Das Thema dieser wissenschaftlichen Arbeit ist die Darstellung der Entwicklung einer Pädagogik für Menschen mit geistiger Behinderung in der ehemaligen DDR, wobei die Aspekte der Bildungsfähigkeit und der Ausgrenzung vor dem Hintergrund sozialistischer Pädagogik besondere Beachtung finden sollen. Nach 1989 war die Pädagogik für Menschen mit geistiger Behinderung in der DDR einer harschen Kritik ausgesetzt, die sich auf die angebliche Ausgrenzung von geistig behinderten Menschen aus dem Erziehungs- und Bildungssystem der DDR bezog.
Diese Arbeit will anhand von verschiedenen Publikationen untersuchen, wie in der DDR sowohl in der Theorie als auch in der Praxis mit geistig behinderten Menschen umgegangen wurde, welches Menschenbild der Geistigbehindertenpädagogik zu Grunde lag und welche Zielsetzungen Bildung und Erziehung in der DDR zu erfüllen hatten. Galten Menschen mit einer geistigen Behinderung in der DDR als uneingeschränkt bildungs- und schulfähig, so dass ihnen Möglichkeiten zur schulischen und außerschulischen Bildung und Erziehung gegeben wurden, war anerkannt, dass Bildung und Erziehung Konstitutiva des Menschseins sind und somit jeder Mensch bildungsfähig ist oder gab es tatsächlich Tendenzen der Ausgrenzung und praktizierte Exklusion?
Um diese Fragen zu klären, befasst sich diese Arbeit in Kapitel 2 zunächst einmal mit den marxistischen Leitlinien der sozialistischen Pädagogik, die die Grundlagen für alle Konzeptionen der Bildung und Erziehung von Menschen in der DDR bildeten.
Es folgt in Kapitel 3 ein zusammenfassender Überblick über die Entwicklung des Regel- und Sonderschulsystems der DDR, der aufzeigen soll, ob es Unterschiede in der Bildung und Erziehung von Kindern mit und ohne Behinderung gab.
In Kapitel 4 folgen ausführliche Darlegungen zur Rehabilitationspädagogik, die die Konzeption der Bildung und Erziehung für Menschen mit Behinderung in der DDR war.
In den Kapiteln 5-7 geht es speziell um die Lebenssituation von geistig behinderten Menschen, ihrer Schul- bzw. Schulbildungsunfähigkeit und der Frage, welche pädagogischen Fördermöglichkeiten für diese Menschen in der DDR existierten.
Abgeschlossen wird diese Arbeit mit Kapitel 8 und der sich schon aus dem Titel ergebenen Fragestellung, ob es in der DDR ein Unerziehbarkeitsdogma gab, welches Menschen mit geistiger Behinderung den Zugang zu Erziehung und Bildung verwehrte.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Methodischen Vorgehensweise in dieser Arbeit
2. Einige Leitideen marxistischer und sozialistischer Pädagogik
2.1 Geschichtsphilosophische Grundlagen
2.2 Allseitige Entwicklung der Individuen
2.3 Verbindung des Unterrichts mit der produktiven Arbeit
2.4 Polytechnische Bildung und Erziehung
2.5 Ausblick
3. Entwicklung des Regel- und Sonderschulwesens der DDR
3.1 Die Schulreform von 1946
3.2 Die Sonderschulentwicklung 1946-1948
3.3 Die ideologische Okkupation der Schule und Pädagogik nach 1948
3.4 Die Sonderschulentwicklung 1948-1958
3.5 Die Polytechnisierung der Schule seit 1958
3.6 Die Sonderschulentwicklung 1959-1965
3.7 Das einheitliche sozialistische Bildungssystem
3.8 Die Sonderschulentwicklung 1965-1989
3.9 Zusammenfassung
4. Die Entwicklung der Rehabilitationspädagogik als erziehungswissenschaftliche Disziplin
4.1 Genese der Bezeichnung Rehabilitationspädagogik
4.2 Wissenschaftstheoretisches Selbstverständnis der Rehabilitationspädagogik
4.3 Inhaltliche Bestimmung des Rehabilitationsbegriffes
4.4 Menschenbild der Rehabilitationspädagogik
4.5 Rehabilitationspädagogik – eine Zusammenfassung
5. Zur Lebenssituation von geistig behinderten Menschen in der DDR
6. Die Rehabilitationspädagogik schulbildungsfähiger intellektuell Geschädigter in der DDR
6.1 Gegenstandsbestimmung der Rehabilitationspädagogik schulbildungsfähiger intellektuelle Geschädigter
6.2 Wesensbestimmung und Ätiologie schulbildungsfähiger intellektuell Geschädigter
6.3 Historische Entwicklung einer speziellen Bildung und Erziehung schulbildungsfähiger intellektuell Geschädigter in der DDR
6.4 Zielaspekte der Rehabilitationspädagogik schulbildungsfähiger intellektuelle Geschädigter
