Ehe als 'wâren minn mit triuwen' - Das Modell der Neigungsehe in Wolfram von Eschenbachs Parzival


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000
29 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Das Wesen der Ehe im Parzivalroman
1.1 Eheverhältnis versus Minnedienst
1.2 Neigungsehe und freie Gattenwahl
1.3 Herrschaftsübernahme als Ausdruck der Rechtsordnung

2. Ehe als „wâren minn mit triuwen“
2.1 Minne und Ehe
2.2 Treue und Ehe

3. Religiöse Legitimation der Ehe
3.1 Sigunes Ehe als religiöse Verdienstlichkeit

4. Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis
a) Quellen
b) Literatur

Einleitung

Wolfram von Eschenbach war einer der grössten Dichter seiner Zeit. Nur wenige ernteten soviel Anerkennung wie er. Seine Literatur fand ein grosses Publikum. Folglich war auch der Einfluss seiner Dichtungen und deren progressive, oft auch didaktischen Ansätze ausserordentlich für die Literatur und (zumindest die rezeptive) Gesellschaft jener und der nachfolgenden Zeit. Zu verschiedenen Themen - höfische Liebe, Ehe und Rittertum - vertrat er in seinen Dichtungen kritische Ansichten, welche der historischen Realität des Mittelalters weit voraus waren.

So waren Eheschliessungen in der höfischen Welt jener Zeit oft ein Mittel zur Erreichung eines politischen Zwecks. Dass dabei die „waren minn“ und das daraus folgende Recht der freien Partnerwahl meistens unterdrückt wurde, lässt Wolframs Kritik der vorherrschenden Ehepraxis progressiv und berechtigt erscheinen. Seine literarische Darstellung dieser Problematik ebnet den Weg für einen emanzipierten Umgang mit der Ehe, auch wenn sich der adelige Hof dieser Tendenz noch weitgehend verschloss. So fordert Wolfram in seinem Artusroman anhand offener, manchmal auch in Ironie versteckter Kritik einen Umbruch im Denken: Er intendiert im „Parzival“ zu einer höfischen Eheauffassung, die sich in ihrem Selbstzweck, der religiösen Beschliessung von Liebe, manifestiert.

In der folgenden textorientierten Analyse der Ehethematik im „Parzival“ befasse ich mich mit dem Wesen der Ehe und deren Funktionalität im Text. Dabei werde ich den Fokus auf das Verhältnis der topoi „minne“, „triuwe“ und Religion zur Praxis der Eheschliessungen richten.

1. Die Ehe im Parzival

Um das Wesen der Ehe im Parzivalroman begründen zu können, muss man zuerst Wolframs Kritik an der höfischen Ehepraxis im historischen Mittelalter betrachten. Angeprangert wird die Entfremdung des liebesbindenden Zwecks der Ehe zu einem Mittel der höfischen Gesellschaftsinteressen. Im Vordergrund des feudalen Ehepraxis standen oft politische und dynastische Auflagen. Joachim Bumke macht diesen Missstand offensichtlich, wenn er festhält,

da¢ die minnetheoretische Trennung von Liebe und Ehe sich überraschend gut vertrug sowohl mit den tatsächlichen Eheverhältnissen in der adligen Gesellschaft als auch mit der kirchlichen Ehelehre der damaligen Zeit.[1]

Die Zuneigung zwischen Männern und Frauen der adligen Gesellschaftsschicht wurde selten als Grund akzeptiert, in einer Ehe einzugehen. Liebe war dem höfischen Minneverhältnis vorbehalten, nicht aber der Ehe, welche durch Allianzverwandtschaft und daraus abzuleitender Fortpflanzungsfunktion den Zweck der Sicherung und Erweiterung finanzieller und politischer Macht zu erfüllen hatte. Vor allem die höfische Frau hatte als Gattin sozusagen nur Funktionswert. Sie hatte keine Möglichkeit zur individuellen Gattenwahl, was Herbert Ernst Wiegand treffend formuliert: „Die adelige Frau heiratete nicht. Sie wurde verheiratet!“[2]

Wolfram stellt dieser funktionalisierten Ehepolitik im „Parzival“ sein Konzept der Neigungsehe entgegen. So erfasst auch Marlis Schumacher Wolframs dichterische Darstellung der Ehe als

eine von jeder äu¢eren Zwecksetzung und Nützlichkeit befreite persönliche Bindung, die weder durch [...] kirchlich[e] [...] Ehezwecke [...] noch durch politische oder materielle Rücksichten bestimmt wird.[3]

