Slavoj Zizek - Die Bedeutung von Jouissance für Franz Kafkas „Prozeß“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

22 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

I) Zizeks Idee von Jouissance als Substanz, aus dem das Gesetz besteht

II) Jouissance und die Struktur des Möbiusbands im Prozeß-Roman
1) Verhaftung
2) Fräulein Bürstner und die Waschfrau
3) K. und Leni
4) Kinder und Jouissance

III) Bewertung und Kritik von Zizeks Deutung

Einführung

Für fast alle Interpreten des Prozeß- Romans ist die Frage nach Wesen und Struktur des Gesetzes und der damit verbundenen „Schuld“ K’s eine zentrale und gleichzeitig, eine unlösbare. In der Türhüterparabel „Vor dem Gesetz“ wird das höchste Gericht, die Quelle des Gesetzes, vor allem durch Abwesenheit und Unerreichbarkeit charakterisiert. Zahlreiche Deutungsverfahren widmen sich dem Problem, die scheinbar unvereinbaren Widersprüche zwischen dem unerreichbaren höchsten Gericht und den „niederen Gerichtskanzleien“ mit denen es K. stattdessen fortwährend zu tun hat, aufzulösen. Die Psychoanalyse erweist sich hierbei auch für nicht-psychoanalytische Interpreten seit jeher als wahre Fundgrube, und sei es nur als „Deutungshintergrund“, auf den gern verwiesen wird, um das Unerklärliche in Kafkas Werk zu fassen, anstatt als explizit verwendete Methode. Ein Beispiel für solch ein Vorgehen bietet die relativ alte Deutung von Emrich: Obwohl er eine Deutung des „Prozeß“ als Traum ganz klar negiert und die Verhaftung als „unentrinnbare Realität“[1] verstanden wissen will, tendiert er an anderer Stelle trotzdem dazu, das Gericht als psychische Projektion K’s aufzufassen.[2] Sokels Interpretation lehnt sich noch expliziter an der existentiellen Psychoanalyse an. Er sieht in K’s Kampf gegen die niederen Instanzen des Gerichts einen existentiellen Machtkampf, der ihm seine eigene Schwäche vor Augen führt.[3]

Zwei Beispiele für explizit psychoanalytische Verfahren bieten Hans Hiebel und Isolde Tröndle. Während Hiebel den Widerspruch zu überbrücken versucht, in dem er Joseph K.’ in einen bewussten und in einen unbewussten Anteil spaltet,[4] versucht Isolde Tröndle das Wesen des Höchsten Gerichts als das der Macht, basierend auf Freud, als das „Anwesend-Abwesende par excellence“[5] zu bestimmen, welches sich in Blicken konkretisiert.

Der Psychoanalytiker und Medientheoretiker Slavoj Zizek begegnet dem Problem der scheinbaren Widersprüche in Kafkas „Prozeß-Roman“ auf eine gänzlich andere Weise. In seiner Deutung beruft er sich zwar ebenfalls hauptsächlich auf Freund und Lacan, jedoch mit anderem Ergebnis: Er trägt den Begriff der jouissance an den Text heran, den er bei Lacan entleiht, und verwendet ihn in seiner Bedeutung als schmutziges, grenzenloses Genießen, Zizek versucht, mittels vergleichender Analyse zweier Textstellen die scheinbaren Widersprüche des „Prozeß“ in der Jouissance aufzulösen und diese über den Mangel zu erklären, welcher entsteht, wenn sich das Loch des Begehrens positiviert. In anderen Worten: Es gibt keine höhere Wahrheit und keinen logischen Sinnzusammenhang „hinter dem Gesetz“, an dessen Suche seiner Meinung nach die meisten Interpretatoren scheitern.

Das Gesetz ist für ihn nichts anderes als ein „mit Genießen (Jouissance) geschwängertes Stückwerk“. Damit tritt Zizek in die Reihe jener Interpretatoren, die davon ausgehen, dass K’s „Schuld“, insofern diese überhaupt existent ist, immer im Zusammenhang mit Geschlechtlichkeit gesehen werden muss.

Das erste Kapitel meiner Arbeit wird die Deutungsmethode Zizeks näher erläutern. Im zweiten Kapitel werde ich seine These am Prozeß-Roman überprüfen. Ich wende dazu das Verfahren der vergleichenden Textanalyse an, indem ich nach Textstellen suche, die auf dieses totale und grenzenlose Genießen verweisen, dessen Essenz sich in der Kopulationsszene im Gerichtssaal konzentriert. Ich werde mich dabei immer an Parallelen zu der von Zizek zitierten Passage „Erste Untersuchung“ orientieren.

Dabei wird natürlich besonderes Augenmerk auf die Rolle der Frauen als Türhüterinnen fallen. Welche Rolle spielen Frauen, welche Rolle Männer in Zusammenhang mit Jouissance ?

