Gegenstand meiner Arbeit ist Platons Dialog ‚Theaitet’, genauer gesagt Theaitets
dritte These [201c-210b] als Antwort auf die Frage des Sokrates „Was ist episteme?“.
Das zweite Kapitel soll einleitend eventuelle Begriffsunklarheiten zwischen zentralen
griechischen Worten und deren deutschen Übersetzungen klären und den Verlauf
des Dialogs bis hin zur behandelten These kurz darstellen. Im Hauptteil wird die
Diskussion der These ‚episteme ist wahre doxa verbunden mit logos’ rekonstruiert
und ausgelegt. Schließlich prüft das vierte Kapitel die behandelte Textstelle auf ihre
Fehler und versucht deren Korrektur und eine Rettung der dritten These. Der Dialog ‚Theaitet’ wird in Platons späte Periode (ca. 370-347 v. Chr.), dort in
den Zusammenhang zu ‚Sophistes’ und ‚Politikos’, eingeordnet und behandelt die
Frage ‚Was ist episteme?’, welche von Sokrates, Theaitet und teils auch von dessen
Lehrer Theodoros erörtert wird und in der Aporie endet.
Die erste Schwierigkeit für den Interpreten ergibt sich bereits aus der dem Dialog
zugrunde liegenden Was-ist-Frage, denn sie fragt nach der ‚episteme’, die mehrdeutig
gebraucht wird. Unter ihr versteht man sowohl Erkenntnis (also das erfolgreiche
Ende eines Prozesses) als auch Wissen (einen Zustand), aber auch praktische Fähigkeit
und Kompetenz. Das dazugehörige Verb kann entsprechend mit (er-)kennen,
wissen oder auch verstehen übersetzt werden. Die vermeintlich korrekte Übersetzung
kann von Interpret zu Interpret und von Textstelle zu Textstelle variieren, und da ich
weder die griechische Sprache beherrsche, noch in der philologischen Diskussion
mitreden kann, bleibe ich in dieser Arbeit möglichst bei dem griechischen Wort episteme.
Entsprechend verfahre ich mit anderen zentralen Begriffen, wie ‚doxa’, die
zumeist mit Meinung, Ansicht oder Vorstellung übersetzt wird, und ‚logos’, der eine
sehr große Bandbreite von Übersetzungen von Wort, sinnvolle Rede, Vernunft bis
Definition, Begründung und Erklärung zulässt. [...]
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Platons ‚Theaitet’
III. Rekonstruktion der Diskussion der These ‚Episteme ist wahre doxa verbunden mit logos’
III.1. Die dritte These
III.2. Der Unterschied zwischen Wissbarem und Nichtwissbarem
III.3. Der Begriff ‚logos’
III.4. Das Scheitern der Untersuchungen
IV. Ist die dritte These noch zu retten?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit rekonstruiert und analysiert die dritte Definition von Wissen (episteme) aus Platons Dialog „Theaitet“, in der Wissen als „wahre Meinung (doxa) verbunden mit einer Erklärung (logos)“ bestimmt wird. Ziel ist es, die interne Logik dieser These zu prüfen, ihre Schwachstellen aufzudecken und zu untersuchen, ob sie unter Berücksichtigung systemtheoretischer Aspekte gerettet werden kann.
- Die erkenntnistheoretische Bestimmung von Wissen bei Platon
- Die Analyse der Begriffe „doxa“ und „logos“ im Kontext des Dialogs
- Das Problem der Zirkularität in Definitionen von Wissen
- Der Zusammenhang zwischen Elementen, Komplexen und ihrer Struktur
- Platons Ideenlehre als möglicher Ausweg aus der Aporie
Auszug aus dem Buch
III.1. Die dritte These [201c-201d]
Nach der Widerlegung der ersten zwei Thesen steht für die Gesprächpartner fest: episteme ist weder (nur) Wahrnehmung noch (nur) wahre doxa. Doch Theaitets neuer Vorschlag folgt unverzüglich; er erinnert sich, jemanden sagen gehört zu haben, wahre doxa verbunden mit logos sei episteme. Weiterhin erinnert er sich, dass wahre doxa ohne logos umgekehrt außerhalb der episteme liege. Daraus werde geschlossen, dass dasjenige, wovon es einen logos gibt, wissbar bzw. erkennbar ist, dasjenige aber, wovon es keinen logos gibt, nicht wissbar bzw. erkennbar sein kann.
