der Spitze. Damit sollte unter anderem erreicht werden, dass sich Unternehmen, anstatt sich wie zuvor auf den Staat zu verlassen, in ihrer Finanzierung auf das neue Bankensystem einstellen sollten.[12]

Aus dieser Umstellung entwickelte sich 1984 die People´s Bank of China als Träger der chinesischen Geldpolitik. Sie wird vom „Komitee für Geldpolitik“ beraten und ist der Zentralregierung direkt unterstellt. Sie hat die Funktion einer Kontrollbank und zu ihren Aufgaben gehören die Ausgabe der Währung, die Kreditpolitik und die Festlegung der Zinssätze. Der chinesischen Regierung ist es so möglich makroökonomische Entwicklungen zu steuern. Auf der anderen Seite liegt es jedoch in ihrem Interesse bestmögliche Wirtschaftsbedingungen durch einen florierenden Finanzsektor zu schaffen.[13]

3.Phase (1988-1991)

Die 3.Phase der chinesischen Wirtschaftsreformen kann man im weitesten Sinne als eine Phase der Korrekturen bezeichnen. Die bis zu diesem Zeitpunkt getätigten Reformen waren erfolgreich. Nachfrage und Produktion stiegen stetig an. Es kam jedoch zu einer inflationären Grundstimmung, die unter anderem aus einem Nachfrageüberhang in Verbindung mit einem hohen Wachstum der Kreditmenge bei subventionierten Zinssätzen resultierte. Die drastisch steigende Inflationsrate erreichte 1988 einen Höchstwert von 18,5 Prozent. Da sich die gesamtwirtschaftliche Lage zu destabilisieren drohte, setzte Peking auf die im Westen entwickelten marktwirtschaftlichen Methoden zur Inflationsbekämpfung. Man versuchte nicht die Inflation durch Aufhebung der Freigabe der Preise zu bekämpfen, sondern das Preisniveau durch Kontrolle der Geldmenge zu steuern. Das Kreditmengenwachstum sollte effektiv kontrolliert werden. Peking erlegte sich Haushaltsbeschränkungen auf, Bankdarlehen wurden von „Zuschüssen“ in verzinsliche Darlehen umgewandelt und ein Rentenmarkt eingeführt. Um die überschüssigen Geldmengen zu binden, gab Peking hochverzinste Anleihen aus. Die Maßnahmen stellten sich als Erfolg heraus, denn bereits 1991 sank die Inflationsrate der Volksrepublik auf einen Tiefststand von 2,1 Prozent.[14]

4.Phase (1992-1995)

Anfang 1992 war die „Phase der Korrekturen“ abgeschlossen und die chinesische Regierung entschloss sich, die Reform- und Öffnungspolitik weiter auszubauen. 1992 schloss sich die KPC formal Deng Xiaopings Sichtweise, dass sich ein marktwirtschaftliches Wirtschaftssystem mit den Idealen des Sozialismus vereinbaren lässt, an. Somit wurde die Einführung einer sozialistischen Marktwirtschaft erklärt.[15]

Nach einer kurzen Phase der Repression und Stagnation, bedingt durch den „Tiananmen-Zwischenfall“ (Platz des himmlischen Friedens) 1989, bei dem Studentenunruhen in Peking von der Regierung blutig niedergeschlagen wurden, kam es 1992 mit Dengs „Südreise“ in die liberalen Südchinesischen Gebiete zu einem neuen Investitionsboom, der China jahrelang zweistellige Wachstumsraten bescherte. Unterstützt wurde dies durch die Entwicklung von zollfreien Zonen und Export-Verarbeitungszonen. In diesen Zonen werden Steuern nur fällig, wenn der Binnenmarkt beliefert wird. Zusätzlich zu den 1984 für 14 Küstenstädte genehmigten Entwicklungszonen entstanden weitere Wirtschafts- und Technologieentwicklungszonen (u.a. Wenzhou). Diese Zonen mussten zum großen Teil lediglich von den lokalen Verwaltungen und nicht vom Staatsrat genehmigt werden.[16]

Historisch gesehen ermöglichten die Wirtschaftssonderzonen der Volksrepublik China eine schrittweise und kontrollierbare Öffnung gegenüber der freien Marktwirtschaft. Im Gegensatz zu den osteuropäischen Staaten und Russland kam es aus diesem Grund zu keinem Zusammenbruch der Wirtschaft in China.