Der Ehe wird in Wolframs Roman eine funktionale Verdienstlichkeit abgesprochen, denn allein Liebe und Treue werden als deren Voraussetzungen betrachtet. Diese innovative Legitimation der Ehe wird jedoch nur möglich durch ein grundlegend neues Verständnis des Begriffs an sich. Wolfram bezieht sich in seiner Vermittlung einer progressiven Ehe allein auf die Darstellung durch die inhaltliche Sukzession, das heisst, durch die dichterische Beschreibung verschiedener Ehepaare, deren Wirken und deren Beziehung. Er kritisiert die vorherrschende Ehepraxis nicht - wie dies der Minne in drei Exkursen geschieht - anhand differenzierter Kommentare der Erzählinstanz.

Dennoch ist auffällig, wie sich bestimmte Elemente der Ehe in verschiedenen Konstellationen den ganzen Roman hindurch wiederholen. Die Verkehrung in ein eheliches Liebesverhältnis findet bei nahezu allen Beziehungen statt, auch wenn sich die Motivation zur Eheschliessung und frühe Ausprägungen der Ehe nicht von der liebesbedingten Zuneigung herleiten liess.[4] So wird Herzeloydes primärer Wunsch nach einem Ehepartner, welcher ihr aus ihrer politischen Misere hilft, dahingehend erfüllt, dass sich Gahmuret mit seinem Turniersieg nicht nur als fähiger Ehekandidat bewährt, sondern in Herzeloyde zudem die Liebe entfacht. Auch Orgeluse erliegt der Liebe zu Gawan, nachdem er durch seinen Minnedienst ihren Racheplänen behilflich war.

Dagegen trifft der Leser auch wiederholt auf das gewaltsame Ende einer glücklichen Ehebeziehung. So sind es die Geliebten oder Gatten, die in Ausübung ihrer Ritter- und Minnepflicht ums Leben kommen und Ehefrauen hinterlassen, die auf diesen Verlust mit selbstaufopfernder Trauer reagieren.[5] Der Witwen sind einige: Herzeloyde, Belakane und Sigune zeigen ihre Traurigkeit über den Verlust des Gatten, beziehungsweise des Geliebten durch das Nachsterben aus Liebe. Dass Gahmuret die Ursache für Belakanes tödlichen Liebeskummer ist, wird von deren Sohn Feirefiz kritisiert:

sîn wîp, von der ich wart geborn,

durh minne ein sterben nâch im kôs,

dô si minne na im verlôs. (V. 750,24 ff.)

Bei Orgeluse schlägt die Trauer um den Ehemann in Rache gegenüber dem Gattenmörder um. Oft wird die Ehe auch im Zusammenhang mit Krieg, Gewalt und Hass genannt. Dabei handelt es sich um Motive in der Ehe oder diese tangierend, die gemäss der höfischen Realität existierten, im „Parzival“ aber dadurch in Frage gestellt wurden, weil sie unheilbringende Wirkungen nach sich ziehen.

Auch sind die Ehen im Parzival vielfach durch überzogene Formen gekennzeichnet. So werden Beziehungen durch idealisiertes, positives oder negatives Verhalten typisiert und erhalten neben einer gewissen Komik und Übertreibung der Darstellung aber auch didaktischen Lehrcharakter für den höfischen Rezipienten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in der Ehe nur dann, wenn die Grundvoraussetzungen von Liebe und Treue erfüllt werden, die eheliche Lebenseinheit erreicht werden kann. Gurnemanz legt dies in einer poetischen Umschreibung seinem ‚Schüler’ Parzival nahe:

man und wîp diu sint al ein;

als diu sunn diu hiute schein,

und ouch der name der heizet tac.

der enwederz sich gescheiden mac:

si blüent ûz eime kerne gar. (V. 173,1 ff.)

Wolfram schreibt der ehelichen Liebe eine „veredelnde Wirkung“[6] zu. Die Ehe hat erzieherische Wirkung, sie trägt bei zu Erhöhung der „kurtoisîe“.