6.5 Funktion der Rehabilitationspädagogik schulbildungsfähiger intellektuelle Geschädigter
6.5.1 Theoretische Funktion
6.5.2 Praktische Funktion
6.5.3 Prognostische Funktion
6.6 Zur Gestaltung des rehabilitationspädagogischen Prozesses mit schulbildungsfähigen intellektuell Geschädigten
6.6.1 Einheit von Erziehung, Bildung und Rehabilitation im pädagogischen Prozess
6.6.2 Inhalte der Erziehung und Bildung schulbildungsfähiger intellektuell Geschädigter
6.7 Zusammenfassung der Rehabilitationspädagogik für schulbildungsfähige intellektuell Geschädigte
7. Rehabilitationspädagogik für schulbildungsunfähige förderungsfähige Intelligenzgeschädigte
7.1 Gegenstand der Rehabilitationspädagogik der schulbildungsunfähigen förderungsfähigen Intelligenz geschädigten
7.2 Zur Bezeichnung und Kennzeichnung schulbildungsunfähiger förderungsfähiger Intelligenz-geschädigter
7.3 Die Entwicklung der Förderungspädagogik in der DDR
7.3.1 Lösungsversuche im Rahmen der Hilfsschule
7.3.2 Lösungsversuche in Institutionen des Gesundheitswesens
7.3.3 Bemühungen zur Lösung des Problems am Institut für Sonderschulwesen der Humboldt-Universität zu Berlin
7.4 Aufgaben und Gestaltung der Rehabilitationspädagogik für schwerintelligenzgeschädigte Kinder und Jugendliche
7.5 Zusammenfassung der Rehabilitationspädagogik für schulbildungsunfähige förderungsfähige Intelligenzgeschädigte
8. Gab es in der Deutschen Demokratischen Republik ein Unerziehbarkeitsdogma?
9. Literatur
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung der Pädagogik für Menschen mit geistiger Behinderung in der DDR, mit besonderem Fokus auf das Spannungsfeld zwischen Bildungsfähigkeit und Ausgrenzung sowie der Ideologie sozialistischer Pädagogik.
- Analyse der marxistischen Leitlinien in der sozialistischen Pädagogik.
- Darstellung des DDR-Regel- und Sonderschulwesens.
- Untersuchung der Entstehung und Disziplin der Rehabilitationspädagogik.
- Forschung zur Lebenssituation und Förderungsmöglichkeiten von geistig behinderten Menschen.
- Kritische Reflexion zum Unerziehbarkeitsdogma und der Exklusion bildungsunfähiger Kinder.
Auszug aus dem Buch
1. Methodischen Vorgehensweise in dieser Arbeit
Mit Hilfe der Hermeneutik soll in dieser Arbeit die Geschichte einer Pädagogik für Menschen mit geistiger Behinderung in der Deutschen Demokratischen Republik entwickelt werden. Das Wort Hermeneutik stammt aus dem Griechischen und bedeutet ein wissenschaftliches Verfahren zur Auslegung und Erklärung von Texten (vgl. Deutsches Fremdwörterlexikon 1974, 288). Zurückzuführen ist die Methode der Hermeneutik auf Wilhelm Dilthey, der 1883 seine „Einleitung in die Geisteswissenschaften“ veröffentlichte (vgl. Dilthey 1957) und das System der Wissenschaften auf eine neue philosophisch fundierte Grundlage stellte. Die Systematisierung der Wissenschaften ergab sich für ihn aus den Methoden ihrer Erforschung. „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir“ (Dilthey 1957, 143). Das impliziert, dass Naturwissenschaften die Welt beschreiben und kausale Zusammenhänge ausdrücken und dass Geisteswissenschaften nach dem „Sinn“ menschlicher Lebensäußerungen suchen, der nur im „Verstehen“ ausgedrückt werden kann (vgl. Jank/Meyer 2002, 135). Dieses „Verstehen“ bezeichnet man als Hermeneutik.
Der Höhepunkt der neuzeitlichen Hermeneutik fällt mit dem Werk des Philosophen Hans- Georg Gadamer zusammen, der das „Verstehen“ als Kreislauf in drei „hermeneutischen Zirkeln“ entwickelte (vgl. Gadamer 1965): [1] Vorverständnis und Erwartungshorizont prägen das Verstehen vor, werden aber durch das Textverstehen selber verändert. [2] Das Verstehen des Teils hängt vom Verstehen des Ganzen ab und bestimmt es zugleich. [3] Der Gegenwartshorizont des Verstehenden und der historische Horizont des zu Verstehenden setzen einander voraus, da es weder einen Gegenwartshorizont noch einen historischen Horizont je für sich gibt.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Einführung in das Thema der Entwicklung der Pädagogik für Menschen mit geistiger Behinderung in der DDR unter Berücksichtigung von Bildungsfähigkeit und Ausgrenzung.
