Lyriktradition: 'Der Droste würde ich gerne Wasser reichen' von Sarah Kirsch


Hausarbeit, 1999

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Formanalyse
2.1 Der Titel

3 Detailanalysen
3.1 Lesart eines Porträtgedichtes
3.2 Poetologische Lesart
3.3 Private Lesart
3.4 Politische Lesart

4 Schluß

5 Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Ich möchte meine Leser nicht völlig festlegen. Sie müssen nicht dasselbe empfinden, was ich empfunden habe. Es sind nur kleine Anstöße, und jeder kann sich in den Zeilen noch bewegen - und mehr will ich eigentlich gar nicht, als daß jemand sagt: so ähnlich ist es mir auch schon mal gegangen, das habe ich auch schon mal gedacht. So eine kleine Solidarisierung zwischen dem Schreibenden und dem Leser.[1]

‘So eine kleine Solidarisierung’ mit der Droste - Hülshoff wird in dem Gedicht

Der Droste würde ich gerne Wasser reichen[2] artikuliert. Kirsch gestaltet eine fiktive Begegnung zwischen lyrischem Ich und der Dichterin Annette von Droste - Hülshoff, die von 1797 bis 1848 lebte.

Kirsch geht von ihrer individuellen Erfahrung als Leser der Droste - Werke, die sie als „Geschenk des Himmels“[3] bezeichnet, aus und wird zum ‘Schreibenden’. Die Übergänge scheinen sich fließend zu vollziehen und werden gleichzeitig Thema ihres Textes. Durch die Vielschichtigkeit, die dieses Gedicht bietet, wird kein Anspruch auf eine ‘richtige’ Interpretation erhoben. Wie Kirsch selbst betont, möchte sie den Leser nicht festlegen. In diesem Sinne soll in dieser Arbeit vielmehr versucht werden, die Fülle von Interpretationsansätzen und Ideen in verschiedene Lesarten zu ordnen. Die Lesarten bedingen und überschneiden sich an vielen Stellen, aus der Tatsache resultierend, daß ein Text Gegenstand ist, indem über eine verstorbene Dichterin (die hier auch Freundin und Partnerin ist), über das ‘Handwerk’ Dichten allgemein und für eine Freundin (Helga Novak, die auch wieder dichtende Kollegin ist) gedichtet wird. So ergibt sich die Lesart eines Porträtgedichtes, die poetologische Lesart und die private Lesart. Unterschwellig spielt auch die politische Lesart eine Rolle.

Das Gedicht entstand in Kirschs Lebensphase in Ost - Berlin. Auch der Droste billigt sie ihre Grenzen: „Der Droste Behinderungen müssen ertragen werden, aber hätte nur eine davon gefehlt angenommen die Krankheit wäre es vielleicht möglich gewesen dem Gefängnis der eigenen Klasse zu entfliehen durch die ideologische Schranke davor“[4]. In wie weit Kirsch sich eingegrenzt fühlt, wird aus diesem Gedicht nicht ersichtlich. Auf politischer Ebene wird eher das Problem des Geschlechts und der Berufsgattung angesprochen und wird somit von der poetologischen Lesart aufgegriffen.

2 Formanalyse

Das Gedicht ist in drei Strophen mit jeweils sieben Zeilen gegliedert. Die Zeilen sind unregelmäßig lang .Sie weisen eine variierende Anzahl von Silben auf, die sich größtenteils im Rahmen von acht und zwölf Silben bewegen.

Die letzte Zeile der zweiten Strophe (Z 14) besteht aus nur einsilbigen Wörtern und ruft somit Assoziationen zu einem ‘Abzählreim’ auf.

Weibliche und männliche Kadenzen wechseln sich unregelmäßig ab und stehen genau im zwei- drittel Verhältnis zueinander.

Die Verse sind reimlos und ein durchgängiges, sich regelmäßig wiederholendes Metrum ist nicht feststellbar. Rhythmus, zwar ein unausgewogener, und eine gewisse Musikalität wird durch Assonanzen (z.B.Kühnen,grüne,gründlich Z19;20;21[5] ) und durch Kontrast von dunklen und hellen Vokalen(Beweise) erzeugt. Auch das Enjambement wirkt hier mit. Es entsteht ein Eile, eine Rastlosigkeit, die einen flüssigen Lesestil fördert und zugleich Bewegung in den Text bringt. Das Gedicht weist eine Fülle von Zeilensprüngen auf (Z 2-5;8-13;17-18;19- 21).Die Enjambements in der zweiten Strophe sind besonders prägnant: Von den sieben bleibt nur die letzte Zeile unverbunden - ‘allein’. Darstellungsform und - inhalt verschmelzen und intensivieren sich gegenseitig .