Aus den Resultaten meiner Textanalyse wird ersichtlich sein, inwieweit Zizeks Theorie für die Deutung des „Prozeß“ greift und wo seine Grenzen sind.

I) Zizeks Idee von Jouissance als Substanz, aus dem das Gesetz besteht

Als Ausgangspunkt seiner Argumentation dient Zizek die „Geschichte vom Polen und vom Juden“, wobei der Pole hinter das Geheimnis der Geschäftstüchtigkeit des Juden kommen möchte und ihn daher bittet, es ihm zu sagen. Der Jude hingegen zögert das Geheimnis durch sinnlose Erklärungen, die er, gegen erneute Bezahlungen immer wieder zu geben bereit ist, solange hinaus, bis der Pole arm und wütend ist. Ohne es zu merken, ist der Pole dadurch, dass er dem Juden das „Geheimnis“ unterstellt hat, bereits hinter das Geheimnis gekommen. Das Geheimnis besteht also nur im Begehren des Polen und der Jude „erfüllt“ quasi die Übertragung des Polen auf ihn, indem er sein bereits vorhandenes Begehren ausnützt. Er entzieht dem Polen das angebliche „Geheimnis“ immer wieder und verlangt für dessen Preisgabe immer mehr Geld.

So wird das Phantasma, nämlich das des Geheimnisses, rückwirkend durch das Begehren selbst ersetzt. Ähnlich des berühmten Lacan’schen Möbiusbandes ist es quasi auf der anderen Seite des Geheimnisses schon enthalten. Das „Loch des Begehrens“ positiviert sich.[6]

Ähnlich dieser Übertragungsszene ist für Zizek auch Joseph K’s Verhältnis zum Gesetz aufzufassen.

Dazu zitiert Zizek die im 8. Kapitel enthaltene Türhüterparabel. Der Mann vom Lande wartet sein Leben lang vor dem Gesetz um die Erlaubnis zu bekommen, einzutreten und wird vom Türhüter nicht eingelassen. Dabei fällt ein Glanz aus der Tür zum Gesetz, ähnlich wie der Glanz des Geheimnisses um die Geschäftstüchtigkeit das Begehren des Polen auf sich zieht. Aus dem Satz: „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für Dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn“.[7] folgert Zizek, dass das Gesetz letztlich nur dazu dient, K’s Begehren auf sich zu ziehen.

Was aber ist es, das K’s Begehren auf sich zieht? Analog zu Levi-Strauss’ Mythendeutung setzt Zizek zwei vergleichbare Textstellen zueinander in Bezug, in diesem Falle die eben geschilderte, mit M1 bezeichnete Türhüterlegende und das mit M2 bezeichnete zweite Kapitel „Erste Untersuchung“. Dabei funktioniert für Zizek M2 als die Umkehrung der Parabel vom Türhüter.

An der Türe zum „Gericht“ fungiert die „Waschfrau“ als Türhüterin. Sie sagt ihm „Nach Ihnen muss ich schließen; es darf niemand mehr hinein“.[8], eine Abwandlung der Worte des Türhüters in der Parabel. Durch eine Reihe anderer Parallelen stehen die beiden Textstellen zueinander in Opposition: „In M1 steht man vor dem Tor eines wunderbaren Justizpalastes, in M2 ist man in einem Block mit Arbeiterwohnungen, einem schmutzigen und obszönen Ameisenhaufen; in M1 ist der Wächter ein Funktionär des Gerichts, in M2 ist es eine Waschfrau, die gerade Kinderwäsche wäscht; in M1 ist es ein Mann, in M2 eine Frau; in M1 hindert der Wächter den Mann vom Lande daran, einzutreten, in M2 stößt die Waschfrau K. gegen seinen Willen in den Saal; d.h. die Schwelle, die das Alltägliche vom heiligen Ort des Gesetzes trennt ist in M1 unüberschreitbar, in M2 ohne weiteres zu überschreiten“.[9]

Diese in Opposition zueinander stehenden Parallelen verweisen somit wieder auf die Struktur des Möbiusbandes. Wenn man, so Zizek, nur genügend weit in die tieferen Regionen hinabsteigt, befindet man sich plötzlich auf der anderen Seite: Beim „erhabenen“ Gesetz. Das „glänzende“ und unerreichbare Gesetz und das Gericht, welches in den schmutzigen, heruntergekommenen Dachböden und Mietshäusern ärmlicher Arbeiterviertel tagt, sind also, obwohl gänzlich entgegengesetzt, letztlich ein und das gleiche.

