Die Figur des 'Rennewart' in Wolfram von Eschenbachs 'Willehalm'


Seminararbeit, 2002

17 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Historische Vorlage

2. Überblick über die Rennewart – Handlung

3. Beziehung Rennewarts zu anderen Personen
3.1. Lôîs
3.2. Alîse
3.3. Gyburc
3.4. Willehalm
3.5. Heiden

4. Fragen um Rennewart
4.1. Hinweise auf Rennewarts Alter
4.2. Schuldfrage um den Verwandtenmord
4.3. Die Rolle der tumpheit

5. Entwicklung Rennewarts ?

6. Literaturangaben
6.1. Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur

1. Historische Vorlage

Der `Willehalm´ Wolframs von Eschenbach wurde ca. 1180 den chansons de geste, also der französischen Nationalgeschichte entnommen, jedoch unter Veränderung einiger Szenen und Figuren. Von dieser Abwandlung ist auch Rennewart betroffen.

Immerhin in 4 der 24 Branchen des Garin de Monglane - Zyklus taucht die Rainouart – Figur auf1: hier verschwindet Rainouart jedoch nur für kurze Zeit aus der Schlacht und findet wieder zu Guillaume zurück, so dass die Dichter der chansons de geste für Rainouart einen weiteren Lebensweg „einschließlich Heirat mit der französischen Königstochter, Geburt eines Sohnes namens Malafer und letztendlichem Rückzug ins Kloster entwerfen“2 konnten.

Im Gegensatz zu den Quellen hat Wolfram jedoch „die Züge Rainouarts entsprechend seiner Konzeption des `Aliscans – Stoffs´ verändert bzw. anders gewichtet“3, ja er hat eine „rigorose Kürzung der Rennewartauftritte [vorgenommen und] [...] nur eben so viel übernommen, wie nötig war, um die angesponnenen Fäden nicht abreißen zu lassen.“4

So wird also bei Wolfram Rennewarts Handlungsanteil im Vergleich zur Quelle zurückgedrängt, dennoch sind seine Handlungen aber auch in Wolframs `Willehalm´ schlachtentscheidend. Rennewart bekommt also „eine neue, fest umrissene Aufgabe zugewiesen [... :] Ihm ist es bestimmt, den Christen in der zweiten Schlacht den Sieg zu erkämpfen: sîn hant vaht sige der kristenheit (285,13)“5. Zu beachten ist jedoch, dass Wolfram im Gegensatz zu seiner Quelle hier andere Akzente setzt: ging es in der Vorlage noch „um die Wunder, die sein tinel vollbringt“6 und der Sieg war nur Belohnung und Folge der Taten, geht es bei Wolfram einzig und allein um den Sieg, „Rennewarts Taten haben nur so weit Bedeutung, als sie auf die Entscheidung [im Kampf gegen die Heiden] hinführen.“7 Dies begründet auch, warum Rennewart sofort nach der gewonnenen Schlacht aus der Handlung verschwindet: sein Auftrag ist erledigt, für das weitere Geschehen ist Rennewart jetzt nicht mehr wichtig.

Im Gegenzug zu dieser Reduzierung der Handlungsanteile Rennewarts im Vergleich zu der Quelle hat Wolfram im `Willehalm´ einen der Rainouart – Figur inhärenten Zug verstärkt: den Verwandtenhass. Ferner zeichnet sich Rennewart in der Vorlage wie auch in Wolframs Werk durch seine „äußerliche Schönheit, zugleich Ausdruck seiner königlichen Abstammung, seine übermenschliche Kraft, sein[en] unberechenbare[n] Jähzorn, sein[en] gewaltige[n] Appetit, seine Kriegs- und Ruhmlust und seine unhöfische tumpheit [aus], so daß Lofmark resümieren kann:

>if we reduce the essential features of Rainouart’s character to realistic

proportions, we have a lazy, gluttonous drunkard, with no ideals or

religious conviction and minimal intelligence, but enough brawn to be a

general bully and wield a crude unorthodox weapon in a battle, with which

he could scarcely hope to achieve great things.<”8

Da diese Eigenschaften Rennewarts im Mittelalter einer positiven Reaktion oder gar Identifikation aber nicht hinderlich waren und Rennewart somit zu einer “beliebten” Figur im `Willehalm´ wurde, lohnt es sich, einen genaueren Blick auf Rennewart zu werfen.

