Konfession und generatives Verhalten im 17. und 18. Jahrhundert - Ein Überblick


Seminararbeit, 2001

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung der Arbeit:

1. Einleitung

2. Aspekte und Grundbegriffe das generativen Verhaltens

3. Allgemeines generatives Verhalten im Untersuchungszeitraum

4. Die vier Hauptmerkmale des generativen Verhaltens

5.1 Das generative Verhalten in den Konfessionen
5.2 Konfessionelle Unterschiede bei der Zahl der Geburten pro Frau
5.3 Konfessionelle Unterschiede im protogenetischen und intergenetischen Intervall
5.4 Unterschiede der Frauensterblichkeit innerhalb der Konfessionen
5.5 Konfessionelle Unterschiede der Familiengrößen

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit befasst sich mit der historischen Demographie. Es wird hauptsächlich beschrieben, inwiefern Unterschiede im generativen Verhalten im zeitlichen Verlauf einerseits und in soziokulturellen sowie sozioökonomischen Merkmalen andererseits nachzuweisen sind. Dabei steht die Demographie im Fordergrund, da in bezug auf die Historie ausschließlich auf Sekundärliteratur zurückgegriffen wurde.

2. Aspekte und Grundbegriffe des generativen Verhaltens

Das generative Verhalten umfasst die gesamten die Fruchtbarkeit betreffenden Begriffe und das daraus resultierende Verhalten einer Bevölkerung. Eine wichtige Maßzahl zu Messung des generativen Verhaltens einer Bevölkerung stellen sogenannte direkte Fruchtbarkeitsmaße dar. Man kann dabei auf zwei verschiedene Methoden zurückgreifen:

- Ermittlung von Fertilitätsraten: sie geben die Anzahl der innerhalb eines Kalenderjahres lebendgeborenen Personen auf die Gesamtbevölkerung (oder Teilgruppen der Bevölkerung) an
- Kumulative Betrachtungen der Fertilität: hierbei wird für eine fiktive Ausgangsbevölkerung die Anzahl der lebendgeborenen Kinder bis zu einem bestimmten Lebensalter (i.d.R. 5 Jahre) oder während des ganzen Jahres berechnet. (BÄHR 1997, 182)

In der historischen Demographie findet hauptsächlich ein Zusammenspiel biologisch-soziologischer Elemente statt, die sich im wesentlichen aus Heirats-, Sterbe- und Fruchtbarkeitsziffern zusammensetzen. Dies wird gemeinhin als „generative Struktur“ bezeichnet (MACKENROTH 1953, 110). Diese generativen Strukturen sind jedoch nur in soziologisch homogenen Gruppen nachzuweisen und sind außerdem eng mit deren Reproduktionsweise verbunden. Des weiteren unterliegen sie „wie alles Soziale dem gesellschaftlichen Wandel. Dieser Wandel vollzieht sich als ein dauerndes Umprägen, so dass von soziologisch führenden Schichten oder Völkern her das Verhalten der anderen laufend umgeprägt wird“. (MACKENROTH 1955b)

Somit lassen sich zwei wesentliche historische Epochen mit jeweils stabilem generativen Verhalten unterscheiden. Zum einen eine Epoche der (europäischen) Agrargesellschaft und zum anderen eine Epoche der Industriegesellschaft.

Historisch-demographisch gesehen lassen sich beide Epochen sehr gut voneinander abgrenzen, da in der Epoche der Agrargesellschaft sowohl die Geburtenrate, also die Zahl der Neugeborenen eines Jahres pro 1000 Einwohnern, als auch die Sterberate auf einem sehr hohen Niveau lagen und aufgrund zahlreicher Faktoren zeitweise stark schwankten. In der Epoche der Industriegesellschaft liegen beide Raten im Gegensatz zur Epoche der Agrargesellschaft auf einem wesentlich niedrigeren Niveau und bleiben zudem relativ stabil. Den somit klar abgegrenzten Übergang von der Epoche der Agrar- zur Epoche der Industriegesellschaft bezeichnet man als „Demographischer Übergang“. Diese Arbeit befasst sich hauptsächlich mit der Epoche der Agrargesellschaft bis zum einsetzen des demographischen Übergangs. Dabei sollen insbesondere die Unterschiede zwischen den einzelnen Konfessionen in deren generativem Verhalten, die Unterschiede der Frauensterblichkeit in den Konfessionen, die Familiengröße sowie die daraus resultierenden sozioökonomischen Begebenheiten dargestellt werden.

