Das Problem der Magersucht und schulische Präventionsmöglichkeiten


Examensarbeit, 2003

94 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

I. Magersucht
2. Definition
3. Historischer Überblick
3.1 Die Geschichte der Magersucht
3.2 Behandlungsmethoden im Wandel der Zeit
4. Symptome – Wie äußert sich Magersucht?
4.1 Physische Symptome
4.1.1 Gewichtsverlust
4.1.2 Amenorrhöe
4.1.3 Nierenschäden
4.1.4 Herz- und Kreislaufprobleme
4.1.5 Magen- und Verdauungsprobleme
4.1.6 Haare, Haut und Knochen
4.1.7 Schädigungen der Nerven und des Gehirns
4.2 Psychische Symptome
4.2.1 Verhalten und Einstellung
4.2.2 Aktivität
4.2.3 Schlafstörungen
4.2.4 Interessen und Leistung
4.2.5 Sexualität und Körperwahrnehmung
4.2.6 Beziehungsprobleme
5. Diagnostik
5.1 Entwicklung diagnostischer Kriterien
5.1.1 Diagnosekriterien nach Feighner et al. 1972
5.1.2 Exkurs: ICD–10 und DSM–IV
5.1.3 Probleme von ICD und DSM
5.2 Die Diagnostik der Magersucht
5.2.1 Die medizinische Diagnostik der Magersucht
5.2.2 Die psychologische Diagnostik der Magersucht
6. Ursachen
6.1 Genetische Ursachen
6.2 Schule und Peergroup
6.3 Sexueller Missbrauch
6.4 Körperlicher Missbrauch
6.5 Die Familie
6.5.1 Funktionale und dysfunktionale Familiensysteme
6.5.2 Magersüchtige Mädchen und ihre Familie
6.5.3 Frühkindliche Entwicklung
6.5.4 Die Rolle der Mutter
6.5.5 Die Rolle des Vaters
6.6 Die Gesellschaft
7. Der Teufelskreis Magersucht
7.1 Schema: Der Teufelskreis der Magersucht
8. Therapie
8.1 Indikation
8.2 Therapieformen
8.2.1 Organmedizinische Behandlung
8.2.2 Psychoanalyse
8.2.3 Ansatz nach Hilde Bruch
8.2.4 Verhaltenstherapie
8.2.5 Klientenzentrierte Psychotherapie
8.2.6 Familientherapie
8.2.7 Feministische Therapien
8.2.8 Gruppentherapeutische Verfahren
8.2.9 Musiktherapie
8.2.10 Kreativtherapie
9. Heilungschancen
10. Statistiken
10.1 Alter bei Einsetzen der Anorexie
10.2 Dauer der Anorexie
10.3 Durchschnittlicher Gewichtsverlust
10.4 Vergleich der Symptome nach den
Feigherschen Kriterien während der
Anorexie und heute

II. Schulische Prävention
1. Warum ist präventive Arbeit gerade in der Schule von Bedeutung?
2. Theorie
2.1 Prävention
2.2 Präventionsmodelle
2.2 Ganzheitliche Suchtprävention
3. Praxis
3.1 Gesundheitsfördernde Schulen
3.2 Suchtgefährdete Kinder
3.3 Geschlechtsspezifische Präventionsarbeit
3.4 Unterrichtsmöglichkeiten und Vereinbarkeit mit den Rahmenrichtlinien
3.4.1 Erleben mit allen Sinnen
3.4.2 Körpererfahrungsübungen
3.4.3 Identitätsbildung
3.4.4 Figuren-/Rollenspiel
3.4.5 Bewegungs- und Entspannungsübungen
3.4.6 Gesundheitserziehung
3.5 Die Aufgaben der/des LehrerIn
3.6 Was kann die Schule tun, um gesundheitliche Risiken bei bereits magersüchtigen Mädchen zu vermeiden?
3.6.1 Körperliches Training
3.6.2 Essenszeiten
3.6.3 Hausaufgaben
3.6.4 Prüfungen
3.7 Grenzen der schulischen Prävention
3.8 Kooperation mit anderen Einrichtungen
4. Arbeiten mit dem Internet zum Thema Magersucht
5. Reflexion

Glossar

Literatur

1. Einleitung

In der heutigen Zeit wird das Problem Magersucht immer öfter in den Medien thematisiert, somit sind die (gesellschaftlichen) Ursachen in der Öffentlichkeit bekannter als früher. Dennoch steigt die Anzahl der Betroffenen rapide an. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach dem „Warum“.

Da hauptsächlich junge Menschen von der Erkrankung betroffen sind, ist diese Frage auch für den schulischen Bereich und für angehende LehrerInnen von großer Bedeutung.

In der Sonderschule fallen hin und wieder sehr dünne Kinder auf. Häufig wird dies auf eine schlechte Versorgung im Elternhaus zurückgeführt. Dass eine Magersucht vorliegen könnte, wird in den meisten Fällen weniger in Betracht gezogen.

Aber gerade auf Kindern, die die Sonderschule besuchen, lastet ein hoher Leistungsdruck, der das Essverhalten negativ beeinflussen kann (siehe Kapitel I. 5.2), so dass das Auftreten von Magersucht bei Sonderschulkindern eigentlich nicht erstaunlich ist.

Natürlich spielen die gesellschaftlichen Einflüsse auch in der Schule eine bedeutende Rolle. Unsere heutige Geselllschaft ist von dem Idealbild des schlanken, sportlichen und aktiven Menschen geprägt. Dies hat zur Folge, dass Kinder, die diesen Maßstäben nicht entsprechen, oft gehänselt und ausgegrenzt werden. Gerade übergewichtigen Kindern gegenüber wird ein ablehnendes Verhalten gezeigt. Hierbei stellt sich die Frage, inwieweit diese Faktoren zu der Entwicklung von Essstörungen führen können.

Bezüglich der Schule lässt sich sagen, dass sie, neben der Familie, die zweitwichtigste Sozialisationsinstanz darstellt. Ihr fällt -aufgrund der Tatsache, dass in unserer modernen Gesellschaft die ursprüngliche Familie immer weniger vorhanden ist- eine immer größere Rolle zu. Somit ist zu überlegen, wie die Schule süchtiges Essverhalten positiv oder negativ beeinflusst. Ausgehend davon ist zu klären, welche präventiven Maßnahmen in der Schule in Bezug auf gestörtes Essverhalten ergriffen werden können.

Gerade für Studentinnen und Studenten des Lehramtes ist also das von mir gewählte Thema „Das Problem der Magersucht und schulische Präventionsmöglichkeiten“ von großer Bedeutung (siehe Kapitel II. 3.3). So müssen Lehrerinnen und Lehrer in der Lage sein, Anzeichen einer Magersucht zu erkennen, um angemessen reagieren zu können.

Da es sich bei 95 % der an Magersucht erkrankten Personen um Mädchen und Frauen handelt, verwende ich in meiner Arbeit immer die weibliche Form, wenn es um die Betroffenen geht.

Es erscheint mir sinnvoll, zunächst einen Überblick über die geschichtliche Entwicklung der Erforschung der Magersucht zu geben, um zu verdeutlichen, welche Fortschritte sich hier bezüglich der Diagnose zeigen. Im Anschluss hieran werde ich auf die heutige Darstellung und Erforschung der Magersucht eingehen. Hierbei sollen zunächst die Symptome, die Diagnostik, die Therapie und die Heilungschancen ausführlich beschrieben werden, um dem Leser die Charakteristik der Magersucht zu verdeutlichen.

Anschließend geht es um die Frage nach der schulischen Prävention. Wichtig erscheint mir dabei zu klären, welche Möglichkeiten die Schule hinsichtlich der Prävention bei Magersucht hat, was getan werden kann, falls eine Schülerin bereits an Magersucht erkrankt ist, wo die Grenzen der schulischen Prävention liegen und welche Kooperationsmöglichkeiten mit anderen Einrichtungen sich anbieten.