Von wem diese These ursprünglich stammt, bleibt im Fortgang des Dialogs ungeklärt und ist bis heute umstritten. Einige schreiben sie einem von Sokrates’ oder Platons Zeitgenossen, am häufigsten dem Sokrates-Schüler Antisthenes, zu, andere erkennen in ihr den klassischen Wissensbegriff aus dem ‚Menon’ [98] wieder. Doch reicht es für die Zwecke dieser Arbeit aus, lediglich der Vollständigkeit halber auf die vorhandene Diskussion hinzuweisen, denn die Kenntnis der Quelle der Theorie ist für ihr Verständnis nicht unbedingt notwendig.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung umreißt das Ziel, Platons Dialog „Theaitet“ zu analysieren und insbesondere Theaitets dritte Wissens-These auf ihre argumentative Konsistenz zu prüfen.
II. Platons ‚Theaitet’: Das Kapitel führt in den zeitlichen Kontext des Dialogs ein und klärt die zentralen griechischen Begriffe wie episteme, doxa und logos, um begriffliche Unschärfen zu vermeiden.
III. Rekonstruktion der Diskussion der These ‚Episteme ist wahre doxa verbunden mit logos’: Der Hauptteil zerlegt die dritte These, untersucht die Traumtheorie über Elemente und Komplexe und hinterfragt verschiedene Bedeutungsmöglichkeiten des Logos-Begriffs.
IV. Ist die dritte These noch zu retten?: Das abschließende Kapitel unternimmt einen Korrekturversuch der diskursiven Fehler im Dialog und prüft, ob eine systemtheoretische Interpretation oder Platons Ideenlehre eine Lösung aus der Aporie bieten können.
Schlüsselwörter
Platon, Theaitet, Episteme, Wissen, Wahre Meinung, Doxa, Logos, Traumtheorie, Elemente, Komplexe, Erkenntnistheorie, Aporie, Ontologie, Struktur, Ideenlehre
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Platons Dialog „Theaitet“ und fokussiert sich dabei kritisch auf die dritte Wissens-Definition, die Wissen als „wahre Meinung mit Erklärung“ bestimmt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die klassische Erkenntnistheorie, die semantische Analyse griechischer Fachbegriffe und die Rekonstruktion ontologischer Probleme bei der Definition von Wissen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Analyse der Argumentationsstruktur der dritten These und die Klärung der Frage, ob das Scheitern dieser These im Dialog inhaltlich behebbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die philologisch-philosophische Textanalyse sowie die Rekonstruktion von Argumentationsgängen, um die innere Logik des Dialogs zu prüfen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der „Traumtheorie“, dem Verhältnis von Elementen zu Komplexen sowie drei verschiedenen Versuchen, den Begriff des „Logos“ als Kriterium für Wissen zu definieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Episteme, Doxa, Logos, Aporie, Traumtheorie und Erkenntnistheorie charakterisiert.
Warum scheitern die untersuchten Versuche zur Definition von Wissen?
Sie scheitern primär an zirkulären Argumentationen (man muss Wissen voraussetzen, um zu erklären, was Wissen ist) sowie an der Schwierigkeit, eine Definition zu finden, die gleichermaßen auf Elemente und komplexe Strukturen anwendbar ist.
Welche Rolle spielt die „Struktur“ bei der Rettung der dritten These?
Die Berücksichtigung der Anordnung oder Struktur der Teile in einem Komplex bietet einen Ansatz, die dritte These präziser zu fassen, da sie eine Identifikation ermöglicht, die über die bloße Auflistung der Bestandteile hinausgeht.
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- Eleonóra Szemerey (Author), 2004, Die dritte These des Theaitet - und was dann?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24512