2. Überblick über die Rennewart – Handlung

Bereits in der Szene, in der Rennewart in die Handlung eingeführt wird, prägen einige für ihn typische Merkmale sein Erscheinungsbild: Lôîs, Alîse und Willehalm beobachten eines â bends (187,1) von den Fenstern des Palastes in Munlêûn aus, wie sich Knappen zum Spaß und Zeitvertreib im Kampf üben. Hier wird also „durch die Unbestimmtheit der einleitenden Zeitbestimmung“9 wie auch die Aussage Willehalms, dass er niht bezzer kurzewîle sehen könnte (187,4-6) ein sehr friedliches Bild gezeichnet. Doch mit dem Auftritt Rennewarts schlägt diese Stimmung sofort um:

dô nam der marcgrâve war,

daz ein knappe kom gegangen ,

der wart mit spote enpfangen. (187,30 – 188,2)

Nicht nur durch die einleitende Konjunktion , auch dadurch, dass es Willehalm ist, der den Neuankömmling, der für ihn später noch so wichtig werden soll, als Erster bemerkt, lenkt die Aufmerksamkeit des Publikums auf diese Szene. Sogleich wird Rennewart vom Erzähler als sehr kräftig (188,6f., 12-15) beschrieben, „er arbeitet in der königlichen Küche (188,8-11), ist verdreckt und schäbig gekleidet (188,16f.)“10, so dass seine Schönheit, die auf seine adlige Herkunft hinweist, nicht wahrgenommen werden kann (188,18f.). Diese Verkennung durch seine Umwelt führt den Erzähler schließlich zu einem Vergleich Rennewarts mit einem Stück Gold, dass in Schmutz gefallen ist und doch nicht rostet, sowie mit einem Edelstein, der auch nichts an seiner leuchtenden Röte einbüßt, wenn er in Ruß geworfen wird (188,20-29). Somit wird bereits in dieser ersten Rennewart – Szene auf die hohe Abstammung Rennewarts angespielt, kann er doch gar mit Gold und Edelsteinen verglichen werden.

Seiner adligen Herkunft jedoch nicht im Geringsten gerecht zu werden gipfelt diese Szene schließlich in der Namensoffenbarung der neuen Figur:

- erdahter tugent in noete

pflac Rennewart, der küchenvar (188,30 – 189,1)

Rennewarts Schicksal wird hier also in seinem Beinamen küchenvar bereits angedeutet, das das Grundproblem dieser Figur darstellt: die „gewaltsame verwandtschaftliche und geographische, topographische und soziale Dislozieung“11 Rennewarts, die Lôîs Willehalm in dem nun folgenden Gespräch erläutert. So erklärt er, dass Rennewart von Kaufleuten aus seiner Heimat entführt und an den französischen Hof verkauft wurde, so dass er sich nun „nicht mehr im Verwandtenverband seiner sippe, sondern im falschen geographischen Rahmen befindet.“12 Hinzu kommt, dass Lôîs Rennewart trotz seiner an der körperlichen Schönheit erkennbaren adligen Herkunft wegen dessen Taufverweigerung zum Küchenjungen degradiert. Dies hat zur Folge, dass Rennewart „innerhalb des falschen geographischen Raums [...] sein Leben also zudem noch an dem Ort [verbringt], der den krassesten Gegensatz zu der sozialen Rolle darstellt, für die er durch seine Geburt prädestiniert ist.“13 Somit ist festzustellen, dass Rennewart nicht nur in der falschen sippe, sondern auch am falschen Ort aufwächst und ihm daher Teile seiner Identität sowie eine ihm angemessene, adlige Erziehung fehlen.

Durch dieses Schicksal Rennewarts berührt, bittet Willehalm Lôîs schließlich, ihm den Küchenjungen zu überlassen, um dessen Leben in die rechte Bahn lenken zu können. Nachdem dieses Vorhaben durch die Bitten Alîses gelungen ist, schafft es Willehalm, das Vertrauen Rennewarts in ihrer ersten Begegnung zu gewinnen, indem er Rennewart in seiner Muttersprache anredet. Hierdurch entsteht eine enge Verbindung zwischen Rennewart und Willehalm, sind sie doch durch die gemeinsame Erfahrung des Lebens in der Fremde – Rennewart als Küchenjunge am französischen Hof, Willehalm als ehemaliger Gefangener am Hof der sippe Rennewarts – miteinander verbunden. Auf Grund dieser Gemeinsamkeiten und dem Verständnis Willehalms für seine Situation wagt es Rennewart, seinem neuen Herrn von seinem natürlichen Drang nach ritterlicher Bewährung zu erzählen, was Willehalm ihm auch ermöglichen will, sofern Rennewart ihm dient. Überglücklich angesichts des Ausbruchs aus seiner unstandesgemäßen Rolle des Küchenjungens lässt sich Rennewart von Willehalm jedoch nur mit einer großen und schweren Stange als Kampfwerkzeug ausstatten, die er beim Aufbruch aus Munlêûn sowie auf zwei weiteren Stationen des Heeres auf dem Weg nach Orange sowie nach Alischanz vergisst. Diese Vergesslichkeit ist als ein Zeichen der fehlenden Erziehung Rennewarts zu bewerten: unerfahren im ritterlichen Leben wählt Rennewart eine gänzlich unritterliche Waffe – seine Stange -, die er immer wieder vergisst, da sie nicht zu einem Ritter passt. Somit wirkt sich das Dasein Rennewarts als Küchenjunge auch noch in seinem ritterlichen Leben aus, da ihn die fehlende Erziehung die falsche Waffe wählen lässt.