I. Das Problem der Magersucht

2. Definition

Suchterkrankung

Wie schon an dem Begriff Magersucht zu erkennen ist, handelt es sich bei der, auch als Anorexia nervosa bezeichneten, Erkrankung um eine Sucht. Spricht man von Süchten, so ist zwischen stoffgebundenen, wie etwa Drogensucht, und nicht stoffgebundenen Erkrankungen, beispielsweise Esstörungen, zu unterscheiden.

Der Begriff „Sucht“ verbindet in einem Wort Krankheit, Abhängigkeit und Zwanghaftigkeit. Sucht bezeichnet „einen krankhaften Endzustand der Abhängigkeit von einer Droge, einem Genußmittel oder einer Verhaltensweise. Der süchtige Mensch leidet unter dem Zwang, sich das Suchtmittel/das süchtige Verhalten in steigender Dosis zuführen zu müssen. Durch noch so großen Willensaufwand ist er nicht in der Lage, sich direkt von der Sucht zu befreien.“ 1

Magersucht

Magersucht ist durch einen selbst herbeigeführten Gewichtsverlust von mindestens 15% unterhalb des normalen Gewichts, Körperschemastörungen und massiver Furcht vor Gewichtszunahme geprägt. Die Berechnung des Gewichtes erfolgt heute im Gegensatz zu früher, als das Normalgewicht nach dem Broca – Index (BI = Gewicht (kg): Größe (cm) – 100) berechnet wurde, nach dem Body – Mass – Index. Der BMI errechnet sich aus: Gewicht in Kilogramm: Körpergröße in Metern ². Liegt der Body – Mass – Index zwischen 20 und 24 so hat man Normalgewicht. Liegt der Body – Mass – Index unter 17,5 so ist dies ein Hinweis auf Magersucht. 2

Betroffen sind vorwiegend junge Frauen zwischen dem 12. und 30. Lebensjahr. Leitsymptom ist die Störung des Essverhalten durch Nahrungsverweigerung, eventuell unterbrochen durch heimliche Essattacken mit anschließendem selbstinduzierten Erbrechen und die Einnahme von Abführmitteln, was rasch zu einer, nicht selten vital bedrohlichen, Gewichtsabnahme führt. Weitere Symptome sind unter anderem das Ausbleiben oder Fehlen der Menstruation sowie Stoffwechselstörungen, langsame Herztätigkeit, herabgesetzte Muskelspannung und Hautstörungen. Die Wahrscheinlichkeit an Magersucht zu sterben wird mit ca. 5-10 % angegeben. 3

Als wesentliche psychische Ursache werden mit beginnender Geschlechtsreife schwere Störungen der Geschlechtsidentifikation und der Autonomieentwicklung im Rahmen einer gestörten Familiendynamik angenommen. 4

3. Historischer Überblick

An dieser Stelle gebe ich einen kurzen historischen Überblick und gehe auf die Behandlungsmethoden im Wandel der Zeit ein. Dies ist sinnvoll, um zu zeigen, dass es die Erkrankung Magersucht vermutlich schon seit Jahrhunderten gibt, sie aber erst im 19. Jahrhundert als eigenständige psychische Krankheit erkannt wurde.

3.1 Die Geschichte der Erforschung der Magersucht

Bereits im Mittelalter war die Erkrankung Magersucht bekannt. Zu dieser Zeit hatte die Magersucht noch keinen Namen, aber die Symptome stimmen mit den heutigen Forschungsergebnissen überein.

Frauen, die oftmals kräuterkundig waren, nahmen über einen langen Zeitraum keine Nahrung zu sich. Dass Frauen in der Lage waren über lange Zeit ohne Essen auszukommen, erschreckte viele Menschen zur damaligen Zeit, da, auch aufgrund von Nahrungsmangel, Essen für sie zu den elementarsten Dingen des Lebens zählte. Die Männer gingen davon aus, dass es sich bei den betroffenen Frauen um Hexen handelte oder sie vom Teufel besessen seien, da niemand in der Lage sei über einen langen Zeitraum ohne Nahrung auszukommen. Dies hatte zur Folge, dass die Frauen oftmals als Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden.

Die erste medizinische Darstellung der Magersucht wird im Allgemeinen dem englischen Arzt Richard Morton zugeschrieben. In seinem Buch Phthisiologia or a treatise of consumptions (Phthisiologia oder eine Abhandlung über Schwindsucht) beschreibt er im Zusammenhang mit der Schwindsucht zwei Fälle, die heutzutage eindeutig als Magersucht zu diagnostizieren wären, da die Erkrankung infolge freiwilliger Einschränkung der Nahrungsaufnahme entstand. 5

„Im Jahre 1684, im Juli ihres achtzehnten Lebensjahres, versiegte infolge einer Vielzahl von Sorgen und Leidenschaften der monatliche Fluss von Mr. Dukes Tochter in St. Mary Axe ganz und gar, ... von diesem Zeitpunkt an begann ihr Appetit nachzulassen und ihre Verdauung wurde schlechter; ihr Fleisch wurde schlaff und ihre Haut bleich ..., sie gewöhnte sich an ihre Studien nachts zu betreiben und vertiefte sich ständig in ihre Bücher, sodass sie sich Tag und Nacht schädlicher Luft aussetzte ... Sie lehnte alle Medikamente ab und vernachlässigte sich selbst und ihre Bedürfnisse von diesem Zeitpunkt an volle zwei Jahre lang, bis sie sich schließlich im letzten Stadium der Entkräftung oder Auszehrung befand und darauf hin in Ohnmacht fiel. Erst dann suchte sie Rat bei mir. Ich erinnere mich nicht, dass ich in meiner gesamten Praxis jemals jemanden gesehen habe, der in einem solchen Zustand noch am Leben teilhatte, so ausgezehrt war sie ... wie ein mit Haut überzogenes Skelett; doch sie litt nicht an Fieber, sondern im Gegenteil an einer Kälte des ganzen Körpers; kein Husten, keine Atemschwierigkeit und auch keine andere Unpässlichkeit der Lunge oder der Eingeweide. Nur ihr Appetit war reduziert, und ihre Verdauung unregelmäßig; ferner traten die Ohnmachtsanfälle immer häufiger auf. Diese Symptome versuchte ich durch die äußere Anwendung aromatischer Säckchen zu lindern, die auf die Magenregion und die Gedärme aufgelegt wurden. Außerdem durch die Verabreichung von bitterer Medizin, von Eisenpräparaten und medizinischen Elixieren auf kopfheilenden und antihysterischen Wassern, gründlich versetzt mit dem Destillat aus Riechsalz und Rizinusöl, ... aber sie wurde die Medikamente schnell leid und bat darum, dass die ganze Sache nunmehr wieder der Natur zu überlassen, woraufhin sie mit jedem Tag schwächer wurde und stärker abmagerte. Nach drei Monaten erlitt sie einen erneuten Ohnmachtsanfall und starb.“ 6

Der zweite Patient, den Morton beschreibt, ist ein sechzehnjähriger Sohn eines Geistlichen, dem

„mit der Zeit jeglicher Appetit verloren ging, hervorgerufen durch zu harte Studien und die Leidenschaft des Geistes, ... er siechte über einen Zeitraum von zwei Jahren mehr und mehr dahin. Seine Auszehrung war nervös bedingt und hatte den gesamten Körper befallen.“ 7

Dieser Fall wurde durch folgenden Rat geheilt:

„Der Patient soll seine Studien aufgeben, die Landluft aufsuchen, Reiten gehen und sich einer Milchdiät unterziehen.“ 8

Im Jahre 1789 schrieb der französische Arzt J. Naudeau eine lange Beschreibung eines tödlich verlaufenden Falls einer magersüchtigen Patientin. In diesem Bericht wird besonders der Einfluss der Mutter der Patientin auf den Krankheitsverlauf betont. 9

Eindeutige medizinische Beschreibungen der Anorexia Nervosa können zum ersten Mal im 19. Jahrhundert nachgewiesen werden. 10

