'Ich möchte meine Leser nicht völlig festlegen. Sie müssen nicht dasselbe empfinden, was ich empfunden habe. Es sind nur kleine Anstöße, und jeder kann sich in den Zeilen noch bewegen - und mehr will ich eigentlich gar nicht, als daß jemand sagt: so ähnlich ist es mir auch schon mal gegangen, das habe ich auch schon mal gedacht. So eine kleine Solidarisierung zwischen dem Schreibenden und dem Leser.'
‘So eine kleine Solidarisierung’ mit der Droste - Hülshoff wird in dem Gedicht Der Droste würde ich gerne Wasser reichen artikuliert. Kirsch gestaltet eine fiktive Begegnung zwischen lyrischem Ich und der Dichterin Annette von Droste - Hülshoff, die von 1797 bis 1848 lebte.
Kirsch geht von ihrer individuellen Erfahrung als Leser der Droste - Werke, die sie als „Geschenk des Himmels“ bezeichnet, aus und wird zum ‘Schreibenden’. Die Übergänge scheinen sich fließend zu vollziehen und werden gleichzeitig Thema ihres Textes. Durch die Vielschichtigkeit, die dieses Gedicht bietet, wird kein Anspruch auf eine ‘richtige’ Interpretation erhoben. Wie Kirsch selbst betont, möchte sie den Leser nicht festlegen. In diesem Sinne soll in dieser Arbeit vielmehr versucht werden, die Fülle von Interpretationsansätzen und Ideen in verschiedene Lesarten zu ordnen. Die Lesarten bedingen und überschneiden sich an vielen Stellen, aus der Tatsache resultierend, daß ein Text Gegenstand ist, indem über eine verstorbene Dichterin (die hier auch Freundin und Partnerin ist), über das ‘Handwerk’ Dichten allgemein und für eine Freundin (Helga Novak, die auch wieder dichtende Kollegin ist) gedichtet wird. So ergibt sich die Lesart eines Porträtgedichtes, die poetologische Lesart und die private Lesart. Unterschwellig spielt auch die politische Lesart eine Rolle.
Das Gedicht entstand in Kirschs Lebensphase in Ost - Berlin. Auch der Droste billigt sie ihre Grenzen: „Der Droste Behinderungen müssen ertragen werden, aber hätte nur eine davon gefehlt angenommen die Krankheit wäre es vielleicht möglich gewesen dem Gefängnis der eigenen Klasse zu entfliehen durch die ideologische Schranke davor“. In wie weit Kirsch sich eingegrenzt fühlt, wird aus diesem Gedicht nicht ersichtlich. Auf politischer Ebene wird eher das Problem des Geschlechts und der Berufsgattung angesprochen und wird somit von der poetologischen Lesart aufgegriffen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Formanalyse
2.1 Der Titel
3 Detailanalysen
3.1 Lesart eines Porträtgedichtes
3.2 Poetologische Lesart
3.3 Private Lesart
3.4 Politische Lesart
4 Schluß
5 Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, das Gedicht "Der Droste würde ich gerne Wasser reichen" von Sarah Kirsch durch eine systematische Ordnung verschiedener Interpretationsansätze zu erschließen und die Vielschichtigkeit des lyrischen Textes aufzuzeigen, ohne dabei eine verbindliche Deutung zu erzwingen.
- Analyse der formalen Struktur und metrischen Besonderheiten des Gedichts.
- Untersuchung des Werks als Porträtgedicht durch den Bezug zu Annette von Droste-Hülshoff.
- Betrachtung der poetologischen Lesart und des schriftstellerischen Selbstverständnisses.
- Erarbeitung der privaten und politischen Kontexte des Textes.
- Deutung der zentralen Metaphern und Symbolik im Kontext der DDR-Literatur.
Auszug aus dem Buch
2.1 Der Titel
Die Wiederholung des Titels regt zur präziseren Betrachtung dessen an.
Der Droste: Das Dativ - Objekt befindet sich an kennzeichnender erster Stelle. Vertrauensvoll und persönlich wird die Abkürzung des Namens von Annette von Droste- Hülshoff benutzt. Dieser Eindruck wird durch den davor stehenden bestimmten Artikel bestärkt. Das Wort ‘Droste’ eröffnet auch das Gedicht selbst. Dadurch wird Raum, bzw. Erwartung geschaffen.
würde: Das Modalverb des Konjunktiv I kennzeichnet als eine Flexionsform von ‘werden’ zukünftiges Geschehen und kann wie das Futur in modaler Bedeutung eine Vermutung oder Wunsch ausdrücken. Durch das Konjunktiv gewinnt das Erwartungsbild an Vielfalt, da es sich in unzählige Möglichkeiten auffächert.
ich: Das erste Personalpronomen Singularis steht in zentraler Position, im Mittelpunkt des Satzes. Das lyrische Ich identifiziert sich erst in der zweiten Strophe ( Z 9) als „die Spätgeborne“. Das ‘Ich’ tritt im Laufe des Gedichtes immer mehr zurück und ein ‘Wir’ erscheint im Vordergrund (vgl. S. 5).
gern: Wird hier in der Steigerungsform Positiv benutzt. Im Vergleich zu den zwei weiteren Steigerungsformen erscheint diese vorsichtig und zaghaft.