Diese mangelnde Ausbildung manifestiert sich auch in den immer wiederkehrenden Wutausbrüchen Rennewarts, so etwa, als er einen Koch tötet, der ihm zuvor den Bart versengt hat (286,3-18) oder Knappen, die mit seiner Stange spielen aus dem Palast von Orange vertreibt (276,15-30).

Durch den Einfluss Gyburcs in Orange aber auch durch sein Streben, ein „richtiger“ Ritter zu sein, wird Rennewart jedoch mit Schwert und Rüstung vertraut und lernt, sich angemessen zu verhalten: zwar hat er noch einen letzten Wutausbruch, als er aus der Schlacht geflüchtete Christen aufgreift und unter seinem Kommando wieder auf Alischanz zurückführt14, in der Schlacht selbst schafft es Rennewart aber mehr und mehr sich ritterlich zu benehmen. So schont Rennewart beispielsweise unbewaffnete Wärter (415,30 – 416,4) und lernt es, sich seines Schwertes und nicht mehr der Stange zu bedienen (430,30 – 431,2).

Am Ende der Schlacht, also an dem Punkt, an dem Rennewart seine Ritterlichkeit endlich erlangt hat, verschwindet er jedoch ohne Ankündigung aus der Handlung.

3. Beziehung Rennewarts zu anderen Personen

3.1. Lôîs

Das Verhältnis zwischen Lôîs und Rennewart ist als äußerst schlecht zu beschreiben: denn obwohl Lôîs auf Grund der Schönheit Rennewarts weiß, dass dieser adlig ist (191,1) und auch wenn er stets anständig am römischen Hof gelebt hat (190,28-29), wurde der junge Heide schon bald vom Spielgefährten Alîses, zu dem er ja auf Grund seiner Herkunft geeignet ist, zum Küchenjungen degradiert (284,13-30). Durch diese dem Stand Rennewarts nicht entsprechende Arbeit, wie auch durch Ehrungen hat Lôîs immer wieder versucht, Rennewart zur Taufe zu bewegen (191,2-6), ja sogar durch die Aussicht auf eine bessere, seiner Herkunft angemessenen Behandlung konnte Lôîs den jungen Heiden nicht zum Christentum bekehren.

Durch diese Taufverweigerung weiterhin zum Küchendienst gezwungen, sieht Rennewart in Lôîs nur den Mann, der ihn von Alîse, einer höfischen Erziehung und ritterlicher Bewährung abgehalten hat und ist daher froh, in den Diensten Willehalms ritterlich tätig werden zu dürfen.

[...]


1 Aus: Przybilski, Martin: sippe und geslehte. Verwandtschaft als Deutungsmuster im „Willehalm“ Wolframs von Eschenbach., Wiesbaden 2000, S. 174: `Chansons de Guillaume´, `Bataille d’Aliscans´, `Bataille Loquifer´, `Moniage Rainouart´

2 Przybilski, S. 174

3 Przybilski, S. 175

4 Bumke, Joachim: Wolframs Willehalm., Heidelberg 1959, S. 41

5 Bumke, S. 41

6 Bumke, S. 41

7 Bumke, S. 41

8 Bumke, S. 41

9 Przybilski, S. 176

10 Przybilski, S. 176

11 Przybilski, S. 176

12 Przybilski, S. 176

13 Przybilski, S. 177

14 Rennewart tötet hier, ohne erst nach den Hintergründen für die Flucht zu fragen, sofort 45 Christen

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Figur des 'Rennewart' in Wolfram von Eschenbachs 'Willehalm'
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt  (Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
PS Wolfram von Eschenbach: "Willehalm"
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
17
Katalognummer
V24428
ISBN (eBook)
9783638273053
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Figur, Rennewart, Wolfram, Eschenbachs, Willehalm, Wolfram, Eschenbach, Willehalm
Arbeit zitieren
Kathrin Brandl (Autor), 2002, Die Figur des 'Rennewart' in Wolfram von Eschenbachs 'Willehalm', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24428

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