Ein junger französischer Psychiater namens Marcé schrieb im Jahre 1860 über

„junge Mädchen, die im Verlauf der Pubertät einen außerordentlichen Widerwillen gegen das Essen entwickeln, ... diese Patientinnen kommen zu der ausschließlich auf ihrem Wahn fußenden Überzeugung, dass sie nicht essen können oder dürfen ... Sämtliche Versuche sie an der Verwirklichung dieses Vorhabens zu hindern oder sich wieder ausreichend zu ernähren, begegnen sie mit einer unendlichen Fülle an Gegenstrategien und schier unüberwindlichem Widerstand. Dieses Verhalten erhalten sie aufrecht, bis sämtliche Spuren von Fettgewebe in ihrem Körper verschwunden und sie selbst nur noch Skelette sind. Die Folge ist eine so umfassende allgemeine Schwäche, dass sie kaum in der Lage sind, ein paar Schritte zu laufen. Diese unglücklichen Patientinnen erlangen nur ein gewisses Maß an Energie zurück, um den Versuchen ihrer Umwelt, ihnen Nahrung zuzuführen, widerstehen zu können ... Einige hungern sich buchstäblich zu Tode. Trotzdem ist eine medizinische Behandlung in jedem Fall sinnvoll, selbst wenn die Patientin von der Unheilbarkeit ihres Leidens überzeugt ist oder sich ihrer Todessehnsucht vollkommen hingegeben hat. Ich habe drei junge Mädchen untersucht, die in höchst beunruhigendem und fast schon verzweifelten Zustand waren, und geheilt wurden. Ich wage die Vermutung, dass die ersten Ärzte, die derlei Patientinnen betreuten, die wahre Bedeutung ihrer beharrlichen Verweigerung von Nahrung einfach nur missverstanden haben: Diese Ärzte waren weit davon entfernt, das Verhalten ihrer Schützlinge als Phantasievorstellung einer hypochondrischen Natur zu betrachten, sondern hielten es ausschließlich für die Auswirkung einer Magenerkrankung.“ 11

Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Magersucht durch die gleichzeitig, aber unabhängig voneinander, durchgeführten Arbeiten von E.C. Lasegue, Professor für klinische Medizin an der Pariser Universität, und W.W. Gull, einem der berühmtesten und meistgeachteten Chirurgen Londons, als eine klinische Erscheinungsform anerkannt. 12

Besonders Lasegues Bericht ist sehr lebendig und gut beobachtet. In seinem Bericht „Zur hysterischen Anorexie“ (April 1873) sagt er, dass die Krankheit durch emotionale Störungen hervorgerufen werde, die die Patientin zu verbergen oder vertuschen versuche. 13

Des Weiteren betrachtet er die Krankheit als stufenweise verlaufend und unterteilt sie in drei Phasen.

Die erste Phase ist durch hysterisch bedingte Störungen des Verdauungssystems und eine verminderte Nahrungsaufnahme, einhergehend mit einer Steigerung der allgemeinen Aktivität, charakterisiert. Die zweite Phase, die „Perversionsphase“, ist dadurch gekennzeichnet, dass die Patientin von dem Gedanken an ihren eigenen Körper und dessen Abmagerung besessen ist – eine Besessenheit, die durch die Ängste ihrer Familie noch verstärkt wird. Die dritte oder kachektische Phase bedeutet, dass die Patientin an Amenorrhoe erkrankt ist, unter Verstopfung und mangelnder Elastizität der Haut leidet und sich in einem Zustand der Depression verbunden mit Hyperaktivität befindet.

Lasegue weist außerdem auf die Gleichgültigkeit der Patientin gegenüber dem Ernst ihres Zustandes und auf ihre Entschlossenheit ihn zu erhalten hin. 14

„Zunächst befällt die Patientin nach den Mahlzeiten ein gewisses Unbehagen, ein diffuses Gefühl der Übersättigung. Diese Empfindungen bleiben über mehrere Tage hinweg konstant. Sie sind vielleicht nicht besonders stark, aber dafür umso hartnäckiger. Die Betroffene glaubt, dass das beste Heilmittel für derlei unbestimmte Beschwerden eine Reduzierung ihrer Nahrungsaufnahme sei. Bis zu diesem Zeitpunkt ist an ihrem Fall nichts Auffälliges zu entdecken. Aber nach und nach reduziert sie ihr Essen immer weiter und ersinnt immer neue Vorwände, mit denen sie ihr Verhalten begründet ... Nach ein paar Wochen handelt es sich nicht länger um eine vorübergehende Abneigung gegen Nahrung, sondern um eine konsequente Verweigerung derselben, die sich über einen beliebig langen Zeitraum hinziehen kann. Jetzt ist die Krankheit ausgebrochen ... Immer mehr Mahlzeiten werden ausgelassen und ein Nahrungsmittel nach dem anderen wird gemieden. Manchmal wird eine bestimmte Speise auch nur durch eine andere ersetzt, die angeblich allen anderen vorgezogen wird. Zuerst wird der allgemeine Gesundheitszustand der Patientin durch ihr Essverhalten nicht sonderlich beeinträchtigt; selbst die Verstopfung weicht, sobald man ein leichtes Abführmittel verabreicht. Die Abstinenz scheint das Bedürfnis nach Bewegung zu steigern. Die Patientin fühlt sich leichter und aktiver. Sie kann jetzt einen ermüdenden Tag überstehen, ohne sich der Erschöpfung, über die sie unter normalen Umständen geklagt hätte, bewusst zu werden. Sowohl ihre Familie als auch ihre medizinischen Berater machen sich immer mehr Sorgen, und die Anorexie entwickelt sich mit der Zeit zum einzigen Gesprächsgegenstand und zum Zentrum ihres Daseins. Die Patientin macht sich jetzt gar nicht mehr die Mühe, Entschuldigungen dafür zu ersinnen, dass sie nichts isst. Wenn man ihr sagt, dass sie unmöglich von der gleichen Nahrungsmenge leben kann, von der sich gerade mal ein Kleinkind ernährt, antwortet sie, dass diese Nahrungsmenge für sie selbst vollkommen ausreichend ist und fügt hinzu, dass sie selbst besser als jeder andere weiß, was sie benötigt. Außerdem könne sie reichlichere Mahlzeiten nicht vertragen, ... sie sagt, dass es ihr gesundheitlich niemals besser ging und dass sie absolut nicht leide. >Ich leide nicht, also muss es mir gut gehen< - so lautet die eintönige Antwort, die die Formel >Ich kann nichts essen, weil ich mich nicht wohlfühle< ersetzt hat. Diese Form der intellektuellen Perversion ist typisch für den ganzen Krankheitsverlauf. Schließlich sind ihre körperlichen Ressourcen erschöpft, ihr enthaltsamer Lebenswandel fordert seinen Tribut. Die Krankheit tritt in ihr drittes Stadium ein. Die Patientin leidet unter extremer Auszehrung, die allgemeine Entkräftung schreitet voran und sportliche Betätigung wird immer mühseliger. Es kommt vor, dass die Patientin es nun zulässt, dass man ihr Nahrung zuführt, aber nur widerwillig und offensichtlich in der Hoffnung, dass sie die unmittelbare Gefahr abwenden kann, ohne ihre eigentlichen, der Erkrankung zugrunde liegenden Vorstellungen aufzugeben und mit ihnen vielleicht auch die Anteilnahme, die sie bei anderen hervorruft ... Ich kenne Patientinnen, die sogar zehn Jahre nach Ausbruch der Krankheit noch nicht in der Lage sind, genauso zu essen wie andere Menschen.“ 15

Gull legte am 24. Oktober 1874 der London Clinical Society eine Abhandlung über Magersucht vor. Er hatte zunächst im Jahre 1873 eine Reihe von Vorlesungen gehalten, in denen er die Krankheit als „hysterische Apepsie“ bezeichnete. Später legte er jedoch Wert darauf Anorexie und Hysterie voneinander abzugrenzen, der Begriff Anorexia nervosa wurde von ihm geprägt. 16

Gull betont, dass die Krankheit auf psychopathologische Faktoren zurückzuführen sei, und führt die besonders hervorstechenden Merkmale wie Abmagerung, Amenorrhöe, Verstopfung, Appetitlosigkeit, verlangsamter Puls und verlangsamte Atmung sowie eine auffallende Überaktivität an. Das Verhalten der Patientin wird auf eine „morbide Gemütsverfassung“ oder „geistige Perversion“ zurückgeführt, für die junge Mädchen besonders anfällig seien. 17

In diesem Punkt stimmen die Arbeiten von Lasegue und Gull überein. Gull, der die Arbeiten von Lasegue zu diesem Zeitpunkt kannte, stellte fest, dass sie „die gleiche Krankheit meinten, auch wenn unsere Arten, sie zu beschreiben, unterschiedlich sind.“ 18

Obwohl sich die Beschreibungen hinsichtlich bestimmter Details und Annahmen unterscheiden, betonen beide, dass es sich bei der Anorexie um eine psychische und nicht um eine organische Krankheit handelt.