In der Relation zu anderen Gedichten[6] von Kirsch finden sich in diesem Gedicht auffällig viele Interpunktionen. Innerhalb von 21 Zeilen sind dreizehn Kommata, vier Spiegelstriche und ein Fragezeichen, aber kein abschließender und trennender Punkt- eine Aneinanderreihung und Offenheit wird suggeriert.

Der erste Spiegelstrich (Z 6) unterstützt den Eindruck des authentischen Moments. Er wirkt wie eine plötzliche Unterbrechung, als ob das lyrische Ich ein Geräusch höre: „Schnaubt nicht schon ein Pferd?“(Z 7).

Die zwei weiteren Spiegelstriche (Z 8;10) scheinen eher einzurahmen, einzuschieben. Hier tritt auch das lyrische Ich das dritte und letzte mal alleine auf.

Der vierte Spiegelstrich (Z14) erhöht noch einmal die Semantik der folgenden Aussage, indem er es von der Strophe trennt: „wir sind allein“(Z14).

Das Gedicht ist allein schon des Titels wegen konjunktivisch geprägt. Doch die Anzahl der Konjunktivformen nimmt im Laufe des Gedichtes ab. Im Titel und in der ersten Strophe taucht das Konjunktiv I (Z 1;6) auf. In der zweiten Strophe findet sich nur noch einmal ein Konjunktiv II (Z 10), das kennzeichnend für ein nicht realisierbares Geschehen ist. In der dritten Strophe wird ausschließlich der Indikativ Präsens benutzt.

Auch die Häufigkeit des ersten Personalpronomen Singularis nimmt deutlich ab. In der ersten Strophe tritt zweimal ein ‘Ich’ auf (Z 1;6), in der zweiten nur noch eines (Z 9) und in der letzten Strophe keines mehr. Das ‘Ich’ scheint sich kontinuierlich in ein ‘Wir’ zu verwandeln. Es verbindet, oder verbündet sich „ mit ihr“(Z 2). In der ersten Strophe befindet sich ein ‘Wir’ (Z 3), in der zweiten Strophe drei (Z 8;12;14) und die dritte Strophe hat, außer in einer (Z 16), in der ‘Lewin’ dafür erscheint, in jeder Zeile ein Pronomen der ersten Person Pluralis.

Der Eigenname ‘Lewin’ ist das einzige Substantiv, das sich wiederholt. Insgesamt werden nur konkrete Substantive verwendet. Da Abstrakta in Form von Empfindungen fehlen und relativ wenige Adjektive die Substantive präzisieren, wird eine Deutung offen gelassen.

Das Gedicht weist aber eine Fülle von Tätigkeitsverben im Indikativ Präsents auf, von denen sich keines wiederholt. Auf der tatsächlichen Inhaltsebene dominiert Handlung und Tätigkeit.

Die Wortwahl ist an der mündlichen Umgangssprache orientiert. Viele Wörter werden synkopiert (z.B. Z 3 „unsre“). Das Wort „Schattenteich“(Z 20) existiert nur als Kompositum.

„Glucksend“( Z 5) und „Schnauben“(Z 7) lassen sich als Onomatopoetika bezeichnen, ersteres durch die Betonung der harten Konsonanten und letzteres durch die Kombination des Zischlautes mit den nasalen , weichen Konsonanten. Diese lautmalerischen Bezeichnungen scheinen symbolisch die Stille des Moores zu durchbrechen.

Der Zischlaut ‘sch’ ist auffallend nur in der ersten und letzten Strophe vorhanden. Das traditionelle rhetorische Stilelement Alliteration wird auch eingesetzt ( z.B. Z8 Locke- leichter- laufen; Z 18/19 Kehlen- Kühnen).