3. Allgemeines generatives Verhalten im Untersuchungszeitraum

In der Epoche der europäischen Agrargesellschaft gab es innerhalb der Ehe noch (fast) keine Nachwuchsbeschränkung. Somit wurde die Zeugungs- bzw. Gebärkraft der verheirateten Bevölkerung voll ausgeschöpft. (MACKENROTH 1955b) Demzufolge regulierte sich das generative Verhalten hauptsächlich über die Anzahl und den Zeitpunkt von Familiengründungen. Jedoch war das Privileg eine Familie zu gründen an den Erwerb einer Vollstelle gebunden. Es durfte also nur derjenige eine Familie gründen, der eine Arbeitsstelle in Vollzeitbeschäftigung besaß und somit genügend finanzielle Mittel besaß, um eine Familie ernähren zu können. Diese Einschränkung war insbesondere im 17. und im 18. Jahrhundert ein oft angewandtes Mittel der einzelnen europäischen Staaten, um das Wachstum der Bevölkerung zu beschleunigen bzw. zu verlangsamen. Eine Beschleunigung wurde durch eine Lockerung der Heiratsbegrenzungen herbeigeführt, da demnach mehr Ehen geschlossen wurden. Aus dem umgekehrten Fall resultierte kurzfristig eine Verlangsamung des Bevölkerungswachstums und langfristig zumeist eine Bevölkerungsabnahme.

Auslöser für eine Änderung der Heiratsbegrenzungen waren in erster Linie die wirtschaftliche Tragkraft eines Staates bzw. Territoriums, bedeuten doch mehr Einwohner mehr Steuereinnahmen und im Kriegsfalle eine höhere Zahl kampfbereiter Soldaten. Da die Nahrungsmittelproduktion zur damaligen Zeit jedoch ziemlich unsicher war und wesentlich stärker als gegenwärtig von natürlichen Gegebenheiten abhängig war, kam es häufiger zu einer Nahrungsmittelunterversorgung bzw. zu Hungersnöten, wodurch sich die Bevölkerungszahl gewissermaßen selbst begrenzte. Ähnliches ist in der Tierwelt zu beobachten, wo z.b. die Anzahl der Hasen eines Gebietes von der Anzahl der dort lebenden Füchse abhängig ist.

Aufgrund der voll ausgeschöpften Gebär- und Zeugungskraft einerseits und der relativ unsicheren Nahrungsmittelversorgung andererseits resultieren die schon erwähnten hohen Niveaus sowohl der Sterbe- als auch der Geburtenraten. Der „Bevölkerungsumsatz“ war demnach durch hohe Werte gekennzeichnet, wobei verschiedene Krisen zu der bereits erwähnten Instabilität beider Raten führten. Es ist zu beobachten, dass insbesondere nach einem Krieg, der viele Todesopfer forderte, die Geburtenrate in den Folgejahren wesentlich über ihrem Durchschnittsniveau liegt, da der Verlust zum einen auf natürliche Weise, zum anderen durch institutionelle Regelungen wie etwa einer Lockerung des Heiratsrechts oder gar einer Aufhebung der Heiratsbeschränkungen ausgeglichen wird bzw. werden soll.