Bis zum Jahr 1930 war dann die Entstehung der Magersucht durch psychische Faktoren anerkannt, doch eine Übereinstimmung darüber, worin diese Faktoren wirklich bestanden, gab es immer noch nicht. Auch heute ist das Krankheitsbild noch nicht klar umrissen. 20

3.2 Behandlungsmethoden im Wandel der Zeit

Einer der schwierigsten Aspekte der Magersucht ist, dass es keine einfache medizinische Behandlung gibt. Die Behandlungsmethoden basieren lediglich auf den Erfahrungen, die im Laufe der Zeit durch den Umgang mit der Krankheit gemacht wurden.

Aus diesem Grund haben sich die meisten Autoren, die sich mit Fällen von Magersucht beschäftigt haben, auch mit deren Behandlungsmethoden auseinandergesetzt. 21

Richard Morton gab 1694 folgenden Rat:

„Man sorge für genügend Ablenkung und Aufheiterung des Geistes, und zwar durch körperliche Betätigung und die Gesellschaft von Freunden. Denn diese Krankheit wird fast immer durch Traurigkeit und angstvolle Sorgen gefördert. Außerdem sollte der Patient die Wohltat einer frischen, klaren und sehr guten Luft genießen können, die Nerven und Geist gleichermaßen erquickt. Und weil der Magen bei dieser Art von Unpässlichkeit besonders betroffen ist, empfehlen wir, dem Patienten seine Lieblingsspeisen vorzusetzen. Außerdem sollte der Magen nicht lang an ein und dasselbe Nahrungsmittel gewöhnt werden.“ 22

Marcé stellte fest, dass die Behandlung in der häuslichen Umgebung Schwierigkeiten bereitet und riet deshalb Folgendes:

„Solange die Patientin weiterhin inmitten ihrer eigenen Familie und ihres gewohnten Kreises lebt, kann dem hypochondrischen Wahn nicht nachhaltig Einhalt geboten werden: Der beharrliche Widerstand, den sie einer Behandlung entgegensetzt, die Magenbeschwerden, über die sie unaufhörlich klagt, rufen bei ihrer Umwelt äußerst heftige Gefühle hervor. Die Folge ist, dass der Arzt keine volle Handlungsfreiheit hat und seinem Schützling nicht den notwendigen moralischen Halt bieten kann. Es ist deshalb unabdingbar, Aufenthaltsort und Umstände der Patientin zu verändern und sie der Obhut von Fremden anzuvertrauen. Bei der Behandlung selbst muss man langsam vorgehen: Jeden Tag und bei jeder Mahlzeit sollte die Menge der Nahrung erhöht werden. Sport oder Gymnastik, die in solchen Fällen gemeinhin empfohlen werden, haben den Nachteil, dass sie zuviel Energie verbrauchen, was die tägliche Ernährung nicht ausgleichen kann. Bei Patientinnen, die einer Behandlung dieser Art unterzogen werden, können schon nach kurzer Zeit große Veränderungen festgestellt werden: Sie werden wieder kräftiger, und ihr Gesundheitszustand stabilisiert sich ebenso wie ihr seelisches Gleichgewicht erstaunlich schnell, ... trotzdem kommt es leicht zu Rückfällen.“ 23

Einen ähnlichen Ratschlag gab Gull 1874. Er war der Ansicht, dass eine angemessene Ernährungsweise oberstes Ziel sei, welches man über die Rechtfertigungen und Widerstände der Patientin nicht aus den Augen verlieren sollte. Er war sich sicher, dass die Probleme der Patientin psychischer Natur seien und die Erklärungen ihrerseits nur in die Irre führten:

„Im Verlauf der Behandlung benötigen die Patientinnen ein hohes Maß an moralischer Kontrolle: Ferner sollte eine Veränderung der häuslichen Verhältnisse erfolgen. Von Anfang an sollten Nahrungsmittel in kurzen Intervallen verabreicht werden; dabei sollte die Patientin unter keinen Umständen ihrem eigenen Gutdünken folgen dürfen. Auch darf man sich keinesfalls nach ihren Neigungen und Vorlieben richten. In einem Stadium der Erkrankung und in weniger schweren Fällen kommt es häufig vor, dass der Arzt auf die ängstlich besorgten Fragen der Eltern antwortet: >Lassen Sie sie gewähren. Zwingen Sie sie nicht zum Essen.< Früher hielt ich solche Ratschläge für statthaft und erlaubt, aber meine Erfahrungen haben mittlerweile die Gefahr aufgezeigt, in die die Kranke gerät, wenn dem Aushungerungsprozess kein Einhalt geboten wird ... Patientinnen sollten regelmäßig Nahrung zugeführt bekommen und von Menschen umgeben sein, die eine Art moralischer Kontrolle auf sie ausüben: Verwandte und Freunde sind im Allgemeinen die schlechtesten Pflegepersonen. Wie weit die Erkrankung auch fortgeschritten sein mag, solange die Patientin am Leben ist, gibt es auch noch Hoffnung. In den meisten Fällen ist eine Heilung möglich. Die Ruhelosigkeit der Betroffenen, auf die an anderer Stelle bereits eingegangen wurde, muss der Arzt im Übrigen ebenfalls in den Griff bekommen, was sich jedoch häufig als schwierige Aufgabe erweist.“ 24

1890 unterteilte der Psychiater Pierre Janet die Erkrankung ähnlich wie Lasegue in drei Phasen.

Die erste Phase nannte er „Magenphase“. In dieser Phase nimmt jeder an, dass es sich bei der Erkrankung um ein Problem des Magen-Darm-Traktes handelt. Janet bemerkt jedoch, dass es sich hierbei meist um die Folgen eines psychischen Problems handelt. 25

In der zweiten Phase beginnt die Familie sich zu beunruhigen:

„Nun versucht ihre Familie die Patientin durch alle möglichen Delikatessen zum Essen zu verführen. Ihre Angehörigen schelten sie aus, sie verwöhnen und beschwören sie, sie drohen ihr. Diesem Übermaß an Beharrlichkeit begegnet die Betroffene folgerichtig mit einem Übermaß an Widerstand; das Mädchen scheint zu verstehen, dass das kleinste Nachgeben seinerseits zur Folge hätte, dass es sich von der leidenden Patientin in ein launisches Kind verwandelt; und damit kann und wird es sich niemals einverstanden erklären. Sämtliche Verwandte und Freunde mischen sich ein und legen ihre ganze Autorität und ihren ganzen Einfluss in die Waagschale. Das Mädchen jedoch wiederholt, dass sie nicht hungrig ist, dass sie nicht mehr zu essen benötigt, dass sie bis in alle Ewigkeit so weiterleben kann und dass sie sich zudem nie besser gefühlt hat, ... mit anderen Worten: Im Kampf mit ihrer Umgebung zieht unsere Patientin sämtliche Register. Sie sucht bei einem Elternteil Unterstützung gegen das andere, sie verspricht Wunder herbeizuführen, wenn ihre Familie nicht zu viel von ihr verlangt, sie nimmt Zuflucht zu jeder erdenklichen List und Unwahrheit ...“ 26

In der dritten Phase kommt es dann zum Auftreten körperlicher Probleme.