1.1 Eheverhältnis versus Minnedienst

Wolframs zentrale Kritik an der feudalen Ehepraxis äussert sich in der Ablehnung des höfisch-ritterlichen Minnedienstes, denn noch zu Wolframs Zeit war der „ritterliche Frauendienst [...] das Grundmuster der zwischengeschlechtlichen Beziehung in der höfischen Literatur“[7]. Vieles, was im „Parzival“ Leid und Unglück nach sich zieht, hat seinen Ursprung im höfischen Frauendienst. So sind Isenhart und Schionatulander in Ausübung des Minnedienstes getötet worden. Des einen Tod hat Belakanes Herrschaftsreich zum Ziel von Rachebegehren gemacht, des anderen Ableben hat Sigune solches Leid erbracht, dass sie daran zugrunde geht. In der Komik von Gawans gespieltem Minnedienst an der kindlichen und zugleich ernsthaften Obilot wird gezeigt, wie der höfische Dienst an der Minne zur gehaltlosen Formalität reduziert wird. Merkwürdig mutet auch Gahmurets Minnebeweis an, indem er ein „wîz sîdîn [...] hemde“ (V. 101,9 f.) seiner Ehefrau Hezeloyde als Minnepfand über seiner Rüstung trägt. Nach erfolgreichen Rittertaten kehrt er heim und lässt den zerfetzten Stoff von seiner Frau tragen - ein Liebesbeweis, der sich ins Lächerliche verkehrt:

al kleine wîz sîdîn

ein hemde der künegîn,

als ez ruorte ir blôzen lîp,

diu nu worden was sîn wîp,

daz was sîns halsperges dach.

ahzehniu manr durchstochen sach

und mit swerten gar zerhouwen,

[...]

daz leit ouch si an blôze hût,

sô kom von rîterschaft ir trût,

der manegen schilt vil dürkel stach. (V. 101,9 ff.)

Aber auch die sinnlosen Gewalttaten, mit der Orilus seine Ehefrau Jeschute straft, weil sie von Parzival, in naivem und dummem Glauben an den Minnedienst, genötigt wird, lassen auf ein Minnerittertum schliessen, dass sich weniger an der wahren Liebe, denn an der formalen Erfüllung des Minnedienstes orientiert.

Dieses ritterlich-höfische Streben nach Minne wird auch dem Gralkönig Anfortas zum Verhängnis. Obwohl diesem, gemäss der Gralsordnung, die Ehefrau von Gott bestimmt wird, lässt er sich auf den Minnedienst an Orgeluse ein, was verheerende Konsequenzen für ihn und die gesamte Gralsgesellschaft zur Folge hat. Trevrizent erklärt Anfortas’ Vergehen denn auch als Erzwingen einer Liebe, die nicht rein ist, nicht durch Gottes Einverständnis geschieht:

sîn jugent unt sîn rîchheit

der werlde an im fuogte leit,

unt daz er gerte minne

ûzerhalp der kiusche sinne. (V. 472,27 ff.)

Daran anschliessend wird auch die Verzerrung von Minnedienst durch erzwungene, gewaltsame Werbung als Ursprung von weitreichendem Leiden dargestellt. Viele Kriege nehmen mit dem unerwiderten Minnebegehren oder der wenig erfolgreichen Brautwerbung ihren Anfang.

Eine äusserst brutale und sinnlose Ausprägung der Minnewerbung übt Gramoflanz an Orgeluse aus. In einer übertriebenen Darstellung erschlägt er ihren Ehemann Cidegast und masst sich an, auf der nun ‚freien Bahn’ ihre Liebe zu gewinnen:

Cidegasten sluog ich tôt,

[...]

Orgelûsen fuort ich dan,

ich bôt ir krône und al mîn lant:

[...]

ine kunde ir minne nie bejagen. (V. 606,6 ff.)

Zwar besteht die Sehnsucht von Gahmuret und Parzival während ihrer langen Trennung von ihren geliebten Frauen aus Elementen, wie sie auch in der Hohen Minne, „der Höchstform höfischer Liebe“[8], begegnen, jedoch liegt dieser eine ganz andere Motivation zugrunde. Wo in der Hohen Minne die Trennung zwischen den Liebenden die grundlegende Bedingung der Enthaltsamkeit darstellt, so ist Gahmurets und Parzivals lokale Abwesenheit von ihren Frauen ein ‚Übel’, das in Ausübung der Ritterpflicht, beziehungsweise der Gralsberufung in Kauf genommen werden muss. Diese Konzeption erlaubt ihm, die Verbundenheit zwischen den liebenden Gatten und die Bewährung ehelicher Treue trotz zeitlicher und räumlicher Distanz zu betonen. Die Trennung bei beiden Paaren wirkt dadurch, trotz besagten Anleihen der Hohen Minne, bestätigend auf Wolframs Programm der Neigungsehe.