Die Grenze, die überschritten werden muss, um von der einen auf die andere Seite des Möbiusbandes zu gelangen ist, laut Zizek, die zwischen „vitaler und juridischer Sphäre“, eine Grenze, die er später aus Kafkas Biographie herleitet.[10] Damit rückt seine Deutung in die Nähe autororientierter Interpretationsverfahren.[11] Obwohl Zizek sich hier in die Nähe jener „Fallgrube“ der biographischen Deutung begibt, in welche schon viele psychoanalytisch orientierten Kafka-Deutungen gestürzt sind, fällt er dennoch nicht hinein, denn er bleibt mit seiner Interpretation trotzdem auf der Ebene des Textes.

In der von ihm zum Vergleich herangezogenen Szene bewacht den Durchgangspunkt zwischen beiden Sphären, der vitalen und der juridischen, die Waschfrau. Sie wird damit für Zizek zur Schlüsselfigur vom Wesen des Gesetzes. Bereits Barbara Hahn erkannte in Ihrer Deutung die zentrale Bedeutung der Türen als „Verbindungen zwischen Räumen gleicher Ordnung“ und stellt fest: „an jeder Tür ist eine Frau“. Die Macht der Frauen besteht nach Hahn darin, dass sie über „punktuelles, fragmentarisches Wissen“ verfügen, gleichsam ein „Wissen des Übergangs“[12] (was angesichts der von Zizek vorgeschlagenen Möbiusband-Struktur des Gesetzes auch Sinn macht; es wäre dann praktisch das Wissen um den Übergang von der einen zur anderen Seite des Bandes). Zizek hingegen, sieht das Wissen der Waschfrau einzig und allein in ihrer Beziehung zum Gericht begründet. Beide haben in gewisser Weise recht: Das Wissen des Übergangs besteht ganz einfach in ihrer Beziehung zum Gericht.

Die Stellung der Waschfrau ist nach Zizek die einer „kleinen Funktionärin“: Sie schafft es, K.’s leidenschaftliche Verteidigungsrede durch eine obszöne Störung zu unterbrechen.

„K. wurde durch ein Kreischen vom Saalende unterbrochen, er beschattete die Augen, um hinsehen zu können, denn das trübe Tageslicht machte den Dunst weißlich und blendete. Es handelte sich um die Waschfrau, die K. gleich bei ihrem Eintritt als eine wesentliche Störung erkannt hatte. Ob sie jetzt schuldig war oder nicht, konnte man nicht erkennen. K. sah nur, dass ein Mann sie in einen Winkel bei der Tür gezogen hatte und dort an sich drückte. Aber nicht sie kreischte, sondern der Mann, er hatte den Mund breit gezogen und blickte zur Decke“.[13]

Nach Meinung Zizeks weist Kafka der Frau hier einen „unerhörten Platz zu“, nämlich den des Gesetzes: „sie ist ein Wesen ohne Ich, ein Wesen ohne Zugang zur Dimension der Wahrheit, das seine Affekte vortäuscht und hinter dieser Maske der Täuschung ist „nichts außer einem schmutzigen Genießen, das ihre einzige Substanz ausmacht“.[14]

[...]


[1] Emrich 1970, S.270

[2] Emrich, 1970, S.271

[3] Sokel 1976, S. 166 ff. und 2002, S.228-246

[4] Hiebel 1988, S.180 ff.

[5] Tröndle 1989, S.166 ff.

[6] vgl. Zizek 1991, S.88

[7] Kafka, Der Prozeß, erscheint im Folgenden als P, S. 222

[8] P, S.43

[9] Zizek 1991, S.91

[10] Zizek 1991, S.93

[11] Schönau 1991, S.94

[12] Hahn 1993, S.159 ff.

[13] P, S.52

[14] Zizek 1991, S.92

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Slavoj Zizek - Die Bedeutung von Jouissance für Franz Kafkas „Prozeß“
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für deutsche und niederländische Philologie)
Veranstaltung
HS Kritik und Entwicklungen der psychoanalytischen Literaturinterpretation
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V24146
ISBN (eBook)
9783638270861
ISBN (Buch)
9783638691925
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zizek zufolge verbirgt sich hinter dem mysteriösen Gesetz nichts weiter als 'Jouissance', ein Begriff, den er von Lacan entleiht und im Sinne eines 'grenzenlosen Genießens' verwendet. Als ein Beispiel für eine psychoanalytisch orientierte Literaturinterpretation wird der Ansatz Slavoj Zizeks erläutert und über die von Zizek zum Beleg ausgewählten Textstellen hinaus, anhand einer Textanalyse überprüft.
Schlagworte
Slavoj, Zizek, Bedeutung, Jouissance, Franz, Kafkas, Kritik, Entwicklungen, Literaturinterpretation
Arbeit zitieren
Petra Leitmeir (Autor:in), 2004, Slavoj Zizek - Die Bedeutung von Jouissance für Franz Kafkas „Prozeß“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24146

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