Janet zeigte sich besonders beeindruckt von der Verknüpfung aus Nahrungsverweigerung und erhöhter körperlicher Aktivität. Er ging davon aus, dass ein erhöhtes Glücksgefühl, eine Art Euphorie, in der es kein Verlangen nach Nahrung gibt und Schwäche und Depressionen verschwinden, eines der Hauptmerkmale der Magersucht ist. Auch Janet hält es für sinnvoll die Erkrankte von ihrer gewohnten Umgebung zu trennen. 27

John Ryle dagegen ist gegenteiliger Ansicht. Er sagt, dass im familiären Umfeld gute Ergebnisse erreicht werden, wenn „den Patienten sowie vor allen Dingen bei jüngeren Betroffenen den Eltern die Situation klar deutlich erklärt wird und außerdem die Zusammenarbeit mit dem Hausarzt durch die Eltern gewährleistet wird“. 28

Seines Erachtens sollte sowohl den Betroffenen als auch den Eltern die Situation unabhängig voneinander bewusst gemacht werden. Hierbei sei es besonders wichtig, dass versichert werde, dass eine Heilung eintrete, sobald der Zustand des Hungerns aufgehoben sei und der Appetit wieder zurückgekehrt sei.

Wichtig sei auch, dass klar gemacht werde, dass es sich um keine organische Erkrankung handele und dass sowohl die Eltern als auch die Betroffene, darauf vertrauen könnten, dass sich der Arzt mit dem Problem auskenne.

Sollte die Behandlung zu Hause keine Wirkung zeigen, so sei es sinnvoll die Therapie in einem Krankenhaus fortzuführen. Hierbei sei es wichtig, dass das Pflegepersonal frühzeitig die Kontrolle über die Patientin übernehme. Das Pflegepersonal solle bei der Betroffenen während der Mahlzeiten sitzen bleiben und darauf achten, dass die Patientin kein Essen verschwinden lässt. Direktes Nachfragen nach Gründen und Motiven für die Erkrankung solle, besonders bei jungen Patientinnen und im frühen Stadium der Erkrankung, vermieden werden. Für Ryle steht an erster Stelle den Zustand des Hungerns in den Griff zu bekommen, da er der Ansicht ist, dass sich dann das seelische Gleichgewicht automatisch wieder einstelle. 29

Auch für Hilde Bruch, eine amerikanische Psychoanalytikerin, steht die Dringlichkeit, den Hungerzustand in den Griff zu bekommen an erster Stelle. 1981 stellte sie in der Founders Award Lecture ihre Ideen dar. Anstoß für ihre Beschäftigung mit der Magersucht war die Tatsache, dass die traditionelle Psychoanalyse zu dieser Krankheit nur wenige Beiträge geleistet hat. 30

Bruch entwickelte eine Behandlungsmethode, die eine aktive Zusammenarbeit von Patient und Therapeut vorsieht. Ihre Vorstellungen über die Krankheit erläutert sie folgendermaßen:

„Die ständige Beschäftigung mit dem Essen und dem Körpergewicht verbirgt die dahinter liegenden Probleme und das geringe Selbstwertgefühl der Betroffenen. Sie müssen deshalb darin bestärkt werden, ihre guten Eigenschaften und Stärken zu entdecken. In diesem Stadium überlagern sich die psychischen Prozesse und das Hungerleiden. Es ist von Anfang an wichtig, darauf hinzuweisen, dass das Ziel der Therapie ein Zuwachs an Lebensqualität für die Betroffenen bedeutet und die Behandlung nicht dazu da ist, die Eltern zu beruhigen.

In gewisser Weise müssen alle magersüchtigen Personen nach langen Jahren vorgetäuschten Verhaltens eine neue Persönlichkeit aufbauen. Sie sind ständig mit dem Eindruck beschäftigt, den sie in den Augen der anderen hinterlassen und fragen sich unentwegt, ob sie es überhaupt wert sind, respektiert zu werden ... Es besteht da ein grundsätzliches Misstrauen, das sich durch alle Beziehungen zieht: die feste Überzeugung, dass alle Menschen voller Verachtung und Kritik auf sie herabschauen und sie sich davor schützen müssen. Dieses Misstrauen wird normalerweise hinter der Fassade einer freundlichen Zusammenarbeit mit dem Therapeuten gut versteckt, zumindestens am Anfang. Früher oder später wird diese Haltung jedoch durch eine kritische oder verneinende Einstellung abgelöst, die bis zu offener Feindseligkeit gegenüber dem Therapeuten führt.“ 31

Betrachtet man die Geschichte der Erforschung der Magersucht, so lässt sich erkennen, dass die oberste Priorität der Ärzte das Wiederherstellen eines normalen Essverhaltens war. Zudem war es immer einer der ärztlichen Grundsätze der Behandlung, all das Wissen und Verständnis der Krankheit mit der Patientin und der Familie zu teilen und ihnen dabei zu helfen, die Schwierigkeiten durchzustehen, mit denen sie während des gesamten Prozesses, in dem normales Essverhalten wiederhergestellt wird, konfrontiert sind.

4. Symptome – Wie äußert sich Magersucht?

Nachdem in den vorherigen Kapiteln bereits einige der Symptome der Erkrankung beschrieben worden sind, wird im Folgenden auf die Symptome eingegangen, die nach der heutigen medizinischen Ansicht von besonderer Bedeutung sind.

4.1 Physische Symptome

4.1.1 Gewichtsverlust

Hauptsymptom bei der Anorexia Nervosa ist die Angst vor einer Gewichtszunahme, einer so genannten „Gewichtsphobie“. Äußerlich ist dieses Symptom an der erheblichen Abmagerung der Patientinnen zu erkennen. Im Extremfall sind die Patientinnen bis aufs Skelett abgemagert und wiegen manchmal nur noch 25 – 32 Kilogramm. Oftmals tragen betroffene Mädchen und Frauen weite Kleidung um ihren Zustand vor sich selbst und anderen möglichst lange zu verbergen. Oft kommt hinzu, dass die Kleidung geschlechtsneutral wirken soll. 32

„Meine Schwestern hatten Sommerkleider an, die Rücken und Schultern freiließen, und ich hüllte mich in Jacken und Schals und trug Handschuhe. ... Das Gefühl, das ich hatte, wenn ich meinen Körper in eine Schicht nach der anderen hüllte, war, daß ich mich schützte.“ 33

Die Ablehnung von Nahrungsaufnahme, oftmals unterstützt durch eine erhöhte sportliche Aktivität, führt zu einer Reduktion des Gewichts.

Obwohl der Begriff „Anorexia Nervosa“ aus dem Griechischen abgeleitet einen Mangel an Appetit bedeutet, berichten zahlreiche Autoren von Anorektikerinnen, die sich während ihrer Erkrankung ständig mit dem Thema Essen beschäftigen. 34

„Später, als ich dann schneller abnahm, träumte ich oft (wahrscheinlich jede Nacht) von Eßbarem und vom Essen. ... Im Traum ließ ich jeden köstlichen Bissen langsam auf der Zunge zergehen.“ 35

Aus diesem Grund kommt es bei den Betroffenen nicht selten zu Fressorgien.

„Doch wachte ich jedesmal erschrocken und schuldbewusst auf, entsetzt darüber, daß mir das irgendwie passiert war, die Kontrolle zu verlieren.“ 36

Anschließend treten bei den Betroffenen Schuldgefühle auf, die nicht selten zu selbstinduziertem Erbrechen und Einnahme von Laxanien (harntreibende Mittel) und Appetitzüglern führen. Diese Möglichkeiten den körperlichen Zustand zu beeinflussen, führen oftmals zu einer Kachexie (mit allgemeiner Schwäche und Blutarmut verbundener starker Kräfteverfall). 37

4.1.2 Amenorrhöe

Die Amenorrhöe ist ein weites Kardinalsymptom der Anorexia Nervosa. Bei Magersuchtigen kommt es häufig zum Ausbleiben regelmäßiger Monatsblutungen (sekundäre Amenorrhöe). In 10 % der Fälle treten anorektische Symptome vor Abschluss der Pubertätsentwicklung auf und rechtfertigen die Annahme einer primären Amenorrhöe. Der Zyklus stellt sich jedoch mit Normalisierung des Essverhaltens wieder ein. Manche Frauen regulieren das Ausbleiben der Regelblutung durch die Einnahme der Pille. 38

„Als ich ein Gewicht von etwa 41 Kilogramm erreicht hatte, setzte meine Periode aus. ... Statt erwachsen zu werden, hatte ich mich sozusagen zurückentwickelt und so einen natürlichen biologischen Vorgang rückgängig gemacht. Ich war keine Frau mehr. Ich war das, was ich sein wollte: ein Mädchen.“ 39

4.1.3 Nierenschäden

Durch langes Hungern und Diäten sowie durch den exzessiven Gebrauch von Abführmitteln bekommt der Körper nicht mehr die Nährstoffe, die er benötigt.