4. Die vier Hauptmerkmale des generativen Verhaltens

Unabhängig von der jeweiligen Epoche ist das generative Verhalten einer jeden Bevölkerung an vier wesentliche Merkmale gekoppelt. Zum einen hängt es vom sogenannten „physischen Können“ ab. Dazu zählen hauptsächlich die Maßzahlen der Sterilitätsquote, die Fehlgeburtenhäufigkeit und die Sexualproportion. Je höher die Sterilitätsquote, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, kinderlose Ehepaare aufzufinden. Die Fehlgeburtenhäufigkeit beeinflusst in hohem Maße die absolute Zahl der Geburten pro Frau während deren fruchtbarer Phase, die bei demographischen Untersuchungen zumeist zwischen einem Alter von 15 und 49 bzw. 45 Jahren festgelegt ist. Sie ist in hohem Maße von den hygienischen Verhältnissen und der Nahrungsmittelversorgung abhängig, in Krisenjahren und Krisengebieten demnach sehr hoch. Die Sexualproportion gibt das Verhältnis der männlichen auf 100 oder 1.000 weibliche Neugeborene bzw. innerhalb einzelner Kohorten oder Jahrgänge an, wovon wiederum die Geburtenziffer in hohem Maße abhängig ist. (BÄHR 1997, 103) Dabei sind zwei wesentliche Tatsachen zu beobachten.

Einerseits ist die Sexualproportion vom Alter des Vaters aber in noch höherem Maße von dem der gebärenden Mutter abhängig. Je höher das Alter bei der Geburt bzw. Zeugung, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit ein Mädchen zu erhalten. Andererseits sind männliche Säuglinge anfälliger gegen Säuglingskrankheiten und den plötzlichen Kindstod, sowie ihre Lebenserwartung und ihr Durchschnittsalter niedriger als bei der weiblichen Bevölkerung ist. Das Verhältnis zwischen den beiden Geschlechtern wird also mit zunehmendem Alter aufgrund alters- und geschlechtsspezifischer Sterblichkeitsverhältnisse zugunsten der weiblichen Bevölkerung ausgeglichen. (BÄHR 1997, 103)

Das „persönliche Wollen“ bestimmt ebenfalls das generative Verhalten der Bevölkerung. Zum einen hängt der persönliche Wille sich fortzupflanzen nach Mackenroth von der „Aufwandsnorm“ ab. Darunter wird der Aufstiegswillen einer jeden sozialen Schicht verstanden, welcher nach Meinung Mackenroths in der hierarchischen Struktur von Heer und Beamtentum verwurzelt ist. Um die soziale Mobilität, den Aufstieg in eine höherwertige soziale Klasse zu vollziehen, bedarf es materieller sowie finanzieller Sicherheiten, welche eng an die Anzahl der vorhandenen Kinder gebunden ist.

Unter soziologischen Gesichtspunkten resultiert aus einem nachbarschaftlichen Zusammenleben ein sozialer Anerkennungs- und Rivalitätstrieb: „Man schränkt sich in der Nahrung ein, um mit Hilfe der gesparten Ausgaben die gesellschaftliche Position für sich Selbst oder seine Kinder zu retten: „man sieht uns auf den Kragen, man sieht uns nicht in den Magen“. Und man beschränkt aus demselben Grunde die Kinderzahl“. (OLDENBERG 1911, 428, vgl. HERTER-ESCHWEILER, 167) Diese Modell ist unter dem Begriff des „sozialen Kapillaritätsstrebens“ bekannt, welches seinen Höhepunkt in industriellen Gesellschaften und dort insbesondere in verdichteten Agglomerationsräumen erreichte.

Es gibt bestimmte Aufwandskonkurrenzen, also Missverhältnisse von Einkommen und Aufwandsnorm, die ebenfalls zum „persönlichen Wollen“ hinzugezählt werden. Diese Aufwandskonkurrenzen entstehen aus der Tatsache, dass sich eine jede Sozialschicht an der Aufwandsnorm der nächst höheren Sozialschicht orientiert, wobei alle auf die Spitzengruppe ausgerichtet sind. Die geburtenmindernden Einflüsse dieses Faktors wurden allerdings erst spät in der Ausbildungsphase der kapitalistischen Gesellschaft wirksam. (HEBERLE 1937)

Dritter Punkt ist die sogenannte situative Begrenzung des Reproduktionsniveaus durch die Ökonomie. Es ist demnach nicht zwangsläufig der Fall, dass durch eine Steigerung gewerblicher Produktionen mit einer Ausweitung der agrarischen Produktion einher geht. Somit reicht die Agrarproduktion ab einem gewissen Reproduktionsniveau nicht mehr aus, um eine vermehrte Bevölkerung ernähren zu können, wodurch eine „Fortpflanzungsnorm“ als möglich erscheint, welche dauerhaft unterhalb des möglichen Reproduktionsniveaus liegt. (vgl. MACKENROTH 1953: 410 ff.) Demnach stellt die Ökonomie eine gegebene Situation dar, an die das generative Verhalten angepasst werden muss.