Die einzelnen Strophen haben vom Aufbau her einen regelmäßigen Beginn: ein bestimmter Artikel und Substantiv leitet die jeweilige Strophe ein („ Der Droste“, „Die Locke“, „Der Gärtner“). So inhaltlich unterschiedlich die Anfänge sind, so offen sind auch mehrere semantische Felder:

a)Wasser, Angelwerfen, gießen, Schattenteiche, Fischen
b)Vögel, Felder, Holunderbüsche, Moor, Kiebitz, Pferd
c) Droste, Spiegel, Brille, Moor, Lewin, Spinett, Kutsche, Zeitungsfahnen

Der Titel Der Droste würde ich gern Wasser reichen wird in der ersten Zeile wieder aufgenommen und umrahmt somit die Widmung „für Helga“[7].

2.1 Der Titel

Die Wiederholung des Titels regt zur präziseren Betrachtung dessen an.

Der Droste: Das Dativ - Objekt befindet sich an kennzeichnender erster Stelle. Vertrauensvoll und persönlich wird die Abkürzung des Namens von Annette von Droste- Hülshoff benutzt. Dieser Eindruck wird durch den davor stehenden bestimmten Artikel bestärkt.

Das Wort ‘Droste’ eröffnet auch das Gedicht selbst. Dadurch wird Raum, bzw. Erwartung geschaffen.

würde: Das Modalverb des Konjunktiv I kennzeichnet als eine Flexionsform von ‘werden’ zukünftiges Geschehen und kann wie das Futur in modaler Bedeutung eine Vermutung oder Wunsch ausdrücken. Durch das Konjunktiv gewinnt das Erwartungsbild an Vielfalt, da es sich in unzählige Möglichkeiten auffächert.

ich: Das erste Personalpronomen Singularis steht in zentraler Position, im Mittelpunkt des Satzes. Das lyrische Ich identifiziert sich erst in der zweiten Strophe ( Z 9) als „die Spätgeborne“. Das ‘Ich’ tritt im Laufe des Gedichtes immer mehr zurück und ein ‘Wir’ erscheint im Vordergrund (vgl. S. 5).

gern: Wird hier in der Steigerungsform Positiv benutzt. Im Vergleich zu den zwei weiteren Steigerungsformen erscheint diese vorsichtig und zaghaft.

Wasser reichen: Dieser Teil assoziiert die Redewendung „Jemandem nicht das Wasser reichen können“. Doch es wird bewußt und entscheidend verändert: Artikel und Negation fallen weg. Als Metapher bietet es einige Deutungsmöglichkeiten:

1. Der Wunsch, ihrem Genius nahe zukommen. Nacheifernd ihre Ebene erreichen.
2. Der Wunsch, der Droste das Wasser zu reichen, um sie vor dem Verdursten zu retten, vor der Einsamkeit eines Genies.

[...]


[1] Kirsch, Sarah: Erklärung einiger Dinge (Dokumente und Bilder). Ein Gespräch mit Schülern. Vier frühe Gedichte. Beiträge von Urs Widmer und Elke Erb. Ebenhausen b. München 1978, S.13.

[2] In: Kirsch, Sarah: Zaubersprüche. Gedichte. Ebenhausen b. München 1973, S.42.

[3] Kirsch, Sarah: Geschenk des Himmels. In: Annette von Droste - Hülshoff. Ausgewählt von Sarah Kirsch.Köln 1986, S.9.

[4] A.a.O.,S.12f.

[5] Im folgenden steht ‘Z’ für Zeile.

[6] Im Gegensatz zu „Jemand bekommt Kohlen“(aus Kirsch, Sarah: Landaufenthalt. Berlin, Weimar 1967.) Hier wurde nur ein Komma eingesetzt.

[7] Diese Widmung erscheint nicht in jeder Ausgabe. Ich stütze mich auf folgende Ausgabe: Kirsch, Sarah: Zaubersprüche. Gedichte. Ebenhausen b. München 1973, S. 42.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Lyriktradition: 'Der Droste würde ich gerne Wasser reichen' von Sarah Kirsch
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Philosophie und Geisteswissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
1999
Seiten
15
Katalognummer
V24384
ISBN (eBook)
9783638272728
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lyriktradition, Sarah, Kirsch
Arbeit zitieren
Sibylle Grundmann (Autor), 1999, Lyriktradition: 'Der Droste würde ich gerne Wasser reichen' von Sarah Kirsch , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24384

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