„Ich bekam bald heraus, daß ich das lästige mir aufgezwungene Gefühl der Schwere und Völle loswerden konnte, wenn ich ein oder zwei Schlucke des Abführmittels cascara sagrada aus dem Medizinschrank herunterschluckte. Die einsetzenden Bauchschmerzen, durch die sich dieses Loswerden ankündigte, nahm ich stets bereitwillig an, und hinterher fühlte ich mich wunderbar gereinigt.“ 40

Der Körper verliert lebensnotwendige Mineralstoffe, darunter vor allem Kalium, das unter anderem für die Informationsübertragung zwischen den einzelnen Nervenzellen benötigt wird. Des Weiteren gehen wichtige Nährstoffe, wie beispielsweise Magnesium und Salz, verloren. Für die Aufrechterhaltung einer bestimmten Konzentration dieser Stoffe im Blut sind die Nieren zuständig. Werden die Stoffe dem Körper jedoch nicht regelmäßig hinzugeführt, so werden auf Dauer die Nieren geschädigt. Wenn bei einer Nierenschädigung größere Teile des Nierengewebes beeinträchtigt sind, wird die Funktion der Nieren eingeschränkt. Die Nieren sind dann nicht mehr in der Lage den Körper zu entwässern und von Giftstoffen zu befreien. Im schlimmsten Fall kann dies zu einem lebensbedrohlichen Nierenversagen führen. 41

4.1.4 Herz- und Kreislaufprobleme

Durch den Mangel an Mineralstoffen, Vitaminen und Spurenelementen sowie durch hormonelle Veränderungen, zu denen das lange Hungern führt, werden Herz und Kreislauf stark belastet. So treten bei Magersucht sowohl Herzrhythmusstörungen als auch Schwindelgefühle und niedriger Blutdruck auf. Des Weiteren leiden viele magersüchtige Frauen an Durchblutungsstörungen. Dies führt sowohl zu kalten Händen und Füßen als auch zu Untertemperatur. 42

4.1.5 Magen- und Verdauungsprobleme

Bei Magersucht kommt es aufgrund der unregelmäßigen Nahrungszufuhr leicht zu Problemen des Magen – Darmtrakts. Verstopfungen sind somit keine Seltenheit. Sie regulieren sich jedoch bei regelmäßiger Nahrungszufuhr wieder und sind eher eine harmlose Folge der Magersucht. 43

4.1.6 Haare, Haut und Knochen

Durch die unzureichende Nährstoffzufuhr kann es zu Haarausfall und ausgetrockneter Haut kommen. In manchen Fällen kommt es durch hormonelle Veränderungen zur Bildung von Flaumhaaren am Körper, die sonst nur an Feten im Mutterleib oder kurz nach der Geburt auftritt (Lanugobehaarung).

Des Weiteren treten durch den Mangel an Mineralstoffen Schäden an den Knochen auf. Der Mineralstoffmangel führt zu Osteoporose, welche zu erhöhter Gefahr von Knochenschäden führt. 44

4.1.7 Schädigungen der Nerven und des Gehirns

Durch tiefgreifende Veränderungen der Nährstoffzufuhr können auch die Nerven geschädigt werden. Durch Mangel an Mineralstoffen wird die Informationsübertragung zwischen den Nerven gestört. Eine Schädigung der Nerven macht sich beispielsweise durch Kribbeln in den Beinen bemerkbar.

In Extremfällen kann durch die mangelnde Nährstoffzufuhr auch das Gehirn geschädigt werden. 45

4.2 Psychische Symptome

4.2.1 Verhalten und Einstellung

Ursache der Anorexia Nervosa sind unter anderem die Befürchtungen vor Kontrollverlust und die Angst vor den Konsequenzen des Erwachsenseins. Die Anorektikerin geht zum einen einer als bedrohlich erlebten sozialen Rolle aus dem Weg, zum anderen hat sie das Gefühl durch ihre Kontrolle über ihr Gewicht auch die Kontrolle über ihre Lebensumstände zu haben. Ein längeres Andauern der Magersucht führt auf Dauer zu einer hohen Belastung anderer Familienmitglieder. Jeder Druck auf die anorektische Patientin mehr zu essen führt zu einem Ausbruch von Tränen und Ärger. 46

„Es scheint so, als habe sie gelernt, daß ein jeder glaubt, sie nur äußerst behutsam behandeln zu dürfen. Die Gefühle der anderen Familienmitglieder sind ihr gegenüber jedoch sehr ambivalent. Die Patientin wird oft in einer exklusiven, tyrannischen Position erlebt.“ 47

Obwohl die Anorektikerin selbst wenig Nahrung zu sich nimmt, beschäftigt sie sich oft mit Essen, indem sie beispielsweise Rezepte sammelt oder für andere Familienmitglieder kocht.

„Lediglich die Eintragung am 15. August gibt Aufschluss über ein gewisses Nachlassen meiner magersüchtigen Ängste durch eine Reaktion, die im gleichen Augenblick typisch magersüchtig ist: „Ergebnisse der Mittleren Abschlußprüfung heute erhalten. Alles bestanden, dem Himmel sei Dank. Habe ein großes Festessen gekocht. Unmengen gegessen.“ 48

Kathrin Beyer und Dietlinde Gipser schreiben hierzu: „Gemeinsam ist allen Betroffenen, daß ihre Gedanken ständig ums Essen kreisen. Daneben nimmt das Thema „Heimlichkeit“ einen sehr wichtigen Stellenwert ein.“ 49

4.2.2 Aktivität

„Es ist ein Charakteristikum, wie diese Betroffenen gezwungen zu sein scheinen, sich in endloser Weise physisch und geistig zu beschäftigen.“ 50

Oftmals betreiben anorektische Patientinnen bis zur Erschöpfung Sport oder gehen stundenlang spazieren. Hierbei steht das Verbrennen von Kalorien und das Halten des Gewichts für die Betroffenen im Vordergrund. 51

„Nachdem ich magersüchtig geworden war, verschwand diese Last zusammen mit dem Gewicht. Ich wurde leichtfüßiger, war voller Energie und guter Dinge, und während des Sommerhalbjahres hatte ich sogar großes Gefallen an Tennis gefunden und übte mit dem gleichen Fleiß, den ich vorher für das Klavierspielen aufgebracht hatte. Nachts stand ich häufig auf und machte lange Spaziergänge auf dem Schulgelände, besonders, wenn Vollmond war und ich mich besonders unruhig fühlte.“ 52

4.2.3 Schlafstörungen

Als weiteres häufig auftretendes Phänomen sind Schlafstörungen zu beobachten. Oftmals können Anorektikerinnen aufgrund ihres unterernährten Zustandes nicht einschlafen, weil sie frieren, ihre Knochen drücken oder sie von Essen träumen, was sie beim Aufwachen in einen Unruhezustand versetzt. 53

„Die Wahrheit ist, daß ich unter Schlaflosigkeit litt: Ein voller Bauch ist dem Schlaf zuträglicher als ein leerer. Je dünner ich wurde, um so schwerer fiel es mir, mich wohlzufühlen, selbst im Bett. Welche Haltung ich auch einnahm, immer schien es nicht die richtige zu sein, und bestimmte Körperteile konnte ich nur auf Kosten bestimmter anderer Körperteile entspannen und entlasten. Wenn ich auf der Seite lag, machten mir meine Schultern und meine Hüften zu schaffen; lag ich auf dem Bauch, tat mein Rücken weh, und wenn ich auf dem Rücken lag, dann gruben sich die Sprungfedern der Matratze in das wenige Fleisch, das noch an mir dran war.“ 54