Als vierter und letzter Punkt ist das jeweilige generative Verhalten an „das soziale Dürfen“ gebunden (HERTER-ESCHWEILER 1998, 158). Diesem Faktor wird allgemein die größte Bedeutung auf das generative Verhalten zugeschrieben, wenngleich es sich prinzipiell vorwiegend rational und individuell begründen lassen ließe. Jedoch wird jegliche Ratio und Individualität durch gesellschaftliche Werte und Normen derartig überformt, dass diese nur noch wenig zur Erklärung von generativem Handeln beitragen. Mackenroth schrieb hierzu: „[So gibt es] nicht den geringsten Grund, warum sich verständige und kluge und „rationale Menschen“ keine Kinder wünschen sollten. (...) Nicht der Inhalt der Lebenspläne (...) sondern die ökonomische und soziale Ordnung bewirkt, dass die Lebenspläne ganz bestimmte, sozial höchst überflüssige Inhalte haben und dass ihre rationale Verfolgung zu einer so extremen Kleinhaltung der Familie führt.“ (MACKENROTH 1953, 412)

Das „soziale Dürfen“ wird demzufolge hauptsächlich von drei Faktoren bestimmt:

1. Vom Funktionsverlust und dem Funktionswandel der Familie innerhalb der (Industrie)- Gesellschaft. Hierzu ist zu beobachten, dass die Familie als solches einem stetigen Verlust familialer Funktionen unterliegt. Ihr fällt zunehmend die Funktion des reinen Konsums zu, der Mann wird quasi zum „Versorger“ der Familie. Zudem ändert sich durch die veränderte Stellung der Frau innerhalb der Gesellschaft auch die Rolle der Frau innerhalb der Familie, da die Frau die Wahl zwischen einer Beschränkung auf den Haushalt und eines außerhäuslichen Mitverdienstes hat. Die Familie wird quasi von „einer Produktionsgemeinschaft zu einer Erwerbsgemeinschaft“ (MACKENROTH 1953, 364, vgl. HERTER-ESCHWEILER 1998, 163). Außerdem sind Kinder seit dem Verbot der Kinderarbeit und der Einführung der Schulpflicht von einem Investitionsgut zu einem reinen Kostenelement für eine Familie geworden, Kinder sind also keine „lebende Altersvorsorge“ mehr. Zudem ist die Bedeutung der Familie für die Erziehung eines Kindes aufgrund staatlicher Institutionen (Kindergärten, Schulen etc.) rückläufig geworden.

2. Von der Familienverfassung. Hierbei ist in Europa hauptsächlich die vaterrechtliche Zwei-Generationen-Familie als Familienverfassung vorherrschend, wobei der Mann die Verantwortung sämtlicher Entscheidungen trägt und somit auch die Fortpflanzung in seinen Dienst stellt. Dadurch wird der Wunsch des Mannes nach Kindern von den Lasten und Entbehrungen abhängig, die mit dem Unterhalt und der Erziehung von Kindern verbunden sind.

3. Von der Sexualethik des Christentums. Die Kirche gilt als wesentlichster Einflussfaktor des generativen Verhaltens in der Epoche europäischen Agrargesellschaft. Eine genaue Analyse der Entwicklung der christlichen Fortpflanzungsethik scheint daher unumgänglich und soll im Folgenden durchgeführt werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Konfession und generatives Verhalten im 17. und 18. Jahrhundert - Ein Überblick
Hochschule
Universität Mannheim  (Seminar für Neuere Geschichte)
Note
2,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
21
Katalognummer
V23989
ISBN (eBook)
9783638269797
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konfession, Verhalten, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Jörg Scharfenberger (Autor:in), 2001, Konfession und generatives Verhalten im 17. und 18. Jahrhundert - Ein Überblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23989

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