Wasser reichen: Dieser Teil assoziiert die Redewendung „Jemandem nicht das Wasser reichen können“. Doch es wird bewußt und entscheidend verändert: Artikel und Negation fallen weg. Als Metapher bietet es einige Deutungsmöglichkeiten:
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einführung erläutert das Ziel der Arbeit, die verschiedenen Interpretationsansätze des Gedichts zu ordnen und die Vielschichtigkeit des lyrischen Werks hervorzuheben.
2 Formanalyse: Dieses Kapitel untersucht den formalen Aufbau des Gedichts, einschließlich der Strophenstruktur, der Rhythmik, der Verwendung von Interpunktion und der sprachlichen Besonderheiten.
2.1 Der Titel: Hier erfolgt eine detaillierte semantische Analyse der einzelnen Wörter des Titels sowie deren Bedeutung für das Verständnis des Gesamtgedichts.
3 Detailanalysen: In diesem Hauptteil wird das Gedicht in verschiedenen Lesarten – Porträt, Poetologie, Privates und Politik – tiefgehend analysiert.
3.1 Lesart eines Porträtgedichtes: Dieser Abschnitt beleuchtet die biographischen Bezüge zu Annette von Droste-Hülshoff und die Art und Weise, wie das lyrische Ich eine fiktive Begegnung gestaltet.
3.2 Poetologische Lesart: Hier steht die Berufsgemeinschaft der Dichterinnen sowie die Metaphorik des "Handwerks" und des Schreibprozesses im Vordergrund.
3.3 Private Lesart: Dieser Teil ordnet das Gedicht in den privaten Kontext der Widmung an Helga Novak ein und betont das Motiv der Freundschaft und des gegenseitigen Lernens.
3.4 Politische Lesart: Diese Analyse setzt sich mit der Geschlechterproblematik im literarischen Beruf und dem gesellschaftlichen Rahmen auseinander.
4 Schluß: Das abschließende Kapitel fasst die Ergebnisse der verschiedenen Lesarten zusammen und reflektiert das schriftstellerische Selbstverständnis von Sarah Kirsch.
5 Literaturverzeichnis: Hier werden sämtliche verwendeten Primär- und Sekundärquellen der Arbeit aufgelistet.
Schlüsselwörter
Sarah Kirsch, Annette von Droste-Hülshoff, Lyrikinterpretation, Porträtgedicht, Poetologie, DDR-Literatur, Spiegel-Motiv, Handwerk, Weiblichkeit, Schriftstellerin, Intertextualität, Literaturwissenschaft, Lyriktradition, Motivik, Analyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit bietet eine umfassende Lyrikinterpretation des Gedichts „Der Droste würde ich gerne Wasser reichen“ von Sarah Kirsch unter verschiedenen analytischen Gesichtspunkten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die literarische Auseinandersetzung mit Tradition, den Schreibprozess, die Bedeutung von Freundschaft sowie den Status der Schriftstellerin.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, die Vielschichtigkeit des Gedichts durch eine systematische Kategorisierung in verschiedene Lesarten – von der poetologischen bis zur politischen – greifbar zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es wird eine textnahe Formanalyse mit hermeneutischen Deutungsansätzen kombiniert, um die verschiedenen Sinnschichten des Gedichts zu erschließen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Detailanalysen, die das Gedicht als Porträt, poetologische Reflexion, privates Dokument und politisches Statement untersuchen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Lyriktradition, Spiegel-Motiv, Handwerk, Geschlechterproblematik, Identifikation und das „Wir“ im lyrischen Text.
Warum spielt die Widmung an Helga Novak eine so wichtige Rolle in der Analyse?
Die Widmung dient als Ausgangspunkt für die private Lesart und unterstreicht den Fokus der Autorin auf Verschwesterung, Partnerschaft und den kollektiven Aspekt des literarischen Schaffens.
Inwieweit ist das Gedicht ein „poetologisches“ Werk?
Das Gedicht thematisiert das „Handwerk“ des Schreibens und die Auseinandersetzung mit der Lyriktradition, wobei Sarah Kirsch ihr eigenes schriftstellerisches Selbstverständnis in den Dialog mit Annette von Droste-Hülshoff stellt.
- Citation du texte
- Sibylle Grundmann (Auteur), 1999, Lyriktradition: 'Der Droste würde ich gerne Wasser reichen' von Sarah Kirsch , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24384