4.2.4 Interessen und Leistung

Patientinnen werden oftmals auch noch in einem sehr weit fortgeschrittenen Stadium ihrer Erkrankung als leistungs- und erfolgsorientiert beschrieben. Ziele, sowohl ihre selbstauferlegten Diätvorschriften wie auch schulische beziehungsweise akademische Aufgaben werden ehrgeizig verfolgt. Nach Bruch waren die Patientinnen zunächst ausgesprochene Vorzeigekinder, die sich erfolgreich an altersgemäßen Aktivitäten beteiligt hatten. Ihre besondere schulische und akademische Leistungsfähigkeit ist oft das Ergebnis nahezu zwanghafter Anstrengungen. Des Weiteren wird ihre herausragende Beschäftigung mit Lernstoff darauf zurückgeführt, dass sich Betroffene durch geistige Tätigkeit vom Hungergefühl ablenken. 55

„Klugheit war mir aufgedrängt worden, und bis zu einem gewissen Punkt beherzigte ich die mir erteilte Lehre wohl: Das wichtigste im Leben waren gute Leistungen. Und nicht nur das. Ebenso wichtig war es, alle m mich herum in den Schatten zu stellen – mit anderen Worten, Leistungen auf Kosten anderer zu erzielen.“ 56

4.2.5 Sexualität und Körperwahrnehmung

Bei der Erkrankung sind sexuelle Interessen fast vollständig verloren gegangen. Wenn dennoch sexuelle Erfahrungen gemacht werden, so werden sie eher als unangenehm erlebt. 57

„So unglaublich das erscheinen mag, aber ich habe überhaupt niemals an Sex gedacht und nicht einmal masturbiert: Ausgehungertsein vermindert die Libido. Jetzt sehe ich meine Geschlechtslosigkeit als Flucht vor der Sexualität an, und zwar hauptsächlich vor meiner eigenen Sexualität.“ 58

Der Körper wird von den Betroffenen sehr verzerrt wahrgenommen und es tritt

oft eine Übereinschätzung des Gewichts im Vergleich zu den vorhandenen Körperproportionen ein. 59

„Ich versicherte mich, daß mir niemand zuschaute und betrat die Waage, um festzustellen, daß ich 36 Kilo und 300 Gramm wog – oder ohne Kleidung schätzungsweise 35 Kilo. Meine erste Reaktion war ungeheure Erleichterung, doch dann war ich bestürzt. Wie hatte ich mich nur so irren können? Anstatt mehr als 10 Kilo zugenommen zu haben, wie ich das befürchtet hatte, hatte ich über drei Kilo abgenommen. Ich empfand mich nicht als 36 oder 35 Kilogramm schwer: ich kam mir viel dicker vor, ich fühlte mich fett.“ 60

Dies wird oftmals darauf zurückgeführt, dass die Gewichtsphobie Ausdruck der Vermeidung psychosexueller Reife ist. Nach Selvini Palazolli wollen Betroffene dagegen autonome Erwachsene werden, jedoch indem sie ihre körperliche Reife unterdrücken. 61

„Im Unbewußten wollte ich wohl erwachsen werden, doch gleichzeitig war ich entschlossen es nicht zu werden, denn die Verhaltensmodelle des Erwachsenenlebens, die mir angeboten wurden, waren entweder abschreckend oder unerreichbar.“ 62

Dies liegt daran, dass sie innerhalb der Familie, insbesondere bei ihrer Mutter, erlebt haben, dass Erwachsensein zur Aufgabe der Selbstbestimmung über den eigenen Körper führen kann. Des Weiteren sind die an die Frau gestellten Erwartungen oftmals paradox. Zum einen wird von ihr eine aktive Lebenshaltung, Tüchtigkeit, körperliche Begehrbarkeit und Schlankheit gefordert, zum anderen Anpassungsfähigkeit bis hin zu völligen Passivität. 63 „Diese erzwungene Selbständigkeit führt insbesondere für Frauen zu einer Verunsicherung und Überforderung: einerseits die noch herrschende Orientierung an den traditionellen Geschlechtsrollen-andererseits die Orientierung an dem neuen Leitbild-das muss zwangsläufig zu Identitätsproblemen führen.“ 64

4.2.6 Beziehungsprobleme

Aufgrund der Essrituale der Frauen und des Rückzugs aus dem sozialen Leben kann es zu Konflikten mit Eltern oder Freunden kommen. Die betroffenen Frauen leiden aufgrund ihres Hungers an Stimmungsschwankungen und Gereiztheit, was meistens Streit zur Konsequenz hat. Bei Magersucht sind gemeinsame Unternehmungen mit der Betroffenen aufgrund ihrer Schwäche oftmals nicht möglich. Das Verhalten der Magersüchtigen ist für Außenstehende meistens nicht oder nur schwer nachvollziehbar ist.

Diese angeführten Probleme führen bei den Betroffenen zu sozialen Unsicherheiten, welche dann oftmals einen noch tiefergreifenden Rückzug aus sozialen Bindungen zu Folge haben. 65

Betrachtet man die Symptome, so lässt sich zusammenfassend feststellen, dass die körperlichen Symptome bei einer Gewichtszunahme in den meisten Fällen nach einiger Zeit nicht mehr auftreten. Bis die psychischen Symptome überwunden sind, dauert es jedoch länger und bedarf therapeutischer Hilfe.

Die Symptome spielen verständlicher Weise auch bei der Diagnostik eine große Rolle, da sie äußerlich erkennbar sind und auf eine Erkrankung hinweisen.

5. Diagnostik

Im Folgenden wird zunächst einen Überblick über die gängigen Klassifikationsschemata ICD-10 und DSM-IV, ihre Entstehungsgeschichte und ihre Problematik gegeben und anschließend ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede bezüglich der Magersucht aufgezeigt. Im Anschluss an die medizinische Diagnostik werden die Möglichkeiten der psychologischen Diagnostik dargestellt.

Die diagnostische Fragestellung gestaltet sich in der klinischen Praxis je nach Berufsgruppe eher heterogen. So werden PsychologInnen beispielsweise erst dann aufgesucht, wenn bereits eine Diagnose erstellt worden ist. Ein Allgemeinmediziner dagegen wird oftmals aufgrund verschiedener Symptome, wie Schwindel, Magenprobleme, etc... aufgesucht. 66

Aufgrund des geringen Bekanntheitsgrades von Magersucht war es bis vor einigen Jahren noch so, dass viele anorektische Patientinnen nicht als solche erkannt wurden. In den letzten Jahren hat sich die diagnostische Situation jedoch stark geändert. Magersucht wird in Frauen- und Jugendzeitschriften thematisiert, ist in den meisten Schulen ein bekanntes Phänomen und die meisten Ärzte haben von der Krankheit zumindestens schon mal gehört. Dennoch kommt es vermutlich immer noch vor, dass Mädchen, die über Müdigkeit, Schwindel und Appetitlosigkeit klagen, mit guten Ratschlägen, dem Hinweis auf Entwicklungsprobleme und Vitaminpräparaten aus einer Arztpraxis entlassen werden. 67

5.1 Entwicklung diagnostischer Kriterien

Im Jahre 1972 wurde ein erstes Klassifikationssystem zur Magersucht von Feighner et al. vorgelegt. Die darin aufgeführten Kriterien haben sich bis heute wenig geändert. So führen Feighner et al. durch Essensverweigerung hervorgerufenen Gewichtsverlust, Verzerrungen im kognitiven Bereich, ein hohes Aktivitätsniveau und begleitende körperliche und psychiatrische Symptome als Leitsymptome an. 68

Eine Änderung besteht jedoch im Erkrankungsalter. Es hat sich in den letzten dreizig Jahren deutlich nach unten verschoben. Während Feighner et al. noch von einem Krankheitsbeginn vor dem 25. Lebensjahr ausgingen, wird Anorexie heute bereits bei Mädchen zwischen dem achten und zehnten Lebensjahr diagnostiziert. 69

Ein weiterer Unterschied zu früher besteht in dem für die Erkrankung festgelegten Referenzgewicht. Während Feighner et al. das ursprüngliche Gewicht der erkrankten Person als Referenzgewicht ansetzten, nimmt man heute den unteren Bereich des Normalgewichtes als Referenzgewicht. Dies hängt damit zusammen, dass der Erkrankungsbeginn heutzutage teilweise so früh anzusehen ist, dass sich ein Mädchen möglicherweise noch im Wachstum befindet und die Körpergröße sich nicht proportional zum Gewicht verhalten muss.