1. Methodischen Vorgehensweise in dieser Arbeit: Erläuterung der hermeneutischen Methode, die zur historischen Analyse der Texte und pädagogischen Konzeptionen herangezogen wird.
2. Einige Leitideen marxistischer und sozialistischer Pädagogik: Darstellung der marxistisch-leninistischen Grundlagen wie allseitige Entwicklung, polytechnische Bildung und die Verbindung von Unterricht und produktiver Arbeit.
3. Entwicklung des Regel- und Sonderschulwesens der DDR: Historischer Überblick über die Schulreformen und die Entwicklung des Sonderschulwesens unter ideologischem Einfluss von 1946 bis 1989.
4. Die Entwicklung der Rehabilitationspädagogik als erziehungswissenschaftliche Disziplin: Analyse der Entstehung der Rehabilitationspädagogik als eigenständige Wissenschaftsdisziplin und ihres Selbstverständnisses.
5. Zur Lebenssituation von geistig behinderten Menschen in der DDR: Untersuchung der Lebensperspektiven behinderter Menschen, abhängig von ihrer Einstufung als bildungsfähig oder bildungsunfähig.
6. Die Rehabilitationspädagogik schulbildungsfähiger intellektuell Geschädigter in der DDR: Detaillierte Betrachtung der Theorie und Praxis der Förderung für schulbildungsfähige intellektuell geschädigte Kinder.
7. Rehabilitationspädagogik für schulbildungsunfähige förderungsfähige Intelligenzgeschädigte: Erörterung der späteren Bemühungen, auch für Kinder ohne Schulbildungsfähigkeit spezifische Förderkonzepte zu entwickeln.
8. Gab es in der Deutschen Demokratischen Republik ein Unerziehbarkeitsdogma?: Abschließende kritische Reflexion zur Frage, ob das DDR-System durch die Stigmatisierung als bildungsunfähig den Zugang zu Grundrechten verwehrte.
Schlüsselwörter
Rehabilitationspädagogik, DDR, Geistigbehindertenpädagogik, Schulbildungsfähigkeit, Bildungssystem, Sozialistische Pädagogik, Exklusion, Inklusion, Hermeneutik, Sonderpädagogik, Menschenbild, Polytechnik, Förderungspädagogik, Unerziehbarkeitsdogma, Ideologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische Entwicklung der Pädagogik für Menschen mit geistiger Behinderung in der DDR und untersucht kritisch, wie das sozialistische Erziehungssystem zwischen dem Anspruch auf Teilhabe und der tatsächlichen Ausgrenzung agierte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den zentralen Themen gehören die marxistischen Bildungsleitlinien, die historische Entwicklung des DDR-Schulwesens, die Rolle der Rehabilitationspädagogik und die Frage nach dem Unerziehbarkeitsdogma gegenüber Menschen mit geistiger Behinderung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, das Spannungsfeld zwischen Bildungsfähigkeit und Ausgrenzung in der DDR aufzuzeigen und zu untersuchen, ob Menschen mit geistiger Behinderung durch das staatliche Erziehungssystem systematisch stigmatisiert oder ausgeschlossen wurden.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit stützt sich auf die Methode der Hermeneutik, um historische Texte und Bildungskonzeptionen der DDR ideologiekritisch auszulegen und in ihrem damaligen Kontext zu verstehen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung marxistischer Erziehungsideale, die Chronologie des Sonderschulwesens, die theoretische Fundierung der Rehabilitationspädagogik sowie eine differenzierte Analyse der verschiedenen Stufen von (Schul-)Bildungsfähigkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Publikation?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Rehabilitationspädagogik, DDR, Bildungsfähigkeit, Exklusion, sozialistische Pädagogik und Sonderschulwesen geprägt.
Inwiefern hat die Einstufung als "bildungsunfähig" das Leben in der DDR beeinflusst?
Die Arbeit verdeutlicht, dass die Kategorisierung als "bildungsunfähig" für Betroffene oft den Ausschluss aus dem Bildungssystem bedeutete, da für diese Gruppe lange Zeit keine pädagogische Rehabilitation vorgesehen war und die Verantwortung beim Gesundheitswesen lag.
Wie bewertet der Autor den Paradigmenwechsel im Vergleich zur Bundesrepublik?
Der Autor stellt fest, dass die DDR-Rehabilitationspädagogik den in der Bundesrepublik eingeleiteten Paradigmenwechsel – den Abschied vom Unerziehbarkeitsdogma – weitgehend ignorierte und an einer medizinisch-biologischen Defektsicht festhielt.
- Quote paper
- Tobias Niemann (Author), 2004, Die Entwicklung der Geistigbehindertenpädagogik in der DDR im Spannungsfeld zwischen Bildungsfähigkeit und Ausgrenzung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23918