Liebesdienste und Liebesbeweise, wie sie Wolfram in der rein höfischen Minne kritisiert, sollen dagegen nicht nur die voreheliche Werbung, sondern auch das Eheleben selbst prägen. Dies stellt Parzival, als Ehemann, der sich der Tradition des höfischen Minnerittertums verbunden fühlt, seiner Gattin Condwiramurs unter Beweis: „mag ich iu gedienen vil, / daz giltet iwer minne wert.“ (V. 223,24 f.) So erweist er durch alle seine Rittertaten seiner Ehefrau die höchste Ehre, da er ihr diese siegreichen Abenteuer widmet:

Condwier âmûrs,

dîn minneclîcher bêâ curs,

an den wirt dicke nu gedâht,

waz dir wirt âventiure brâht!

schildes ambet umben grâl

wirt nu vil güebet sunder twâl [...] (V. 333,32 ff.)

Als Orgeluse auf Gawans treue Liebesbeweise „die nôt [die Minnewerbung des Ritters] erwante, / daz dienter vor unde nâch.“[9] (V. 217,4 f.) So betrachtet auch Gawan das Begehren der Frau nach der Schliessung der Ehe als Maxime:

‚wer mac minne ungedienet hân?

[...]

swem ist ze werder minne gâch,

dâ hœret dienst vor unde nâch.’ (V. 511,12 ff.)

Es wird offensichtlich, dass sich Wolframs Darstellung der Ehe teilweise durch feudale Elemente, teilweise durch progressive ‚Neuerungen’ äussert, dass er ihr eine „Konzeption der Einheit von ritterlich-höfischer minne und gegenseitiger, sinnlich-geistiger Geschlechterliebe“[10] zugrunde legt. Die Werbung um die Gunst der Frau erlöscht nicht mit dem Erreichen des Ziels, sprich der erwiderten Liebe oder dem Eheversprechen, sondern soll sich auch danach in gegenseitiger Dankbarkeit und Zuneigung äussern.

1.2 Neigungsehe und Freie Gattenwahl

Die zentrale Botschaft von Wolframs Darstellung der „rehten ê“ ist das Postulat der liebesbedingten Ehe, der Neigungsehe. In der literarischen Sukzession des Plots im „Parzival“ konnte Wolfram sein Modell der Neigungsehe konsequent verfolgen. Obwohl komplexe Verwandtschaftsmotive und die Abfolge der Romanhandlung auch ‚rationale’ Ehen verlangte, hat Wolfram bei Eheschliessungen diesem sekundären Zweck der, durch den Erzählstrang erforderten, inhaltlichen Schlüssigkeit die gegenseitige Liebe vorangestellt. Diese Existenz von höfischen Elementen in Wolframs Programm der Ehe wird in der Literatur bestätigt, zugleich aber auch relativiert:

Bei [...] Eheschlie¢ungen im Parzival konnte eine Parallelität zur feudalen Eheschlie¢ungspraxis gezeigt werden [...] Immer aber unterschieden sich diese Ehen dadurch von der Praxis, da¢ sie aus minne geschlossen wurden, also auch gesellschaftliche und rechtliche Verwirklichung der minne waren.[11]

[...]


[1] Bumke II (1997), S. 534.

[2] Wiegand (1972), S. 26.

[3] Schumacher (1967), S. 198.

[4] Zur Wolframs Tendenz einer Ehe, die von Liebe motiviert und durch Liebe bedingt ist siehe Kapitel 2.1.

[5] Zum Motiv der Trauer als Weiterführung ehelicher Treue siehe dagegen Kapitel 2.2.

[6] Schumacher (1967), S. 93.

[7] Bumke (1994), S. 111.

[8] Schumacher (1967), S. 73.

[9] Hervorhebung von mir, M. Z. Damit ist die Zeit vor und nach der Ehewerbung gemeint.

[10] Wiegand (1972), S. 50.

[11] Wiegand (1972), S. 48.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Ehe als 'wâren minn mit triuwen' - Das Modell der Neigungsehe in Wolfram von Eschenbachs Parzival
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)  (Mediävistisches Seminar)
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
29
Katalognummer
V23940
ISBN (eBook)
9783638269414
Dateigröße
688 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Modell, Neigungsehe, Wolfram, Eschenbachs, Parzival
Arbeit zitieren
Markus Züger (Autor), 2000, Ehe als 'wâren minn mit triuwen' - Das Modell der Neigungsehe in Wolfram von Eschenbachs Parzival, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23940

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