5.1.1 Diagnosekriterien nach Feighner et al. 1972

1) Beginn der Erkrankung vor dem 25. Lebensjahr
2) Anorexie gefolgt von einem Gewichtsverlust von mindestens unter 25 % des ursprünglichen Körpergewichts
3) Eine verzerrte und nicht korrigierbare Einstellung gegenüber Essen, Nahrung oder Gewicht, welche trotz Hunger, Ermahnungen, Bekräftigungen oder Drohungen weiter besteht
4) Keine bekannte körperliche Krankheit, die für die Anorexie oder den Gewichtsverlust verantwortlich sein kann
5) Keine bekannte psychiatrische Erkrankung, besonders keine primär affektive Störung, Schizophrenie, Zwangsneurose oder Phobie (mit Diagnosewert!)
6) Mindestens zwei der folgenden sechs Symptome müssen vorhanden sein: Amenorrhöe, Lanugobehaarung, Bradykardie (Puls von 60 oder weniger), bulimische Episoden, (selbstinduziertes) Erbrechen

Für die heutigen medizinischen Diagnosen werden die Kriterien des ICD – 10 und des DSM – IV benutzt. 7170

5.1.2 Exkurs: ICD–10 und DSM–IV

ICD–10 und DSM–IV sind internationale Klassifikationssysteme für Erkrankungen aller Art. Die Abkürzung ICD steht für „ I nternational Statistical C lassifikation of D iseases an Related Health Problems“, die Ziffer 10 hängt mit der Entwicklung der ICD zusammen und steht für ihre zehnte Überarbeitung beziehungsweise Revision. Diese Klassifikationsform wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstellt und ist Teil der Familie der internationalen gesundheitsrelevanten Klassifikationen. In der Todesursachenstatistik wird die ICD–10 seit dem 01. Januar 1998 eingesetzt. In der ambulanten und stationären Versorgung werden Diagnosen seit dem 01. Januar 2000 nach der ICD–10 verschlüsselt. 72

Die Abkürzung DSM steht für „ D iagnostic and S tatistical Manual of M ental Disorders". Die DSM–I enthielt zunächst ein Glossar zur Beschreibung psychischer Krankheiten. 1972 wurden die sogenannten Feighner–Kriterien erstellt. Hierbei wurden erstmals systematische und operationalisierte Regeln für psychiatrische Diagnosen aufgestellt. Die Feighner–Kriterien dienten 1980 als Grundlage des DSM–III. Die neueste Fassung des DSM ist die DSM–IV von 1994. Das DSM–IV wurde von Arbeitsgruppen der American Psychiatric Association verfasst. Insgesamt 13 Arbeitsgruppen waren für unterschiedliche Störungsbereiche zuständig. Zu jeder Arbeitsgruppe gehörten unabhängige Berater. Das DSM–IV Schlusskomitee setzte sich aus 27 Mitgliedern zusammen. Im Text des DSM–IV werden kulturelle Variationen zu allen Störungsbildern beschrieben. 73

Bei der Bearbeitung des DSM–IV wurde die Kompabilität mit dem ICD–10 hergestellt.

[...]


1 Gross, Werner, S. 26

2 vgl. Mucha, Sabine, S. 15

3 vgl. Nitz, Horst-Reinhard, S. 1f.

4 vgl. Myschker, Norbert, S. 353

5 vgl. Janssen, Senf, Meermann, S. 1 f.

6 Treasure, Janet, S. 36

7 ebenda, S. 36 f.

8 ebenda, S. 37

9 vgl. Janssen, Senf, Meermann, S. 1 f.

10 vgl. Treasure, Janet, S. 37

11 ebenda, S. 37 f.

12 vgl. MacLeod, Sheila, S. 17

13 vgl. Treasure, Janet, S 38

14 vgl. MacLeod, Sheila, S. 17

15 Treasure, Janet, S. 38 f.

16 vgl. MacLeod, Sheila, S. 18

17 vgl. ebenda, s. 18

18 ebenda, S. 19

20 ebenda, S. 19

21 vgl. Treasure, Janet, S. 41

22 Treasure, Janet, S. 41

23 ebenda, S. 41 f.

24 ebenda, S. 42

25 vgl. ebenda, S. 43 f.

26 ebenda, S. 44

27 vgl. ebenda, S. 44

28 ebenda, S. 44 f.

29 vgl. ebenda, S. 45 f.

30 vgl. MacLeod, Sheila, S. 20 f.

31 Treasure, Janet, S. 46 f.

32 vgl. Nitz, Horst-Reinhard, S. 1 f.

33 MacLeod, Sheila, S. 126

34 vgl. Nitz, Horst-Reinhard, S. 2

35 MacLeod, Sheila, S. 129

36 ebenda, S. 129

37 vgl. Nitz, Horst-Reinhard, S. 2 ff.

38 vgl. ebenda, S. 3

39 MacLeod, Sheila, S. 100 f.

40 ebenda, S. 97

41 vgl. Mucha, Sabine, S. 34

42 vgl. ebenda, S. 34

43 vgl. Nitz, Horst-Reinhard, S. 3 f.

44 vgl. Mucha, Sabine, S. 35

45 vgl. ebenda, S. 35 f.

46 vgl. Selvini Palazolli, Mara, S. ff.

47 Nitz, Horst-Reinhard, S. 4

48 MacLeod, Sheila, S. 95 f.

49 Beyer, Kathrin/Gipser, Dietlinde S. 68

50 Nitz, Horst-Reinhard, S. 5

51 vgl. ebenda, S. 5

52 MacLeod, Sheila, S. 100

53 vgl. Nitz, Horst-Reinhard, S. 6

54 MacLeod, Sheila, S. 120

55 vgl. Nitz, Horst-Reinhard, S. 6

56 MacLeod, Sheila, S. 40 f.

57 vgl. Nitz, Horst-Reinhard, S. 7

58 MacLeod, Sheila, S. 102

59 vgl. Nitz, Horst-Reinhard, S. 7

60 MacLeod, Sheila, S. 152

61 vgl. Selvini Palazolli, Mara, S. 51 ff.

62 MacLeod, Sheila, S. 78

63 vgl. Selvini Palazolli, Mara, S. 51 f.

64 Beyer, Kathrin/Gipser, Dietlinde S.15

65 vgl. Mucha, Sabine, S. 36

66 vgl. Franke, Alexa, S. 150 f.

67 vgl. ebenda, S. 150 f.

68 vgl. ebenda, S. 26

69 vgl. Nitz, Horst-Reinhard, S. 8

70 vgl. ebenda, S. 8

71 vgl. Franke, Alexa, S. 27

72 vgl. http://www.dimdi.de/de/klassi/diagnosen/icd10/, eingesehen am: 04.09.2003

73 vgl.http://www.unibas.ch/psycho/Skripten/Margraf/

2%20VL%20KLIN%20PSY%20%201_TM.pdf, eingesehen am: 04.09.2003

Ende der Leseprobe aus 94 Seiten

Details

Titel
Das Problem der Magersucht und schulische Präventionsmöglichkeiten
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Sonderpädagogik)
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
94
Katalognummer
V24463
ISBN (eBook)
9783638273350
Dateigröße
756 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Problem, Magersucht, Präventionsmöglichkeiten
Arbeit zitieren
Judith Ohnesorge (Autor), 2003, Das Problem der Magersucht und schulische Präventionsmöglichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24463

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