3 Chinas Wirtschaftssonderzonen

Wie bereits im vorherigen Kapitel angedeutet, handelt es sich bei den chinesischen Wirtschaftssonderzonen um Orte, die der Durchführung der Politik der Öffnung dienen. Hauptaugenmerk lag dabei in der Anfangsphase dieser Öffnungspolitik darauf, dass chinesische und gemischt chinesisch-ausländische Unternehmen in diesen Gebieten unter Aufsicht des Staates markt- und gewinnorientiert wirtschaften konnten. Den Unternehmen wurden zwar häufig Sonderkonditionen eingeräumt, die einen teilweisen oder auch vollständigen Verzicht auf die wirtschaftlichen Regelungen der VR China bedeuteten, jedoch kam es dabei nie zu einem Verlust der chinesischen Souveränität. Dadurch erhielten diese Zonen nie einen exterritorialen Charakter.[17]

In den fünf Wirtschaftssonderzonen (Special Economic Zones – SEZ) besteht keine Zollfreiheit. Allerdings werden dort erhebliche Steuervorteile gewährt. Um für Investoren attraktiv zu bleiben, befinden sich jedoch in sämtlichen SEZ Zollfreiegebiete (bonded areas) als Zollverschlussgebiete.[18] Bei Zollverschlussgebieten handelt es sich um abgesperrte Sondergebiete mit den Funktionen eines Freihafens oder Freihandelsgebiets. Sie dienen zugleich als Zollkontrollzonen, in denen Tätigkeiten wie die Abfertigung für den Export abgewickelt und spezifische Zollpolitik und Verwaltungsmaßnahmen praktiziert werden.[19] Im übrigen können Zollfreiheiten auch im Rahmen von Lager- und Veredelungsverkehren erlangt werden.

Unabhängig von den SEZ existieren auch noch sonstige Wirtschaftszonen. Hier werden in besonders zugelassenen Wirtschafts- und Technologieentwicklungszonen (Economic and Technological Development Zones – ETDZ) Zollfreiheiten gewährt. Abgesehen davon gelten auch hier die Bestimmungen über die Zollgutlager und die Zollveredelungsbetriebe.[20] Zollveredelung bedeutet, dass Waren in das Zollgebiet eingeführt werden, um dort unter Durchführung von bestimmten Arbeitsschritten veredelt zu werden. Diese Veredelung erfolgt unter Zollaufsicht in den sogenannten Zollveredelungsbetrieben (bonded warehouse factories). Nach Veredelung der Waren verlassen diese das Zollgebiet wieder, ohne dass auf die eingeführten Waren eine Einfuhrabgabe erhoben wurde.[21]

Die Wirtschaftssonderzonen haben dazu eine hohe Priorität bei Infrastrukturprojekten, was sich äußerst positiv auf die Logistik in diesen Zonen auswirkt.

[...]


[1] Anmerkung: Für die Darstellung der Namen von Personen oder Städten in dieser Arbeit, wird die 1958 in der Volksrepublik China eingeführte Pinyin Lautumschrift verwendet.

[2] Vgl.: Schüller, Margot, 2003

[3] Vgl.: Schier, Peter, 1988

[4] Vgl.: Naimer, Johannes, 2001

[5] Vgl.: Schmid, Holger, 1997

[6] Vgl.: Schmid, Holger, 1997

[7] Vgl.: Schmid, Holger, 1997

[8] Vgl.: Schmid, Holger, 1997

[9] Vgl.: Naimer, Johannes, 2001

[10] Vgl.: Schmid, Holger, 1997

[11] Vgl.: Schüller, Margot, 2003

[12] Vgl.: Schmid, Holger, 1997

[13] Vgl.: Naimer, Johannes, 2001

[14] Vgl.: Schmid, Holger, 1997

[15] Vgl.: Schmid, Holger, 1997

[16] Vgl.: Naimer, Johannes, 2001

[17] Vgl.: Naimer, Johannes, 2001

[18] Vgl.: Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai): Exportieren in die VR China – Zölle und indirekte Steuern, bfai-Infos, 2002

[19] Vgl.: Botschaft der Volksrepublik China in der Bundesrepublik Deutschland: Das Gefüge der Öffnung nach außen, 2003

[20] Vgl.: Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai): Exportieren in die VR China – Zölle und indirekte Steuern, bfai-Infos, 2002

[21] Vgl. : Bundesministerium für Finanzen: Zollverfahren mit wirtschaftlicher Bedeutung – aktive Veredelung, 2003

Ende der Leseprobe aus 69 Seiten

Details

Titel
Fabrik der Welt? Die Bedeutung der Produktionszone Pearlriver Delta für die deutsche Wirtschaft
Hochschule
Hochschule der Medien Stuttgart  (Fachbereich Information und Kommunikation)
Note
1.3
Autor
Jahr
2004
Seiten
69
Katalognummer
V23415
ISBN (eBook)
9783638265409
ISBN (Buch)
9783638901611
Dateigröße
1008 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fabrik, Welt, Bedeutung, Produktionszone, Pearlriver, Delta, Wirtschaft
Arbeit zitieren
Dipl.-Informationswirt Dirk Beckmann (Autor), 2004, Fabrik der Welt? Die Bedeutung der Produktionszone Pearlriver Delta für die deutsche Wirtschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23415

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